Dichter-Dogge

Sigrid Nunez komponiert in „Der Freund“ Eigenes und Fremdes zu einem Buch über Schriftsteller und ihr Schreiben

Aber auf die­sen Sei­ten fin­det sich vie­les, von dem ich nie je­man­dem er­zählt ha­be. Es ist selt­sam, wie der Akt des Schrei­bens zu Ge­ständ­nis­sen führt. Nicht, dass es nicht auch da­zu führt, das Blaue vom Him­mel her­un­ter­zu­lü­gen.“

Man­chem Le­ser mag beim Blick auf das Buch un­wohl wer­den, wenn auch nicht so sehr wie mei­nem Freund. Mit Schre­cken denkt die­ser dar­an zu­rück, wie ein paar mun­te­re Er­wach­se­ne, al­len vor­an sei­ne El­tern, ihn auf den Rü­cken ei­nes rie­si­gen Hun­des hiev­ten. Das Ge­schrei des Drei­jäh­ri­gen war groß, das Reit­tier blieb je­doch ge­las­sen. Es war ei­ne Dog­ge, und da die Ge­schich­te im süd­li­chen Skan­di­na­vi­en spiel­te, ei­ne dä­ni­sche, auch wenn, wie Sig­rid Nu­n­ez in ih­rem Ro­man Der Freund er­klärt, die­se Ras­se als deutsch be­zeich­net wird. Ob der sanf­te Rie­se von da­mals, wie der Hund im Ro­man ei­ne Har­le­kin­dog­ge mit schwar­zen Fle­cken auf wei­ßem Fell  war, ist nicht mehr im Ge­dächt­nis. Ge­blie­ben ist je­doch die Pho­bie. Mein Freund wür­de al­so nie­mals das tun, was in Nu­n­ez‘ Buch ge­schieht, ei­nen hin­ter­las­se­nen Hund auf­neh­men.

Sig­rid Nu­n­ez‘ Ich-Er­zäh­le­rin, wie die­se Schrift­stel­le­rin und Do­zen­tin für Krea­ti­ves Schrei­ben, steht zu­nächst wi­der­wil­lig die­sem Er­be ge­gen­über, nach­dem ihr bes­ter Freund den Tod ge­wählt hat. Noch wäh­rend sie trau­ert und nach Ant­wor­ten sucht, er­hält sie die Bot­schaft, daß „Dich­ter-Dog­ge“ wei­ter­le­sen

Konstrukt Weltliteratur

Worüber wir sprechen, wenn wir über Bücher sprechen“ — Tim Parks über Literatur

Es ist ei­ne Wei­le her, da ha­be ich un­ter dem Ti­tel „Wor­über wir re­den, wenn wir über Bü­cher re­den“ ein Buch be­spro­chen, wel­ches nicht nur wie das vor­lie­gen­de im Kunst­mann Ver­lag er­scheint, son­dern des­sen Au­tor, Pierre Ba­y­ard wie Tim Parks auch wis­sen­schaft­lich der Li­te­ra­tur zu­ge­wandt ist. Wäh­rend Ba­y­ard zur Lü­cke an­lei­tet un­ter dem ori­gi­nal­ge­treu über­setz­ten Ti­tel „Wie man über Bü­cher spricht, die man nicht ge­le­sen hat“, er­läu­tert Parks in „Whe­re I’m Rea­ding from“ sei­ne Sicht aufs Le­sen. Sei­ne Es­says zu fast al­len Aspek­ten des Le­sens und Schrei­bens lie­gen nun in der Über­set­zung von Ul­ri­ke Be­cker und Ruth Keen als „Wor­über wir spre­chen, wenn wir über Bü­cher spre­chen“ vor. Ein wirk­lich schö­ner Ti­tel.

Parks Buch ist nur un­we­sent­lich län­ger als die char­man­te Schum­mel­fi­bel sei­nes fran­zö­si­schen Kol­le­gen. Gut 230 Sei­ten, por­tio­niert in vier Tei­le mit 33 Ka­pi­teln, wid­men sich dem Buch und der Welt. Wie ist ein Ro­man ge­macht? Wie­so wird er ein Er­folg? Was macht uns auf ihn so auf­merk­sam, daß wir ihn le­sen und über ihn re­den wol­len? Parks Kern­the­ma wird bald klar. In der glo­ba­li­sier­ten Welt dro­he ei­ne „Kon­strukt Welt­li­te­ra­tur“ wei­ter­le­sen

Die Kunst, Orangen zu entblättern

Anna Katharina Hahn erzählt in ihrem neuen Roman „Das Kleid meiner Mutter“ von der Generación Cero, den Persönlichkeitsrechten des Schriftstellers und dem „nicht wissen, was Wirklichkeit und Fantasie war“

42516Es ist ein Ro­man über Spa­ni­en und Deutsch­land, über Sprach­ver­lust eben­so wie die Ohn­macht der Wor­te, über den Wunsch, sich die Mas­ke aus Haut vom Ge­sicht zu rei­ßen und ein an­de­rer zu wer­den. Wer sonst ver­mag das? Nur die Kunst, in be­son­de­rem Ma­ße die Li­te­ra­tur: Al­lein durch sie sind wir in der La­ge, uns an­de­ren Men­schen an­zu­ver­wan­deln, in ih­re Kör­per, ih­re See­len zu schlüp­fen, durch ih­re Au­gen zu se­hen.“

Die Re­de ist von „Das flie­ßen­de Licht“, dem Ro­man des Schrift­stel­lers Gert de Ruit, ei­ner der Haupt­fi­gu­ren im vor­lie­gen­den Ro­man. Doch auf die­se neu­es­te Ver­öf­fent­li­chung An­na Ka­tha­ri­na Hahns scheint die Cha­rak­te­ri­sie­rung eben­so zu pas­sen.

An­na Ka­tha­ri­na Hahn hat mich be­reits mit ih­ren Vor­gän­ger­ro­ma­nen be­ein­druckt, dar­un­ter Am schwar­zen Berg, in dem sie die Psy­cho­lo­gie ei­ner Be­zie­hung mit po­li­ti­schen Er­eig­nis­sen und Li­te­ra­tur­his­to­rie ver­knüpft. Was dort Stutt­gart 21 und Höl­der­lin, sind in Das Kleid mei­ner Mut­ter die Ver­lo­re­ne Ge­nera­ti­on in Spa­ni­en und ein an­ony­mer Au­tor. Nach der Ro­man­tik wei­sen Hahns sti­lis­ti­sche und li­te­ra­tur­his­to­ri­sche Re­mi­nis­zen­zen nun Spu­ren von Ma­gi­schem Rea­lis­mus auf.

In Ma­drid, der Haupt­stadt des durch die Eu­ro­kri­se rui­nier­ten Spa­ni­ens, herrscht „Die Kunst, Oran­gen zu ent­blät­tern“ wei­ter­le­sen

Tue Gutes und schreibe darüber

Variationen von Schwarz — Dagmar Leupolds Roman „Unter der Hand“

LeupoldWenn man das gan­ze Le­ben als Not­fall be­trach­tet, ist es na­tur­ge­mäß schwie­rig, sich zu rüs­ten, und letzt­lich gleich­gül­tig, ob man mit ei­nem Über­see­kof­fer un­ter­wegs ist oder mit ei­nem Beu­tel­chen vol­ler Brot­kru­men zum Aus­streu­en. Es fehlt das Ver­trau­en in Rück­we­ge.“

Man­che Men­schen ha­ben ein di­ckes Fell, das sie un­emp­find­lich ge­gen äu­ße­re An­ma­ßun­gen macht. Nicht so Min­na, die seit ih­rer zu frü­hen Ge­burt ei­ne äu­ßerst durch­läs­si­ge Hül­le be­sitzt. So dünn, daß selbst ein Luft­hauch ihr un­ter die Haut fährt.

Doch ih­re Sen­si­bi­li­tät ist nicht ver­ant­wort­lich für den plötz­li­chen Tod der knapp über 50jährigen, von dem der Le­ser be­reits im Pro­log er­fährt. Hin­ge­bet­tet wie Schnee­witt­chen fin­det ihr Woh­nungs­nach­bar sie ent­schla­fen auf dem Bett, zu­sam­men­ge­rollt wie ein Fö­tus. Er er­in­nert sich an ei­ne un­er­schro­cke­ne, wit­zi­ge, klu­ge und „Tue Gu­tes und schrei­be dar­über“ wei­ter­le­sen