Über Zufall und Singularität

Jonas Lüscher lässt seinen Antihelden „Kraft“ sarkastisch scharf über das Leben schwafeln

In dieser Nacht schrieb er eine lange Mail, in der er Ivan seine Zusage übermittelte und ihn bat, für vierzehn Tage sein Gast sein zu dürfen, bevor er sich, Rücken an Rücken, neben seine bereits schlafende Frau legte, selbst aber lange keinen Schlaf fand und sich, jede Viertelstunde die Glockenschläge der Stiftskirche zählend, langsam in eine Wut hineinsteigerte; eine Wut, gespeist aus Heikes regelmäßigem Atmen, das ihm unangemessen friedlich vorkam, und dem Gefühl des Versagens angesichts der Tatsache, dass der Ausweg aus der Sackgasse, in die er sein Leben hineinmanövriert hatte, sich nicht, wie er immer angenommen hatte, im scharfen Nachdenken über die Welt – als solches bezeichnete er gerne Dritten gegenüber seine Profession, die er sich zugleich als Lebensform verordnet hatte -, sondern, wie es nun ganz offen zutage trat, doch einfach im Monetären fand, auch wenn, aber das schien ihm eher eine zusätzliche Kränkung, das erlösende Geld mit ebenjenem scharfen Nachdenken über die Welt erst einmal gewonnen werde musste.“

Lange, ausfransende Satzperioden sind ein Stilmerkmal von Jonas Lüschers Roman „Kraft“ und dessen gleichnamigen Protagonisten. Kein Wunder, ist dieser Richard Kraft doch Rhetorikprofessor der Universität Tübingen, ergo ein Meister der Rede. Derart ausgestattet verspricht er „Über Zufall und Singularität“ weiterlesen

Fern voneinander fühlt man sich nah

Peter Stamm führt seine Leser „Weit über das Land“ und sehr schön in die Irre

u1_978-3-10-002227-1Seine abgelegten Socken waren der erste Beweis dafür, dass er seine alte Existenz abgestreift hatte. Er würde nicht zurückkommen, er hatte sich aus dem Leben entfernt und hatte, nackt wie ein Neugeborenes, ein anderes Leben begonnen.“

Dieser Gedanke befällt Astrid als Thomas schon seit mehreren Tagen verschwunden ist. Vollkommen spurlos hat er sich jedoch nicht aus Ehe und Familienleben fort gemacht. Davon künden die Hinterlassenschaften, die Astrid von der Polizei entgegen nimmt. Wie das gemeinsame Onlinekonto verrät, hat Thomas sich für seinen Weg Weit über das Land mit Wandersachen versorgt. Der neue Roman des bekannten Schweizer Autors Peter Stamm spielt in dessen Heimat. Es ist aus verschiedenen Gründen damit zu rechnen, daß diese literarisierte Fluchtbewegung bald in höhere Gefilde führt.

Die Gründe für Thomas’ Verhalten liegen zunächst offen und sind für seine Frau Astrid rätselhaft. Langjährige Beziehung neigen nun mal dazu, Konfliktmaterial im Hintergrund zu stapeln, wo „Fern voneinander fühlt man sich nah“ weiterlesen

Old and Dreamy

Judith Kuckart schreibt über die Wunschbedrängnis in der Lebensmitte

Wer sich der Lebensmitte nähert, dem rücken Wünsche und Sehnsüchte auf die Pelle. Sie entstehen in der Jugend, wenn man sich fort fantasiert aus dem Elternhaus, aus dem Städtchen, aus der ganzen miefigen piefigen Provinz. Doch dann modern die Träume unter dem Laub, das Jahr um Jahr größere Hügel bildet, bis die Erkenntnis der Endlichkeit sie ausgräbt.

Auch die Figuren in Judith Kuckarts neuem Roman „Wünsche“ besitzen solche Sehnsuchtsziele, denen sie sich auf verschiedene Weisen nähern. Ihre Stimmen positioniert die Autorin im Mittelteil ihrer dreiteiligen Konstruktion, die vom ersten und letzten Tag der neunmonatigen Handlung umfasst wird.

Es ist Silvester in einer Stadt im Bergischen, als Vera Conrad die Gelegenheit „Old and Dreamy“ weiterlesen

Sensation Seeking im Hinterland

Das Leben, wie es wirklich ist — „Grenzgang“ von Stephan Thome

Die finale Antwort gibt es sowieso nicht, hat er früher seinen Studenten gesagt. Keine Formel, in die sich fassen ließe, was wir tun und warum. Es gibt nur die Suche und manchmal das Finden.“

Sensation Seeking ist ein Begriff aus der Persönlichkeitspsychologie. Er beschreibt die Verhaltensdisposition von Menschen, deren Wohlgefühl von stimulierenden Reizen abhängt. Dies können riskante Sportarten sein, Reisen ins Unbekannte, unkonventionelle Sex- oder Drogenerfahrungen oder auch sozial enthemmte Saufgelage. Solche Sensation Seekers sind die Hauptfiguren in Stephan Thomes Roman „Grenzgang“ nicht. Sie sind scheu zurückhaltend und suchen doch Kicks aus ihrem als langweilig empfundenen Leben. Sie begehen Kleindelikte, kaufen sich die Schränke voll, treffen Verabredungen auf Singleseiten oder erkunden einen Swinger-Club. Wer diese Art von Spannungssteigerung nicht benötigt, und das wird der Großteil der Bergenstädter sein, findet seinen Ausgleich im Grenzgang. Bei diesem Volksfest wird drei Tage lang viel gewandert und getrunken. Es bildet den Handlungsrahmen und prägt die Struktur des Romans. In seinem Sieben-Jahres-Rhythmus werden die Entwicklungen der Ereignisse und der Personen beleuchtet. Allerdings begnügt sich Thome nicht mit einer chronologischen Erzählfolge. Der Grenzgang gibt lediglich die Zeitsprünge vor, mit denen die Erinnerungen durch das Geschehen navigieren.

Bergenstadt, der Handlungsort des Romans, ist die Fiktion von Biedenkopf, einem Ort im hessischen Hinterland nahe Marburg. Stephan Thome ist dort geboren und aufgewachsen. Er kennt sich aus mit den Gepflogenheiten des Grenzgangs, aber auch mit dem Gefühl, in diesem Hinterland zu leben. Zwar liegt die Universitätsstadt Marburg nicht weit entfernt, bleibt allerdings beschaulich hinter Frankfurt und Köln zurück. Wer etwas erleben will, muss dort hin oder am besten gleich nach Berlin. Wie es ist von dort kommend in Bergenstadt zu stranden, erfahren wir wechselweise von der eingeheirateten Kerstin Werner und von Thomas Weidmann, einem Mann, der an Welt und Wissenschaft gescheitert sich auf sein Kindheitsterrain besinnt, um „ein Leben (zu) beginnen, das er nie gewollt hatte“.

Kerstin lernt 1985, beim ersten Grenzgang des Romans, der wie alle folgenden aus erzählerischen Gründen dem realen ein Jahr voraus eilt, ihren künftigen Ehemann Jürgen kennen. Oder besser ihren Ex-Mann, denn nach einem Kind und zwei weiteren Grenzgängen trennt sich das Paar. Kerstin bleibt in Bergenstadt. Sie kümmert sich um ihre demente Mutter und sorgt sich um den pubertierenden Sohn. Just auf dem Grenzgang, der das Ende ihrer Ehe besiegelt, kommt sie Thomas näher. Dieser war nach dem Aus seiner akademischen Karriere Hals über Kopf nach Bergenstadt aufgebrochen. Dort trifft er beim Erklimmen der steilsten Grenzetappe auf Kerstin. Nach dem Fest verlieren sich aus den Augen. Erst beim folgenden Grenzgang nehmen sie den Kontakt wieder auf. Es ist 2006, das Jahr der Fußballweltmeisterschaft, ein Ereignis, das Thome spöttisch streift. „Gesetze scheinen am Werk zu sein in der Art, wie die Leute plötzlich diese Weltmeisterschaft nicht feiern, sondern sich ihr hingeben, als wäre der freie Wille eine Erfindung, die der Welt noch bevorsteht.“ Dieses Jahr ist die Ausgangsbasis der Handlung, von dort folgt der Erzähler den Erfahrungen von Kerstin und Thomas.

Thome schildert das Erleben seiner Figuren sehr eindringlich. Es wird nachvollziehbar, welche Gefühle Thomas dazu treiben die Fensterscheibe des Instituts einzuwerfen, ebenso wie Kerstin den Mut zu einem Besuch beim scheuen Thomas fasst. Die Zeichnung der Figuren geschieht mit großer Empathie. Dies wird jedoch niemals gefühlig, sondern bleibt mit feiner Ironie auf dem Boden des Lebensnahen.

Dies beeindruckt mich sehr. Noch größeren Respekt verlangt die durchdachte Konstruktion des Romans. Die Fäden zwischen den Grenzgängen werden fein hin und her gesponnen, ohne wirre Knoten ergeben sie ein ausgefallenes Muster, dem man gerne folgt.

Die Geschichte endet im Jahr 2013. Den Roman beendet ein Epilog, der die wichtigste Sequenz in diesem langen Suchen und Zueinanderfinden erzählt. Ganz unsentimental aber spektakulär folkloristisch, ein überzeugender Abschluss des kunstvollen Konstrukts.

Stephan Thome befand sich mit diesem Titel 2009 auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises. Auch in diesem Jahr war er dort vertreten mit seinem zweiten Roman „Fliehkräfte“.

Eine weitere Rezension und eine engagierte Teilnehmende Beobachtung des diesjährigen Grenzgangs findet sich bei SchöneSeiten.