Dichter-Dogge

Sigrid Nunez komponiert in „Der Freund“ Eigenes und Fremdes zu einem Buch über Schriftsteller und ihr Schreiben

Aber auf diesen Seiten findet sich vieles, von dem ich nie jemandem erzählt habe. Es ist seltsam, wie der Akt des Schreibens zu Geständnissen führt. Nicht, dass es nicht auch dazu führt, das Blaue vom Himmel herunterzulügen.“

Manchem Leser mag beim Blick auf das Buch unwohl werden, wenn auch nicht so sehr wie meinem Freund. Mit Schrecken denkt dieser daran zurück, wie ein paar muntere Erwachsene, allen voran seine Eltern, ihn auf den Rücken eines riesigen Hundes hievten. Das Geschrei des Dreijährigen war groß, das Reittier blieb jedoch gelassen. Es war eine Dogge, und da die Geschichte im südlichen Skandinavien spielte, eine dänische, auch wenn, wie Sigrid Nunez in ihrem Roman Der Freund erklärt, diese Rasse als deutsch bezeichnet wird. Ob der sanfte Riese von damals, wie der Hund im Roman eine Harlekindogge mit schwarzen Flecken auf weißem Fell  war, ist nicht mehr im Gedächtnis. Geblieben ist jedoch die Phobie. Mein Freund würde also niemals das tun, was in Nunez‘ Buch geschieht, einen hinterlassenen Hund aufnehmen.

Sigrid Nunez‘ Ich-Erzählerin, wie diese Schriftstellerin und Dozentin für Kreatives Schreiben, steht zunächst widerwillig diesem Erbe gegenüber, nachdem ihr bester Freund den Tod gewählt hat. Noch während sie trauert und nach Antworten sucht, erhält sie die Botschaft, daß „Dichter-Dogge“ weiterlesen

Mit Schnaps und Proviant ein Jahr auf der Hochalm

Am schönsten ist’s bei schlechtem Wetter“ – Jürgen Königs Jahr auf Medalges

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… daß es keinen Baum gibt, ist gut so. Ich wollte ja eine Hütte oberhalb der Baumgrenze, da, wo nur noch karge Almwiesen und Felsen sind, also weit über 2000 Meter, da, wo ich die Einsamkeit vermute und wo man weitgehend sicher ist vor den Büchsen schneidiger Nimrods und ihrer umtriebigen Jagdgäste.

Die Hütte – sie heißt Furcia; das bedeutet auf ladinisch „Gabel“ – ist auf den ersten Blick recht gemütlich. Auf den zweiten ist sie es nicht mehr. Sie besteht aus vier Räumen, aus Küche, Stube, Schlaf- und Speisekammer.“

 

Unten ist schon Frühsommer, oben noch kein Frühling, als Jürgen König im Mai 1989 für ein Jahr in die Dolomiten zieht. Sein Zuhause auf Zeit, die Furcia-Hütte, befindet sich auf Medalges in 2300 m Höhe, mitten im Naturpark Puez-Geisler.

Doch was motiviert den Journalist und Schriftsteller König, der sonst einen Bauernhof in Bayern bewohnt? Ist er Einzelgänger? Treibt ihn die Sehnsucht nach der Natur? Oder will er einfach Ruhe vor dem Wahnsinn untern Menschen? Sein von Thoreau entlehntes Motto legt dies nahe: „Mit Schnaps und Proviant ein Jahr auf der Hochalm“ weiterlesen

Der Mythos vom Gaúcho

In Flut kämpft Daniel Galeras Held gegen Angst und Aberglauben

Ich weiß nur, dass wir uns nicht frei entscheiden können, aber trotzdem so leben müssen als könnten wir es.“ S. 420

Bestimmt das Schicksal unser Leben oder hängt sein Verlauf von der eigenen Kraft und Motivation ab? Diese Fragen stellt Flut, der neue Roman des Brasilianers Daniel Galera. Der in seiner Heimat angesehene Autor hat bereits mehrere Werke veröffentlicht, passend zum Buchmesse-Auftritt Brasiliens wurde Flut als sein erster Titel ins Deutsche übertragen.

Der namenlose Held der Geschichte ist um die Dreißig, Triathlet und erfahrener Trainer. Er bereitet sich und andere darauf vor, die schwachen Momente zu durchstehen und aus einem Down wieder aufzutauchen. Doch taugt dieses Training auch für das Leben? Vor allem, wenn dieses „Der Mythos vom Gaúcho“ weiterlesen

Das Glück beim Betrachten der Biber

Kerstin Ekman erkundet das Hundeherz


„Lag er lange Zeit still, sah er manchmal einen im Sonnenlicht glänzenden Biberschädel auf geradem Kurs durchs Wasser. Er folgte ihm immer mit dem Blick, blieb aber gleichmütig liegen (…) Die Biber und er hatten nichts miteinander zu schaffen. Doch sie waren da, waren in derselben Abendsonne, am selben schwarzen Wasser, das im Sonnenlicht glühte. Er hatte ihre Geräusche gern, ihre Gesellschaft.“

Bei diesem Buch geschah es zum ersten Mal, ich las den Schluss zuerst. Ich musste sicher sein, daß die Geschichte gut ausgeht für den Welpen, der sich im Wald verirrte. Erst dann konnte ich gemeinsam mit ihm die kalte Umgebung erkunden, mich unter einer Wurzel schlafen legen, eiskalte Frostnächte und bohrenden Hunger überstehen.

Sich spreizende Äste, Pfoten und Krallen. Sich duckende Baumstümpfe mit Rückenzotteln und Ohren. Schlafende Steinrücken. Schlafen, an feuchten Flechten geschmiegt, zu Stein gefroren und schwindelig. Irrlichternde Punkte vor Augen. Hungerschmerz und betäubende Angst. Wegschlafen. In die Sonne schlafen. An Sonnenzitzen saugen. Wegwärmen. Saugen. Wärme saugen.“

Ich erkundete die Natur durch die Sinne eines Hundes. Er riecht, stöbert auf, rätselt und lernt. Kerstin Ekman findet für alle diese Empfindungen und Reaktionen eine poetische Sprache, die ganz nahe ist an den Geräuschen, Düften und Farben der Natur. Fast sind es Hundeworte, Hundegedanken, ein Hundebewusstsein, das uns die Reaktionen dieses Tieres näher bringen.

Seine Pfoten fingen zu laufen an. Auf der glatten Fläche draußen wurde sein Körper leicht. Er verfiel in einen schnellen, rhythmischen Trab und nach einer Weile ins Rennen. Er rannte aus reinem Spaß an der Freude. In seinem Körper sangen der Mondschein, die Kälte und die Geschwindigkeit. Es gab keine Grenze, keinen Wald, kein Ufer.“

Doch wir wissen, es ist eine Erzählerin, die sich in das Geschöpf hineinversetzt. Als Haustier geboren ist es durch Unachtsamkeit in die Waldeinsamkeit geraten und nun auf sich alleine gestellt. Der Welpe entdeckt schnell, wo er trinken kann und was den Hunger stillt. Ein Elchkadaver sichert ihm das Überleben. Im Verlauf eines Jahres lernt er das Wichtigste, wann er sich weg zu ducken hat und wann er sich behaupten muss. Bevor der Winter wieder einbricht kommt es jedoch zu einer Begegnung, die aus dem verwilderten Grauen wieder einen Menschenhund macht.

Der Mann gab ein Geräusch von sich, er atmete aus. Der Graue bewegte erneut den Schwanz. Er hielt den Kopf schräg und hatte die Ohren gesenkt. Sie lagen jetzt eingeschlagen zu beiden Seiten der flachen Stirn. Er wackelte mit dem Körper und bewegte sich im Halbkreis auf den Mann zu, sodass er sich ihm näherte und zugleich auf Abstand blieb. Obwohl ungeübt, wirkte er unverhohlen freundlich. Das gesträubte Rückenhaar hatte sich gelegt, seine Würde und Fassung hatte er aber nicht verloren. Der halb entrollte Schwanzkringel bewegte sich.“

Trotz dieses guten Endes findet sich in keiner Zeile Kitsch. Kerstin Ekman fühlt sich in ihren Helden sehr genau ein und übersetzt dies in ihre Waldpoesie. Indem man liest taucht man tief ein in das grüne Geknurpschel, Geziepe und Geflatter. Langsam liest man die Sätze, vorsichtig um kein Geräusch zu machen und zu stören. Gleichzeitig wird man von einem ungeheuren Sog erfasst, atemlos, hechelnd.

Ein Buch, das einem Lust auf den Wald macht, auf einen Hund und auf die poetische Sprache dieser schwedischen Autorin, die Hedwig M. Binder kunstvoll ins Deutsche übertragen hat.