Gemeinsam anders

Wir sagen uns Dunkles“ — Helmut Böttigers aufschlussreiche Analyse der Beziehung Bachmann-Celan

Ich ha­be ei­nen Mann ge­kannt, der hieß Hans, und er war an­ders als al­le an­de­ren. Noch ei­nen kann­te ich, der war auch an­ders als al­le an­de­ren. Dann ei­nen, der war ganz an­ders als al­le an­de­ren und er hieß Hans, ich lieb­te ihn.“

Die­se Zei­len in In­ge­borgs Bach­manns Er­zäh­lung „Un­di­ne geht“ wei­sen auf die gro­ßen Lie­ben der Au­torin hin, Hans We­igel, Paul Ce­lan und Hans Wer­ner Hen­ze. Ih­nen räumt auch Hel­mut Böt­ti­ger in sei­nem neu­en Buch „Wir sa­gen uns Dunk­les“ ei­nen Platz ein. Das Er­geb­nis von Böt­tin­gers viel­fäl­ti­gen Ana­ly­sen zeigt al­ler­dings, daß Paul Ce­lan, der Mitt­le­re in Bach­manns Zi­tat, wie kein an­de­rer die Frau und die Schrift­stel­le­rin In­ge­borg Bach­mann präg­te et vice ver­sa.

Hel­mut Böt­ti­ger, Li­te­ra­tur­kri­ti­ker und Ver­fas­ser meh­re­rer Wer­ke zur deutsch­spra­chi­gen Nach­kriegs­li­te­ra­tur, wid­met sich in sei­ner neu­es­ten Stu­die der Be­zie­hung von In­ge­borg Bach­mann und Paul Ce­lan. Er be­leuch­tet dar­in die Sta­tio­nen ih­rer Vi­ta als Lie­ben­de wie als Schrift­stel­ler, ih­re ge­gen­sei­ti­ge Be­ein­flus­sung und die Aus­wir­kung auf ih­re Li­te­ra­tur. Die, so zeigt Böt­ti­ger, oft­mals in Chif­fren Re­ak­tio­nen auf die Äu­ße­run­gen des „Ge­mein­sam an­ders“ wei­ter­le­sen

Ballerina-Becircung

Lukas Bärfuss Roman „Hagard“ wirkt wie eine Debatten-Replik

Phil­ip, so nahm ich an, hat­te ei­nen An­fall von Über­druss, wie ihn je­der Mensch kennt, der sich von sei­nem All­tag ge­fes­selt fühlt und in öden Stun­den von ei­ner Flucht träumt. Auch Phil­ip trotz­te ge­le­gent­lich und trotz­te auch jetzt, und ich ge­ste­he, dass ich sein Schmol­len lä­cher­lich fand, die­ses Wech­sel­spiel aus Kon­for­mis­mus und Trotz­pha­se, ein un­rei­fes, kin­di­sches Ver­hal­ten, po­pu­lär in al­ler­lei Schmon­zet­ten, die in je­nen Ta­gen er­schie­nen. Halb­sü­ße Ro­ma­ne über Män­ner im bes­ten Al­ter, die ei­nes Ta­ges mir nichts, dir nichts Frau und Kin­der ver­lie­ßen und sich für ein flüch­ti­ges Aben­teu­er aus dem Le­ben schli­chen.“

So ur­teilt der Er­zäh­ler in Lu­kas Bär­fuss’ Ro­man Ha­gard über das Ver­hal­ten der Haupt­fi­gur und spielt auf oft ge­hör­te Ge­schich­ten plötz­li­chen Ver­schwin­dens an, wie sie auch Pe­ter Stamm in Weit über das Land schil­dert. Man könn­te mei­nen, der Au­tor spie­le durch die Wor­te sei­nes Er­zäh­lers auf die­sen Ro­man des Schrift­stel­ler­kol­le­gen an, und denkt an die un­längst er­folg­te De­bat­te zwi­schen Stamm und Jo­nas Lüscher.

Da­bei un­ter­schei­den sich die in ih­rer Idee iden­ti­schen Ge­schich­ten in der Durch­füh­rung deut­lich. Wäh­rend Stamms Prot­ago­nist oh­ne aku­tes äu­ße­res Er­eig­nis sei­ner We­ge geht, er­liegt Bär­fuss’ Phil­ip „Bal­le­ri­na-Be­cir­cung“ wei­ter­le­sen

Meine fatale Freundin

Delphine de Vigan manipuliert in ihrem neuen Roman „Nach einer wahren Geschichte“ den Leser mit Phantasie

Nach ei­ner wah­ren Ge­schich­te von Del­phi­ne Vi­gan

Wahr, was ist das? Dar­über wird nicht nur vor Ge­richt ge­strit­ten, denn je­de er­in­ner­te Wahr­heit be­steht mehr aus Zu­sam­men­ge­reim­ten als aus un­um­stöß­li­chen Fak­ten. Was al­so kann an ei­ner Ge­schich­te wahr sein? Oder an ei­nem Ro­man nach ei­ner wah­ren Ge­schich­te? Darf ein Ro­man über­haupt wahr sein? Del­phi­ne de Vi­gan macht die­se span­nen­den Me­tafra­gen zum Ge­gen­stand ih­res neu­en nicht min­der span­nen­den Ro­mans mit dem sug­ges­ti­ven Ti­tel Nach ei­ner wah­ren Ge­schich­te.

Die Schwie­rig­keit über Pri­va­tes zu schrei­ben the­ma­ti­sier­te die Au­torin be­reits in Das Lä­cheln mei­ner Mut­ter. Die Last des Er­folgs, den ihr die­ser bio­gra­phi­sche Ro­man be­scher­te, schil­dert Vi­gan zu Be­ginn ih­res neu­en. Des­sen Prot­ago­nis­tin Del­phi­ne trägt nicht nur den glei­chen Vor­na­men wie die Au­torin, sie lebt wie die­se mit zwei fast er­wach­se­nen Kin­dern in Pa­ris, hat ei­nen Part­ner, der im Buch­be­trieb tä­tig ist, und ar­bei­tet als Schrift­stel­le­rin. Al­lei­ne wie­viel von der Ge­schich­te, die die­ses Grund­ge­rüst trägt, aus Fik­ti­on oder Fak­ten kon­stru­iert ist, bleibt of­fen. Wir wis­sen al­so nicht, ob Del­phi­ne de Vi­gan „Mei­ne fa­ta­le Freun­din“ wei­ter­le­sen

Das Ende der Maxim-Biller-Show

Maxim Biller verlässt das Literarische Quartett — Schade!

Ich weiß ja nicht, was ich am Schreck­lichs­ten an die­sem Buch fin­de“, die­sen Satz wird so wohl nicht mehr zu hö­ren sein. We­nigs­tens nicht von Ma­xim Bil­ler, der die­ser Pro­vo­ka­ti­on stets ei­ne fun­dier­te Mei­nung fol­gen ließ. Er hat kei­ne Lust mehr auf Das Li­te­ra­ri­sche Quar­tett. Er wird feh­len.

Bil­ler brach­te Span­nung in die Bü­cher­run­de. In schar­fem Schlag­ab­tausch ver­focht er sei­ne li­te­ra­tur­kri­ti­sche Po­si­ti­on. In­halt­lich und rhe­to­risch konn­te der in­ter­es­sier­te Zu­schau­er viel ler­nen. Zu­ge­ge­ben, die ers­te Fol­ge des im Ok­to­ber 2015 neu­auf­ge­leg­ten Li­te­ra­ri­schen Quar­tetts hat­te ich noch als Ma­xim-Bil­ler-Show ab­ge­tan. Doch schnell ent­wi­ckel­te sie sich zu ei­nem der in­ter­es­san­tes­ten Li­te­ra­tur-For­ma­te im Fern­se­hen, trotz oder we­gen Bil­lers Prä­senz.

Im Schwei­zer Li­te­ra­tur­club be­sit­zen sie viel Sen­de­zeit, in der ARD De­nis Scheck. Es macht al­so gar nichts, wenn das Quar­tett viel Bil­ler zeigt. Da­mit ist es vor­bei. Liegt es an den „Das En­de der Ma­xim-Bil­ler-Show“ wei­ter­le­sen

Konstrukt Weltliteratur

Worüber wir sprechen, wenn wir über Bücher sprechen“ — Tim Parks über Literatur

Es ist ei­ne Wei­le her, da ha­be ich un­ter dem Ti­tel „Wor­über wir re­den, wenn wir über Bü­cher re­den“ ein Buch be­spro­chen, wel­ches nicht nur wie das vor­lie­gen­de im Kunst­mann Ver­lag er­scheint, son­dern des­sen Au­tor, Pierre Ba­y­ard wie Tim Parks auch wis­sen­schaft­lich der Li­te­ra­tur zu­ge­wandt ist. Wäh­rend Ba­y­ard zur Lü­cke an­lei­tet un­ter dem ori­gi­nal­ge­treu über­setz­ten Ti­tel „Wie man über Bü­cher spricht, die man nicht ge­le­sen hat“, er­läu­tert Parks in „Whe­re I’m Rea­ding from“ sei­ne Sicht aufs Le­sen. Sei­ne Es­says zu fast al­len Aspek­ten des Le­sens und Schrei­bens lie­gen nun in der Über­set­zung von Ul­ri­ke Be­cker und Ruth Keen als „Wor­über wir spre­chen, wenn wir über Bü­cher spre­chen“ vor. Ein wirk­lich schö­ner Ti­tel.

Parks Buch ist nur un­we­sent­lich län­ger als die char­man­te Schum­mel­fi­bel sei­nes fran­zö­si­schen Kol­le­gen. Gut 230 Sei­ten, por­tio­niert in vier Tei­le mit 33 Ka­pi­teln, wid­men sich dem Buch und der Welt. Wie ist ein Ro­man ge­macht? Wie­so wird er ein Er­folg? Was macht uns auf ihn so auf­merk­sam, daß wir ihn le­sen und über ihn re­den wol­len? Parks Kern­the­ma wird bald klar. In der glo­ba­li­sier­ten Welt dro­he ei­ne „Kon­strukt Welt­li­te­ra­tur“ wei­ter­le­sen

Gabinetto Segreto der Literatur

Im Dienst der Literatur erforscht Rainer Moritz „Wer hat den schlechtesten Sex“

9783421046444_CoverIm Neap­ler Mu­seo Na­zio­na­le fin­det sich ne­ben Mo­sai­ken und Ma­le­rei­en aus den vom Ve­suv zer­stör­ten Städ­ten ein spe­zi­el­ler Aus­stel­lungs­raum. Die­ses Ga­bi­net­to Se­gre­to war zum Schutz emp­find­sa­mer See­len lan­ge nur mit Son­der­er­laub­nis zu be­tre­ten. Wer die­se je­doch er­hielt, konn­te sich an ero­ti­schen bis derb se­xu­el­len an­ti­ken Ar­te­fak­ten er­göt­zen. Ein der­ar­ti­ges ero­ti­sches Ge­heim­ka­bi­nett im li­te­ra­ri­schen Sin­ne hat Rai­ner Mo­ritz zu­sam­men­ge­tra­gen. Der Ti­tel Wer hat den schlech­tes­ten Sex? weist auf die spe­zi­fi­sche Aus­rich­tung sei­nes Sam­mel­ge­biets.

Rai­ner Mo­ritz, Kri­ti­ker und Lei­ter des Li­te­ra­tur­hau­ses Ham­burg, wur­de nicht erst in sei­nem Stu­di­um der Li­te­ra­tur­wis­sen­schaf­ten mit li­te­ra­ri­schen Feucht­ge­bie­ten kon­fron­tiert. Wie vie­le lei­den­schaft­li­che Le­ser such­te und fand er schon in jun­gen Jah­ren die bes­ten Stel­len in hei­mi­schen Bü­cher­ber­gen. Sei­ne In­itia­ti­on er­folg­te beim eher sof­ten Sex in Nar­ziß und Gold­mund, deut­li­che­re Fin­ger­zei­ge hin­ge­gen lie­fer­te ihm Da­ni­el De­foe. Ich ge­hö­re zur glei­chen Ge­nera­ti­on wie Mo­ritz und er­in­ne­re mich an ähn­li­che Er­fah­run­gen. Je­doch stieß ich „Ga­bi­net­to Se­gre­to der Li­te­ra­tur“ wei­ter­le­sen

Sushi Murakami — Resümee

Die Lesereise der verblüfften Frau Atalante

Mura­ka­mi wählt für sei­nen Ro­man „Die Pil­ger­jah­re des farb­lo­sen Herrn Ta­za­ki“ ein tra­gi­sches The­ma. Die Ver­ban­nung aus dem Freun­des­kreis ver­ur­sacht durch ei­ne Ver­leum­dung. Ein der­ar­ti­ges Er­eig­nis kann man oh­ne wei­te­res als Mob­bing be­zeich­nen, ein uni­ver­sel­les Pro­blem al­so, was kei­nes­falls nur auf Ja­pan be­schränkt ist. Je­der hat sol­ches in der ein oder an­de­ren hof­fent­lich schwä­che­ren Form schon er­lebt, des­halb spricht der Ro­man vie­le an. Zu­dem wird von sol­chen Skan­da­le ger­ne ge­le­sen. Mord und Tot­schlag be­die­nen den Voy­eu­ris­mus und das schö­ne Ge­fühl, daß es schlim­me­re Schick­sa­le als das ei­ge­ne gibt.

Bei den Pil­ger­jah­ren han­delt es sich um ei­nen An­schlag auf die Psy­che. (Ich mei­ne jetzt na­tür­lich das Er­leb­nis des Herrn Ta­za­ki.) Ei­ne un­er­klär­li­che Zu­rück­wei­sung zu er­le­ben ist ei­ne trau­ma­ti­sche Er­fah­rung. Le­ser wie Op­fer rät­seln in die­sem Buch über die Ur­sa­che und dies von An­fang an. Die­se „Su­shi Mura­ka­mi — Re­sü­mee“ wei­ter­le­sen

Sehenswert — Literarische Wundertüten im TV

Literaturclub und das neue Lesenswert

Nach­dem vor ge­rau­mer Zeit der Li­te­ra­tur­club des Schwei­zer Fern­se­hens und jetzt ak­tu­ell auch Li­te­ra­tur im Foy­er ein Re­launch er­fah­ren ha­ben oder, wie es Paul Jandl nen­nen wür­de, auf­ge­pimpt, eben ver­schö­nert, mo­der­ni­siert, at­trak­ti­ver ge­macht wur­den, lohnt sich ein Blick auf die se­hens­wer­ten Li­te­ra­tur­sen­dun­gen im Fern­se­hen.

Im Li­te­ra­tur­club hat sich seit fast ei­nem Jahr man­ches ver­än­dert. Iris Ra­disch hat die Sen­dung ver­las­sen und die Mo­de­ra­ti­on an Ste­fan Zwei­fel ab­ge­ge­ben. Er dis­ku­tiert mit dem fes­ten En­sem­ble von El­ke Hei­den­reich, Hil­de­gard E. Kel­ler und Rü­di­ger Sa­fran­ski, die als Au­toren und fern­seh­taug­li­che Li­te­ra­tur­kri­ti­ker dem Pu­bli­kum be­kannt sind. Al­les fin­det nach wie vor in der ent­spann­ten At­mo­sphä­re des Zü­ri­cher Pa­pier­saals statt. Die bei­den Tre­sen, an de­nen Mo­de­ra­to­rin und Gast den Kri­ti­kern ge­gen­über sa­ßen, wur­den durch ei­ne tra­di­tio­nel­le Run­de er­setzt. Mei­ner Mei­nung nach ist „Se­hens­wert — Li­te­ra­ri­sche Wun­der­tü­ten im TVwei­ter­le­sen

Die Königin der Smartcrackers – Dorothy Parker

In „Noch ein Martini und ich lieg unterm Gastgeber“ charakterisiert Michaela Karl die amüsanteste Kritikerin New Yorks


„If I ab­s­tain from fun and such, 

I’ll pro­bab­ly amount to much,

But I shall stay the way I am, 

Be­cau­se I do not gi­ve a damm.“ (Par­ker, Com­ple­te Po­ems)

Un­längst be­klag­te der ame­ri­ka­ni­sche Au­tor Dwight Gar­ner in The New York Times die Über­hand­nah­me von Ku­schel­kri­ti­ken. Viel­leicht dach­te er bei sei­nem Ruf nach wah­ren Re­zen­sen­ten, die ne­ben Lob auch har­te Kri­tik äu­ßern, an die be­rühm­tes­te Kri­ti­ke­rin New Yorks zu­rück, Do­ro­thy Par­ker? Ihr fiel es nie schwer ei­ne Re­zen­si­on fol­gen­der­ma­ßen zu be­en­den, „Die­sen Ro­man soll­te man nicht ein­fach so weg­le­gen, man soll­te ihn vol­ler Hin­ga­be in die Ecke feu­ern.“

Do­ro­thy Par­ker, die nicht nur Kri­ti­ken, son­dern auch Ge­dich­te, Dreh­bü­cher und Kurz­ge­schich­ten ver­fass­te, wid­met die Po­li­to­lo­gin und His­to­ri­ke­rin Mi­chae­la Karl ei­ne Bio­gra­phie, de­ren Ti­tel „Noch ein Mar­ti­ni und ich lieg un­term Gast­ge­ber sie nicht bes­ser hät­te wäh­len kön­nen. Er weist auf die gro­ßen Lei­den­schaf­ten Par­kers hin, den Hang zu Män­nern und die Lie­be zum Al­ko­hol, so­wie die Ga­be de­ren bei­der Nach­wir­kun­gen mit sar­kas­ti­schen Bon­mots zu ku­rie­ren. Wei­te­re Rol­len spiel­ten ne­ben dem Schrei­ben nur noch Hun­de und Hü­te.

Das trotz all die­ser Um­stän­de im­mer­hin über sieb­zig Jah­re wäh­ren­de Le­ben der 1893 ge­bo­re­nen Do­ro­thy Roth­schild ver­folgt Karl in zehn Ka­pi­teln auf 233 Sei­ten. Sie schil­dert in chro­no­lo­gi­scher Ab­fol­ge wie die scharf­zün­gi­ge Par­ker zur „geist­reichs­ten Frau New Yorks“ wur­de. Zu­dem zeigt sie an­hand zahl­rei­cher Zi­ta­te den in­tel­lek­tu­el­len Sar­kas­mus die­ser Au­torin, der das Ein­füh­len in das Un­glück nicht fremd war, da es sich oft ge­nug um ihr ei­ge­nes han­del­te.

Ih­re jour­na­lis­ti­sche Kar­rie­re be­ginnt Do­ro­thy Par­ker bei der Vogue mit äu­ßerst un­kon­ven­tio­nel­len Be­rich­ten über Ein­rich­tungs­sti­le und Mo­den­eu­hei­ten. Bei Va­ni­ty Fair wird sie als Nach­fol­ge­rin von P. G. Wo­de­house die ers­te weib­li­che Thea­ter­kri­ti­ke­rin der Stadt. Sie schreibt au­ßer­dem für Es­qui­re, Life und für The New Yor­ker. Dort ver­fasst sie als „The Con­stant Rea­der“ die Ko­lum­ne „Re­cent Books“. Ei­ni­ge der amü­san­tes­ten dort pu­bli­zier­ten Ver­ris­se zi­tiert die Bio­gra­phie.

Do­ro­thy Par­ker ist für ih­ren Sar­kas­mus be­rüch­tigt. Ein täg­li­ches Trai­ning in die­ser Dis­zi­plin war der Round-Ta­ble im Ho­tel Al­gon­quin, wo sie zur Hap­py Hour im Vicious Cir­cle mit be­freun­de­ten Jour­na­lis­ten und viel Spott die Ta­ges­er­eig­nis­se kom­men­tiert.

Ne­ben ih­ren jour­na­lis­ti­schen Schrif­ten ver­fasst sie Ge­dich­te und Kurz­ge­schich­ten. Sie schreibt über Ab­hän­gig­kei­ten in Lie­bes­be­zie­hun­gen, über die Dumm­heit der Män­ner wie die der Frau­en, nimmt die Ver­hal­tens­wei­sen  der Up­per Class aufs Korn, bei­des mit Selbst­iro­nie, denn auch sie strau­chelt oft in Lie­bes­wir­ren und lebt die Ri­tua­le der Groß­stadt. Gleich­zei­tig kämpft sie ge­gen Ras­sis­mus an, sam­melt für jü­di­sche Flücht­lin­ge, un­ter­stützt ih­re un­ter Mc­Car­thy ver­folg­ten Kol­le­gen. Die Rech­te an ih­ren Schrif­ten ver­erbt sie Mar­tin Lu­ther King, sie ge­hen nach des­sen Tod an die schwar­ze Bür­ger­rechts­or­ga­ni­sa­ti­on NAACP.

In der vor­lie­gen­den Bio­gra­phie schil­dert Karl auch die pri­va­ten Be­zie­hun­gen Par­kers. Es er­staunt wie vie­le li­te­ra­ri­sche Per­sön­lich­kei­ten mit ihr in Kon­takt stan­den, un­ter ih­nen Fitz­ge­rald, So­merset Maug­ham und He­ming­way. Die in­ti­men Be­zie­hun­gen zu ih­ren Män­nern und Lieb­ha­bern blei­ben na­tür­lich nicht un­er­wähnt. Lei­der sind die­se Dar­stel­lun­gen manch­mal von Wie­der­ho­lun­gen und kü­chen­psy­cho­lo­gisch an­mu­ten­den Pau­schal­ur­tei­le durch­zo­gen, wie „Wie so vie­le Frau­en fühlt sich Do­ro­thy Par­ker an­ge­zo­gen von gut­aus­se­hen­den Män­nern, die ihr in­tel­lek­tu­ell nicht das Was­ser rei­chen kön­nen“. Den­noch bie­tet sich ei­ne in­ter­es­san­te Lek­tü­re vol­ler In­for­ma­tio­nen, de­ren Be­leg­stel­len in den an­ge­häng­ten An­mer­kun­gen auf­ge­führt sind. Hier hät­te die Le­se­rin sich noch man­che wei­ter­füh­ren­de Er­läu­te­rung ge­wünscht. Aber viel­leicht hät­te dies den Rah­men die­ser Bio­gra­phie ge­sprengt, die im­mer­hin noch ei­ne um­fang­rei­che Li­te­ra­tur­lis­te und ein Per­so­nen­re­gis­ter bie­tet. Ob al­ler­dings Ge­org Cloo­ney und so manch” an­de­re mo­der­ne Be­rühmt­heit et­was in ei­ner Bio­gra­phie über Do­ro­thy Par­ker zu su­chen ha­ben, sei be­zwei­felt.

Es ist si­cher­lich nicht ver­kehrt, die­se Bio­gra­phie zu le­sen. Voll­kom­men rich­tig ist aber die Lek­tü­re der Wer­ke Do­ro­thy Par­kers. Bei ih­ren Ge­dich­ten muss man zum Ori­gi­nal grei­fen. Die Kurz­ge­schich­ten sind bei Kein&Aber neu auf­ge­legt. Ei­ni­ge fin­den sich in ei­ner von El­ke Hei­den­reich ge­le­se­nen Hör­buch­fas­sung.

Last but not least, für al­le, die we­der le­sen noch hö­ren möch­ten, sei auf den 1994 er­schie­ne­nen Film von Alan Ru­dolph „Mrs. Par­ker and the Vicious Cir­cle“ ver­wie­sen.

 

Mi­chae­la Karl, Noch ein Mar­ti­ni und ich lieg un­term Gast­ge­ber. Do­ro­thy Par­ker. Ei­ne Bio­gra­phie. Re­si­denz Ver­lag, 4. Aufl. 2011