Verlangen nach Bedeutsamkeit

Außer uns spricht niemand über uns“ erkennen die Helden in Wilhelm Genazinos Roman

Genazino_25273_MR1.inddVielleicht gab es die Krücken nur deswegen, weil die Menschen zwischendurch an ihrem Bewusstsein litten, dass ihnen geholfen werden musste. Allgemeine Mangelgefühle waren auch mir seit der Kindheit vertraut. Seit etwa vierzehn Tagen litt ich wieder an einem Drang. Von dem ich nicht wusste, ob er mich irgendwann ins Unglück stürzen würde: Ich wollte endlich ein bedeutsames Leben führen. Ich ahnte, dass die menschliche Bedeutsamkeit in zahllosen Einzelheiten des wirklichen Lebens aufbewahrt war und dass es an den Menschen lag, diese Bedeutsamkeit in ihr Leben einzubauen; aber wie? Zuweilen hatte ich den Eindruck, das Verlangen nach Bedeutsamkeit sei ein verhülltes Heimweh.“

Das Leben des Einzelnen ist kaum spürbar im Getriebe der Welt, das mit oder ohne ihn weiterläuft. Die Sinnsuche bleibt Sache des Subjekts. Mancher Lebensplan erweist sich als Illusion und droht seinen Protagonisten der Bedeutungslosigkeit auszusetzen. Dies ist kurz gefasst das Leid des Ich-Erzählers in Wilhelm Genazinos neuem Roman mit dem prägnanten Titel „Außer uns spricht niemand über uns“. Bedrückt von seiner Belanglosigkeit wird der Hauptfigur bewusst „mein Leben verlief nicht so, wie ich es mir einmal vorgestellt hatte“.

Als typischer Genazino-Held lässt er seinen Entwurf davon schwimmen und ergibt sich in seine Geworfenheit. Beobachtend nimmt er das alltäglich Banale hin, nicht „Verlangen nach Bedeutsamkeit“ weiterlesen

Besessene Sinnsuche

Thomas Glavinic schildert in Das grössere Wunder innere und äussere Extremwelten

DBLWas für ein Gefühl, dachte Jonas während des Falls. Was für ein Rauschen, was für ein Geruch, was für ein Leuchten, was für eine Kraft, welch Wildheit, was für eine Präzision, was für eine Erschütterung, was für ein Prickeln, was für eine Überraschung, was für eine Musik, was für ein Wind, welch Stolz, wie schön, was für eine Leichtigkeit, was für ein Wahnsinn, was für ein Himmel, was für eine Zeit, was für eine Erfahrung, was für ein Leben. Und er fiel und fiel und fiel. Und er fiel noch immer. Und fiel.“ S. 203

Stellen Sie sich letzte Fragen und interessieren Sie sich für Extremsituationen, dann lesen Sie Das größere Wunder, den neuen Roman von Thomas Glavinic. Wie bereits in Die Arbeit der Nacht und Das Leben der Wünsche trägt die Hautpfigur den Namen Jonas und denkt über den Sinn seiner Existenz nach. Diesmal befindet er sich auf einer Expedition zum Mount Everest.

Glavinic_24332_MR1.inddWer, wie ich, bei einer Achttausenderbezwingung an Reinhold Messner oder gar an die gamsbärtige Bergsteigerromantik eines Louis Trenker denkt, sieht der Aussicht eine solche Unternehmung gut 500 Seiten lang zu begleiten eher skeptisch entgegen. Doch er wird positiv überrascht werden, denn ihn erwartet eine spannende Mixtur aus Gipfelstürmerei und Mafiagebaren, Coming-of-Age-Story und Philosophie. Diese verabreicht Glavinic seinem Leser in zwei von Kapitel zu Kapitel wechselnden Erzählsträngen, Jonas’ Besteigung des Everest-Gipfels und sein bisheriges Leben, das seine zunächst schlimme Kindheit, seinen Einzug ins Schlaraffenland und sein Erwachsenwerden umfasst.

Beide Erzählungen sind von zahlreichen glücklichen Zufällen, man mag sie auch Wunder nennen, geprägt. Hoffnungslos erscheint das Leben der vernachlässigten Zwillingsbrüder Jonas und Mike bei ihrer alkoholkranken Mutter und deren gewalttätigen Männern, als eine gute Fee sie aus dieser Situation rettet. Picco ist der Großvater von Jonas” bestem Freund Werner, eher einem Mafiapaten „Besessene Sinnsuche“ weiterlesen

Der Mythos vom Gaúcho

In Flut kämpft Daniel Galeras Held gegen Angst und Aberglauben

Ich weiß nur, dass wir uns nicht frei entscheiden können, aber trotzdem so leben müssen als könnten wir es.“ S. 420

Bestimmt das Schicksal unser Leben oder hängt sein Verlauf von der eigenen Kraft und Motivation ab? Diese Fragen stellt Flut, der neue Roman des Brasilianers Daniel Galera. Der in seiner Heimat angesehene Autor hat bereits mehrere Werke veröffentlicht, passend zum Buchmesse-Auftritt Brasiliens wurde Flut als sein erster Titel ins Deutsche übertragen.

Der namenlose Held der Geschichte ist um die Dreißig, Triathlet und erfahrener Trainer. Er bereitet sich und andere darauf vor, die schwachen Momente zu durchstehen und aus einem Down wieder aufzutauchen. Doch taugt dieses Training auch für das Leben? Vor allem, wenn dieses „Der Mythos vom Gaúcho“ weiterlesen

Old and Dreamy

Judith Kuckart schreibt über die Wunschbedrängnis in der Lebensmitte

Wer sich der Lebensmitte nähert, dem rücken Wünsche und Sehnsüchte auf die Pelle. Sie entstehen in der Jugend, wenn man sich fort fantasiert aus dem Elternhaus, aus dem Städtchen, aus der ganzen miefigen piefigen Provinz. Doch dann modern die Träume unter dem Laub, das Jahr um Jahr größere Hügel bildet, bis die Erkenntnis der Endlichkeit sie ausgräbt.

Auch die Figuren in Judith Kuckarts neuem Roman „Wünsche“ besitzen solche Sehnsuchtsziele, denen sie sich auf verschiedene Weisen nähern. Ihre Stimmen positioniert die Autorin im Mittelteil ihrer dreiteiligen Konstruktion, die vom ersten und letzten Tag der neunmonatigen Handlung umfasst wird.

Es ist Silvester in einer Stadt im Bergischen, als Vera Conrad die Gelegenheit „Old and Dreamy“ weiterlesen

Träume im Stauburwald

Schöne Sprüche in Lucy Frickes „Ich habe Freunde mitgebracht

Am Anfang steht die Flucht. Auf einer knappen Seite begegnet der Leser vier Personen auf dem Weg nach Norden, zwei anscheinend schwer verletzt. Eine Roadstory entwickelt sich dennoch nicht, die Geschichte ist in der Rückschau angelegt. Zudem wird die Fahrt wohl eher eng als rasant gewesen sein, denn sie erfolgte in einem mit vier Personen voll besetzten VW Lupo und das Ende ist anders als erträumt.

Wir lernen die vier Freunde kennen. Martha und Henning sind ein Paar. Betty, die beim Film als Skriptgirl arbeitet, ist mit Martha befreundet, Jon, ein erfolgloser Schauspieler, mit Henning. Alle verbindet der Wunsch ihrer bisherigen Existenz zu entfliehen. Ganz traditionell träumen die Frauen vom persönlichen Glück, welches sie in einem Kind oder in einer erfüllten Liebesbeziehung vermuten. Die beiden Männer erhoffen sich hingegen beruflichen Erfolg.

In schnellem Wechsel richtet Fricke den Fokus auf jeweils eine der Hauptpersonen und skizziert mit rückhaltlos ehrlichen, oft sarkastischen Bemerkungen auf wenigen Seiten deren Weltsicht. Die enttäuschte Betty verachtet ihren Nachbarn, der ist „keine 25 und hängt schon am Leben“, die Trennung von „Träume im Stauburwald“ weiterlesen