Ohne Skrupel und Skalpell

Irene Dische erzählt in Die militante Madonna von einem Ritter von variabler Gestalt

In meiner Zeit kann man die Menschen schon allein an ihren Zähnen auseinanderhalten. In ihrer Zeit sind alle Zähne gleich, und die Schminke wird mit einem Chirurgenmesser aufgetragen. Wenn Sie Ihr Los als Mann oder Frau nicht hinnehmen, schneiden Sie eben etwas ab oder nähen etwas dran. Alle Subtilität wird verbannt. Alle zarten oder strudelnden Unterströmungen werden ignoriert. Und das nennen Sie „Fortschritt“!“

Irene Disches neuem Roman liegt die Vita einer historischen Person zu Grunde, die anders als es der Titel „Die militante Madonna“ vermuten lässt, keine Tugendgestalt à la Jean D’Arc war. Nein, eine Madonna war der Chevalier d’Èon (1728–1810) nicht, eher eine wehrfähige Minerva, als die er sich einst hat malen lassen. Oder sollte man besser sagen, sie, denn Charles-Geneviève-Louis-Auguste-André-Timothée d’Éon de Beaumont wechselte die Identitäten von Chevalier und Chevalière. Beide Rollen führten ein bewegtes Leben, an dem ihr Inhaber uns Leser dank seinen Erinnerungen teilnehmen lässt. Dische bedient sich einer Quelle, der posthum erschienen Autobiographie, und formt daraus einen Enthüllungsroman, der sehr vergnüglich zu lesen ist.

Als „erster Transvestit der Weltgeschichte“ rühmt der Klappentext den Ich-Erzähler, der seinen, ganz im Stil seiner Zeit gehaltenen Lebensbericht, wie es sich ziemt, mit einen „Vorspruch“ beginnt. Dieser wendet sich an Leser, die in der zukünftigen Moderne glauben, die Genderdebatte erfunden zu haben. D’Èon will mit seiner Geschichte zeigen, wie er vor 250 Jahren ein liberales Leben führte, frei vom spießigen Wahne der korrekten Ausdrucksweise. „In meiner Zeit und in meinen Kreisen sprachen wir, wie es uns gefiel.“  Den im Vorwort grob umrissenen Lebensstationen folgt der eigentliche Bericht. Unter Titeln „Wie ich mich in den Armen einer Ehe eines anderen erholte“ oder „Wie ein Brand in London meine Identität verriet“ erzählen episodenhafte Kapitel die Abenteuer ihres Helden.

Der selbstreflexive Lebensrückblick wirkt wie ein Schelmenroman, auch wenn der Chevalier beileibe kein ungebildeter Tropf ist. Oft gerät er in anscheinend ausweglose Situationen, aus denen ihn zufällige Bekanntschaften retten. Voll Satire charakterisiert er die Umstände und die Menschen, denen er begegnet, und wappnet sich so gegen die unweigerlich eintretenden Enttäuschungen. Mitunter ertappen wir ihn sogar bei einer echten Münchhausiade, zum Beispiel einem heldenhaften Ritt von Petersburg nach Versailles. Verletzt durch einen Sturz konnte er „den Gewaltritt noch weitere vier Tage fortsetzen, während mein gebrochenes Bein am Steigbügel baumelte und der blanke Schienbeinknochen herausstand und den Strumpf durchscheuerte“.

Die Mission erfüllte er im Dienst des französischen Königs Louis XV.. Als Diplomat in geheimem Auftrag, vulgo Spion, wechselte er nicht nur von Männer- in Frauenkleider, als Chevalier, der sich mit dem Degen duellierte, oder als Lea, der Vertraulichkeiten offenbart wurden. Er wechselte auch Aufenthalt und Loyalitäten. Der Provokateur und „Gassenjournalist“ Morande lehrte ihn Intrigen mit Intrigen zu begegnen. Gemeinsam mit de Beaumarchais ersannen sie einen Plan gegen den ungerechten König. Der Chevalier schreckte vor Erpressung nicht zurück und wandte sich als letztes Mittel an die Presse, ganz modern, wie er der Leserin gegenüber betont.

Die Amüsanz der Chevalier‘schen Abenteuer erzählt Irene Dische in ebenso amüsanter Sprache. Besonderes Vergnügen machen ihre ironischen Wortschöpfungen, die unsere Jetztzeit zu einem „bauchnabelbeschaulichen Jahrhundert“ degradieren und den französischen Botschafter zur Zeit des Chevaliers als „feistes Zipfelhirn“ entlarven. In ihren Worten klingen die Wahrnehmungen ihres Helden wie Weisheiten, die man so Manchem gerne ins Album schreiben möchte. „Aber das Alter schmückt einen Hengst nicht, Morande machte eine langsame Metamorphose durch, und mit fünfzig war er ein zahnloses Maultier.“ 

Am Ende der Lektüre fällt der Blick nochmals auf den Klappentext. War er nun ein „Transvestit“ dieser d’Èon? Sicher nicht der erste der Weltgeschichte, würde er antworten. Er ließ sich in seiner Identität nicht gerne festlegen, als Mensch einer revolutionären Epoche galt ihm seine Freiheit über alles, auch die des Gefühls und der Gestalt. Welche Konsequenzen dies hatte, davon erzählt Dische deutlich und klar.

Irene Dische, Die militante Madonna, übers. V. Ulrich Blumenbach, Hoffmann und Campe 2021

Pathos mit Klischee

Karine Tuil erzählt in „Die Zeit der Ruhelosen“ über Herkunft und Schicksal

In unserer Gesellschaft ist etwas sehr Ungesundes im Gange, alles wird durch den Blickwinkel der Identität betrachtet. Jeder wird auf seine Herkunft festgelegt, egal, was er tut.“

Meine einzige Identität ist eine politische“, lautet das Bekenntnis einer Figur im neuen Roman der französischen Schriftstellerin Karine Tuil. Bekannt geworden durch ihren Erfolg Die Gierigen ist sie nun mit dem bei Ullstein erschienenen und von Maja Ueberle-Pfaff ins Deutsche übertragenen aktuellen Roman Die Zeit der Ruhelosen entsprechenden Erwartungen ausgesetzt. Dies mag einer der Gründe sein, weshalb er beim „Literaturclub“ des Schweizer Fernsehens und beim „Literarischen Quartett“ des Südwestfunks auf dem Programm stand.

Im Mittelpunkt der Handlung stehen drei Männer, François, Romain und Osman, deren Erleben Tuil in alternierenden Kapiteln erzählt, sowie Marion, die zwischen zweien dieser Männer steht.

François Vély leitet einen Konzern der französischen Mobilfunkbranche und ist einer der reichsten Männer des Landes. Der Vater dreier Kinder aus erster Ehe ist zum zweiten Mal mit „Pathos mit Klischee“ weiterlesen

Die universale Benetton-Farbe des Bluts“

Marie Darrieussecq hinterfragt in „Man muss die Männer sehr lieben“ den subtilen Rassismus

Darrieussecq_24902_MR.inddEr war ein Mann mit einer Großen Idee. Die sah sie in seinen Augen leuchten. Seine Pupille rollte sich zum glühenden Band zusammen. Sie drang in seine Augen ein, um mit ihm dem Fluss zu folgen (…) aber wer war der Mann auf dem Foto? Wer ist der Mann, dessen Fotos in den Klatschblättern von Hollywood kursieren? Wer ist der Mann, der sie angeblickt hatte, der sie in ihrer Erinnerung anblickt? Ihre Haut weist von ihm keinerlei Spuren mehr auf, nur die Spuren der Zeit (…).“

Bleibt das Gegenüber nicht immer ein Rätsel, egal wie nah man ihm kommt? Sein Innerstes ist unzugänglich. Gepanzert durch die Fassade des Körpers, mit der Haut als letztem Wall, als sichere Schutzschicht, egal welche Farbe sie hat.

Farbe? Eine Kategorie, die in unserer Zeit nichts mehr verloren hat? Verloren haben sollte? Erst recht im Bewusstsein einer toleranten, liberalen, gebildeten, weißen europäischen Frau?

Eine solche Frau, Solange, Mitte 30 und Schauspielerin, macht die französische Autorin Marie Darrieussecq zur Hauptfigur ihres neusten Werks. Der Beziehungsroman trägt den programmatischen Die universale Benetton-Farbe des Bluts““ weiterlesen

Humus der Vergangenheit

Wie Erinnerungen gedeihen — Patrick Modianos „Gräser der Nacht“

modianoDu hast eine kurze Zeit deines Lebens – einfach so in den Tag hinein, ohne dir Fragen zu stellen – unter seltsamen Umständen gelebt, umgeben von ebenfalls seltsamen Menschen. Und erst viel später kannst du endlich verstehen, was du erlebt hast und wer diese Menschen aus deiner Umgebung eigentlich waren, vorausgesetzt, man gibt dir endlich die Möglichkeit, eine verschlüsselte Sprache zu entwirren. Die meisten Leute sind nicht in dieser Lage: ihre Erinnerungen sind einfach, geradlinig und genügen sich selbst, und sie brauchen auch nicht zig Jahre, um sie zu erhellen.“

Diesen Erinnerungsprozess beschreibt Patrick Modiano in seinem jüngsten Roman Gräser der Nacht. Doch nicht nur der Ich-Erzähler auch der Autor selbst sind Meister des literarischen Erinnerns, wofür der 1945 geborene französische Romancier im zurückliegenden Jahr mit dem Literaturnobelpreis geehrt wurde.

Sein zunächst namenloser Held, dessen Vorname Jean sich erst spät offenbart, rätselt noch immer am Verschwinden seiner einstigen Liebe Dannie. Er betritt Orte der Vergangenheit und taucht durch sie in die zurückliegende Zeit. Doch handelt es sich anders als in Prousts Recherche nicht um eine „Humus der Vergangenheit“ weiterlesen

Die Konvertiten

Michel Houellebecq karikiert in „Unterwerfung“ Missstände in Gesellschaft und Religion

HouellebecqNicht nur der Sex hatte für Huysmans niemals die Bedeutung, die er ihm unterstellte, sondern dasselbe galt mit Sicherheit auch für den Tod, die existentiellen Ängste spielten für ihn keine Rolle. Was ihn an der berühmten Kreuzigung von Grünewald so sehr bewegt hatte, war nicht die Darstellung des Todeskampfes Christi gewesen, sondern die seiner körperlichen Qualen, womit Huysmans auch in diesem Punkt allen anderen Menschen glich, denen ihr eigener Tod im Allgemeinen mehr oder minder gleichgültig ist; ihre einzige wirkliche Sorge besteht darin, der körperlichen Qual so weit wie möglich zu entkommen. (…)

Das einzige echte Thema von Huysmans war das bürgerliche Glück, ein für Junggesellen auf schmerzhafte Weise unerreichbares bürgerliches Glück, …“

Diese Erkenntnis erlangt François, der 44jährige Ich-Erzähler, gegen Ende des Romans Unterwerfung. Sein Autor, Michel Houellebecq, kritisiert in dieser aktuellen Satire kollektive wie individuelle Zustände, die er entlang der Entwicklung seines Helden erzählt.

François, ein agnostischer Misanthrop, hat sich seit seiner Dissertation über Joris-Karl Huysmans vollkommen seinem Forschungsgegenstand verschrieben. Der französische Dandy und Literat dient „Die Konvertiten“ weiterlesen

Barbarische Zivilisierung

François Garde erinnert in seinem ersten Roman „Was mit dem weißen Wilden geschah” an einen außergewöhnlichen historischen Fall

GardeIch schaue Narcisse an, der das Meer anschaut. Seit nunmehr vier Monaten verbringen wir gemeinsam unsere Tage. Aus dem einst stummen weißen Wilden, der Furcht einflößte und zugleich verängstigt war, ist ein freundlicher und diskreter Reisegefährte geworden, der keinerlei Aufmerksamkeit erregt.

Und was ist mit mir? Hat mich dieses Abenteuer verändert? Meine Beobachtungen haben einige meiner Gewissheiten erschüttert. Was ist ein Wilder? Und falls Narcisse wirklich durch und durch ein Wilder geworden war, an welchem Tag, zu welcher Stunde wird er wieder ein Mitglied unsere Zivilisation sein? Was lehrt uns seine Lehrzeit über das Lernen? Und wer von uns beiden ist der Lehrling?

Ich habe keine Antwort auf diese Fragen. Ich weiß nur, dass die Geschichte von Narcisse keine schlichte Anekdote ist.“

Ein weißer Wilder muss in der Mitte des 19. Jahrhunderts, zur Handlungszeit des vorliegenden Romans, wie ein Paradoxon geklungen haben. Wilde galten bestenfalls als edel und schön. Viele der so bezeichneten Menschen ferner Regionen wurden wie skurrile Souvenirs ihren Ursprungsländern entrissen und „Barbarische Zivilisierung“ weiterlesen

Chaim heißt Leben und das Leben stirbt nicht

Ralph Dutlis eindrucksreicher Künstlerroman Soutines letzte Fahrt

DBLSol sajn, as ich boj in der luft majne schlesser.
Sol sajn, as majn got is in ganzen nischt do.
In trojm wet mir lajchter, in trojm wet mir besser,
In trojm is der himl mir blojer wi blo.“ S. 87

Manche Menschen, die dem Tode nahe waren, beschreiben die überstandene Situation als eine Fahrt ins weiße Licht, während der Stationen ihres Lebens in kürzester Zeit vorüber ziehen.

Das Sterben des jüdischen Malers Chaim Soutine umfasste mehr als die 24 Stunden des 6. Augusts 1943. Versteckt in einem schwarzen Citroën Corbillard, einem Leichenwagen, ging an diesem Tag die Fahrt abseits aller Kontrollen von der Loire nach Paris. Dort sollte in einem Krankenhaus die lebensrettende Operation erfolgen. „Chaim heißt Leben und das Leben stirbt nicht“ weiterlesen

Le secret de maman

Hélène Grémillon enthüllt in „Das geheime Prinzip der Liebe” Müttergeheimnisse

Leihmutterschaft ist kein modernes Phänomen. Vor der Entwicklung der In-Vitro-Technik fand die Befruchtung auf natürlichem Wege statt. Die Leihmutter war identisch mit der leiblichen Mutter, lediglich der Mann des Kinderwunschpaares gab seine Erbanlagen weiter. Da der austragenden Frau ihre Mühen gut bezahlt wurden, fanden sich für derartige Abkommen vor allem Angehörige der unteren Schichten bereit.

Friedrich Hebbel thematisiert einen solchen Vorgang und dessen Konflikt in seinem 1857 entstandenen dramatischen Gedicht „Mutter und Kind“. Hélène Grémillon, die Autorin von „Das geheime Prinzip der Liebe“, verlegt ihn ins Frankreich des Jahres 1939.

Wie der deutsche Titel des Romans in größter Klarheit sagt, handelt er vor allem von der Liebe. Doch nicht nur von der manchmal großen und oft nicht einzigen zwischen einem Paar, sondern „Le secret de maman“ weiterlesen

Surreale Odyssee

Jean Cayrol „Im Bereich einer Nacht“ — Die Wiederentdeckung eines großen französischen Romans


„Und was habe ich in diesem Winkel hier wiedergefunden? Eine verfallene Kindheit, eine niedergehauene Landschaft und über all dem eine wütende, rasende Nacht.“

Anlässlich des hundertsten Geburtstags von Jean Cayrol (1911–2005) hat der Schöffling-Verlag dessen Roman „Im Bereich einer Nacht“ neu aufgelegt, in der beeindruckenden Übersetzung durch Paul Celan.

Der dreißigjährige François ist aus Paris aufgebrochen um seinen Vater zu besuchen. Dieser wohnt in Sainte-Veyres, nach dem Krieg in Chauvigny umbenannt. Man ahnt gleich zu Beginn, daß sich nicht ein freudiges Wiedersehen mit dem Ort und den Personen der Kindheit anbahnt. François verlässt den Zug eine Station vor dem Ziel, um nicht von seinen Vater von Bahnhof abgeholt zu werden und so eine öffentliche Umarmung  zu vermeiden. Doch diesen Entschluss bereut er bald. So sehr ihm vor der Begegnung mit dem Vater graut, ängstigt ihn der Fußweg durch die graue, dunkelnde Herbstlandschaft. Er verlässt die Straße wissend sich in diesem „Schierlings- und Brombeerreich“ heillos zu verlaufen.

Die Begegnung mit ein paar Jungs, die nach einen Schatz graben, lösen Erinnerungen an seine eigene, vom Glück weit entfernte Kindheit aus.

Ich sah ein, daß es unmöglich war, aus eigenen Kräften glücklich zu werden: das war der kunstreich errungene Sieg meines Vaters, die harte Lektion einer knirschenden Mainacht.“

Weiter auf der Suche nach dem rechten Weg durch ein vom Krieg zerstörtes Dorf und seinen Wald, verfolgt von einem herrenlosen Hund, erinnert er sich an seinen letzten Besuch beim Vater, dem „Überwitwer“, der seinen beiden Kindern die Trauer um ihre Mutter verboten hatte.

Arme Mutter, nie habe ich sie anders gekannt als angeschmiedet an ihren Tod. Vater hatte sie eingekerkert, eingesargt in einem unzugänglichen Kummer. Niemand durfte ihrer gedenken. Nur auf seinen Wink hin durften die Tränen fließen und die Seufzer laut werden. Er gehörte ihm und nur ihm allein, dieser Tod.“

Als einziger Lichtblick in dieser Herbstdämmerung voll schwarzer Melancholie erscheint François sein Glück mit Juliette. Er denkt an ihre erste Begegnung, an ihre bescheidene Wohnung in Paris, in der sie glücklich sein wollen, vor allem, weil sie nicht „den anderen mit irgendwelchen alten Bindungen behelligen“. Die Vergangenheit muss verdrängt werden, um glücklich leben zu können. „Darf man den anderen Dinge aufbürden, die man selbst nicht mehr erträgt?“ François trägt nicht als Einziger eine solche Last mit sich, auch Juliette hat eine Erinnerung zu verschweigen. Deren Zeugen, die Briefe Fernands, könnte sie jedoch mit Leichtigkeit verbrennen. François hingegen holen seine Albträume an jedem Wegweiser ein. Seine einstigen Selbstmordgedanken, die auch den anderen Mitgliedern dieser unglücklichen Familie nicht fern lagen, und die todesnahe Atmosphäre, deren vorherrschendes Element die Angst war.

Als Kind war ihm kaum etwas anderes beigebracht worden als Angst; eine Angst, der man mit keinerlei Argumenten, mit keinerlei Mut beikam.“ Früchte einer streng religiösen Erziehung. „Dieses Frikassee von Teufeleien, das man uns täglich auftischte.“

Schließlich wird der mittlerweile von Kälte, Hunger und Erinnerungen zermürbte François von einer Autofahrerin aufgelesen. In deren Haus erhält er zwar ein wenig Wärme und einen Cognac, gerät aber zugleich in einen Streit zwischen Vater und Tochter, der ihn schnell seinen Weg fortsetzen lässt. Doch welchen?

Es gibt immer zwei Wege nebeneinander, einen falschen und einen richtigen. Und Sie – Sie schlagen immer nur die Wege ein, von denen kein Mensch etwas wissen will. Der richtige Weg läuft an den Gleisen entlang. Sie rennen da auf Wegen herum, als ob Sie auf Amseln aus wären, wie die Kinder.“

François’ Weg zurück führt weiter durch seine Kindheit, die er gemeinsam mit seiner Schwester hinter verschlossenen Türen verbringen musste, nur einmal durften sie einen unbeschwerten Tag in Freiheit erleben. Da zeigt sich dem erwachsenen François plötzlich ein Licht in der Dunkelheit, er wähnt sich in Sicherheit, imaginiert eine „anheimelnde, rege, heitere Wohnstätte“, formuliert schon den Bericht seiner nächtlichen, unheimliche Irrfahrt an Juliette, als er beim Betreten des Hauses gefragt wird, ob er wegen des Toten komme. Voller Schreck, von abermaligen Erinnerungen überwältig, verliert er das Bewusstsein. Die Bewohner betten ihn auf ein Sofa und bieten ihm an über Nacht zu bleiben. Vom Nebenraum aus lauscht er den Gesprächen der Frauen, erfährt von ihrem Unglück und, daß der Tote nur zu Besuch war. Sein Unwohlsein lässt ihn in Fieberphantasien fallen, die seine Kindheit heraufbeschwören und ihn fragen lassen, ob der Tod seines Vaters ihn endgültig  befreien würde, ob er dann mit Juliette ein neues Leben anfangen könne oder ob er durch die Befreiung vom Verursacher seines Kindheitsunglücks gleichzeitig auch seine Kindheit selbst verlieren würde.

Wieder erwacht hört er die Schneiderin Raymonde und ihre Tochter Claire, später trifft Simon ein, und bringt Unfrieden in seine Familie. Eine Familie, die wie sich zeigen wird, schon längst zerstört ist. Auf dem Höhepunkt des Streites mit ihrem Vater Simon, flieht Claire aus dem Haus. François wird aufgefordert bei der Suche zu helfen. Diese gilt allerdings mehr dem teuren Hochzeitskleid, daß Claire zur Probe übergeworfen hatte, als dem jungen Mädchen selbst. François irrt wieder durch die Nacht und findet Claire schließlich in dem Haus, welches ihm als Knaben Zuflucht geboten hat. Das Haus des alten, lieben Lehrers Jean.

Die Lösung seiner Fragen und damit das Ende dieser Nacht erschließt sich ihm und damit auch dem Leser auf der vorletzten Seite des Romans.

Jean Cayrol beschreibt in seinem Werk die nächtliche Odyssee seines Protagonisten François zu einem Ziel, welches er eigentlich gar nicht erreichen will. Immer wieder unterbrechen Erinnerungen an die Schrecken seiner Kindheit die Suche. Fetzen, die sich nach und nach zusammen fügen. Daneben gibt es Gedanken an sein jetziges Leben, seine Liebe zu Juliette. Von ihrer Situation berichtet der Autor in zwei kurzen Kapiteln. Sie zeigen, wie auch sie von einer Erinnerung belastet wird.

Jean Cayrol schildert die Suche nach dem rechten Weg, der sich in einer vom Krieg traumatisierten Gesellschaft nur schwerlich finden lässt. Er führt durch zerstörte Orte und verwilderte Natur, vorbei an verfallenen Häusern und obskuren Begegnungen. Trotz seines bedrückenden Inhalts, fesselt der Roman, leicht und fließend formuliert. Mehrere Bewusstseinsströme kombinierend entwickelt Cayrol ein intensives Psychogramm des Protagonisten. Erfahrung und Phantasie, Fieber und Traum bilden die Wirklichkeit dieser dunklen Nacht der Erinnerung. So erzeugt dieser Roman, dem ich noch viele weitere Leser wünsche, einen ungeheuren Lesesog.

Im Nachwort würdigt die Romanistin Ursula Hennigfeld den Dichter und Verleger Jean Cayrol. Cayrol wurde als Mitglied der Résistance 1943 im Lager Mauthausen interniert, wo er den Mitinhaftierten Gedichte von Racine und Rimbaud, sowie eigene Werke vortrug. Diese erschienen 1997 unter dem Titel „Schattenalarm“. Seit 1949 war Cayrol verlegerisch tätig. 1973 wurde er Mitglied der Académie Goncourt.

In ihrer Analyse des Romans betont Hennigfeld dessen surrealistische Struktur, sowie die subtextualen Anspielungen auf die Erinnerungspolitik des französischen Staates. Cayrol hat in allen seinen Werken seine Erfahrungen mit Krieg und Shoah verarbeitet, diese aber immer im Literarischen belassen.

Die Freundschaft zwischen Jean Cayrol und Paul Celan, geprägt durch die gemeinsame Arbeit gegen das Vergessen, führte dazu, daß Cayrol Celan um die Übersetzung seines Buches bat. Welche dichterische Freiheit er ihm hierbei ließ, erläutert die Autorin.

Kream Korner is Dream Korner”

Anna Katharina Fröhlich besingt in ihrem neuen Roman die Sehnsucht nach Indien

Der Versuch zu begreifen, weshalb man Indien liebt, ist ebenso sinnlos wie der Versuch zu erklären, weshalb man das Leben liebt.“

Kream Korner ist nicht nur der blumige Name einer Garküche auf dem Dach in einer indischen Provinzstadt, Kream Korner wird nach der Lektüre des gleichnamigen Romans zum Inbegriff für ganz Indien. Doch bevor die Leser gegen Ende des Buches die wackligen Installationen dieses Etablissement betreten, führt die Autorin sie in die dekadente Welt der indischen Oberschicht. Prunkvolle Stadtpaläste begegnen uns dort, in denen eine „nach nassem Dackelfell und Mottenkugeln riechende Kühle“ herrscht und der Hausherr sich in Gondelpantoffeln vor einem anachronistisch anmutenden Flachbildschirm rekelt. Es handelt sich um Maripal Singh Bill, das Oberhaupt einer überaus wohlhabenden Sikh-Familie, mit der Lord Leslie, der verstorbene Onkel der Ich-Erzählerin, eine diplomatische Freundschaft verband. Früher waren sie häufig Gäste der Bills, welche die Tante gerne als eine „Bande verwöhnter Faulpelze“ bezeichnet, von denen mancher „derart von seinen Privilegien verblödet war, dass er nur noch die Wetterlage klar einzuschätzen verstand“.

Gemeinsam mit ihrer Tante trifft die junge Frau nun anlässlich einer Hochzeitseinladung erneut bei den Bills ein. Sie hatte sich nach der Aufgabe ihres Theologiestudiums auf das südfranzösische Kream Korner is Dream Korner”“ weiterlesen