We are all aliens“

In seinem Roman „Die Außerirdischen“ stellt Doron Rabinovici grundsätzliche Fragen menschlichen Zusammenlebens

Nicht die Au­ßer­ir­di­schen las­sen al­les ver­kom­men, um sich zu be­rei­chern. Das macht nur un­ser­eins.“

An­ders als der Ti­tel des neu­en Ro­mans des in Tel Aviv ge­bo­re­nen und seit sei­nem drit­ten Le­bens­jahr in Wien le­ben­den Schrift­stel­lers Do­ron Ra­bi­novici ver­mu­ten lässt, han­delt es sich bei „Die Au­ßer­ir­di­schen“ nicht um Sci­ence Fic­tion. Auch wenn die Na­men der Fi­gu­ren, Sol, Stern, Kas­tor und Jup(iter) da­nach klin­gen, auch wenn der An­fang an H.G. Wells Ro­man „Krieg der Wel­ten“ er­in­nert, der als Ra­dio-Hör­spiel 1938 in den USA ei­ne Mas­sen­pa­nik aus­lös­te, we­nigs­tens bei den ver­spä­tet zu­ge­schal­te­ten Hö­rern, die die Fik­ti­on für ba­re Mün­ze nah­men.

Ähn­lich chao­ti­sche Zu­stän­de, wie Wells sie schil­dert, herr­schen in al­len Tei­len der von Ra­bi­novici er­son­ne­nen Welt. Die­sem Cha­os setzt er sei­ne bei­den Haupt­fi­gu­ren aus, Sol, der als Jour­na­list ei­nes On­line-Gour­met-Ma­ga­zins ar­bei­tet und sei­ne Frau As­trid. Me­di­en aus al­len Tei­len der Er­de be­zeu­gen den kom­plet­ten Strom­aus­fall, der Ver­kehr er­liegt, In­ter­net und Han­dys funk­tio­nie­ren nicht mehr. Die Ver­sor­gung bricht zu­sam­men und Pa­nik aus. Es kommt We are all ali­ens““ wei­ter­le­sen

Das große Yadayadayada

In „Schöne Seelen“ vereint Philipp Tingler Society-Satire mit Psycho-Persiflage

TinglerSo al­so war die Ge­sell­schaft be­schaf­fen. Der Ein­druck, den ein un­be­fan­ge­ner Be­ob­ach­ter hät­te emp­fan­gen kön­nen (wenn es die­sen Be­ob­ach­ter nur je ge­ge­ben hät­te), war fol­gen­der: mit­tel­mä­ßi­ge Men­schen von meist zwei­fel­haf­ter Lie­bens­wür­dig­keit, die, wäh­rend sie vor­ga­ben, über die letz­ten Din­ge und ers­ten Wich­tig­kei­ten zu spre­chen, ei­gent­lich nur wech­sel­sei­tig ih­ren Auf­zug mus­ter­ten und ver­such­ten, zu ta­xie­ren, was die­se Fen­di-Ta­sche aus Foh­len, Nerz und Weiß­gold ge­kos­tet ha­ben moch­te. (…) Die Ge­sich­ter wa­ren mit Hyaluron­säu­re ge­füllt und von Ei­tel­keit aus­ge­so­gen und zeig­ten oft ge­nug den se­li­gen Aus­druck je­ner Nar­ren, die sich von ih­rer ei­ge­nen Be­schränkt­heit näh­ren, vor ver­meint­li­cher Ge­sund­heit strot­zen und dau­ernd da­mit be­schäf­tigt schei­nen, sich selbst zu­zu­lä­cheln,…“

Der bö­se Blick auf die Ge­sell­schaft ist ei­ne be­lieb­te Spiel­art der Li­te­ra­tur. Do­ro­thy Par­ker oder Her­bert Ro­sen­dor­fer wa­ren dar­in Meis­ter, die sich selbst durch­aus mit ein­schlos­sen. Der Phi­lo­soph und Au­tor Phil­ipp Ting­ler un­ter­nimmt in sei­nem neu­en Ro­man  Schö­ne See­len ei­ne ent­spre­chen­de Ana­ly­se der Schö­nen und Rei­chen der Schweiz. Ge­nau­er ge­sagt Genf, „wo der zwinglia­ni­sche Re­pres­si­ons­druck seit je­her das Ir­re­wer­den be­güns­tigt“.

Dort er­liegt in der Schön­heits­kli­nik vor den To­ren der Stadt ei­ne Da­me nicht „Das gro­ße Ya­da­y­a­da­ya­da“ wei­ter­le­sen

Die Konvertiten

Michel Houellebecq karikiert in „Unterwerfung“ Missstände in Gesellschaft und Religion

HouellebecqNicht nur der Sex hat­te für Huys­mans nie­mals die Be­deu­tung, die er ihm un­ter­stell­te, son­dern das­sel­be galt mit Si­cher­heit auch für den Tod, die exis­ten­ti­el­len Ängs­te spiel­ten für ihn kei­ne Rol­le. Was ihn an der be­rühm­ten Kreu­zi­gung von Grü­ne­wald so sehr be­wegt hat­te, war nicht die Dar­stel­lung des To­des­kamp­fes Chris­ti ge­we­sen, son­dern die sei­ner kör­per­li­chen Qua­len, wo­mit Huys­mans auch in die­sem Punkt al­len an­de­ren Men­schen glich, de­nen ihr ei­ge­ner Tod im All­ge­mei­nen mehr oder min­der gleich­gül­tig ist; ih­re ein­zi­ge wirk­li­che Sor­ge be­steht dar­in, der kör­per­li­chen Qual so weit wie mög­lich zu ent­kom­men. (…)

Das ein­zi­ge ech­te The­ma von Huys­mans war das bür­ger­li­che Glück, ein für Jung­ge­sel­len auf schmerz­haf­te Wei­se un­er­reich­ba­res bür­ger­li­ches Glück, …“

Die­se Er­kennt­nis er­langt Fran­çois, der 44jährige Ich-Er­zäh­ler, ge­gen En­de des Ro­mans Un­ter­wer­fung. Sein Au­tor, Mi­chel Hou­el­le­becq, kri­ti­siert in die­ser ak­tu­el­len Sa­ti­re kol­lek­ti­ve wie in­di­vi­du­el­le Zu­stän­de, die er ent­lang der Ent­wick­lung sei­nes Hel­den er­zählt.

Fran­çois, ein agnos­ti­scher Mis­an­throp, hat sich seit sei­ner Dis­ser­ta­ti­on über Jo­ris-Karl Huys­mans voll­kom­men sei­nem For­schungs­ge­gen­stand ver­schrie­ben. Der fran­zö­si­sche Dan­dy und Li­te­rat dient „Die Kon­ver­ti­ten“ wei­ter­le­sen

Die beste Satire des Jahres

Edward St Aubyn hinterfragt den Literaturpreis in „Der beste Roman des Jahres“

St Aubyn

 

 

Der Maß­stab für ein Kunst­werk ist, wie viel Kunst es ent­hält, nicht wie viel ‚Re­le­vanz’. Re­le­vanz für wen? Re­le­vanz für was? Nichts ist so kurz­le­big wie die hei­ßen The­men von heu­te. (…)

Wenn ein Künst­ler gut ist, kann nie­mand sonst das tun, was er tut, wes­halb al­le Ar­ten von Ver­gleich sinn­los sind.“

 

So­bald in un­se­rem Land ei­ne Tür ins Schloss fällt, wird wie­der ein Li­te­ra­tur­preis ver­ge­ben“, so oder so ähn­lich äu­ßer­te sich un­längst ein be­kann­ter Li­te­ra­tur­kri­ti­ker. Er muss es wohl wis­sen, schließ­lich ist De­nis Scheck selbst ge­frag­ter Ju­ror, auch beim Deut­schen Buch­preis saß er schon in der Ju­ry. Der dies­jäh­ri­ge Preis­trä­ger des wenn auch nicht re­nom­mier­tes­ten so doch po­pu­lärs­ten deut­schen Li­te­ra­tur­prei­ses hier­zu­lan­de ‑oder soll­te man doch lie­ber beim Ori­gi­nal­ti­tel Buch­preis blei­ben?- ist er­mit­telt. Be­vor der Schrift­stel­ler Lutz Sei­ler mit „Kru­so“ fest­stand, muss­ten die Aus­wahl­ti­tel nicht nur das üb­li­che Pro­ze­de­re der Lis­ten über­ste­hen, son­dern auch die ri­tu­el­le Em­pö­rung zum Auf­takt des Spek­ta­kels.

Die­se Sai­son be­gann so­gar mit ei­nem #auf­schrei, der laut ge­nug er­klang, um auch „Die bes­te Sa­ti­re des Jah­res“ wei­ter­le­sen

Ein letzter Zipfel Monarchie

Michael Ziegelwagner sinniert in „Der aufblasbare Kaiser“ über den Moment

roBerlin_Ziegelwagner_128x209_LT.inddBü­cher fal­len mit­un­ter schon durch ihr Äu­ße­res ins Au­ge. So ver­spricht der neue Ro­man Der auf­blas­ba­re Kai­ser durch sei­nen Ti­tel, das Por­trät ei­nes Dan­dys mit Por­no­bril­le und das Fo­to des Au­tors mit Ni­ckel­bril­le ge­ball­te Skur­ri­li­tät. Als Ös­ter­rei­cher, Sa­ti­ri­ker und Mit­glied der Ti­ta­nic-Crew kom­men­tiert Mi­cha­el Zie­gel­wag­ner un­se­re „voll­um­fäng­li­che Da­seins­un­si­cher­heit“. Un­ter die­ser lei­det, ähn­lich den Fi­gu­ren Wil­helm Ge­n­azi­nos, Zie­gel­wag­ners Prot­ago­nis­tin, die 26-jäh­ri­ge Ve­ra Beacher. Sie no­tiert:

An­nah­me 1. Das Le­ben ist nichts wert, wenn es uns nicht ge­lingt hin und wie­der ei­nen Mo­ment her­aus­zu­lö­sen.
An­nah­me 2. Was wir her­aus­lö­sen, soll au­ßer­ge­wöhn­lich sein.
An­nah­me 3. Un­se­re wich­tigs­ten Er­fah­run­gen soll­ten wir am An­fang un­se­res Le­bens ma­chen. Wir wer­den sie noch ha­ben, wenn die meis­ten Men­schen, die sie ge­teilt ha­ben, weg­ge­stor­ben sind. Sie ge­hö­ren uns dann ex­klu­siv.
An­nah­me 3a. Dar­um soll­te mög­lichst et­was Ab­ster­ben­des in un­ser Le­ben ge­ret­tet wer­den, das uns mög­lichst früh ex­klu­siv ge­hört.“

Auch die­se An­ge­stell­te lang­weilt sich im Amt dem Ru­he­stand ent­ge­gen, un­ter Auf­sicht ih­res fa­den „Ein letz­ter Zip­fel Mon­ar­chie“ wei­ter­le­sen

Brennerova von Alpha bis Omega

Wie Wolf Haas in „Brennerova” aus Muskelbilderbüchern Literatur macht

BrennerovaEs sind die Struk­tu­ren in Wolf Haas’ Li­te­ra­tur, die mich be­geis­tern. So zäu­me ich nach dem Wet­ter, der Mis­sio­nars­stel­lung und der Wie­der­be­le­bung vom Bren­ner das Pferd von hin­ten auf und fan­ge mit der neus­ten Fol­ge ganz von vor­ne an.

In der ge­rät der Bren­ner aus in­ter­es­sier­ter Lan­ge­wei­le und weil die Her­ta jetzt fern von ihm weilt, sprich sich ge­trennt hat, auf ei­ne Part­ner­ver­mitt­lungs­sei­te im In­ter­net. Lau­ter Rus­sin­nen, wenn er ei­ne von de­nen hei­ra­ten wür­de, gä­be es ei­ne Bren­ner­o­va.

Be­vor es so weit kommt, trifft die Her­ta und ihn bei­nah was vom Dach und er da­durch die Her­ta. Kei­ne Fra­ge, die kom­men wie­der zu­sam­men, aber der Bren­ner auch via Part­ner­web nach Ni­sch­ni Now­go­rod zur Na­desh­da, sprich Rus­sin.

Mehr sei nicht ver­ra­ten, weil Kri­mi trotz Li­te­ra­tur. Nur so viel, Du lernst ei­ne gan­ze Men­ge:
— Mus­kel­bil­der, qua­si Tä­to­wie­run­gen, er­leich­tern die Iden­ti­fi­ka­ti­on ver­stüm­mel­ter „Bren­ner­o­va von Al­pha bis Ome­ga“ wei­ter­le­sen

Schwindelnde Höhen der Literatur

In ihrem neuen Roman „Schwindlerinnen“ spielt Kerstin Ekman mit den Lügen der Schriftsteller

Ekman, SchwindlerinnenVom Schwin­del be­fal­len weiß man nicht wo oben und un­ten. Ob links oder rechts, al­les dreht sich, die Ori­en­tie­rung ist ver­wirrt, manch­mal ganz und gar ver­lo­ren. Als Schwin­del wer­den auch Lü­gen be­zeich­net, harm­lo­se, läss­li­che. Sie of­fen­ba­ren nicht je­dem al­les, ber­gen min­des­tens ein Ge­heim­nis, sei es auch nur ein klei­ner Trick. Aber wer kann schon oh­ne die­se klei­nen Tricks le­ben?  Sie die­nen der Le­bens­be­wäl­ti­gung und nicht sel­ten sind sie ein wich­ti­ger Be­stand­teil des Me­tiers. Auch Schrift­stel­ler be­die­nen sich als Il­lu­si­ons­künst­ler krea­ti­ver Schwin­de­lei­en, die nicht nur ihr Werk son­dern auch ih­re Per­son be­tref­fen. Wenn auch der Groß­teil der Schreib­künst­ler in­zwi­schen ihr öf­fent­li­ches Ego als Be­stand­teil der Er­folgs­stra­te­gie be­greift, so gibt es im­mer noch Au­toren, die ih­re An­ony­mi­tät zu wah­ren wis­sen. Das Ge­heim­nis um ih­re Per­son scheint der Selbst­schutz, oh­ne den kei­ne Kunst ent­ste­hen kann.

So er­geht es auch Bab­ro An­ders­son, kurz Bab­ba, der Schrift­stel­le­rin in Kers­tin Ek­mans „Schwind­le­rin­nen“. Von un­at­trak­ti­vem Äu­ße­ren be­wegt sich die in ei­ner Ar­bei­ter­fa­mi­lie groß­ge­wor­de­ne Bab­ba un­si­cher zwi­schen Men­schen. Als stu­dier­te Phi­lo­lo­gin be­vor­zugt sie die Ge­gen­wart der Bü­cher. Sie ar­bei­tet als Bi­blio­the­ka­rin in der Stadt­bü­che­rei, auf de­ren Kar­tei­kar­ten sie ih­re Schrei­b­ideen no­tiert. Als sie ei­nes Ta­ges aus die­sen Ein­fäl­len ei­ne Ge­schich­te spinnt, schickt ihr Freund die­se oh­ne ihr Wis­sen an ei­ne Zeit­schrift. Das Ab­leh­nungs­schrei­ben of­fen­bart ihr nicht nur den Ver­rat, son­dern eben­so die Er­kennt­nis, daß sie, Bab­ba An­ders­son, so wie sie wirk­lich ist, nie­mals als Schrift­stel­le­rin zu Ruhm ge­lan­gen kön­ne. Da­zu sei sie nun mal ein­fach we­der flott noch at­trak­tiv ge­nug. „Leu­te, die schrift­stel­lern­de Frau­en rühm­ten, lieb­ten die­ses Wort. Frau­en soll­ten flott schrei­ben. Und rank und schlank sein.“

Hier kommt die an­de­re Haupt­fi­gur des Ro­mans ins Spiel, Lil­lemor Troj. Sie er­füllt die auf­ge­stell­ten Kri­te­ri­en, wes­halb Bab­ba sie zur Stell­ver­tre­te­rin wählt. Sie wird ihr öf­fent­li­ches Ali­as, un­ter ih­rem Na­men und mit ih­rem Ge­sicht er­scheint Bab­bas Li­te­ra­tur. Lil­lemor ist nicht nur äu­ßerst vor­zeig­bar. Als Toch­ter aus gu­tem Haus weiß sie sich auf öf­fent­li­chem Par­kett zu be­we­gen. Per­fekt in Mo­de wie Ma­nie­ren be­wäl­tigt sie den schrift­stel­le­ri­schen Small­talk. Zu­dem tippt und re­di­giert sie, was Bab­ba auf die Sei­ten des Spi­ral­blocks schreibt. Lil­lemor ach­tet auf Lo­gik und Struk­tur und spä­tes­tens, wenn bei­de Frau­en die Fe­ri­en­wo­chen in ei­ner ent­le­ge­nen Ka­te im Wald ver­brin­gen, wird Lil­lemor zu Bab­bas Co-Au­torin.

Al­ler­dings er­for­dert ih­re ge­mein­sa­me Au­tor­schaft im­mer stär­ke­re Ge­heim­hal­tung. Nicht nur die Män­ner der bei­den er­wei­sen sich als Ge­fahr, auch ih­re ei­ge­nen Müt­ter. Im­mer ver­deckt vor­der­grün­dig die Wahr­heits­lie­be die ei­gent­li­chen ego­is­ti­schen An­trie­be der Neu­gie­ri­gen. Den­noch ge­lingt es Bei­den die Preis­ga­be ih­res Tricks zu ver­hin­dern bis sie selbst zu Ver­rä­tern wer­den. In ih­rem neu­es­ten Ro­man­ent­wurf ent­hüllt Bab­ba die wah­re Ge­schich­te und sen­det sie un­ter ih­rem ei­ge­nen Na­men an ei­nen Ver­lag. Die­ser ver­mu­tet Lil­lemor Troj hät­te un­ter Pseud­onym ih­re Bio­gra­phie ver­fasst und ver­mit­telt den Text an de­ren Ver­lag, der wie­der­rum die ver­meint­li­che Au­torin da­mit kon­fron­tiert.

Hier setzt „Schwind­le­rin­nen“ ein. Wir le­sen mit Lil­lemor Ka­pi­tel um Ka­pi­tel der un­ge­heu­er­li­chen Wahr­heit, die Bab­ba An­der­son in der Ich-Per­spek­ti­ve er­zählt. Da­zwi­schen er­fah­ren wir, was Lil­lemor dar­über denkt. Ih­re Ver­si­on schil­dert der all­wis­sen­de Er­zäh­ler. Die Ge­gen­über­stel­lung die­ser bei­den Wahr­hei­ten er­zeugt nicht nur den gro­ßen Reiz der Kon­struk­ti­on, son­dern auch ei­ne Span­nung, die durch den im­mer­hin an die 500 Sei­ten star­ken Ro­man trägt. Kers­tin Ek­man, die in die­sem Jahr acht­zig Jah­re alt wird, und de­ren voll­stän­di­ger Na­me Kers­tin Lil­lemor Hjorth Ek­man aus Grün­den der Wahr­heit nicht un­er­wähnt blei­ben soll, hat ei­nen um­fang­rei­chen Ro­man ge­schrie­ben. Im­mer­hin schil­dert sie über sech­zig Jah­re ei­nes er­folg­rei­chen Au­torin­nen­le­bens oder bes­ser drei­er er­folg­rei­cher Au­torin­nen­le­ben, Bab­bas, Lil­lemors, wie ihr ei­ge­nes, wel­ches in Fa­cet­ten in de­nen ih­rer Stell­ver­tre­te­rin­nen auf­scheint. Wie Lil­lemor wur­de auch Ek­man zum Mit­glied der Schwe­di­schen Aka­de­mie er­ko­ren, be­sitzt al­so aus­rei­chen­de In­for­ma­ti­on um die­sen Aspekt in ih­rer Li­te­ra­tur­be­triebs­sa­ti­re sub­til aus­zu­leuch­ten. Sie zeigt, wie nicht nur in die­sem Gre­mi­um Prei­se ver­ge­ben und an­hand wel­cher Kri­te­ri­en Preis­trä­ger ge­macht wer­den. In die­sem letzt­end­lich po­li­ti­schen Ge­schäft zählt mehr Schein als Sein. Dies ist wahr­lich kei­ne neue Er­kennt­nis, wird aber in die­sem Ro­man sehr schön in Sze­ne ge­setzt. Gleich­zei­tig ge­lingt Ek­man ein Ge­sell­schafts­pan­ora­ma, in dem sie ih­re Hel­din­nen von den re­strik­ti­ven Fünf­zi­gern über die Al­ter­na­tiv­kul­tur der nach­fol­gen­den Jahr­zehn­te bis in die heu­ti­ge Zeit be­glei­tet. In ei­ne Zeit, in der das Le­sen ei­nes rich­ti­gen Bu­ches zu ei­nem sub­ver­si­ven Akt wer­den kann, vor des­sen Fol­gen Bab­ba An­der­son warnt:

Li­te­ra­tur schä­digt das Ge­hirn und ver­min­dert die Frucht­bar­keit.“

Kers­tin Ek­man, Schwind­le­rin­nen, übers. v. Hed­wig Bin­der, Pi­per Ver­lag, 1. Aufl. 2012

Klamauk auf Skios

Verwechslungsklamotte mit guten Dialogen — „Willkommen auf Skios“ von Michael Frayn

Er­zäh­len Sie ihr, was Ih­nen ge­ra­de ein­fällt. Sie muss nur se­hen, dass je­mand sich be­müht. Sa­gen Sie ihr das klei­ne Ein­mal­eins auf. Sie wird es nicht ver­ste­hen. Ein Mund, der auf- und zu­geht. Mehr wol­len die meis­ten Leu­te hier nicht, wenn man es recht be­trach­tet. Und eins Ih­rer net­ten Lä­cheln. “

Auf ei­nem klei­nen, kar­gen In­sel­chen in der grie­chi­schen Ägä­is bahnt sich der Hö­he­punkt der Sai­son an. In ei­ner ex­klu­si­ven Kul­tur­stif­tung er­war­ten die nicht min­der ex­klu­si­ven Mit­glie­der aus Geld- und Bil­dungs­adel den Jah­res­vor­trag. Hal­ten wird ihn Dr. Nor­man Wilf­red, der als Vor­trags­rei­sen­der in Sa­chen Szi­en­to­me­trie sei­ne gut ge­reif­ten Er­kennt­nis­se schon seit Jah­ren welt­weit ver­wurs­tet. Sein Ant­ago­nist, der jun­ge, at­trak­ti­ve Oli­ver Fox will auf der In­sel ein Wo­chen­en­de mit sei­ner jüngs­ten Er­obe­rung ver­brin­gen, de­ren Freun­din Nik­ki wie­der­um als As­sis­ten­tin der Stif­tung den Vor­trag or­ga­ni­siert. Nik­ki war­tet am Flug­ha­fen als Wis­sen­schaft­ler und Nichts­nutz gleich­zei­tig dort ein­tref­fen. Von ih­rer adret­ten Net­tig­keit an­ge­zo­gen steu­ert der Nichts­nutz auf sie zu, gibt sich als er­war­te­ter Wis­sen­schaft­ler aus und die Ver­wick­lun­gen be­gin­nen.

Ver­wechs­lungs­ko­mö­di­en ha­ben mich noch nie be­son­ders be­geis­tert. Zwei Per­so­nen rut­schen in die fal­schen Rol­len und dann dau­ert es we­gen et­li­cher Ka­prio­len quä­lend lan­ge bis ir­gend­ei­ner da­hin­ter kommt. Al­le An­we­sen­den sind ge­blen­det von ih­ren ei­ge­nen Er­war­tun­gen. Sie hal­ten den Fal­schen für den Rich­ti­gen und selbst ein­deu­ti­ge Hin­wei­se brin­gen sie nicht auf die Spur. Sie ver­har­ren in Schafs­star­re, un­kri­tisch, leicht­gläu­big, groß­äu­gig und ver­trau­ens­se­lig. Das Funk­ti­ons­prin­zip sol­cher Ge­schich­ten ist die Scha­den­freu­de der Zu­schau­er und Le­ser. Sie be­ob­ach­ten das Ge­sche­hen von au­ßen, wis­sen mehr als die in­vol­vier­ten Fi­gu­ren und amü­sie­ren sich über de­ren Ge­schick. Mei­nem Hu­mor ent­spricht dies nicht. An­fangs ver­spü­re ich Mit­leid mit dem Be­nach­tei­lig­ten, der ne­ben dem Glücks­pilz zum Zwangs­in­ven­tar der­ar­ti­gen Kla­mauks zählt. Doch bald be­fällt mich der Wunsch die Sa­che auf­zu­klä­ren. We­gen der Un­er­füll­bar­keit die­ses An­sin­nens wer­de ich schließ­lich so ner­vös, daß ich Film, Stück oder Ro­man ver­las­se.

Will­kom­men auf Ski­os“ ha­be ich zu En­de ge­le­sen. Ein frü­he­rer Ro­man des Au­tors, „Das Spio­na­ge­spiel“ hat­te mich be­ein­druckt. Auch der neue Ro­man Frayns ist sti­lis­tisch sehr gut ge­macht. Wort­spie­le und An­spie­lun­gen ent­lar­ven die nicht nur aka­de­mi­schen Ei­tel­kei­ten. Die ra­schen Wech­sel von Per­spek­ti­ve und Schau­plät­zen en­den stets mit ei­nem Cliff­han­ger, der ho­hes Le­se­tem­po er­zeugt. Trotz­dem ver­moch­te der In­halt der Sto­ry nicht mein In­ter­es­se zu we­cken. Der Hu­mor wirkt nicht schwarz und eng­lisch son­dern plump und dick auf­ge­tra­gen. Im­mer­hin bie­ten ei­ni­ge bril­lan­te Dia­lo­ge Ver­gnü­gen. Aber das war’s dann auch. Die in­tel­lek­tu­el­le Her­aus­for­de­rung ei­ner ei­ni­ger­ma­ßen plau­si­blen Auf­lö­sung die­ses Kud­del­mud­dels spart sich Frayn. Sei­ne Bou­le­vard­ko­mö­die mün­det in ei­ner Slap­stick-Ex­plo­si­on. Üb­rig blei­ben Trüm­mer und hei­ße Luft.

Mi­cha­el Frayn, Will­kom­men auf Ski­os, Carl Han­ser Ver­lag, Mün­chen 2012 

Permutative Plot-Plagiate

Doris Brockmanns Kriminalroman entwickelt einen „Psychoterror der ganz eigenen Art“

Zwei­fel und Zau­dern zi­scheln, dass ihm jetzt nur noch zwei Ta­ge blie­ben, um sein groß­mau­li­ges Ver­spre­chen ein­zu­lö­sen.

Zu­ver­sicht und Zu­trau­en hal­ten da­ge­gen: Letz­te Nacht erst sei die Hand­lung ge­träumt wor­den! Laut Vor­ga­be lau­fe ab dann der Count­down.“

 

Als Tup­pes be­zeich­net der Rhein- bis Ruhr­län­der ei­nen durch­aus lie­bens­wür­di­gen Men­schen, der in vie­len Din­gen nicht der Al­ler­schnells­te ist. Viel­leicht war ein Vor­fah­re von Adri­an Tup­pek, der Haupt­fi­gur des Ro­mans „Das Schrei­ben die­ses Ro­mans war in­so­fern ein Glücks­fall“, auch von der­ar­ti­gem Ge­müt und ep­ony­men Ein­fluss? Der Le­ser er­fährt es nicht. Da­für er­fährt er ei­ni­ges von den Ver­su­chen die­ses Schrift­stel­lers sei­ne chro­ni­sche Schreib­hem­mung zu über­win­den. Als men­ta­ler Coach dient Tup­pek der ös­ter­rei­chi­sche Au­tor Tho­mas Gla­vi­nic, der nach ei­ge­nem Be­kun­den sei­nen „Ka­me­ramör­der“ in nur sechs Ta­gen zu Pa­pier brach­te. Was die­ser schaff­te, das schaf­fe er auch, denkt Tup­pek. Und wie in man­chem Ro­man sei­nes Vor­bilds, der nicht nur mit der Me­ta­ebe­ne spielt, son­dern den Un­ter­schied zwi­schen die­ser und der Hand­lung bis­wei­len ver­wischt, treibt es auch Adri­an Tup­pek oder bes­ser Do­ris Brock­mann mit Adri­an Tup­pek. Die­ser er­lebt und er­lei­det ein „Sechs-Ta­ge-Ro­man-Pro­jekt“ vol­ler Zwei­fel, Zau­dern, Zu­ver­sicht und Zu­trau­en. Un­ter­stützt wird er von sei­nem „Le­bens­men­schen“ Le­na, Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­le­rin im Bä­cke­rei­ver­kaufs­be­reich, die um die phleg­ma­ti­schen Pro­blem­zo­nen ih­res Part­ners weiß. Zwar kann er durch­aus li­te­ra­ri­sche Aus­zeich­nun­gen wie das „Au­toren­sti­pen­di­um der Stadt­bi­blio­the­ken Ber­gi­sches Land“ vor­wei­sen, doch der Durch­bruch blieb ihm bis­her ver­wehrt. Jetzt scheint er na­he. Tup­pek ist der­art mo­ti­viert, daß er von Ro­man­an­fän­gen nur so sprüht, doch dann dräut das scheuß­lichs­te Schick­sal des Schrift­stel­lers, das Pla­gi­at.

Die skur­ri­len Ideen und der iro­ni­sche Stil Brock­manns er­in­nern mich zu­wei­len an Her­bert Ro­sen­dor­fer, der vor al­lem mit der Cha­rak­te­ri­sie­rung der Fi­nanz­be­am­tin sehr ein­ver­stan­den ge­we­sen wä­re. Be­son­ders die Ne­ben­fi­gu­ren er­fah­ren ei­nen gro­ßen Auf­tritt, ich hät­te ger­ne mehr ge­le­sen vom Kauf­haus­kas­sen-Tes­ter und sei­nen Ver­käu­fe­rin­nen. Aber für sie war viel­leicht nicht aus­rei­chend Platz bei all der Pro­mi­nenz, von der hier aus be­sag­ten Grün­den nur das Hem­den- und Bart­mo­del Jür­gen von der Lip­pe und der Kö­ter Brad Pitt(Bull) er­wähnt wer­den kön­nen, nicht zu ver­ges­sen die Welt­li­te­ra­ten Ro­bert Lou­is Ste­ven­son, Ge­or­ges Si­me­non und Ot­to Rom­bach.

Doch was ist die­ses Buch nun ei­gent­lich? Kri­mi­nal­ro­man? Li­te­ra­tur­be­triebs­sa­ti­re? Schrift­stel­ler­sua­da? Schel­men­ro­man? Viel­leicht am ehes­ten ein kri­mi­na­lis­ti­scher Wei­ter­bil­dungs­ro­man, denn wer noch nie et­was von den re­nom­mier­ten Au­torin­nen Ca­rin Dombs­kron, No­ra Mond­bricks oder gar vom Kri­mi­nal­schrift­stel­ler Bo­ris Monn­drack ge­hört ha­ben soll­te, der darf im Ro­man von Do­ris Brock­mann ih­re Be­kannt­schaft ma­chen.

Neuer Haas Grotesk

Wolf Haas erzählt in „Verteidigung der Missionarsstellung“ von Lee Ben in Zeiten der Pandemie

Er­in­nern Sie sich noch an die Pa­nik­wel­le, die vor zwei Jah­ren das be­gin­nen­de Som­mer­loch öff­ne­te? Oder war es die vor­letz­te Angst vor An­ste­ckung? Ich weiß es nicht mehr so ge­nau, denn ge­schmack­lich fin­de ich Gur­ken eher fad und Spros­sen kaum ver­füh­re­ri­scher. Viel­leicht be­sa­ßen die aus Bie­nen­büt­tel ei­ne leich­te Ho­nig­sü­ße, wer weiß?

Wie ich dar­auf kom­me, bes­ser wie Wolf Haas über zahl­rei­che Sprach­ka­prio­len und Zei­len­schlen­ker schließ­lich beim EHEC-Herd lan­det, das le­sen Sie in sei­nem neu­en Ro­man. Doch be­gin­nen wir vor den Ter­ror­spros­sen, der Por­ca Paz­za, dem ver­rück­ten Huhn und der Ku­he­krank­heit, al­so ganz von vor­ne. Oder fast von vorn auf Sei­te 9.

Ei­gent­lich bin ich Ve­ge­ta­ri­er. Ich ha­be mir die­sen Beef­bur­ger über­haupt nur ge­kauft, um mit dir ins Ge­spräch zu kom­men“, hät­te er fast ge­sagt. „Weil ich von der ge­gen­über­lie­gen­den Stra­ßen­sei­te dei­ne Zäh­ne auf­blit­zen sah, als dir der Ver­käu­fer vom Le­der­ja­cken­stand et­was zu­ge­ru­fen hat, und ich dach­te, so stren­ger Ve­ge­ta­ri­er bin ich nicht, dass ich nicht auch mal ei­nen Beef­bur­ger es­sen kann; im­mer­hin la­che ich auch über Ve­ga­ner, die nicht ein­mal Ei­er es­sen, kei­ne Le­der­schu­he tra­gen, und ich fra­ge mich im­mer, ist es für ei­ne Ve­ga­ne­rin über­haupt er­laubt männ­li­ches Ei­weiß in sich auf­zu­neh­men oder greift da auch schon der Tier­schutz?“

Die­ser in ei­ne Bur­ger­ver­käu­fe­rin ver­lieb­te Ve­ge­ta­ri­er und Sohn ei­nes Ho­pi-In­dia­ners und ei­ner Hip­pie-Ba­ju­wa­rin mit auf­fal­len­der Ähn­lich­keit mit dem be­rühm­tes­ten be­klopp­ten In­dia­ner der Film­ge­schich­te ist die Haupt­fi­gur in Wolf Haas’ neu­em Ro­man.

Haas per­sön­lich er­zählt von ihm, er lässt dies nicht sei­nen Er­zäh­ler ver­rich­ten, um die­sem dann, wie es ge­le­gent­lich Au­toren zu un­ter­neh­men pfle­gen, haar­sträu­ben­de Äu­ße­run­gen in die Zei­len zu le­gen, von de­nen sie sich mit dem Hin­weis, es wür­de ja nicht aus ih­rer Fe­der dort hin­ein­flie­ßen, son­dern aus dem Hirn der er­fun­de­nen Fi­gur, wie­der di­stan­zie­ren kön­nen. Al­so, nein, bei die­sem Haas gilt dies wie­der mal nicht, er tritt selbst als Schrift­stel­ler auf. Viel­leicht nicht au­then­tisch, wir wis­sen nicht, ob Wolf Haas tat­säch­lich ein­mal zur Un­ter­mie­te bei ei­ner gei­zi­gen Spie­ße­rin im Na­zi­vier­tel Salz­burgs ge­wohnt hat wie der Haas in sei­nem Ro­man. Die­ser hat dort auf je­den Fall Ben­ja­min Lee Baum­gart­ner, den Ho­pi-Hip­pie-Ab­kömm­ling, ken­nen­ge­lernt. So­wie auch des­sen zu­künf­ti­ge Frau, die der Kür­ze hal­ber bei Baum­gart­ner, Haas und im Ro­man nur als die Baum fir­miert. Über die­se be­rich­tet der Ich-Er­zäh­ler Wolf Haas in Ka­pi­teln, die er zwi­schen die ei­gent­li­che Hand­lung streut. Die­se wie­der­um ver­folgt das Le­ben und Lie­ben des Lee Ben, wie sei­ne Mut­ter den Sohn zu nen­nen pfleg­te, und die er­staun­li­che Ko­in­zi­denz, mit de­nen Amor Pfei­le auf Lee Ben und wel­cher Gott auch im­mer Pest­pfei­le auf den Rest der Mensch­heit ab­schies­sen.

So wie Amor und wahr­schein­lich war’s mal wie­der Apoll ih­re Waf­fen, be­herrscht Haas die Waf­fe des Schrift­stel­lers der­art vir­tu­os, daß er nicht nur Pi­rou­et­ten dreht, son­dern den ge­sam­ten Ro­man als Sprach­a­kro­ba­tik auf­führt, die sich va­ri­an­ten­reich über Wort­spie­le bis zu ganz kon­kre­ter Poe­sie er­streckt. So schaut das be­cir­cen­de Bur­ger­mäd­chen in der Im­biss­bu­de am Green­wich Mar­ket aus ei­ner Öff­nung, die als Wunsch­hin­ein­sprech­fens­ter, Beefburgerherausreich‑, Geldhineinreich‑, Zwie­bel­her­aus­fra­ge- oder Hin­ein­starr­fens­ter plötz­lich un­ver­mu­te­ten De­kor zeigt. Der­art prä­pa­riert wun­dert man sich kaum, wenn we­nig spä­ter nicht nur der sich ver­lau­fen­de Prot­ago­nist falsch ab­biegt, son­dern auch die Zei­le auf der Buch­sei­te. Wenn ei­ner „nichts“ sagt, stellt die­ses Wört­chen dies al­lei­ne auf ei­ner Sei­te dar, so­bald nicht ge­dacht wird, fehlt selbst dies, ein blan­kes Nichts als Sym­bol der Ge­hirn­lee­re. Dass sol­che im Hirn des Au­tors kaum herrsch­te, be­wei­sen der­ar­ti­ge Ideen. Dar­un­ter ei­ni­ge Sei­ten in Man­da­rin, die auf uns Eu­ro­pä­er spek­ta­ku­lär, da voll­kom­men chi­ne­sisch wir­ken, und die zu­dem wie ei­ni­ge Re­zen­sio­nen zei­gen zu den schöns­ten Spe­ku­la­tio­nen an­re­gen.

Die für die Ro­ma­ni­dee Auf­schluss­reichs­te of­fen­bart sich auf den Sei­ten 127 bis 133. Dort zwin­gen dia­go­nal ver­lau­fen­de Zei­len zum Quer­le­sen und er­läu­tern mit we­ni­gen Wor­ten Tarskis An­ti­no­mie-Pro­blem, die Schwie­rig­keit Ob­jekt- und Me­ta­spra­che zu ver­mi­schen. Für Wolf Haas ist es kein Ta­bu, „dass ein Satz nicht über sich selbst spre­chen darf, und wie schön es ist, dass die­ses Ver­bot nur für die Wis­sen­schaft gilt“ be­weist er in sei­nem Ro­man zum gro­ßen Ver­gnü­gen sei­nes Ver­fas­sers wie sei­ner Le­ser. Ein Sprach­spaß, dem es auch an in­halt­li­cher Iro­nie nie fehlt. Vie­les gilt es zu ent­de­cken in die­ser Kon­struk­ti­on aus Ro­man- und Me­ta­ebe­ne, die bei­na­he mit ei­ner Be­geg­nung des Au­tors mit ei­ner Le­se­rin im noch nicht be­en­de­ten Ro­man en­det, tat­säch­lich dann aber fast mit dem Rat­schlag an al­le Win­ter­de­pres­si­ven mit ei­nem Buch an­zu­fan­gen.

Wenn Sie das le­sen­der­wei­se tun wol­len, neh­men sie die­ses, ge­setzt aus der Sa­bon und Al­te Haas Gro­tesk.

 

Wolf Haa­se, Ver­tei­di­gung der Mis­sio­nars­stel­lung, Hoff­mann und Cam­pe Ver­lag, 2. Aufl. 2012