Versuch einer Selbstbefreiung

Kerstin Holzer ergründet in „Monascella“ Monika Manns Lebenskrisen

Man muss sich ver­här­ten, sonst geht man kaputt.“

Die­ser Satz fiel 1986 auf Ca­pri in der Vil­la Mo­na­co­ne, die ih­ren Na­men nicht von Mo­ni­ka Mann, der da­ma­li­gen Be­woh­ne­rin er­hielt, son­dern we­gen ih­res Aus­blicks auf den „Sco­glio di Mo­na­co­ne“, ei­nen Mee­res-Fel­sen vor der Süd­ost­spit­ze der In­sel. Die mitt­le­re Toch­ter aus der be­rühm­ten Fa­mi­lie Mann zog die bit­te­re Bi­lanz nach 75 Le­bens­jah­ren und of­fen­bar­te sie der Jour­na­lis­tin Hel­ga Schalk­häu­ser. Sie schloß den Wunsch an, die­se mö­ge nicht nur ei­nen Ar­ti­kel schrei­ben, son­dern ein gan­zes Buch über sie. Was die Jour­na­lis­tin da­mals ab­lehn­te, er­füllt Kers­tin Hol­zer mit „Mo­nas­cel­la“, ei­nem Buch, das ent­ge­gen sei­nem Un­ter­ti­tel, weit­aus mehr als „Mo­ni­ka Mann und ihr Le­ben auf Ca­pri“ be­han­delt. Zwar war ei­ne per­sön­li­che Be­geg­nung ver­wehrt, Mo­ni­ka Mann starb 1992, doch Hol­zer konn­te auf Brie­fe und an­de­re Text­quel­len zu­rück­grei­fen und führ­te Ge­sprä­che mit Zeit­zeu­gen, un­ter an­de­ren mit Fri­do Mann und ih­rer Vor­gän­ge­rin Schalkhäuser.

In „Mo­nas­cel­la“ steht nicht nur Mo­ni­ka Manns Le­ben auf Ca­pri im Vor­der­grund, das sie von 1954 bis 1986 fast von An­fang an mit An­to­nio Spa­da­ro teil­te, ei­nem Ca­p­re­ser, des­sen Fa­mi­lie Ei­gen­tü­me­rin der Vil­la war, und der eben­falls dort ei­ne Woh­nung be­saß. Zu­nächst nur als Zu­flucht ge­dacht bot Ca­pri Mo­ni­ka die „Ver­such ei­ner Selbst­be­frei­ung“ weiterlesen

Idyll mit Hund

Thomas Mann macht Ferien“ von Kerstin Holzer  — Thomas Mann Jubiläum

Die­ses Fleck­chen baye­ri­scher Er­de, es ist wirk­lich ein Idyll. Wenn Tho­mas Mann auf der Ter­ras­se sei­ner Fe­ri­en­vil­la steht, die auf ei­ner klei­nen An­hö­he thront, blickt er über ei­ne saf­tig grü­ne Wie­se mit Lö­wen­zahn und Gän­se­blüm­chen, über Flie­der­bü­sche, Ap­fel­bäu­me und ei­nen klei­nen Wald, der den ab­schüs­si­gen und ma­le­risch ver­wil­der­ten Gar­ten rechts be­grenzt, da­hin­ter er­hebt sich ein Berg. Nach Sü­den sieht er weit in die Al­pen, und gleich un­ten am Hang war­tet die ei­gent­li­che Sen­sa­ti­on: Der Te­gern­see leuch­tet. Zum An­we­sen ge­hö­ren ein schma­ler, kies­ge­säum­ter Ba­de­strand (»Li­do« nennt Tho­mas Mann ihn, das klingt mon­dä­ner) und ein Steg, ein klei­nes Boots­haus und ein Ru­der­boot.“ (…) „Und wer mit sei­nem Hund täg­lich durch ein sol­ches Idyll streift, kann oh­ne­hin nicht an­ders, als trotz al­ler Sor­gen ge­le­gent­li­che Hoch­stim­mung zu er­fah­ren. Die Be­geis­te­rungs­fä­hig­keit und Le­bens­freu­de ei­nes Vier­bei­ners sind ret­tungs­los an­ste­ckend, Gott sei Dank. So übel kann die Lau­ne gar nicht sein, dass man von der Mor­gen­run­de mit sei­nem Hund nicht leich­te­ren Her­zens zu­rück­keh­ren würde.“

2025 jährt sich der Ge­burts­tag des Schrift­stel­lers Tho­mas Mann zum 150. Mal. Pünkt­lich zu die­sem Ju­bi­lä­um er­schie­nen zahl­rei­che Wer­ke, von de­nen mich ei­ni­ge in den zu­rück­lie­gen­den Wo­chen be­glei­te­ten. Dar­un­ter die er­zäh­len­den Sach­bü­cher von Kers­tin Hol­zer und Flo­ri­an Il­lies so­wie die Bio­gra­phien von Til­mann Lah­me und Mar­tin Mittelmeier.

Holz­ers klei­nes Buch, „Tho­mas Mann macht Fe­ri­en“, war pas­sen­der­wei­se mei­ne Ur­laubs­lek­tü­re. Wäh­rend ich an ei­nem nor­di­schen Fjord Kunst und Kü­hen be­geg­ne­te, war Fa­mi­lie Mann mit fünf Kin­dern und dem Hund Bauschan am Te­gern­see. Die­ser war schon lan­ge die De­sti­na­ti­on der Wahl. Nicht weit vom Wohn­ort Mün­chen ge­le­gen, ver­brach­ten die Manns den Som­mer im ei­ge­nen Fe­ri­en­haus in Tölz. Da Mann die­ses 1917 in Kriegs­an­lei­hen um­setz­te, wur­de 1918 mit Un­ter­stüt­zung der Schwie­ger­el­tern Pringsheim die Vil­la De­fr­eg­ger an­ge­mie­tet. Um­ge­ben von ei­nem gro­ßen Gar­ten am Ufer des Sees bot das An­we­sen ge­nü­gend Raum für Fa­mi­lie, Per­so­nal und Besucher.

An­schau­lich und psy­cho­lo­gisch ein­fühl­sam er­zählt Hol­zer, was die Manns in ih­rer Som­mer­fri­sche trei­ben. Die Haupt­fi­gur ist hier al­ler­dings der Hund, denn die Au­torin lässt Bauschan be­reits im Pro­log auf­tre­ten, „ein kurz­haa­ri­ger Hüh­ner­hund (…) krumm­bei­ni­ger, klei­ner und schnauz­bär­ti­ger, als die Züch­ter for­dern, da­für sehr sym­pa­thisch mit sei­nem dun­kel ge­strom­ten, röt­li­chen Fell und der schwar­zen Na­se“. Sei­ne Büh­ne ist der Steg, wo er all­abend­lich sei­nen Herrn bei der Rück­kehr von der Boots­tour mit sei­ner Ehe­frau, über­schwäng­lich emp­fängt. Wäh­rend die­se den Hund nur ne­ben­bei streift, ist die Freu­de bei „Idyll mit Hund“ weiterlesen

Eigentumsrechte

In „Die Legende“ erzählt Grisham von geistigen und materiellem Eigentum

Ich bin fas­zi­niert von ih­rer Ge­schich­te, Love­ly. Von der Ge­schich­te Ih­rer Leu­te und de­ren Über­le­bens­kampf auf der In­sel. Und jetzt gibt es ei­ne neue Be­dro­hung, ei­ne, die die In­sel zer­stö­ren wird.“ (…)
 „Die gan­ze Ge­schich­te ha­be ich be­reits aufgeschrieben.“
„Ja, das ha­ben Sie, und wie ich schon sag­te, sie ge­fällt mir sehr gut. Aber jetzt geht sie wei­ter. Ich will die Ver­gan­gen­heit in ih­rer gan­zen Kom­ple­xi­tät mit der Ge­gen­wart und ih­ren Kon­flik­ten verknüpfen.“
„Das hört sich nach sehr viel Ar­beit an, nur um ein paar Bü­cher zu verkaufen.“
„Ich kann Ih­nen ver­si­chern, dass es sich gut ver­kau­fen wird. Der Buch­ent­wurf, den ich an mei­ne Agen­tin in New York schi­cken wer­de, ist fast fer­tig. Wenn er ihr ge­fällt – und da­von ge­he ich aus — , wird sie al­les dran­setz­ten, das Kon­zept an ei­nen gro­ßen Ver­lag zu ver­kau­fen. Viel­leicht be­kom­men wir ei­nen Ver­trag, und dann wird das Buch veröffentlicht.“ (…)
„Wie viel Geld wer­den wir da­mit verdienen?“
Mer­cer hat­te mit der Fra­ge ge­rech­net. „Es ist noch zu früh, über Geld zu re­den. Wir müs­sen ab­war­ten, ob wir tat­säch­lich ei­nen Ver­lag fin­den, und dann kön­nen wir ei­nen Ver­trag aushandeln.“
„Dann be­kom­me ich al­so ei­nen Teil von dem Geld?“
„Das ist nur recht und bil­lig, Love­ly, aber im Mo­ment ha­be ich kei­ne Ah­nung, wie viel es sein wird.“

Schrift­stel­ler sind Die­be“ sag­te John Gris­ham im Jahr 2018 in ei­nem In­ter­view in der Süd­deut­schen Zei­tung auf die Fra­ge, wo­her er sei­ne Ideen neh­me und er­gänz­te, „wir steh­len Ge­schich­ten aus der Wirk­lich­keit und mo­di­fi­zie­ren sie nur“. Die­ses Be­kennt­nis liegt sei­nem neu­en Ro­man „Die Le­gen­de“ als Idee zu­grun­de und ge­stal­tet die­sen in­halt­lich wie formal.

Ca­mi­no Ghosts“, so der Ori­gi­nal­ti­tel, ist der drit­te Teil ei­ner Tri­lo­gie um Bruce Ca­ble, den In­ha­ber ei­ner Buch­hand­lung auf Ca­mi­no Is­land an der Küs­te Flo­ri­das. Als um­trie­bi­ger Buch­händ­ler und Bon­vi­vant ge­lingt es ihm nicht nur sei­ne Kun­den li­te­ra­risch zu in­spi­rie­ren, son­dern auch Schrift­stel­ler, die Pro­du­zen­ten sei­ner Wa­ren. Wer die bei­den Vor­gän­ger­ro­ma­ne, Das Ori­gi­nal und Das Ma­nu­skript kennt — was nicht zwin­gend not­wen­dig ist -, be­geg­net der jun­gen Mer­cer wie­der, die nach ei­ner Idee für ih­ren zwei­ten Ro­man sucht. Ca­ble ver­weist sie auf den au­to­bio­gra­phi­schen Be­richt ei­ner In­sel­be­woh­ne­rin, der in sei­nem Ge­schäft aus­liegt, seit­dem er der Au­torin zur Ver­öf­fent­li­chung ver­hol­fen hat. Love­ly, ei­ne Nach­kom­min von ver­sklav­ten Afri­ka­nern, er­zählt dar­in von ih­ren „Ei­gen­tums­rech­te“ weiterlesen

Erinnern ist Licht“

In „Ein junger Herr in Neapel“ erzählt Andrea Giovene vom Erwachen eines jungen Schriftstellers

Zur Spit­ze hin hat­ten Feuch­tig­keits­fle­cken gan­ze Ge­ne­ra­tio­nen über­wäl­tigt, sie gli­chen gan­zen Schwär­men mit ei­nem Schrot­schuss durch­sieb­ter Spat­zen. Der Baum kräu­sel­te sich, er trüb­te sich ein und schlug Wel­len. Die jüngs­ten Ge­ne­ra­tio­nen wa­ren am un­le­ser­lichs­ten. Und ich? Wie soll­te ich mich da auf sei­ner Spit­ze ein­nis­ten, die nur in die Zim­mer­de­cke hin­ein hö­her wach­sen konn­te, im Leeren?“

Dies sind die Ge­dan­ken des zu Be­ginn des Ge­sche­hens 9‑jährigen Ich-Er­zäh­lers in An­drea Gio­ve­nes (1904–1995) „Ein jun­ger Herr in Nea­pel“, dem ers­ten Teil sei­ner Ro­man­fol­ge „Die Au­to­bio­gra­phie des Giu­lia­no di San­se­vero“, wel­che in den Jah­ren 1903–1957 spielt. Als Giu­lia­no und sei­ne klei­ne Schwes­ter Chec­chi­na durch die zer­fal­len­den Fluch­ten des Fa­mi­li­en­pa­laz­zos strei­fen, ge­lan­gen sie zum Stamm­baum, „dem muf­fi­gen To­tem“, das die kom­plet­te Wand ei­nes Sa­lons ein­nimmt. Die Be­schrei­bung der ent­le­ge­nen, ver­staub­ten Räu­me er­in­nert an die Ent­de­ckungs­tour von Tancre­di und An­ge­li­ca im Som­mer­sitz der Sa­li­na. Zwar spielt Lam­pe­du­sas „Il Gat­to­par­do“ ein hal­bes Jahr­hun­dert vor „Die Au­to­bio­gra­phie des Giu­lia­no di San­se­vero“, doch steht in bei­den Ro­man­wer­ken der Zer­fall ei­nes Adels­ge­schlechts im Vor­der­grund. Ei­ne wei­te­re Par­al­le­le be­steht in der per­sön­li­chen Ver­bin­dung der Schrift­stel­ler zu ih­rem Su­jet. Giu­sep­pe To­ma­si di Lam­pe­du­sa ent­stammt ei­nem si­zi­lia­ni­schen Adels­ge­schlechts, An­drea Gio­ve­ne di Gi­ra­so­le ei­nem nea­po­li­ta­ni­schen. Die Trans­for­ma­ti­on, die Lam­pe­du­sa mit dem be­rühm­ten Satz, „Wenn al­les blei­ben soll, wie es ist, muß sich al­les än­dern“, an­deu­tet, zeigt Gio­ve­ne durch die Eman­zi­pa­ti­on sei­nes Er­zäh­lers. Bei­de Au­toren be­rich­ten vom Schick­sal ei­ner Fa­mi­lie nach ein­schnei­den­den Er­in­nern ist Licht““ weiterlesen

Muse Melancholie

Steven Price imaginiert in Der letzte Prinzdie Beziehung von Schöpfer und Werk

Manch­mal war es, als hör­te er den Ro­man mit sich re­den. Sein Fürst, den er sich im­mer als vom feh­len­den Glau­ben aus­ge­höhlt ge­dacht hat­te, ent­pupp­te sich viel­mehr als Letz­ter der Gläu­bi­gen. Doch war der Glau­be des Fürs­ten ein Glau­be an die Tra­di­ti­on, an das Schick­sal ei­nes Ge­schlechts, und in sol­chen Au­gen­bli­cken er­kann­te Giu­sep­pe, dass er sich durch die ei­ge­ne Bit­ter­keit hin zu dem Men­schen ge­schrie­ben hat­te, der er gern ge­wor­den wä­re. Sein Fürst stand al­lein, un­ge­rührt, brauch­te nie­man­den, und ge­ra­de des­halb, und weil es kein wah­res Über­le­ben in der Iso­la­ti­on gibt, war die Stär­ke des Fürs­ten das, was ihn zerstörte.“

Der Leo­pard“ oder bes­ser „Il Gat­to­par­do“, — die Wild­kat­ze im Ti­tel, die an­ders als das ge­fleck­te Raub­tier, sich nicht mit Brül­len Re­spekt ver­schaf­fen kann, ent­hüllt das Mot­to des Ro­mans -, ist wohl je­dem italo­phi­len Le­ser be­kannt. Der be­rühm­tes­te ita­lie­ni­sche Ro­man des 20. Jahr­hun­derts schil­dert den Um­schwung der Ver­hält­nis­se, die das Ri­sor­gi­men­to ein Jahr­hun­dert zu­vor in Ita­li­en aus­ge­löst hat­te. Von den Fol­gen des Frei­heits­kampfs un­ter Ga­ri­bal­di er­zählt Giu­sep­pe To­ma­si di Lam­pe­du­sa, selbst Spross ei­ner ehe­mals mäch­ti­gen Fürs­ten­fa­mi­lie, am Bei­spiel des Adels­ge­schlechts Sa­li­na. Des­sen Ober­haupt, Fürst Fa­bri­zio Sa­li­na, er­kennt weit­sich­tig wie wei­se die ge­sell­schaft­li­chen Ver­än­de­run­gen, die der po­li­ti­sche Um­bruch her­bei­füh­ren wird. Sein Nef­fe Tancre­di ar­ran­giert sich früh­zei­tig, in­dem er die zu­grun­de ge­hen­de Tra­di­ti­on zu­guns­ten des Er­folgs hin­ter sich lässt, ge­treu sei­nem Wahl­spruch „Wenn al­les blei­ben soll, wie es ist, muss sich al­les än­dern“.

Oft wird die­se Hal­tung und da­mit der Ro­man als Gleich­nis auf die post­fa­schis­ti­schen Ver­hält­nis­se Si­zi­li­ens ge­deu­tet. Eben­so liest man ihn als me­lan­cho­li­sche Re­mi­nis­zenz des Au­tors auf die ei­ge­ne Fa­mi­lie, trägt Don Fa­bri­zio doch Zü­ge von To­ma­sis Ur­groß­va­ter Giu­lio Fa­bri­zio di Lam­pe­du­sa. Auch weist Tancre­di, der ge­lieb­te Nef­fe Don Fa­bri­zi­os, Ähn­lich­kei­ten mit Gio­ac­chi­no Lan­za auf, dem gleich­falls ge­lieb­ten Nef­fen und Ad­op­tiv­sohn Tomasis.

1954 be­gann Giu­sep­pe To­ma­si mit der Ar­beit an sei­nem Ro­man, den er zwei Jah­re spä­ter voll­ende­te. Die Ver­la­ge Mond­ado­ri und Ein­au­di lehn­ten ei­ne Ver­öf­fent­li­chung ab. Erst 1958, ein Jahr nach To­ma­sis Tod, er­schien er durch die Für­spra­che Gi­or­gio Bassa­nis bei Fel­tri­nel­li. Wei­te­re Jahr­zehn­te soll­te es dau­ern, bis der Ro­man end­lich in voll­stän­di­ger Form er­schien, in­klu­si­ve zu­rück­ge­hal­te­ner Passagen.

Die­se ver­schlun­ge­nen Be­zie­hun­gen zwi­schen der Bio­gra­phie To­ma­sis und des­sen Werk mö­gen es sein, die den ame­ri­ka­ni­schen Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­ler Ste­ven Pri­ce zu sei­nem Ro­man „Der letz­te Prinz“ ver­an­lass­ten. Er er­zählt „Mu­se Me­lan­cho­lie“ weiterlesen

Ein hinreißender Hurrikan

In John Grishams „Das Manuskript” ist die Schilderung des Hurrikans spannender als die eigentliche Story

Mit­ten im Sturm, als wä­re das Heu­len, Klap­pern und Knal­len nicht schon ge­nug, be­gann sich ein selt­sa­mer Rhyth­mus her­aus­zu­bil­den: zu­erst ein durch­drin­gen­des Brül­len, das im­mer lau­ter wur­de, dann zog un­ge­fähr im Mi­nu­ten­takt ein Wol­ken­band mit noch stär­ke­ren Wind­bö­en durch, als woll­te es da­vor war­nen, dass drau­ßen auf dem Meer und nicht weit da­hin­ter noch viel Schlim­me­res lauerte.“

Wie schon so oft, be­wegt sich in die­sen Ta­gen wie­der ein Tro­pen­sturm auf die Küs­te Flo­ri­das zu. Eta hat be­reits in Ni­ca­ra­gua, Hon­du­ras und Ku­ba ei­ne Spur der Ver­wüs­tung hin­ter­las­sen und zieht mo­men­tan in den Golf von Me­xi­ko. Dort wird er neue Kraft tan­ken und könn­te als Hur­ri­kan Kurs auf die Fest­land­küs­te Flo­ri­das mit ih­ren un­zäh­li­gen Keys nehmen.

In die­ser In­sel­grup­pe liegt auch Ca­mi­no Is­land, der fik­ti­ve Hand­lungs­ort von John Gris­hams neu­em Ro­man „Das Ma­nu­skript“. Das mon­dä­ne Strand­städt­chen San­ta Ro­sa mit der nicht min­der mon­dä­nen Buch­hand­lung „Bay Books“ ken­nen Gris­ham-Le­ser be­reits aus dem vor we­ni­gen Jah­ren er­schie­ne­nen Vor­gän­ger „Das Ori­gi­nal“. Der Be­sit­zer der Buch­hand­lung, Bruce Ca­ble, do­mi­niert als bi­blio­phi­ler Bon­vi­vant das Li­te­ra­tur­ge­sche­hen weit über das Ei­land hin­aus. Auch dies­mal „Ein hin­rei­ßen­der Hur­ri­kan“ weiterlesen

Dichter-Dogge

Sigrid Nunez komponiert in „Der Freund“ Eigenes und Fremdes zu einem Buch über Schriftsteller und ihr Schreiben

Aber auf die­sen Sei­ten fin­det sich vie­les, von dem ich nie je­man­dem er­zählt ha­be. Es ist selt­sam, wie der Akt des Schrei­bens zu Ge­ständ­nis­sen führt. Nicht, dass es nicht auch da­zu führt, das Blaue vom Him­mel herunterzulügen.“

Man­chem Le­ser mag beim Blick auf das Buch un­wohl wer­den, wenn auch nicht so sehr wie mei­nem Freund. Mit Schre­cken denkt die­ser dar­an zu­rück, wie ein paar mun­te­re Er­wach­se­ne, al­len vor­an sei­ne El­tern, ihn auf den Rü­cken ei­nes rie­si­gen Hun­des hiev­ten. Das Ge­schrei des Drei­jäh­ri­gen war groß, das Reit­tier blieb je­doch ge­las­sen. Es war ei­ne Dog­ge, und da die Ge­schich­te im süd­li­chen Skan­di­na­vi­en spiel­te, ei­ne dä­ni­sche, auch wenn, wie Sig­rid Nunez in ih­rem Ro­man „Der Freund“ er­klärt, die­se Ras­se als deutsch be­zeich­net wird. Ob der sanf­te Rie­se von da­mals, wie der Hund im Ro­man ei­ne Har­le­kin­dog­ge mit schwar­zen Fle­cken auf wei­ßem Fell  war, ist nicht mehr im Ge­dächt­nis. Ge­blie­ben ist je­doch die Pho­bie. Mein Freund wür­de al­so nie­mals das tun, was in Nunez‘ Buch ge­schieht, ei­nen hin­ter­las­se­nen Hund aufnehmen.

Sig­rid Nunez‘ Ich-Er­zäh­le­rin, wie die­se Schrift­stel­le­rin und Do­zen­tin für Krea­ti­ves Schrei­ben, steht zu­nächst wi­der­wil­lig die­sem Er­be ge­gen­über, nach­dem ihr bes­ter Freund den Tod ge­wählt hat. Noch wäh­rend sie trau­ert und nach Ant­wor­ten sucht, er­hält sie die Bot­schaft, daß „Dich­ter-Dog­ge“ weiterlesen

Konstrukt Weltliteratur

Worüber wir sprechen, wenn wir über Bücher sprechen“ — Tim Parks über Literatur

Es ist ei­ne Wei­le her, da ha­be ich un­ter dem Ti­tel „Wor­über wir re­den, wenn wir über Bü­cher re­den“ ein Buch be­spro­chen, wel­ches nicht nur wie das vor­lie­gen­de im Kunst­mann Ver­lag er­scheint, son­dern des­sen Au­tor, Pierre Ba­yard wie Tim Parks auch wis­sen­schaft­lich der Li­te­ra­tur zu­ge­wandt ist. Wäh­rend Ba­yard zur Lü­cke an­lei­tet un­ter dem ori­gi­nal­ge­treu über­setz­ten Ti­tel „Wie man über Bü­cher spricht, die man nicht ge­le­sen hat“, er­läu­tert Parks in „Whe­re I’m Re­a­ding from“ sei­ne Sicht aufs Le­sen. Sei­ne Es­says zu fast al­len Aspek­ten des Le­sens und Schrei­bens lie­gen nun in der Über­set­zung von Ul­ri­ke Be­cker und Ruth Keen als „Wor­über wir spre­chen, wenn wir über Bü­cher spre­chen“ vor. Ein wirk­lich schö­ner Titel.

Parks Buch ist nur un­we­sent­lich län­ger als die char­man­te Schum­mel­fi­bel sei­nes fran­zö­si­schen Kol­le­gen. Gut 230 Sei­ten, por­tio­niert in vier Tei­le mit 33 Ka­pi­teln, wid­men sich dem Buch und der Welt. Wie ist ein Ro­man ge­macht? Wie­so wird er ein Er­folg? Was macht uns auf ihn so auf­merk­sam, daß wir ihn le­sen und über ihn re­den wol­len? Parks Kern­the­ma wird bald klar. In der glo­ba­li­sier­ten Welt dro­he ei­ne „Kon­strukt Welt­li­te­ra­tur“ weiterlesen

Die Kunst, Orangen zu entblättern

Anna Katharina Hahn erzählt in ihrem neuen Roman „Das Kleid meiner Mutter“ von der Generación Cero, den Persönlichkeitsrechten des Schriftstellers und dem „nicht wissen, was Wirklichkeit und Fantasie war“

42516Es ist ein Ro­man über Spa­ni­en und Deutsch­land, über Sprach­ver­lust eben­so wie die Ohn­macht der Wor­te, über den Wunsch, sich die Mas­ke aus Haut vom Ge­sicht zu rei­ßen und ein an­de­rer zu wer­den. Wer sonst ver­mag das? Nur die Kunst, in be­son­de­rem Ma­ße die Li­te­ra­tur: Al­lein durch sie sind wir in der La­ge, uns an­de­ren Men­schen an­zu­ver­wan­deln, in ih­re Kör­per, ih­re See­len zu schlüp­fen, durch ih­re Au­gen zu sehen.“

Die Re­de ist von „Das flie­ßen­de Licht“, dem Ro­man des Schrift­stel­lers Gert de Ruit, ei­ner der Haupt­fi­gu­ren im vor­lie­gen­den Ro­man. Doch auf die­se neu­es­te Ver­öf­fent­li­chung An­na Ka­tha­ri­na Hahns scheint die Cha­rak­te­ri­sie­rung eben­so zu passen.

An­na Ka­tha­ri­na Hahn hat mich be­reits mit ih­ren Vor­gän­ger­ro­ma­nen be­ein­druckt, dar­un­ter Am schwar­zen Berg, in dem sie die Psy­cho­lo­gie ei­ner Be­zie­hung mit po­li­ti­schen Er­eig­nis­sen und Li­te­ra­tur­his­to­rie ver­knüpft. Was dort Stutt­gart 21 und Höl­der­lin, sind in Das Kleid mei­ner Mut­ter die Ver­lo­re­ne Ge­ne­ra­ti­on in Spa­ni­en und ein an­ony­mer Au­tor. Nach der Ro­man­tik wei­sen Hahns sti­lis­ti­sche und li­te­ra­tur­his­to­ri­sche Re­mi­nis­zen­zen nun Spu­ren von Ma­gi­schem Rea­lis­mus auf.

In Ma­drid, der Haupt­stadt des durch die Eu­ro­kri­se rui­nier­ten Spa­ni­ens, herrscht „Die Kunst, Oran­gen zu ent­blät­tern“ weiterlesen

Tue Gutes und schreibe darüber

Variationen von Schwarz — Dagmar Leupolds Roman „Unter der Hand“

LeupoldWenn man das gan­ze Le­ben als Not­fall be­trach­tet, ist es na­tur­ge­mäß schwie­rig, sich zu rüs­ten, und letzt­lich gleich­gül­tig, ob man mit ei­nem Über­see­kof­fer un­ter­wegs ist oder mit ei­nem Beu­tel­chen vol­ler Brot­kru­men zum Aus­streu­en. Es fehlt das Ver­trau­en in Rückwege.“

Man­che Men­schen ha­ben ein di­ckes Fell, das sie un­emp­find­lich ge­gen äu­ße­re An­ma­ßun­gen macht. Nicht so Min­na, die seit ih­rer zu frü­hen Ge­burt ei­ne äu­ßerst durch­läs­si­ge Hül­le be­sitzt. So dünn, daß selbst ein Luft­hauch ihr un­ter die Haut fährt.

Doch ih­re Sen­si­bi­li­tät ist nicht ver­ant­wort­lich für den plötz­li­chen Tod der knapp über 50jährigen, von dem der Le­ser be­reits im Pro­log er­fährt. Hin­ge­bet­tet wie Schnee­witt­chen fin­det ihr Woh­nungs­nach­bar sie ent­schla­fen auf dem Bett, zu­sam­men­ge­rollt wie ein Fö­tus. Er er­in­nert sich an ei­ne un­er­schro­cke­ne, wit­zi­ge, klu­ge und „Tue Gu­tes und schrei­be dar­über“ weiterlesen