Unsichtbar und unverzichtbar

Leïla Slimanis gesellschaftskritischer Roman „Dann schlaf auch du“ spielt mit dem Dilemma von Überforderung und Ausbeutung

Die Nan­ny ist wie die­se Sche­men, die im Thea­ter im Dun­keln das Büh­nen­bild um­bau­en. Sie he­ben ein So­fa an, ver­schie­ben ge­schwind ei­ne Säu­le aus Pap­pe, ein Stück Mau­er. Loui­se wirkt hin­ter den Ku­lis­sen, un­be­merkt und mäch­tig. Sie hat die un­sicht­ba­ren Fä­den in der Hand, oh­ne die der Zau­ber nicht funk­tio­niert. Sie ist Vish­nu, die näh­ren­de, ei­fer­süch­ti­ge und schüt­zen­de Gott­heit. Sie ist die Wöl­fin mit der Zit­ze, an der sie al­le trin­ken, die ver­läss­li­che Quel­le ih­res Fa­mi­li­en­glücks.“

Die Mo­ti­ve für Kinds­mord lie­gen meist im Wahn und der Ver­zweif­lung der Tä­te­rin. Nicht nur die Psy­che der Mut­ter oder wie hier der Nan­ny trägt zur Tat bei, son­dern oft auch die ge­sell­schaft­li­chen Um­stän­de. Leï­la Sli­ma­ni stellt in ih­rem neu­en Ro­man Dann schlaf auch du bei­des her­aus, zum Glück oh­ne al­le Fra­gen ein­deu­tig zu be­ant­wor­ten.

Zu Be­ginn ist die blu­ti­ge Tat be­reits voll­bracht. Ei­ne Frau ver­liert die Fas­sung vor den leb­lo­sen Kör­pern ih­rer bei­den Kin­der, die von ih­rem Kin­der­mäd­chen „Un­sicht­bar und un­ver­zicht­bar“ wei­ter­le­sen

Ballerina-Becircung

Lukas Bärfuss Roman „Hagard“ wirkt wie eine Debatten-Replik

Phil­ip, so nahm ich an, hat­te ei­nen An­fall von Über­druss, wie ihn je­der Mensch kennt, der sich von sei­nem All­tag ge­fes­selt fühlt und in öden Stun­den von ei­ner Flucht träumt. Auch Phil­ip trotz­te ge­le­gent­lich und trotz­te auch jetzt, und ich ge­ste­he, dass ich sein Schmol­len lä­cher­lich fand, die­ses Wech­sel­spiel aus Kon­for­mis­mus und Trotz­pha­se, ein un­rei­fes, kin­di­sches Ver­hal­ten, po­pu­lär in al­ler­lei Schmon­zet­ten, die in je­nen Ta­gen er­schie­nen. Halb­sü­ße Ro­ma­ne über Män­ner im bes­ten Al­ter, die ei­nes Ta­ges mir nichts, dir nichts Frau und Kin­der ver­lie­ßen und sich für ein flüch­ti­ges Aben­teu­er aus dem Le­ben schli­chen.“

So ur­teilt der Er­zäh­ler in Lu­kas Bär­fuss’ Ro­man Ha­gard über das Ver­hal­ten der Haupt­fi­gur und spielt auf oft ge­hör­te Ge­schich­ten plötz­li­chen Ver­schwin­dens an, wie sie auch Pe­ter Stamm in Weit über das Land schil­dert. Man könn­te mei­nen, der Au­tor spie­le durch die Wor­te sei­nes Er­zäh­lers auf die­sen Ro­man des Schrift­stel­ler­kol­le­gen an, und denkt an die un­längst er­folg­te De­bat­te zwi­schen Stamm und Jo­nas Lüscher.

Da­bei un­ter­schei­den sich die in ih­rer Idee iden­ti­schen Ge­schich­ten in der Durch­füh­rung deut­lich. Wäh­rend Stamms Prot­ago­nist oh­ne aku­tes äu­ße­res Er­eig­nis sei­ner We­ge geht, er­liegt Bär­fuss’ Phil­ip „Bal­le­ri­na-Be­cir­cung“ wei­ter­le­sen

Über Zufall und Singularität

Jonas Lüscher lässt seinen Antihelden „Kraft“ sarkastisch scharf über das Leben schwafeln

In die­ser Nacht schrieb er ei­ne lan­ge Mail, in der er Ivan sei­ne Zu­sa­ge über­mit­tel­te und ihn bat, für vier­zehn Ta­ge sein Gast sein zu dür­fen, be­vor er sich, Rü­cken an Rü­cken, ne­ben sei­ne be­reits schla­fen­de Frau leg­te, selbst aber lan­ge kei­nen Schlaf fand und sich, je­de Vier­tel­stun­de die Glo­cken­schlä­ge der Stifts­kir­che zäh­lend, lang­sam in ei­ne Wut hin­ein­stei­ger­te; ei­ne Wut, ge­speist aus Hei­kes re­gel­mä­ßi­gem At­men, das ihm un­an­ge­mes­sen fried­lich vor­kam, und dem Ge­fühl des Ver­sa­gens an­ge­sichts der Tat­sa­che, dass der Aus­weg aus der Sack­gas­se, in die er sein Le­ben hin­ein­ma­nö­vriert hat­te, sich nicht, wie er im­mer an­ge­nom­men hat­te, im schar­fen Nach­den­ken über die Welt – als sol­ches be­zeich­ne­te er ger­ne Drit­ten ge­gen­über sei­ne Pro­fes­si­on, die er sich zu­gleich als Le­bens­form ver­ord­net hat­te -, son­dern, wie es nun ganz of­fen zu­ta­ge trat, doch ein­fach im Mo­ne­tä­ren fand, auch wenn, aber das schien ihm eher ei­ne zu­sätz­li­che Krän­kung, das er­lö­sen­de Geld mit eben­je­nem schar­fen Nach­den­ken über die Welt erst ein­mal ge­won­nen wer­de muss­te.“

Lan­ge, aus­fran­sen­de Satz­pe­ri­oden sind ein Stil­merk­mal von Jo­nas Lüschers Ro­man „Kraft“ und des­sen gleich­na­mi­gen Prot­ago­nis­ten. Kein Wun­der, ist die­ser Ri­chard Kraft doch Rhe­to­rik­pro­fes­sor der Uni­ver­si­tät Tü­bin­gen, er­go ein Meis­ter der Re­de. Der­art aus­ge­stat­tet ver­spricht er „Über Zu­fall und Sin­gu­la­ri­tät“ wei­ter­le­sen

Ein Hauch vergangener Zeiten“

Henry James’ „Daisy Miller“ amüsiert mit Ironie und spritzigen Dialogen

Daisy MillerIch hab’ kei­ne Zäh­ne, die ka­putt­ge­hen kön­nen. Die sind al­le aus­ge­fal­len. Ich hab’ nur noch sie­ben. Mut­ter hat sie ges­tern Abend ge­zählt, und gleich da­nach ist noch ei­ner aus­ge­fal­len. Sie hat ge­sagt, sie ohr­feigt mich, wenn noch mehr aus­fal­len. Da­bei kann ich gar nichts da­für. Es liegt al­les an die­sem al­ten Eu­ro­pa. Es liegt am Kli­ma hier, dass sie aus­fal­len. In Ame­ri­ka ist kei­ner aus­ge­fal­len, es liegt an den Ho­tels.“

Die­se Kla­ge legt Hen­ry Ja­mes in sei­ner No­vel­le Dai­sy Mil­ler ei­nem neun­jäh­ri­gen Jun­gen in den zahn­lo­sen Mund und macht so gleich zu Be­ginn auf sein The­ma auf­merk­sam, die „na­tio­nal­ty­pi­schen“ Un­ter­schie­de zwi­schen Eu­ro­pä­ern und Ame­ri­ka­nern. Stu­die­ren konn­te er die­se seit frü­her Ju­gend. Mit sei­ner Fa­mi­lie be­reis­te er den al­ten Kon­ti­nent, der ihm so gut ge­fiel, daß er spä­ter in Lon­don, Pa­ris, Bo­lo­gna, Bonn und Genf stu­dier­te, sich dann in Eng­land an­sie­del­te und schließ­lich die Staats­bür­ger­schaft sei­ner Wahl­hei­mat an­nahm. Dies ge­schah kurz vor sei­nem Tod, der sich in die­sem Jahr am 28. Fe­bru­ar zum hun­derts­ten Ma­le jähr­te.

Ob aus dem klei­nen Ran­dolph auch einst ein Eu­ro­pä­er wer­den wird, bleibt Ein Hauch ver­gan­ge­ner Zei­ten““ wei­ter­le­sen

Stauräume der Vergangenheit“

Richard Fords Frank in Zeiten des Hurrikans

Ford_24923_MR.inddDie star­ke Hand ei­nes or­dent­li­chen Hur­ri­kans hat et­was für sich, sie macht dem Le­ben un­sanft klar, wie re­la­tiv al­les ist.

Als Frank vor den Über­res­ten sei­nes eins­ti­gen Hau­ses steht, fällt sein Blick in den Kel­ler. Er ist voll­kom­men leer, all das Ge­rüm­pel, „Kis­ten über Kis­ten voll Zeug, das man vor Jahr­zehn­ten hät­te weg­schmei­ßen sol­len – ist hoch­ge­saugt und weg­ge­bla­sen wor­den“. Hell scheint das Licht in die dunk­len „Stau­räu­me der Ver­gan­gen­heit“, die Ge­spens­ter sind ver­scheucht, Ver­dräng­tes kommt nach oben. Da­bei kön­nen Kel­ler auch wert­stei­gernd sein, wie der Im­mo­bi­li­en­mak­ler Frank weiß. Aus­ge­baut die­nen die Bas­tel­bas­tio­nen Fa­mi­li­en­vä­tern als Rück­zug und als Zu­flucht falls das Ehe­bett zu eng wird. Im neu­en Buch Frank“ von Ri­chard Ford spie­len Kel­ler ei­ne be­son­de­re Rol­le.

Frank Bas­com­be, be­kannt aus Ri­chard Fords Ro­ma­nen Der Sport­re­por­ter, Un­ab­hän­gig­keits­tag und Die La­ge des Lan­des ist wie sein Au­tor äl­ter ge­wor­den. Mit 68 Jah­ren und zum zwei­ten Mal ver­hei­ra­tet lebt Frank mit sei­ner Frau Sal­ly wie­der in Had­dam. Vor ei­ni­gen Jah­ren ist der Im­mo­bi­li­en­mak­ler aus Stau­räu­me der Ver­gan­gen­heit““ wei­ter­le­sen

Das große Yadayadayada

In „Schöne Seelen“ vereint Philipp Tingler Society-Satire mit Psycho-Persiflage

TinglerSo al­so war die Ge­sell­schaft be­schaf­fen. Der Ein­druck, den ein un­be­fan­ge­ner Be­ob­ach­ter hät­te emp­fan­gen kön­nen (wenn es die­sen Be­ob­ach­ter nur je ge­ge­ben hät­te), war fol­gen­der: mit­tel­mä­ßi­ge Men­schen von meist zwei­fel­haf­ter Lie­bens­wür­dig­keit, die, wäh­rend sie vor­ga­ben, über die letz­ten Din­ge und ers­ten Wich­tig­kei­ten zu spre­chen, ei­gent­lich nur wech­sel­sei­tig ih­ren Auf­zug mus­ter­ten und ver­such­ten, zu ta­xie­ren, was die­se Fen­di-Ta­sche aus Foh­len, Nerz und Weiß­gold ge­kos­tet ha­ben moch­te. (…) Die Ge­sich­ter wa­ren mit Hyaluron­säu­re ge­füllt und von Ei­tel­keit aus­ge­so­gen und zeig­ten oft ge­nug den se­li­gen Aus­druck je­ner Nar­ren, die sich von ih­rer ei­ge­nen Be­schränkt­heit näh­ren, vor ver­meint­li­cher Ge­sund­heit strot­zen und dau­ernd da­mit be­schäf­tigt schei­nen, sich selbst zu­zu­lä­cheln,…“

Der bö­se Blick auf die Ge­sell­schaft ist ei­ne be­lieb­te Spiel­art der Li­te­ra­tur. Do­ro­thy Par­ker oder Her­bert Ro­sen­dor­fer wa­ren dar­in Meis­ter, die sich selbst durch­aus mit ein­schlos­sen. Der Phi­lo­soph und Au­tor Phil­ipp Ting­ler un­ter­nimmt in sei­nem neu­en Ro­man  Schö­ne See­len ei­ne ent­spre­chen­de Ana­ly­se der Schö­nen und Rei­chen der Schweiz. Ge­nau­er ge­sagt Genf, „wo der zwinglia­ni­sche Re­pres­si­ons­druck seit je­her das Ir­re­wer­den be­güns­tigt“.

Dort er­liegt in der Schön­heits­kli­nik vor den To­ren der Stadt ei­ne Da­me nicht „Das gro­ße Ya­da­y­a­da­ya­da“ wei­ter­le­sen

Landlust

Doris Knecht erzählt in Wald wie sich eine Stadtmaus zur Landmaus wandelt

U1_978-3-87134-769-6.inddDas Le­ben am Land ist nicht zärt­li­cher als das Le­ben in der Stadt. Die Men­schen sind nicht net­ter zu­ein­an­der, weil sie sich bes­ser und län­ger ken­nen oder al­le ir­gend­wie mit­ein­an­der ver­wandt sind. Die schö­ne Na­tur um sie her­um macht sie nicht dank­bar und weich, im Ge­gen­teil.“

Als ich in der Vor­schau des Ro­wohlt-Ver­lags den neu­en Ro­man von Do­ris Knecht ent­deck­te, er­in­ner­te mich nicht nur sein Ti­tel „Wald“ so­fort an das be­kann­te Buch ei­ner an­de­ren ös­ter­rei­chi­schen Au­torin, „Die Wand“ von Mar­le­ne Haus­ho­fer. Hier wie dort wird ei­ne Frau auf sich selbst zu­rück­ge­wor­fen, auf ein ein­sa­mes, be­schei­de­nes Le­ben als Selbst­ver­sor­ge­rin. Ei­ne Hüt­te in der Na­tur dient auch dem Prot­ago­nis­ten ei­nes an­de­ren ak­tu­el­len und eben­falls ös­ter­rei­chi­schen Ro­mans als Zu­flucht, Er­win Uhr­manns „Ich bin die Zu­kunft“. In bei­den Ro­ma­nen spielt die Fi­nanz­kri­se ei­ne Rol­le, doch wäh­rend sie in Uhr­manns Dys­to­pie glo­ba­le Ka­ta­stro­phen be­glei­tet, wirkt sie bei Knecht im Pri­va­ten.

Die Hel­din Ma­ri­an Ma­lin macht in Mo­de bis sie die Leh­man Bro­thers, ein un­fä­hi­ger Bank­be­ra­ter und dum­me Ge­schäf­te in den Ru­in stür­zen. Ihr sat­tes Le­ben im LO­HA-Lu­xus „Land­lust“ wei­ter­le­sen

Mangelmann auf Schlingerkurs

In seinem neuen Roman „Bei Regen im Saal“ überwindet Genazino die Zumutungen des Alltags

Genazino_978-3-446-24596-9_MR1.inddVon Be­ruf war ich Re­zep­tio­nist, ge­le­gent­lich Bar­mi­xer, aber in letz­ter Zeit ar­bei­te­te ich über­wie­gend als Über­win­der. Ich half Men­schen, ih­re zu­wei­len auf­dring­li­chen oder dümm­li­chen Er­leb­nis­se schnel­ler als ge­wohnt zu ver­ges­sen. Ich ging mit den Leu­ten spa­zie­ren, wir be­such­ten Floh­märk­te, wir schau­ten uns Kunst­aus­stel­lun­gen an und re­de­ten über sie. Ich gab den Men­schen Tipps für Er­leb­nis­se, die ih­nen al­lein ge­hör­ten. (…) Das meis­te, was Men­schen heu­te zu­stieß, er­leb­ten sie als Teil ei­ner rie­si­gen Mas­se; des­we­gen konn­te man al­len­falls von Kon­fek­ti­ons­er­leb­nis­sen spre­chen.“

Der Ich-Er­zäh­ler, des­sen Vor­na­men Rein­hard der Le­ser erst ge­gen En­de er­fährt, ist nicht der ein­zi­ge Mann im neu­en Ro­man Bei Re­gen im Saal von Wil­helm Ge­n­azi­no. Zwei wei­te­re männ­li­che Ne­ben­fi­gu­ren, oder bes­ser Ne­ben­buh­ler, be­ein­flus­sen das Schick­sal des Mit­te Vier­zig­jäh­ri­gen, der oft­mals schon viel äl­ter wirkt.

Rein­hard lebt in ei­ner Zwei­er-Be­zie­hung mit Son­ja ei­ner Fi­nanz­be­am­tin im ge­ho­be­nen Dienst. Trotz ge­trenn­ter Woh­nun­gen be­fin­det sich ihr Ver­hält­nis in ei­nem „Man­gel­mann auf Schlin­ger­kurs“ wei­ter­le­sen

Löcher, Liebe, Levitationen

In seinem neuen Roman „Alpha & Omega“ erklärt Markus Orths mit Phantasie und Augenzwinkern die „Apokalypse für Anfänger“

g-Orths-Markus-Alpha-und-OmegaDie Krie­ge, die sich zer­flei­schen­den Kul­tu­ren, die Hun­ger­ge­no­zi­de, die scham- und rück­sichts­lo­se Aus­beu­tung: Ich konn­te kaum glau­ben, dass die da­ma­li­gen Men­schen all­dem nichts oder nicht ge­nug ent­ge­gen­ge­setzt hat­ten. Ob­wohl sie ge­nau Be­scheid wuss­ten. Zum Bei­spiel dar­über, dass täg­lich drei­tau­send Men­schen al­lein an den Fol­gen von Druch­fall­erkran­kun­gen star­ben. Nein — sie lie­ßen es ge­sche­hen. Mich frös­tel­te.

Wie wer­den künf­ti­ge His­to­ri­ker auf un­se­re heu­ti­ge Ge­sell­schaft zu­rück­bli­cken? Wil­helm Ge­n­azi­no be­zeich­ne­te die wil­lig von Me­di­en Ma­ni­pu­lier­ten als „Er­leb­nis­pro­le­ta­ri­at“. In Mar­kus Orths’ neu­em Ro­man ur­tei­len un­se­re Nach­fah­ren noch har­scher, sie be­zeich­nen das 21. Jahr­hun­dert als „Bar­ba­ri­sches Zeit­al­ter“. Wer Orths’ apo­ka­lyp­ti­schen Of­fen­ba­run­gen von An­fang bis En­de folgt, ist ge­neigt ih­nen zu zu­stim­men.

Al­pha & Ome­ga be­ginnt nicht mit, son­dern kurz vor ei­nem Knall. Wir be­fin­den uns im Jahr 525 nach Ome­ga, er­go 2525 nach Chris­tus, und ein Me­teo­rit droht Er­de samt „Lö­cher, Lie­be, Le­vi­ta­tio­nen“ wei­ter­le­sen

Sushi Murakami — Zugverspätung

Das 19. Kapitel

FotoDas letz­te Ka­pi­tel birgt ei­ne Über­ra­schung. Nicht weil es die Fra­gen end­lich be­ant­wor­tet, son­dern weil Mura­ka­mi die ja­pa­ni­sche Ge­sell­schaft ana­ly­siert. Schon im 11. Ka­pi­tel klang ei­ne leich­te Kri­tik an. Hier stellt er nun in ei­ner Bahn­hofs­sze­ne Stress und An­ony­mi­tät der Mas­sen­ge­sell­schaft ein­drück­lich dar. Wir er­le­ben ge­trie­be­ne, ge­hetz­te Men­schen. Pend­ler, die es täg­lich meh­re­re Stun­den kos­tet, ih­ren Ar­beits­platz zu er­rei­chen. Nah an­ein­an­der ge­presst wah­ren sie die Di­stanz durch ei­nen in­ne­ren Schutz­schild, den sie auch in frei­en Mo­men­ten kaum ab­le­gen kön­nen. Ein­sam­keit in der Mas­se wird so glei­cher­ma­ßen Schutz wie Scha­den. Wel­che Ge­fahr ei­ne sol­che Ge­sell­schaft birgt, zeigt sich am Bahn­hof, der Schleu­se für „ein wo­gen­des Men­schen­meer“. „Kei­nem noch so mäch­ti­gen Pro­phe­ten wür­de es ge­lin­gen, die­se wild bran­den­den Wo­gen zu tei­len.“

Auch Tsuku­ru sieht sich als ver­lo­re­nes In­di­vi­du­um, des­sen Be­stim­mung im „Su­shi Mura­ka­mi — Zug­ver­spä­tung“ wei­ter­le­sen