Tue Gutes und schreibe darüber

Variationen von Schwarz — Dagmar Leupolds Roman „Unter der Hand“

LeupoldWenn man das ganze Leben als Notfall betrachtet, ist es naturgemäß schwierig, sich zu rüsten, und letztlich gleichgültig, ob man mit einem Überseekoffer unterwegs ist oder mit einem Beutelchen voller Brotkrumen zum Ausstreuen. Es fehlt das Vertrauen in Rückwege.“

Manche Menschen haben ein dickes Fell, das sie unempfindlich gegen äußere Anmaßungen macht. Nicht so Minna, die seit ihrer zu frühen Geburt eine äußerst durchlässige Hülle besitzt. So dünn, daß selbst ein Lufthauch ihr unter die Haut fährt.

Doch ihre Sensibilität ist nicht verantwortlich für den plötzlichen Tod der knapp über 50jährigen, von dem der Leser bereits im Prolog erfährt. Hingebettet wie Schneewittchen findet ihr Wohnungsnachbar sie entschlafen auf dem Bett, zusammengerollt wie ein Fötus. Er erinnert sich an eine unerschrockene, witzige, kluge und „Tue Gutes und schreibe darüber“ weiterlesen

Falling Man falling in Love

Uwe Timm besingt in Vogelweide die postmoderne Minne

Für sie hatte er sich das Wort Liebe bewahrt. Und bei ihr ging es ihm leicht über die Lippen, auch jetzt für sich und stumm gesprochen. (…) Das Bild war nicht verblasst.“

Liebe, Schuld, Tod und Erinnerung sind große Themen der Literatur, die auch der neue Roman Vogelweide des 72-jährigen Uwe Timm aufgreift. Der durch viele Veröffentlichungen bekannte Autor, erinnert sei an Die Entdeckung der Currywurst, durch Verfilmung und Schullektüre populär, und an Halbschatten, der historischen Fiktion über die Fliegerin Marga von Etzdorf. Mit letztgenanntem Titel stand er 2010 auf der Longlist des Deutschen Buchpreises, unter den diesjährig Nominierten findet sich das vorliegende Werk des lebenserfahrenen Autors.

Ruhig und abgeklärt als müsse er vom Leben nichts mehr erwarten wirkt auch der Protagonist der Romans. Christian Eschenbach, studierter Theologe mit bankrotter IT-Firma, lebt seit einigen Monaten als Vogelwart auf der Elbinsel Scharhörn seine selbstgewählte Robinsonade. „Falling Man falling in Love“ weiterlesen

Deutscher Buchpreis 2013 — Shortlist

Shortlistschock

Dies sind die sechs Kandidaten, die die Vorausscheidung zum Deutschen Buchpreis 2013 überstanden haben. Ihre Position auf der Shortlist sichert ihnen ein Preisgeld von 2500 Euro und die Aussicht auf mehr, Ruhm und Ehre inklusive. Aber sichert es ihnen auch Erfolg im Buchhandel? Ich habe den Eindruck, die Jury will in diesem Jahr ganz bewusst gegen dieses Argument ansteuern und wählte keinen Kandidaten, der wie Tellkamps Turm für leuchtende Buchhändleraugen sorgt. Das vermögen vielleicht eher meine ausgeschiedenen Favoriten, die Romane von Ralph Dutli, Thomas Glavinic und Norbert Gstrein.

Ergänzend zur Shortlist folgen meine Antworten auf die Fragen an die Buchpreisbloggerinnen aus dem Projekt „5 lesen 20“.

- Welcher Roman der Shortlist ist Ihr Favorit und warum? „Deutscher Buchpreis 2013 — Shortlist“ weiterlesen

Literatur versus Religion

Norbert Gstrein erzählt in Eine Ahnung vom Anfang von der Last der Verantwortung

DBLIch hatte ihm vom ersten Schuljahr an, in dem ich sein Lehrer war, Bücher geliehen, und wenn man wollte, fand man darunter auch Titel, die angetan waren, ihn für einen normalen Alltag untauglich zu machen, aber Hunderte, Tausende von Leuten lieben dieselben Bücher und wissen damit umzugehen, fühlen sich jedenfalls nicht aufgerufen, das eigene Leben zu sabotieren, wie er es getan hat.“ S. 45

Bücher können helfen, die großen Sinnfragen zu beantworten, die sich fast jedem ab Beginn der Pubertät stellen. Eine Alternative jenseits der Literatur bietet die Religion. Wie ein Gleichnis über Macht und Ohnmacht dieser beiden Imaginationswelten und den Desillusionierungen, denen sie gegenüber der Realität ausgesetzt sind, liest sich Norbert Gstreins Roman Eine Ahnung vom Anfang. Er zeigt auch die Schwierigkeiten des Erinnerns, das im Wunsch Kausalitäten zu konstruieren, subjektiver Interpretation und Psychologisierung unterliegt.

Gstrein_24334_MR.inddSo ergeht es dem Deutsch- und Geschichtslehrer Anton, als er den Bericht über eine Bombendrohung liest und auf dem unscharfen Bild der Überwachungskamera einen ehemaligen Schüler zu erkennen glaubt. Daniel, hypersensibel und hochbegabt, war ihm nicht nur als sehr guter Schüler aufgefallen, sondern durch ein paar gemeinsam verbrachte Sommerwochen vertraut geworden. Daniels zögerliche Orientierung nach dem Abitur, sein religiöser Tick und seine Schwierigkeiten mit Frauen, scheinen Grund und Folge für Daniels Ausderweltgefallensein. Doch steckt er auch hinter dem angedrohten Attentat?

In den drei Teilen seines Romans schildert Gstrein in atmosphärischer Sprache die äußeren Gegebenheiten eines abgelegenen Naturidylls und die inneren Zustände von Freiheit und Restriktion. Damals im Sommer genoss Anton die Einsamkeit auf einem Mühlengrundstück am Fluss. Dorthin zog er sich zurück, an den Nachmittagen kurz vor den Sommerferien, um „Literatur versus Religion“ weiterlesen

Besessene Sinnsuche

Thomas Glavinic schildert in Das grössere Wunder innere und äussere Extremwelten

DBLWas für ein Gefühl, dachte Jonas während des Falls. Was für ein Rauschen, was für ein Geruch, was für ein Leuchten, was für eine Kraft, welch Wildheit, was für eine Präzision, was für eine Erschütterung, was für ein Prickeln, was für eine Überraschung, was für eine Musik, was für ein Wind, welch Stolz, wie schön, was für eine Leichtigkeit, was für ein Wahnsinn, was für ein Himmel, was für eine Zeit, was für eine Erfahrung, was für ein Leben. Und er fiel und fiel und fiel. Und er fiel noch immer. Und fiel.“ S. 203

Stellen Sie sich letzte Fragen und interessieren Sie sich für Extremsituationen, dann lesen Sie Das größere Wunder, den neuen Roman von Thomas Glavinic. Wie bereits in Die Arbeit der Nacht und Das Leben der Wünsche trägt die Hautpfigur den Namen Jonas und denkt über den Sinn seiner Existenz nach. Diesmal befindet er sich auf einer Expedition zum Mount Everest.

Glavinic_24332_MR1.inddWer, wie ich, bei einer Achttausenderbezwingung an Reinhold Messner oder gar an die gamsbärtige Bergsteigerromantik eines Louis Trenker denkt, sieht der Aussicht eine solche Unternehmung gut 500 Seiten lang zu begleiten eher skeptisch entgegen. Doch er wird positiv überrascht werden, denn ihn erwartet eine spannende Mixtur aus Gipfelstürmerei und Mafiagebaren, Coming-of-Age-Story und Philosophie. Diese verabreicht Glavinic seinem Leser in zwei von Kapitel zu Kapitel wechselnden Erzählsträngen, Jonas’ Besteigung des Everest-Gipfels und sein bisheriges Leben, das seine zunächst schlimme Kindheit, seinen Einzug ins Schlaraffenland und sein Erwachsenwerden umfasst.

Beide Erzählungen sind von zahlreichen glücklichen Zufällen, man mag sie auch Wunder nennen, geprägt. Hoffnungslos erscheint das Leben der vernachlässigten Zwillingsbrüder Jonas und Mike bei ihrer alkoholkranken Mutter und deren gewalttätigen Männern, als eine gute Fee sie aus dieser Situation rettet. Picco ist der Großvater von Jonas” bestem Freund Werner, eher einem Mafiapaten „Besessene Sinnsuche“ weiterlesen

Chaim heißt Leben und das Leben stirbt nicht

Ralph Dutlis eindrucksreicher Künstlerroman Soutines letzte Fahrt

DBLSol sajn, as ich boj in der luft majne schlesser.
Sol sajn, as majn got is in ganzen nischt do.
In trojm wet mir lajchter, in trojm wet mir besser,
In trojm is der himl mir blojer wi blo.“ S. 87

Manche Menschen, die dem Tode nahe waren, beschreiben die überstandene Situation als eine Fahrt ins weiße Licht, während der Stationen ihres Lebens in kürzester Zeit vorüber ziehen.

Das Sterben des jüdischen Malers Chaim Soutine umfasste mehr als die 24 Stunden des 6. Augusts 1943. Versteckt in einem schwarzen Citroën Corbillard, einem Leichenwagen, ging an diesem Tag die Fahrt abseits aller Kontrollen von der Loire nach Paris. Dort sollte in einem Krankenhaus die lebensrettende Operation erfolgen. „Chaim heißt Leben und das Leben stirbt nicht“ weiterlesen