Das große Yadayadayada

In „Schöne Seelen“ vereint Philipp Tingler Society-Satire mit Psycho-Persiflage

TinglerSo al­so war die Ge­sell­schaft be­schaf­fen. Der Ein­druck, den ein un­be­fan­ge­ner Be­ob­ach­ter hät­te emp­fan­gen kön­nen (wenn es die­sen Be­ob­ach­ter nur je ge­ge­ben hät­te), war fol­gen­der: mit­tel­mä­ßi­ge Men­schen von meist zwei­fel­haf­ter Lie­bens­wür­dig­keit, die, wäh­rend sie vor­ga­ben, über die letz­ten Din­ge und ers­ten Wich­tig­kei­ten zu spre­chen, ei­gent­lich nur wech­sel­sei­tig ih­ren Auf­zug mus­ter­ten und ver­such­ten, zu ta­xie­ren, was die­se Fen­di-Ta­sche aus Foh­len, Nerz und Weiß­gold ge­kos­tet ha­ben moch­te. (…) Die Ge­sich­ter wa­ren mit Hyaluron­säu­re ge­füllt und von Ei­tel­keit aus­ge­so­gen und zeig­ten oft ge­nug den se­li­gen Aus­druck je­ner Nar­ren, die sich von ih­rer ei­ge­nen Be­schränkt­heit näh­ren, vor ver­meint­li­cher Ge­sund­heit strot­zen und dau­ernd da­mit be­schäf­tigt schei­nen, sich selbst zu­zu­lä­cheln,…“

Der bö­se Blick auf die Ge­sell­schaft ist ei­ne be­lieb­te Spiel­art der Li­te­ra­tur. Do­ro­thy Par­ker oder Her­bert Ro­sen­dor­fer wa­ren dar­in Meis­ter, die sich selbst durch­aus mit ein­schlos­sen. Der Phi­lo­soph und Au­tor Phil­ipp Ting­ler un­ter­nimmt in sei­nem neu­en Ro­man  Schö­ne See­len ei­ne ent­spre­chen­de Ana­ly­se der Schö­nen und Rei­chen der Schweiz. Ge­nau­er ge­sagt Genf, „wo der zwinglia­ni­sche Re­pres­si­ons­druck seit je­her das Ir­re­wer­den be­güns­tigt“.

Dort er­liegt in der Schön­heits­kli­nik vor den To­ren der Stadt ei­ne Da­me nicht „Das gro­ße Ya­da­y­a­da­ya­da“ wei­ter­le­sen

Psychologenprobleme

In „Der gute Psychologe“ erzählt Noam Shpancer von sich und anderen

Ei­ne jun­ge Kli­en­tin sitzt vor Ih­nen und er­zählt Ih­nen ih­re Ge­schich­te, und beim Spre­chen hält sie sich im­mer wie­der die Hand vor den Mund. Was be­deu­tet die­se Ges­te?“ (…) Die Freu­dia­ner wer­den sa­gen, sie hat auf ei­ner un­be­wuss­ten Ebe­ne Angst da­vor, in­kri­mi­nie­ren­de In­for­ma­tio­nen preis­zu­ge­ben,“ sagt Jen­ni­fer. „Sie leis­tet Wi­der­stand; sie ist am­bi­va­lent.“ „Ja; und was wer­den die Ko­gni­ti­vis­ten sa­gen?“ „Sie wer­den sie fra­gen, was sie sich selbst er­zählt, was sie denkt.“ „Ja, und die Be­ha­vio­ris­ten?“ „Ei­ne an­ge­lern­te Ge­wohn­heit,“ ant­wor­te­te Jen­ni­fer, „viel­leicht hat sie frü­her beim Spre­chen ge­spuckt und wur­de des­we­gen aus­ge­lacht und hat da­her ge­lernt, ih­ren Mund zu be­de­cken.“ „Wirk­lich ei­ne hüb­sche An­wen­dung des be­ha­vio­ris­ti­schen Cre­dos. Je­mand hier hört zu. Hal­le­lu­ja, Jen­ni­fer; Sie ha­ben mein mü­des, al­tes Herz er­wärmt. Und à pro­pos Herz, was wer­den die Hu­ma­nis­ten sa­gen?“ „Ah, da bin ich mir nicht si­cher; ich ver­ste­he sie nicht be­son­ders gut.“ „Nein, na­tür­lich nicht,“ sagt der Psy­cho­lo­ge lä­chelnd. „Nie­mand ver­steht die Hu­ma­nis­ten, und das schließt die Hu­ma­nis­ten selbst mit ein (…)“ S. 235f.

In die­sem fast schon flap­si­gen Lehr­dia­log zwi­schen Pro­fes­sor und Stu­den­tin zei­gen sich zwei Merk­ma­le des Ro­mans „Der gu­te Psy­cho­lo­ge“. Die Psy­cho­lo­gie ist, wie die viel­fäl­ti­gen In­ter­pre­ta­ti­ons­an­sät­ze von Ver­hal­ten zei­gen, kei­ne Leh­re der ein­deu­ti­gen Hand­lungs­an­wei­sun­gen. Dies sorgt für Ir­ri­ta­tio­nen und kon­fron­tiert ih­re Ver­tre­ter bis­wei­len mit in­ne­ren Kon­flik­ten. Die Psy­cho­lo­gie hat kei­ne Pa­tent­re­zep­te, die­se Bot­schaft ver­mit­telt der Au­tor mit­un­ter ver­ein­facht und trotz Kli­schees in un­ter­halt­sa­mer, selbst­iro­ni­scher Wei­se.

Noam Sh­pan­cer, selbst Psy­cho­lo­ge, lehrt in Ohio als „Psy­cho­lo­gen­pro­ble­me“ wei­ter­le­sen