Konstrukt Weltliteratur

Worüber wir sprechen, wenn wir über Bücher sprechen“ — Tim Parks über Literatur

Es ist ei­ne Wei­le her, da ha­be ich un­ter dem Ti­tel „Wor­über wir re­den, wenn wir über Bü­cher re­den“ ein Buch be­spro­chen, wel­ches nicht nur wie das vor­lie­gen­de im Kunst­mann Ver­lag er­scheint, son­dern des­sen Au­tor, Pierre Ba­y­ard wie Tim Parks auch wis­sen­schaft­lich der Li­te­ra­tur zu­ge­wandt ist. Wäh­rend Ba­y­ard zur Lü­cke an­lei­tet un­ter dem ori­gi­nal­ge­treu über­setz­ten Ti­tel „Wie man über Bü­cher spricht, die man nicht ge­le­sen hat“, er­läu­tert Parks in „Whe­re I’m Rea­ding from“ sei­ne Sicht aufs Le­sen. Sei­ne Es­says zu fast al­len As­pek­ten des Le­sens und Schrei­bens lie­gen nun in der Über­set­zung von Ul­ri­ke Be­cker und Ruth Ke­en als „Wor­über wir spre­chen, wenn wir über Bü­cher spre­chen“ vor. Ein wirk­lich schö­ner Ti­tel.

Parks Buch ist nur un­we­sent­lich län­ger als die char­man­te Schum­mel­fi­bel sei­nes fran­zö­si­schen Kol­le­gen. Gut 230 Sei­ten, por­tio­niert in vier Tei­le mit 33 Ka­pi­teln, wid­men sich dem Buch und der Welt. Wie ist ein Ro­man ge­macht? Wie­so wird er ein Er­folg? Was macht uns auf ihn so auf­merk­sam, daß wir ihn le­sen und über ihn re­den wol­len? Parks Kern­the­ma wird bald klar. In der glo­ba­li­sier­ten Welt dro­he ei­ne Stan­dar­di­sie­rung und Ho­mo­ge­ni­sie­rung der Li­te­ra­tur, ei­ne Ent­wick­lung, ge­gen die er in fast je­dem Ka­pi­tel an­schreibt.

Ein Buch ist da­heim un­ge­heu­er er­folg­reich, an­de­re Län­der kau­fen es ein (was heut­zu­ta­ge oft im Hand­um­dre­hen ge­schieht), die Ver­kaufs­zah­len stei­gen und ei­ne Wer­be­ma­schi­ne­rie wird an­ge­wor­fen, die den Ab­satz wei­ter hö­her treibt und das da­heim ver­brei­te­te Image des Au­tors auf der gan­zen Welt ver­brei­tet. Die Fol­ge ist, dass die Na­bel­schnur, wenn nicht gar die Be­zie­hung zur hei­mat­li­chen Welt durch­trennt wird.“

Schon in der Ein­füh­rung klingt dies an. Lo­cker par­liert Parks dort über die Mo­ti­ve der Pro­du­zen­ten und Kon­su­men­ten von Li­te­ra­tur, läs­tert über Li­te­ra­tur­prei­se, spot­tet über die Ex­al­tiert­heit der Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft. Da­bei zählt er selbst zu die­sem Kreis. Der seit drei Jahr­zehn­ten in Ita­li­en le­ben­de Bri­te lehrt an der Uni­ver­si­tät Mai­land das Über­set­zen li­te­ra­ri­scher Tex­te. Er ist al­so Teil des Be­triebs und trägt nicht un­we­sent­lich da­zu bei, daß Li­te­ra­tur auch jen­seits ih­res Ge­burts­lan­des ge­le­sen wird.

Man soll­te sei­nen Feld­zug ge­gen die li­te­ra­ri­sche Glo­ba­li­sie­rung al­so nicht so ernst neh­men und die ur­sprüng­lich für die New York Re­view of Books ent­stan­de­nen Es­says nicht als Kampf­schrift ver­ste­hen. Zu­mal sie nicht in ei­nem Zug ge­le­sen wer­den soll­ten, son­dern als kur­ze Lek­tü­ren zwi­schen­durch die meis­te An­re­gung bie­ten.

Als ich das Buch er­hielt, las ich zu­erst Parks Text zum No­bel­preis. „Was stimmt nicht mit dem No­bel­preis?“ fragt er lau­nig wie sug­ges­tiv und lan­ge be­vor in die­sem Jahr Bob Dy­lan die­se ver­meint­lich höchs­te li­te­ra­ri­sche Aus­zeich­nung er­hielt. Parks hält die Auf­ga­be in der gan­zen Welt den ei­nen no­bel­wür­di­gen Schrift­stel­ler zu fin­den für schwie­rig, wenn nicht gar un­lös­bar. Wie an­de­re Li­te­ra­turin­ter­es­sier­te glaubt er, daß sich die Mit­glie­der der Schwe­di­schen Aka­de­mie vor­wie­gend an po­li­ti­schen und hu­ma­ni­tä­ren Kri­te­ri­en ori­en­tie­ren, zu­dem na­tio­na­le Li­te­ra­tur­prei­se zu Ra­te zie­hen. Sei­ne Aus­füh­run­gen, wie un­mög­lich es sei im in­ter­na­tio­na­len Schrift­stel­ler­hau­fen den Bes­ten zu fin­den, ha­ben mich al­ler­dings amü­siert und über­zeugt. So las ich nicht oh­ne Er­war­tung die fol­gen­den Tei­le.

In „Die Welt des Buchs“ fragt Parks, wie­so wir li­te­ra­ri­sche Tex­te le­sen. Hel­fen sie uns beim Le­ben oder len­ken sie uns da­von ab. Die Nut­zungs­mög­lich­kei­ten sind so viel­fäl­tig wie die For­men der Li­te­ra­tur. Falls sie nicht wei­ter­füh­ren, rät Parks zum Ab­bruch. Nicht nur von schlech­ten auch von gu­ten Ro­ma­nen ist man bis­wei­len vor­zei­tig ge­sät­tigt. Da ein of­fe­nes En­de al­le­mal in­ter­es­san­ter sei, soll­te man Mut ha­ben den Zeit­punkt selbst zu be­stim­men. Viel­leicht liest man spä­ter ein­mal wei­ter.

Ne­ben per­sön­li­chen Er­fah­run­gen, dar­un­ter ein Ein­blick in sei­ne Le­se­so­zia­li­sa­ti­on, ana­ly­siert Parks auch die di­gi­ta­le Ent­wick­lung. Die von Vie­len im­mer noch skep­tisch be­trach­te­ten E-Books sieht er le­dig­lich als ein neu­es, an­de­res Me­di­um. Nur der Da­ten­trä­ger än­dert sich, „die Wör­ter selbst und die An­ord­nung, in der sie er­schei­nen“ blei­ben die­sel­be. Ih­re Ab­kopp­lung vom tra­di­tio­nel­len Trä­ger Pa­pier er­leich­tert die Ver­brei­tung und Ver­füg­bar­keit ei­nes Ro­mans. Viel­leicht för­dert dies so­gar die Ein­stel­lung, die Be­deu­tung ei­nes Schrift­stel­lers an des­sen in­ter­na­tio­na­ler Be­kannt­heit zu mes­sen. Laut Parks ist dies die Ur­sa­che für den „lang­wei­li­gen, glo­ba­len Ro­man“, der auf na­tio­na­le Ei­gen­ar­ten ver­zich­tet, die nicht uni­ver­sell ver­ständ­lich sind, und der zu­guns­ten der Über­set­zung ei­ne kom­ple­xe, ei­gen­wil­li­ge Spra­che ver­mei­det. Dar­über lässt sich strei­ten. Könn­te man doch Parks Ge­währ­s­au­to­ren Fran­zen und Stamm, Tol­s­toi und Ho­mer ent­ge­gen­stel­len. Wer­ke wer­den zu Welt­li­te­ra­tur, weil sie uni­ver­sel­le Fra­gen be­han­deln, nicht, weil sie gut zu ver­mark­ten sind. Ein Ro­man von Pe­ter Stamm wird blei­ben, glau­be ich, die Bü­cher von Ele­na Fer­ran­te eher nicht.

Was zu der Fra­ge „War­um Le­ser sich nicht ei­nig sind“ führt. Ein As­pekt, den ich min­des­tens al­le sechs Wo­chen in un­se­rem Li­te­ra­tur­kreis haut­nah er­le­be. Dort gibt es ei­nen Teil­neh­mer, mit dem ich fast im­mer un­eins bin. Ro­ma­ne, die ihn be­geis­tern, fin­de ich fad. Wo­von ich schwär­me, da­von hät­te er am liebs­ten kei­ne Zei­le ge­le­sen. Ein Phä­no­men für das Parks die Sys­te­mi­sche Psy­cho­lo­gie zu Ra­te zieht. Die­se geht da­von aus, daß Fa­mi­li­en durch Schlüs­sel­the­men ge­prägt sind. Schrift­stel­ler ver­ar­bei­ten ih­re Ein­stel­lung zum ei­ge­nen The­ma in ih­rem Werk, das vor al­lem bei Le­sern An­klang fin­det, die die­ses eben­falls ver­in­ner­licht ha­ben. Parks spricht von ei­ner „Wahl­ver­wandt­schaft“ die Le­ser und Au­tor über die­ses iden­ti­täts­bil­den­de The­ma ver­bin­det. Ei­ne The­se, der ich, wenn ich mei­ne Le­se­vor­lie­ben be­trach­te, nicht ab­ge­neigt bin.

Na­tür­lich kön­nen sich Vor­lie­ben än­dern, nichts ist sta­tisch, es gibt Le­ser und Au­to­ren, die neue We­ge ein­schla­gen. Tim Parks, der ne­ben sei­nen aka­de­mi­schen und jour­na­lis­ti­schen Pu­bli­ka­tio­nen, über­setzt und Ro­ma­ne schreibt, be­stä­tigt sol­che Ver­än­de­run­gen durch frei­mü­ti­ge Ein­bli­cke.

Die ver­sam­mel­ten Es­says bie­ten ab­wechs­lungs­rei­che Ein­sich­ten in das Phä­no­men Li­te­ra­tur und wie wir da­mit um­ge­hen. En­ga­giert ver­tritt Tim Parks sei­ne Ein­stel­lung ge­gen die Glo­ba­li­sie­rung von Li­te­ra­tur, die bis­wei­len zum Ce­ter­um Cen­seo ge­rät. Trotz die­ser Red­un­dan­zen lohnt sich die Lek­tü­re, am be­kömm­lichs­ten ist sie gut por­tio­niert.

Tim Parks, Worüber wir sprechen, wenn wir über Bücher sprechen, übersetzt v. Ulrike Becker u. Ruth Keen, Kunstmann Verlag, 1. Aufl. 2016

 

 

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