Belle donne e Madonne

Kia Vahland stellt in ihrer Biographie „Leonardo da Vinci und die Frauen“ das innovative Frauenbild des Künstlers in den Vordergrund

Als Zeich­ner und Ma­ler aber ist er vol­ler Em­pa­thie, ein Künst­ler, der dem See­li­schen bis in feins­te Ver­äs­te­lun­gen nach­spürt. Sei­ne Ein­füh­lung kreist da­bei um zwei­er­lei: um die Na­tur und um die Frau­en. Aus heu­ti­ger Sicht mag die­se Ver­bin­dung nicht zwangs­läu­fi­ger er­schei­nen als die von Mensch und Na­tur all­ge­mein. Doch in Leo­nar­dos Au­gen ist na­tu­ra ei­ne weib­li­che Kraft und die Frau­en ver­fü­gen über ei­ne wun­der­sa­me Po­tenz, die ihn zeit­le­bens in­ter­es­siert. Es ist die Ga­be, Le­ben zu schen­ken.“

Kia Vah­land ist mir durch ih­re Ar­ti­kel zu Kunst- und Kul­tur­the­men in der SZ schon seit län­ge­rem be­kannt. Die Kunst­his­to­ri­ke­rin un­ter­rich­tet zu­dem an der Uni­ver­si­tät Mün­chen. Pro­mo­viert wur­de sie mit ei­ner Ar­beit über Se­bas­tia­no del Piom­bo. Auch dort steht das Frau­en­bild des Künst­lers im Vor­der­grund.

Es liegt al­so nicht fern, daß Vah­land ih­re Bio­gra­phie Leo­nar­do da Vin­ci und die Frau­en über den Künst­ler, des­sen 500. To­des­tag sich jährt, eben­falls un­ter die­sen Aspekt stellt. Die Be­deu­tung des Weib­li­chen in Leo­nar­dos Welt­bild bil­det das Zen­trum von Vah­l­ands Ar­gu­men­ta­ti­on. Sie zeigt Leo­nar­do als ex­ak­ten Er­for­scher von In­ter­ak­ti­on im Klei­nen wie im Gro­ßen. Sei­ne Em­pa­thie für das weib­li­che Ge­schlecht drückt er mit ma­le­ri­schen Mit­teln aus und weist den „Bel­le don­ne e Ma­don­ne“ wei­ter­le­sen

Meine fatale Freundin

Delphine de Vigan manipuliert in ihrem neuen Roman „Nach einer wahren Geschichte“ den Leser mit Phantasie

Nach ei­ner wah­ren Ge­schich­te von Del­phi­ne Vi­gan

Wahr, was ist das? Dar­über wird nicht nur vor Ge­richt ge­strit­ten, denn je­de er­in­ner­te Wahr­heit be­steht mehr aus Zu­sam­men­ge­reim­ten als aus un­um­stöß­li­chen Fak­ten. Was al­so kann an ei­ner Ge­schich­te wahr sein? Oder an ei­nem Ro­man nach ei­ner wah­ren Ge­schich­te? Darf ein Ro­man über­haupt wahr sein? Del­phi­ne de Vi­gan macht die­se span­nen­den Me­tafra­gen zum Ge­gen­stand ih­res neu­en nicht min­der span­nen­den Ro­mans mit dem sug­ges­ti­ven Ti­tel Nach ei­ner wah­ren Ge­schich­te.

Die Schwie­rig­keit über Pri­va­tes zu schrei­ben the­ma­ti­sier­te die Au­torin be­reits in Das Lä­cheln mei­ner Mut­ter. Die Last des Er­folgs, den ihr die­ser bio­gra­phi­sche Ro­man be­scher­te, schil­dert Vi­gan zu Be­ginn ih­res neu­en. Des­sen Prot­ago­nis­tin Del­phi­ne trägt nicht nur den glei­chen Vor­na­men wie die Au­torin, sie lebt wie die­se mit zwei fast er­wach­se­nen Kin­dern in Pa­ris, hat ei­nen Part­ner, der im Buch­be­trieb tä­tig ist, und ar­bei­tet als Schrift­stel­le­rin. Al­lei­ne wie­viel von der Ge­schich­te, die die­ses Grund­ge­rüst trägt, aus Fik­ti­on oder Fak­ten kon­stru­iert ist, bleibt of­fen. Wir wis­sen al­so nicht, ob Del­phi­ne de Vi­gan „Mei­ne fa­ta­le Freun­din“ wei­ter­le­sen

Pippi Pomperipossa – Die Widerstandskämpferin Astrid Lindgren

Jens Andersen zeigt in seiner Biographie, wie Astrid Lindgren mit den Waffen der Sprache streitet

Lindgren1Die bei­na­he acht­zig­jäh­ri­ge As­trid Lind­gren wur­de ge­fragt, was sie wohl ge­tan hät­te, wenn sie sei­ner­zeit nicht Schrift­stel­le­rin ge­wor­den wä­re. Ih­re Ant­wort lau­te­te: „Ich wä­re ei­ne klei­ne ak­ti­ve Wi­der­stands­kämp­fe­rin in der ers­ten Zeit der Ar­bei­ter­be­we­gung ge­wor­den. (…) Ei­ne klei­ne Vor­kämp­fe­rin für die Men­schen der da­ma­li­gen Zeit.“

Die Bio­gra­phien über As­trid Lind­gren, dar­un­ter die au­to­ri­sier­te von Mar­ga­re­ta Ströms­tedt, wer­den nun durch ei­ne wei­te­re er­gänzt, die erst­mals die zahl­rei­chen hand­schrift­li­chen Auf­zeich­nun­gen der Au­torin be­rück­sich­tigt. Ihr Ver­fas­ser, Jens An­der­sen, Nor­dist und Li­te­ra­tur­kri­ti­ker, könn­te als Dä­ni­scher Na­tio­nal­bio­graph be­zeich­net wer­den. 2005 leg­te er die Le­bens­ge­schich­te des Mär­chen­dich­ters Hans Chris­ti­an An­der­sen vor, die in­ter­na­tio­nal be­ach­tet wur­de. Sei­ne Bio­gra­phie über Kö­ni­gin Mar­gre­the II. im Jahr 2012 sorg­te vor al­lem im kö­nigs­treu­en Dä­ne­mark für Fu­ro­re.

Mit As­trid Lind­gren wid­met er sich ei­ner Au­torin, der nicht nur ih­re Fi­gur Pip­pi Lang­strumpf welt­wei­te Be­ach­tung brach­te. Ge­ra­de des­we­gen stellt sich die Fra­ge, ob es über die be­rühm­te „Pip­pi Pom­pe­ri­pos­sa – Die Wi­der­stands­kämp­fe­rin As­trid Lind­gren“ wei­ter­le­sen

Eine vielköpfige, wunderliche Familie“

Tilmann Lahmes Biographie über die Manns schenkt neue Einblicke und ein großes Lesevergnügen

 

MannsAl­le glück­li­chen Fa­mi­li­en äh­neln ein­an­der, je­de un­glück­li­che aber ist auf ih­re ei­ge­ne Art un­glück­lich.“

Die­ser ers­te Satz in Tol­stois An­na Ka­re­ni­na gilt auch für die Manns, die be­kann­tes­te Schrift­stel­ler­fa­mi­lie Deutsch­lands. Li­te­ra­tur über sie lässt sich in Re­gal­me­tern mes­sen, nicht nur we­gen der welt­weit be­rühm­ten Wer­ke ih­res Ober­haupts, son­dern weil sie al­le zur Fe­der grif­fen.

Der His­to­ri­ker und Ger­ma­nist Til­mann Lah­me, der 2009 mit ei­ner Bio­gra­phie über Go­lo Mann her­vor­trat, ge­währt nun mit Die Manns: Ge­schich­te ei­ner Fa­mi­lie neue Ein­bli­cke. Bis­her un­be­kann­te Fa­mi­li­en­brie­fe bil­den die Grund­la­ge sei­ner Ana­ly­se. Sie setzt im Früh­jahr 1922 ein, als das Ehe­paar Mann die Pu­ber­täts­pro­ble­me ih­rer Äl­tes­ten, Eri­ka und Klaus, kur­zer­hand mit der In­ter­nats­ver­schi­ckung löst. Sie en­det im Jahr 2002 mit dem Tod der Toch­ter Eli­sa­beth. Auf den gut 400 Sei­ten da­zwi­schen er­zählt Lah­me von den Mit­glie­dern der Kern­fa­mi­lie Mann mit ge­le­gent­li­chen Sei­ten­bli­cken auf die Schwie­ger­el­tern, den Bru­der Hein­rich und die En­kel.

Sei­ne Haupt­per­so­nen sind die acht Manns, Tho­mas, Ka­tia, Eri­ka, Klaus, Go­lo, Mo­ni­ka, Eli­sa­beth und Mi­cha­el. Im Fa­mi­li­en­jar­gon, Pie­lein, Mi­e­lein, Eri, Eis­si, Mo­ni, Me­di, Bi­bi und das Ei­ne viel­köp­fi­ge, wun­der­li­che Fa­mi­lie““ wei­ter­le­sen

Ehrenwerte Rebellin

Susanne Kippenberger porträtiert in Das rote Schaf der Familie Jessica Mitford und ihre Schwester

HB Kippenberger_978-3-443-24649-2_MR.inddDie Mit­ford Sis­ters sind in Eng­land ei­ne na­tio­na­le Le­gen­de, au­ßer­halb des Com­mon­wealth al­ler­dings we­nig be­kannt. Le­dig­lich ei­ne der sechs Töch­ter von Lord und La­dy Re­des­da­le brach­te es durch ih­re Freund­schaft mit Hit­ler zu his­to­ri­schem Ruhm. Das Schick­sal schien die­se Ver­bin­dung für Unity Mit­ford be­stimmt zu ha­ben. Nicht nur ihr Vor­na­me Val­ky­rie auch ih­re Zeu­gung im ka­na­di­schen Swas­ti­ka sind Omi­na, die Aischy­los nicht tref­fen­der hät­te er­dich­ten kön­nen. Wie im an­ti­ken Dra­ma en­det ih­re ari­sche Ära fast töd­lich. Sie schießt sich am 3.9.39 in den Kopf ver­zwei­felt dar­über, daß die Bri­ten Deutsch­land den Krieg er­klärt ha­ben. Den­noch über­lebt sie die­sen um drei Jah­re.

Auch ih­re Schwes­ter Dia­na be­sitzt ein Fai­ble für Fa­schis­ten. Sie hei­ra­tet in zwei­ter Ehe Os­wald Mos­ley, den Grün­der der Bri­tish Uni­on of Fa­schist. Fi­nan­zi­ell un­ter­stützt wur­de er von Mus­so­li­ni, freund­lich ver­bun­den wa­ren auch die Mos­leys mit ih­ren brau­nen deut­schen Ka­me­ra­den. Ih­re Trau­ung fand in Go­e­b­bels Pri­vat­woh­nung statt.

Jes­si­ca „Dec­ca“ Mit­ford war, wie der Ti­tel der Bio­gra­phie ah­nen lässt, po­li­tisch ge­se­hen das kras­se Ge­gen­teil ih­rer bei­den Schwes­tern. Mit 20 pfeift sie auf die Up­per­class und folgt ih­rer ers­ten „Eh­ren­wer­te Re­bel­lin“ wei­ter­le­sen

Von Jägern und Sammlern

Konrad O. Bernheimer gewährt in „Narwalzahn und Alte Meister“ private Einblicke in die Welt des Kunsthandels

NarwalzahnMit Mo­scher­abi­en, höl­zer­nen Git­tern, die einst in Nord­afri­ka nicht nur Ha­rems­fens­ter vor un­er­laub­ten Ein­bli­cken schütz­ten, stat­te­te der Kauf­mann Leh­mann Bern­hei­mer vor knapp 150 Jah­ren das Bad sei­ner Münch­ner Woh­nung aus. Heu­te zie­ren sie die Wän­de sei­ner Ur­ur­groß­enke­lin. Nicht nur die­ser Ge­gen­stand ver­bin­det die Bei­den auch ih­re Lei­den­schaft für Kunst und schö­ne Din­ge. Der Händ­ler aus­ge­such­ten In­te­ri­eurs und die Ga­le­ris­tin wähl­ten Kunst als Pro­fes­si­on. Auch die Fa­mi­li­en­mit­glie­der der zwi­schen ih­nen lie­gen­den Ge­nera­tio­nen ma­chen und mach­ten ih­re Ge­schäf­te auf die­sem Ge­biet, dar­un­ter Kon­rad Bern­hei­mer, der Ver­fas­ser der vor­lie­gen­den Fir­men- und Fa­mi­li­en­ge­schich­te.

Ihr Ti­tel „Nar­wal­zahn und al­te Meis­ter“ deu­tet auf die lan­ge und viel­fäl­ti­ge Tra­di­ti­on des Me­tiers. Einst wa­ren es die Kunst- und Wun­der­kam­mern, in de­nen kunst­sin­ni­ge Fürs­ten Ku­rio­sa sam­mel­ten, die von ih­rer Welt­läu­fig­keit kün­den soll­ten. Auch heu­te regt die Lie­be zur Kunst Samm­ler zum Er­werb an. Auch dient Kunst nach wie vor als Sta­tus­sym­bol der Dis­tink­ti­on und nicht sel­ten der rei­nen In­ves­ti­ti­on. Zwi­schen Samm­ler und Ob­jekt steht der Händ­ler. Als sol­cher blickt „Von Jä­gern und Samm­lern“ wei­ter­le­sen

Wer hat hier die Hosen an?

In ihrem neuen Bildband „Die Erste“ illustrieren Barbara Sichtermann und Ingo Rose Kämpferinnen um die Geschlechtergerechtigkeit

Die ErsteDie Ers­te“, das klingt nach Wett­be­werbs­wunsch und Durch­set­zungs­ver­mö­gen. Bei­des war si­cher­lich im Ver­hal­ten der Frau­en vor­han­den, die Bar­ba­ra Sich­ter­mann und In­go Ro­se im vor­lie­gen­den Bild­band vor­stel­len. Sich­ter­mann wid­met sich seit vie­len Jah­ren  den ge­sell­schaft­li­chen und pri­va­ten Rol­len der Frau. In 18 Kurz­por­träts stellt sie nun, zu­sam­men mit ih­rem Part­ner Ro­se, be­kann­te und we­ni­ger be­kann­te Frau­en un­ter­schied­li­cher Ge­nera­tio­nen und Fach­ge­bie­te vor. Ge­mein­sam ist die­sen Frau­en ei­nes, sie er­ober­ten sich Po­si­tio­nen, de­ren Zu­gang dem weib­li­chen Ge­schlecht ver­wehrt war. Ne­ben der be­rühm­ten Li­se Meit­ner, die im Schat­ten von Ot­to Hahn als Kern­phy­si­ke­rin forsch­te, fin­den sich der heu­ti­gen Öf­fent­lich­keit be­kann­te Per­sön­lich­kei­ten, wie die Jour­na­lis­tin Wieb­ke Bruhns, die Theo­lo­gin Mar­got Käß­mann, die Fi­nanz­ex­per­tin Chris­ti­ne La­gar­de und die ehe­ma­li­ge, vor kur­zem ver­stor­be­ne, bri­ti­sche Pre­mier­mi­nis­te­rin Mar­ga­ret That­cher.

Die bei­den Au­toren ge­hen aber auch in der His­to­rie zu­rück und be­rich­ten „Wer hat hier die Ho­sen an?“ wei­ter­le­sen

Ein Coffee-Table voller Madeleines

Marcel Proust in Bildern und Dokumenten

Im Herbst des letz­ten Jah­res leg­te die Edi­ti­on Olms mit Mar­cel Proust in Bil­dern & Do­ku­men­ten ei­nen opu­len­ten Bild­band zu Eh­ren des be­rühm­ten Schrift­stel­lers auf recht­zei­tig zu sei­nem 90. To­des­tag am 18. No­vem­ber und vor dem Jah­res­tag des Erst­aus­ga­be des ers­ten Ban­des der Re­cher­che im Jah­re 1913. Die­ser groß­for­ma­ti­ge mit Bild­ma­te­ri­al reich aus­ge­stat­te­te Band kann als Cof­fee-Ta­ble-Book ne­ben ei­ner Eta­ge­re vol­ler Ma­de­lei­nes Bel­la Fi­gu­ra ma­chen und die Emp­find­sam­keit sei­nes Be­sit­zers zur Schau stel­len. Er kann aber noch viel bes­ser die Welt der Re­cher­che ver­an­schau­li­chen, je­nes Le­bens­werks in sie­ben Bän­den mit den vie­len Sei­ten schö­ner Sät­ze. Die­ses zu il­lus­trie­ren, so­weit über­haupt mög­lich, ver­sam­melt der Band Fo­to­gra­fien, Do­ku­men­te, Kunst und De­kor. Es fin­den sich Por­träts von Proust, sei­ner Fa­mi­lie und den Freun­den. Wir kön­nen Brie­fe, Ur­kun­den und die be­rühm­ten Fra­ge­bö­gen stu­die­ren, Ab­bil­dun­gen der in der Re­cher­che er­wähn­ten Kunst­wer­ke be­trach­ten. Gra­phik und Ge­gen­stän­de des Fin de Siè­cle ver­voll­stän­di­gen das Zeit­ko­lo­rit und Ma­de­lei­ne Le­mai­re, ei­ne Freun­din Prousts, die sich in Mme de Vil­le­pa­ri­sis und Mme Ver­du­rin wie­der­fin­det, streut ih­re Aqua­rell­blü­ten über vie­le Sei­ten.

Als Her­aus­ge­be­rin die­ser Il­lus­tra­ti­on fun­giert Pa­tri­zia Man­te-Proust, die Ur­groß­nich­te des Dich­ters. Vol­ler Fa­mi­li­en­stolz be­rich­tet sie über den be­rühm­ten On­kel ih­rer Groß­mutter Su­zy, der ein­zi­gen Toch­ter von Mar­cels Bru­der Ro­bert. Pa­tri­zia Man­te-Proust war elf Jah­re alt als die­se starb, und die stärks­te ih­rer Er­in­ne­run­gen gilt ne­ben dem Por­trät Prousts von Jac­ques-Èmi­le Blan­che, das im Sa­lon der Groß­mutter hing be­vor es in die Samm­lung des Mu­sée d’Orsay über­ging, der Ent­de­ckung des Ty­poskripts von „Al­ber­ti­ne dis­pa­rue“ im Jahr 1986. Auch wenn sie al­le Er­war­tun­gen hin­sicht­lich er­erb­ter li­te­ra­ri­scher Tief­grün­dig­keit be­schei­den ab­lehnt, äu­ßert sie doch das Bon­mot „Proust ist kei­ne Fra­ge des Le­sens, son­dern des Wie­der­le­sens!“. Zum Ab­schluss des Vor­worts er­weist sie ihm auch phä­no­ty­pisch Re­ve­renz auf ei­nem Por­trät mit künst­lich ver­han­ge­nem Blick und auf ei­nem Aqua­rell, das Ahn und Er­bin als Rad­fah­rer auf der Pro­me­na­de von Ca­bourg zeigt.

Der Haupt­teil des Ban­des teilt sich in Ka­pi­tel, de­ren Tex­te die Proust-For­sche­rin Mi­reil­le Na­tu­rel ver­fass­te. Sie lehrt an der Pa­ri­ser Uni­ver­si­tät Sor­bon­ne Nou­vel­le und ist Ge­ne­ral­se­kre­tä­rin der So­cié­té des Amis de Mar­cel Proust. Ein wei­te­res Ele­ment bil­den Pas­sa­gen der Re­cher­che, die mit aus­ge­wähl­ten Ab­bil­dun­gen kor­re­spon­die­ren. In sechs Ka­pi­teln wirft Na­tu­rel Schlag­lich­te auf die Be­deu­tung die­ses Ge­sell­schafts­ro­mans und er­in­nert zu­gleich an den ak­ti­ven, viel­sei­tig in­ter­es­sier­ten Proust.

Das ers­te Ka­pi­tel taucht ein in das Idyll der Kind­heit in Il­liers-Com­bray. Fa­mi­li­en­mit­glie­der, Aus­schnit­te aus Schul- und Stu­di­en­zeit, das frei­wil­li­ge Jahr beim Mi­li­tär, aber auch die frü­hen Fe­ri­en­auf­ent­hal­te in Ca­bourg ent­fal­ten ein „Ka­lei­do­skop des Le­bens“. Im zwei­ten Ka­pi­tel er­fah­ren wir von Prousts Be­geg­nun­gen und Be­zie­hun­gen zu an­de­ren Künst­lern, wie Jac­ques-Èmi­le Blan­che und Jean Coc­teau, aber auch von sei­nem Zu­sam­men­tref­fen mit dem Ver­le­ger Gas­ton Gal­li­mard. Das mon­dä­ne Le­ben des jun­gen Prousts in den Sa­lons be­ein­flusst un­mit­tel­bar das Ent­ste­hen sei­nes ers­ten li­te­ra­ri­schen Werks, Freu­den und Ta­ge. Die bei­den fol­gen­den Ka­pi­tel wid­men sich zwei ganz we­sent­li­chen Ele­men­ten, dem Le­sen und der Kunst. Zeigt das ei­ne, wie in Prousts Vor­wort zu sei­ner Über­set­zung von Rus­kins Sé­sam et les Lys, Grund­ge­dan­ken der Re­cher­che be­reits an­ge­legt sind, so be­rich­tet Na­tu­rel im fol­gen­den Ka­pi­tel von Prousts Kunst­ver­ständ­nis und sei­nem syn­äs­the­ti­schen Er­le­ben der Ein­drü­cke. Das Schluss­ka­pi­tel wid­met sich dem Ent­ste­hen des Ro­man­werks. Mit vie­len Ab­bil­dun­gen ver­folgt es die Aus­ar­bei­tung von No­ti­zen zum Ma­nu­skript. Die Über­ar­bei­tung des Ty­poskripts mit den vie­len ein­ge­füg­ten Pa­pe­ro­les für die zahl­rei­chen Zu­sät­ze und Kor­rek­tu­ren könn­te fast als Kunst­werk für sich be­trach­tet wer­den. Ein kur­zer Ab­riss der Proust-Re­zep­ti­on be­en­det das Ka­pi­tel und Buch. Es schlie­ßen sich Li­te­ra­tur­ver­zeich­nis wie Ab­bil­dungs­nach­weis und ei­ne Tran­skrip­ti­on und Über­set­zung der Text­do­ku­men­te an so­wie, was an­schei­nend nie feh­len darf, ein Re­zept für Ma­de­lei­nes.

Ins Deut­sche über­setzt wur­de die­ser ins­ge­samt sehr schö­ne Bild­band von Ste­fa­nie Ku­bal­la-Cot­to­ne. Er bie­tet ei­ne gu­te Er­gän­zung zu Mar­cel Proust, sei­nem Werk und sei­ner Welt, der je­doch zwei klei­ne Aber hin­zu­fügt wer­den müs­sen. Nicht im­mer wirkt die Zu­sam­men­stel­lung der un­ter­schied­li­chen Ab­bil­dungs­for­ma­te ge­glückt. Klei­ne Fo­tos mit ab­ge­run­de­ten Ecken ne­ben ei­nem groß­for­ma­ti­gen Recht­eck oder al­te und neue Auf­nah­men auf ei­ner Blü­ten­ta­pis­se­rie er­in­nern an selbst­ge­mach­tes Fo­to­buchsty­ling. Das mag Ge­schmacks­sa­che sein. Kei­ne Fra­ge des Ge­schmacks sind je­doch die ab­fär­ben­den Dru­cke, die auf den wei­ßen Flä­chen un­schö­ne Fle­cken hin­ter­las­sen. Das hät­te durch Sorg­falt bei der Her­stel­lung ver­mie­den wer­den kön­nen.

Nicht nur we­gen des Ti­tels darf die Re­zen­si­on von An­dre­as Platt­haus in der F.A.Z. nicht un­er­wähnt blei­ben, Im Schat­ten spä­ter Nich­t­en­blü­ten.

Man­te-Proust, Pa­tri­cia; Na­tu­rel, Mi­reil­le (Hg.), Mar­cel Proust in Bil­dern & Do­ku­men­ten, übers. v. Ste­fa­nie Ku­bal­la-Cot­to­ne, Edi­ti­on Olms Zü­rich 2012.

Die Wand — Innere Emigration oder radikale Selbstbestimmung

Mit Daniela Strigl auf den Spuren Marlen Haushofers(1920–1970)

Den Ro­man Die Wand ha­be ich nicht wie vie­le Frau­en mei­ner Ge­nera­ti­on in den Acht­zi­gern ken­nen­ge­lernt, son­dern erst vor we­ni­gen Jah­ren. Als Lek­tü­re des Li­te­ra­tur­krei­ses dis­ku­tier­ten wir ihn teil­wei­se sehr kon­tro­vers, be­son­ders die Mei­nun­gen über den töd­li­chen Schuß auf den Ein­dring­ling gin­gen weit aus­ein­an­der.

Die Wand ist das be­kann­tes­te Buch der mit knapp fünf­zig Jah­ren an Krebs ver­stor­be­nen Mar­len Haus­ho­fer. Der Ro­man der eher scheu­en Schrift­stel­le­rin er­reg­te be­reits kurz nach Er­schei­nen li­te­ra­ri­sches Auf­se­hen und wur­de in meh­re­re Spra­chen über­setzt. Gro­ßen Ruhm er­lang­te er je­doch erst als Kult­buch der fe­mi­nis­ti­schen Frau­en­li­te­ra­tur nach über ei­nem Jahr­zehnt.

Dies schil­dert die Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­le­rin Da­nie­la Stri­gl im Vor­wort zu ih­rer 2007 er­schie­ne­nen Bio­gra­phie über Mar­len Haus­ho­fer Wahr­schein­lich bin ich ver­rückt. Der An­laß mich in die­se Un­ter­su­chung zu ver­tie­fen liegt nicht al­lein bei Da­nie­la Stri­gl, die mich stets als Ju­ro­rin des Bach­mann-Wett­be­werbs be­ein­druckt. Es ist die ak­tu­el­le Ver­fil­mung des Ro­mans un­ter der Re­gie von Ro­man Pöls­ler, in der Mar­ti­na Ge­deck auf über­zeu­gen­de Wei­se die ein­zi­ge mensch­li­chen Haupt­rol­le ver­kör­pert.

Ei­ne Frau fährt mit ei­nem be­freun­de­ten Ehe­paar zu ei­ner Jagd­hüt­te in den Ber­gen. Als am Abend die Freun­de zum Gast­haus im Dorf ge­hen, bleibt die Frau mit dem Hund zu­rück. Erst am nächs­ten Mor­gen be­merkt sie, daß ih­re Freun­de nicht zu­rück ge­kehrt sind. Sie bricht ins Dorf auf, er­reicht die­ses je­doch nie, da ihr ei­ne un­sicht­ba­re Wand den Weg ver­sperrt. Die­se Wand schließt sie groß­räu­mig ge­gen den Rest der Welt ab, der ver­stei­nert und leb­los da liegt. Die Frau rich­tet sich ein in ih­rem Über­le­ben in der Na­tur, nur be­glei­tet durch den Hund und an­de­re Tie­re.

Wäh­rend der ers­ten Sze­nen war ich sehr skep­tisch, ob die fil­mi­sche Um­set­zung die­ses stark in der In­nen­welt der Fi­gur spie­len­den Ge­sche­hens funk­tio­nie­ren wür­de. Ein Kam­mer­spiel in der frei­en Na­tur, in dem als wei­te­re Part­ner aus­schließ­lich Tie­re mit­spie­len. Die Ge­dan­ken, die der Ein­sied­le­rin durch den Kopf ge­hen und die sie als Be­richt no­tiert, spricht ei­ne Stim­me im Hin­ter­grund. Doch je län­ger die­ser ru­hi­ge Fluss der Wor­te das Fort­schrei­ten des Films be­glei­tet, um­so stär­ker schlug er mich in sei­nen Bann. Die in un­se­rem Kreis lan­ge dis­ku­tier­te Fra­ge, war­um die Frau den ein­zi­gen Men­schen, den sie nach Jah­ren in ih­rem Re­ser­vat trifft, tö­tet, be­ant­wor­tet der Film auch für den letz­ten Zweif­ler ein­deu­tig. Weil es eben kein Mensch war, der dort plötz­lich in ih­re Welt ein­brach, son­dern ein Un­mensch.

Mich hat die­ser Film sehr be­ein­druckt und er warf er­neut die Fra­ge auf, in­wie­weit sei­ne Vor­la­ge die in­ne­re Be­find­lich­keit der Au­torin Mar­len Haus­ho­fer wi­der­spie­gelt. Lässt sich Die Wand tat­säch­lich als Ro­man ei­ner De­pres­si­on be­zeich­nen oder ist die­se oft kol­por­tier­te Mei­nung le­dig­lich Kü­chen­psy­cho­lo­gie?

Ein­deu­tig wird sich dies wohl nie be­ant­wor­ten las­sen, so die Bio­gra­phin Stri­gl. Haus­ho­fer ha­be zwar re­gel­mä­ßig Ta­ge­buch ge­führt, die­se Hef­te je­doch ge­nau­so re­gel­mä­ßig ver­nich­tet. Es exis­tie­ren den­noch Do­ku­men­te und Auf­zeich­nun­gen, ku­rio­ser­wei­se ver­wal­tet von der zwei­ten Ehe­frau ih­res Man­nes, die auf­schluss­rei­che Ein­bli­cke er­lau­ben. In die­sen ver­rät Haus­ho­fer, „al­le Per­so­nen sind Tei­le von mir, so­zu­sa­gen ab­ge­spal­te­ne Per­sön­lich­kei­ten“, re­la­ti­viert dies je­doch im glei­chen Satz durch die si­cher zu­tref­fen­de, aber auch ver­all­ge­mei­nern­de Fest­stel­lung, daß „al­les, was ein Schrift­stel­ler schreibt, au­to­bio­gra­phisch sei“ (S. 11). Die­se Of­fen­ba­rung, die so­fort wie­der zu­rück­ge­nom­men wird, deu­tet auf die Wi­der­sprüch­lich­keit der Au­torin.

Der Wald mit sei­ner Wei­te und sei­ner Ru­he ist ein wich­ti­ger Teil ih­rer Kind­heit als Förs­ter­toch­ter. In die­se Welt kehrt sie auch in ih­ren Bü­chern im­mer wie­der zu­rück. Die Hand­lungs­or­te des Ro­mans sind die Or­te ih­rer Kind­heit. Die Jagd­hüt­te ist die ober­halb des Forst­hau­ses Ef­ferts­bach ge­le­ge­ne La­cken­hüt­te. Von dort aus ist die Hai­den­alm in 1300 Me­tern Hö­he nach wie vor nur für Wan­de­rer er­reich­bar. Al­ler­dings war die er­wach­se­ne Mar­len Haus­ho­fer kei­ne tier­lie­ben­de wan­dern­de Na­tur­freun­din, wie man es ver­mu­ten könn­te. In ei­nem Ra­dio­es­say wi­der­spricht sie die­ser Vor­stel­lung „ei­ner Ein­sied­le­rin(…), die das ein­fa­che Le­ben lieb­te und men­schen­scheu war“, sie lieb­te Pflan­zen, „weil Pflan­zen nicht Lärm schla­gen kön­nen und im­mer hübsch still sind“, aber „hat­te gro­ße Angst vor Hun­den“ (S.252). Das im Ro­man ge­schil­der­te Wis­sen um Flo­ra und Fau­na er­warb sie sich, Fra­gen zu De­tails be­ant­wor­te­te ihr Bru­der Ru­dolf, ein Forst­wis­sen­schaft­ler.

Die Frau in Die Wand darf folg­lich nicht als Cha­rak­ter­ab­bild der Mar­len Haus­ho­fer ge­deu­tet wer­den. In der ers­ten Ab­schrift des Ro­mans hat Stri­gl al­ler­dings vie­le au­to­bio­gra­phi­sche Hin­wei­se ent­de­cken kön­nen, die aus der end­gül­ti­gen Ver­si­on ge­tilgt wur­den. Dort denkt die Fi­gur noch in län­ge­ren Pas­sa­gen an ih­re Kin­der und ih­ren Mann. Das weit­ge­hen­de Feh­len die­ser Mo­men­te führ­te bei un­se­rer da­ma­li­gen Dis­kus­si­on zu ei­ni­gem Er­stau­nen und er­schien schwer nach­voll­zieh­bar.

Die ge­stri­che­nen Pas­sa­gen, dar­un­ter der Satz „Ei­gent­lich hät­te ich fast al­les was ich ge­tan ha­be lie­ber nicht ge­tan.“ füh­ren Stri­gl zu der Deu­tung „hier zieht ei­ne Vier­zig­jäh­ri­ge ei­ne ab­so­lut hoff­nungs­lo­se und un­er­bitt­li­che Bi­lanz“ (S.253). Ent­frem­dung sei das vor­herr­schen­de Ge­fühl der Haus­ho­fer ge­we­sen, das sie auch der Nur-Haus­frau der Erst­fas­sung zu­ge­schrie­ben ha­be. Auf sich selbst ge­stellt er­le­be die Haupt­fi­gur Frei­heit von Fremd­be­stim­mung, zu­gleich aber den Zwang zum Über­le­ben und die dar­aus er­wach­sen­de Ver­ant­wor­tung für Tie­re und Pflan­zen. „Die Ka­ta­stro­phe hat­te mir ei­ne gro­ße Ver­ant­wor­tung ab­ge­nom­men und, oh­ne daß ich es so­gleich merk­te, ei­ne neue Last auf­er­legt.“ (Die Wand, S. 75)

Ne­ben die­sem bio­gra­phi­schen In­ter­pre­ta­ti­ons­an­satz lie­gen wei­te­re Deu­tungs­mög­lich­kei­ten. Ein Blick auf die Ent­ste­hungs­ge­schich­te zeigt, daß Haus­ho­fer ih­re In­spi­ra­ti­on viel­leicht ei­ner ganz an­de­ren Art von Es­ka­pis­mus ver­dankt, dem Sci­ence-Fic­tion-Ro­man. Haus­ho­fer las die­se sehr ger­ne und gab sie da­nach dem Sohn ei­ner Be­kann­ten. Die­ser er­wähn­te ge­gen­über Stri­gl ei­ne Ge­schich­te mit dem Ti­tel Die glä­ser­ne Kup­pel, die das Über­le­ben ei­ner Grup­pe un­ter ei­ner Glas­glo­cke schil­dert. Ei­ne ein­deu­ti­ge Zu­ord­nung ge­lang zwar nicht, doch auch oh­ne die­se lie­ße sich Die Wand kul­tur­pes­si­mis­tisch als Angst vor dem Atom­krieg deu­ten. Ei­ne an­de­re, psy­cho­lo­gi­sche In­ter­pre­ta­ti­on lie­fert die Au­torin selbst, „je­ne Wand, die ich mei­ne, ist ei­gent­lich ein see­li­scher Zu­stand, der nach au­ßen plötz­lich sicht­bar wird. Ha­ben wir nicht über­all Wän­de auf­ge­rich­tet? Trägt nicht je­der von uns ei­ne Wand zu­sam­men­ge­setzt aus Vor­ur­tei­len vor sich her?“ (S.264) Dies ist nicht haupt­säch­lich ne­ga­tiv ge­meint, son­dern ei­ne na­tür­li­che Fol­ge mensch­li­chen Zu­sam­men­le­bens. Woll­te Haus­ho­fer folg­lich eher ei­ne Pa­ra­bel über die Di­stanz, die nicht nur im ne­ga­ti­ven Sin­ne iso­liert, son­dern auch not­wen­dig ist, schrei­ben? Eben kei­ne Ge­schich­te, die mit dem Bild der un­sicht­ba­ren Wand die in­ne­re Emi­gra­ti­on ei­ner De­pres­si­ven dar­stellt? Oder ist es doch eher so, wie ih­re Freun­din Eri­ka Dan­nen­berg mit psy­cho­ana­ly­ti­schem Be­steck se­ziert, die Dar­stel­lung ei­nes schi­zo­phre­nen Schubs, der je­de emo­tio­na­le Be­zie­hung zur Au­ßen­welt zer­stört und in Ver­ach­tung des An­de­ren und tie­fer Ag­gres­si­on mün­det?

Mich über­zeugt die The­se Stri­gls, die in dem Ro­man die „ra­di­kals­te Phan­ta­sie ei­nes selbst­be­stimm­ten Le­bens“(S. 261) sieht. Doch, um mich aber­mals dem Ur­teil die­ser Bio­gra­phin an­zu­schlie­ßen, „Man kann in die­ser auf den ers­ten Blick so ein­fa­chen Ge­schich­te im­mer noch ein biß­chen tie­fer gra­ben und wird da­bei auf neu­es Ge­stein, auf ei­ne neue Erz­ader sto­ßen.“( S. 261)

Mar­len Haus­ho­fer, Die Wand, List Ver­lag, 7. Aufl. 2005
Da­nie­la Stri­gl, „Wahr­schein­lich bin ich ver­rückt…” Mar­len Haus­ho­fer — die Bio­gra­phie, List Ver­lag, 3. Aufl. 2009

Nina Schenk Gräfin von Stauffenberg — Eine Frau des Widerstands?

Konstanze von Schulthess” persönliches Porträt ihrer Mutter Nina Schenk Gräfin von Stauffenberg

Es gibt vie­le Ar­ten ein Buch zu le­sen. Ei­ne da­von ist un­vor­ein­ge­nom­men den Text auf sich wir­ken zu las­sen un­ge­ach­tet des Ver­fas­sers und des­sen In­ten­ti­on. Die­se an­schei­nend ob­jek­ti­ve, ei­gent­lich aber nai­ve Vor­ge­hens­wei­se ist bei fik­tio­na­ler Li­te­ra­tur hin­nehm­bar, sie ver­bie­tet sich je­doch bei Wer­ken mit his­to­ri­schem Be­zug. Ein sol­ches ist die vor­lie­gen­de Bio­gra­phie über Ni­na Schenk Grä­fin von Stauf­fen­berg. Sie muss sich folg­lich den Fra­gen der his­to­ri­schen Text­kri­tik stel­len. Wer hat den Text ver­fasst, was sagt er aus, auf wel­che Quel­len be­ruft er sich, was möch­te er be­wir­ken.

Kon­stan­ze von Schult­hess ist die jüngs­te Toch­ter Ni­na von Stauf­fen­bergs. Sie wur­de am 27. Ja­nu­ar 1945 ge­bo­ren. Ihr Va­ter Claus von Stauf­fen­berg war zu die­sem Zeit­punkt be­reits tot, hin­ge­rich­tet we­gen des At­ten­tats auf Hit­ler am 20. Ju­li 1944. Schult­hess kennt ih­ren Va­ter und die Ge­scheh­nis­se, die zu sei­nem Tod führ­ten, aus Er­zäh­lun­gen und Be­rich­ten an­de­rer. Ih­re wich­tigs­ten Quel­len wa­ren ne­ben den Er­zäh­lun­gen der Mut­ter de­ren schrift­li­che Er­in­ne­run­gen.

Es ist schwie­rig die­ses Buch ei­ner Toch­ter über ih­re Mut­ter zu be­wer­ten. Um so mehr, als je­ne Ni­na von Stauf­fen­berg die Ehe­frau Claus von Stauf­fen­bergs war und die Au­torin des­sen jüngs­te Toch­ter. Die­se Kon­stel­la­ti­on er­for­dert Re­spekt vor den Ge­füh­len und Re­spekt vor dem his­to­ri­schen wie mu­ti­gen Akt des Wi­der­stan­des.

Al­ler­dings stellt Kon­stan­ze von Schult­hess in die­sem Por­trät ih­rer Mut­ter er­neut die Fra­ge zur Dis­kus­si­on, die sie ei­gent­lich aus der Welt schaf­fen möch­te. In wie weit war Ni­na von Stauf­fen­berg in die Wi­der­stands­plä­ne ein­ge­weiht und an den Vor­be­rei­tun­gen be­tei­ligt?

Das Buch setzt mit ih­rer Re­ak­ti­on auf die Hin­rich­tung Stauf­fen­bergs ein. Als ihr die Nach­richt am Vor­mit­tag des 25. Ju­lis über­bracht wur­de brach sie we­der zu­sam­men noch dach­te sie an Flucht. Sie ent­schied sich für die Rol­le der Ah­nungs­lo­sen und prä­pa­rier­te die Kin­der auf even­tu­el­le Ver­hö­re, in­dem sie ih­nen Sät­ze der Ah­nungs­lo­sig­keit ein­gab.

Die Au­torin skiz­ziert Stauf­fen­bergs Weg zum Wi­der­stand be­vor sie die Aus­wir­kun­gen des At­ten­tats auf das Le­ben ih­rer Mut­ter schil­dert. Über die Fa­mi­li­en al­ler an der Tat be­tei­lig­ten Män­ner ver­häng­te das Na­zi­re­gime Sip­pen­haft. Für Ni­na von Stauf­fen­berg und ih­re Kin­der be­deu­te­te dies die Tren­nung. Die Kin­der ka­men in ein Heim im thü­rin­gi­schen Bad Sach­sa. Ni­na von Stauf­fen­berg wur­de zu­nächst in das Ge­fäng­nis von Rott­weil ge­bracht, dann drei Wo­chen im Un­ter­su­chungs­ge­fäng­nis des Ber­li­ner Po­li­zei­prä­si­di­ums von der Ge­sta­po ver­hört. An­schlie­ßend folg­te ei­ne fünf­mo­na­ti­ge Ein­zel­haft im Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Ra­vens­brück.

Schult­hess er­zählt ver­ständ­li­cher­wei­se mit größ­ter Em­pa­thie, aber auch an­schau­lich und span­nend. His­to­ri­sche Er­eig­nis­se ver­knüpft sie mit per­sön­li­chen Emp­fin­dun­gen und Sze­nen, wel­che die star­ke Per­sön­lich­keit Ni­na von Stauf­fen­bergs be­to­nen. So hat die­se sich von den be­drü­cken­den Ge­füh­len wäh­rend der Haft mit dem Me­mo­rie­ren von Mu­sik und Li­te­ra­tur oder selbst­ge­fer­tig­ten Pa­ti­ence­kar­ten ab­ge­lenkt. Sol­che Schil­de­run­gen sol­len of­fen­sicht­lich ei­ne Hel­din zei­gen, die mit Cha­rak­ter­stär­ke und Bil­dung die Um­stän­de be­siegt. Dass sie den­noch wäh­rend der Haft ein Tes­ta­ment ver­fass­te, spricht für ih­re Klar­sicht, als Frau ei­nes Ver­schwö­rers muss­te sie mit dem Tod rech­nen. Es lässt aber auch Ver­zweif­lung ah­nen.

Im Fol­gen­den schil­dert Schult­hess die Ju­gend ih­rer Mut­ter und das Ken­nen­ler­nen der El­tern. Be­reits als jun­ges Mäd­chen ha­be Ni­na von Stauf­fen­berg „Die drei Mus­ke­tie­re“ al­len Mäd­chen­bü­chern vor­ge­zo­gen. Die Toch­ter schließt dar­aus auf ei­ne frü­hes Fai­ble für Hel­den. Nach der 1933 er­folg­ten Hei­rat, wur­de die jun­ge Ehe­frau in­ner­halb we­ni­ger Jah­re zur mehr­fa­chen Mut­ter, 1934 wur­de Bert­hold ge­bo­ren, Hei­me­ran 1936, Franz Lud­wig 1938 und Va­le­rie im Jahr 1940. Da ihr Mann sei­ne mi­li­tä­ri­sche Kar­rie­re ver­folg­te, or­ga­ni­sier­te sie das Le­ben der Fa­mi­lie in ei­ge­ner Ver­ant­wor­tung. Kin­der­mäd­chen und Haus­an­ge­stell­te stan­den ihr als Hil­fen zur Ver­fü­gung. Wenn Claus von Stauf­fen­berg zu Be­such kam, war er „ein  hin­rei­ßen­der Va­ter“, „lag … mit sei­nen Kin­dern auf dem Fuß­bo­den und spiel­te stun­den­lang“. Ih­re Mut­ter hin­ge­gen, so be­tont Schult­hess, sei kei­ne die­ser „Glu­cken­müt­ter“ ge­we­sen. Sie ha­be sich un­kon­ven­tio­nell ver­hal­ten, in­dem sie viel rauch­te, Lip­pen­stift auf­trug und sich ge­gen al­les Klein­bür­ger­li­che wehr­te. Ih­re Ehe führ­ten die Stauf­fen­bergs als Fern­be­zie­hung, den­noch dis­ku­tier­ten die Part­ner über Po­li­tik. Dies wird je­doch nicht oft er­folgt sein, als Brief­in­halt ver­bot sich je­de Aus­ein­an­der­set­zung über Un­zu­frie­den­heit mit dem Re­gime.

Nach die­sen Pri­va­tis­si­ma ge­langt die Au­torin zur Aus­gangs­fra­ge. Sie legt dar, daß Ni­na von Stauf­fen­berg be­reits 1939 die Wi­der­stands­ge­dan­ken ih­res Man­nes er­kannt ha­be. Zu­dem sei sie bei­spiel­wei­se durch Ver­nich­tung kon­spi­ra­ti­ver Un­ter­la­gen ak­tiv an den Vor­be­rei­tun­gen be­tei­ligt ge­we­sen. Den­noch er­klärt Ni­na von Stauf­fen­berg in ih­rer Fa­mi­li­en­chro­nik, daß sie we­der den Zeit­punkt des At­ten­tats kann­te noch wuss­te, wer die­ses aus­füh­ren soll­te.

Es fol­gen Ka­pi­tel zu den Um­stän­den von Kon­stan­zes Ge­burt, zur Rol­le Me­lit­ta von Stauf­fen­bergs, zum Tod der Groß­mutter im Straf­la­ger Matz­kau. An­ge­rei­chert mit Fa­mi­li­en­an­ek­do­ten er­zählt Schult­hess von der Her­kunft des müt­ter­li­chen Fa­mi­li­en­zweigs. Auch in die­sen Ab­schnit­ten be­to­nen vie­le Sze­nen Ni­na von Stauf­fen­bergs Cha­rak­ter mit Wor­ten wie „ih­re Un­er­schüt­ter­lich­keit, auch ihr Wa­ge­mut hat­ten tie­fe Wur­zeln“.

Man­che Schil­de­run­gen wir­ken wi­der­sprüch­lich, man­che selt­sam na­iv. So schien das Ein­tref­fen der SS zwei Ta­ge nach dem At­ten­tats­ver­such der­art un­er­war­tet, daß Ni­na von Stauf­fen­berg nicht ein­mal ei­ne Ta­sche ge­packt hat­te. Auch die tes­ta­men­ta­ri­sche Sor­ge um die Ver­ga­be des Fa­mi­li­en­schmucks über­rascht. Skur­ril und we­nig sym­pa­thisch er­schei­nen die Be­mü­hun­gen um die Re­qui­si­ti­on von Leuch­tern, Ge­schirr und Fa­mi­li­en­sil­ber.

Die schrift­li­chen Quel­len der Au­torin be­stehen aus drei Schrift­stü­cken aus der Hand Ni­na von Stauf­fen­bergs: aus ih­rem in der Haft ver­fass­ten Tes­ta­ment, dem Ge­dicht „Un­ser Pa­pi“ und der un­ver­öf­fent­lich­ten Fa­mi­li­en­chro­nik „Das Hals­band der An­na Iwa­now­na“ aus dem Jahr 1966. Er­gänzt wer­den die­se von dem Be­richt Ka­ro­li­ne von Stauf­fen­bergs, der Mut­ter von Claus von Stauf­fen­berg, „Über die Zeit zwi­schen Ju­li 1944 bis Kriegs­en­de“, der im Buch kom­plett wie­der­ge­ge­ben wird. Die Fa­mi­li­en­chro­nik ist je­doch nur in Zi­ta­ten fass­bar.

Als Ni­na von Stauf­fen­berg die­se in den sech­zi­ger Jah­ren ver­fass­te war sie 53 Jah­re alt, die Er­eig­nis­se des 20. Ju­li 1944 la­gen 22 Jah­re zu­rück. Da das au­to­bio­gra­phi­sche Ge­dächt­nis sich im Lau­fe der Jah­re im­mer wie­der neu de­fi­niert, kön­nen die­se Auf­zeich­nun­gen das Er­leb­te kaum au­then­tisch ab­bil­den. Es han­delt sich um ge­form­te Er­in­ne­run­gen. Was Ni­na von Stau­fen­berg wirk­lich er­lebt hat und was durch spä­te­re Ge­sprä­che und Lek­tü­ren un­be­wusst er­gänzt wur­de, lässt sich nicht ein­deu­tig klä­ren. Die­se Schwie­rig­kei­ten spricht Schult­hess selbst ge­gen En­de des Buchs an, „Doch es kam der Mo­ment, als sie (Ni­na v. St., kp) sich nicht mehr wirk­lich si­cher war, was sie selbst er­lebt und was sie ge­le­sen oder ge­hört hat­te. Er­in­ne­run­gen und Dar­stel­lun­gen ver­wisch­ten und über­la­ger­ten sich zu­neh­mend.

Hin­zu kommt, daß die­se Text­quel­le, durch die Zi­tat­aus­wahl und ‑set­zung der Toch­ter, ei­ne wei­te­re In­ter­pre­ta­ti­ons­ebe­ne durch­läuft. Die­se un­ter­liegt ganz klar der In­ten­ti­on, Ni­na von Stauf­fen­berg als ei­ne Hel­din des Wi­der­stands dar­zu­stel­len.

Kon­stan­ze von Stauf­fen­berg hät­te nicht nur der his­to­ri­schen For­schung, son­dern vor al­lem dem An­denken ih­rer Mut­ter ei­nen grö­ße­ren Dienst er­wie­sen, wenn sie die­ses Do­ku­ment mit ei­nem Nach­wort ver­se­hen, aber an­sons­ten un­be­ar­bei­tet ver­öf­fent­licht hät­te.

Zu Stauf­fen­berg und der Be­we­gung des 20. Ju­li sind zahl­rei­che his­to­ri­sche Ab­hand­lun­gen und po­pu­lär­wis­sen­schaft­li­che Do­ku­men­ta­tio­nen er­schie­nen, dar­un­ter die bei­den fol­gen­den Bio­gra­phien der His­to­ri­ker Ue­ber­schär und Hoff­mann.

Gerd R. Ue­ber­schär, Stauf­fen­berg und das At­ten­tat vom 20. Ju­li 1944: Dar­stel­lung, Bio­gra­phien, Do­ku­men­te

Pe­ter Hoff­mann, Claus Schenk Graf von Stauf­fen­berg: Die Bio­gra­phie


So­wie ein wei­te­res per­sön­li­ches Buch aus der Fa­mi­lie Stauf­fen­berg.

Bert­hold von Stauf­fen­berg, Auf ein­mal ein Ver­rä­ter­kind

Kon­stan­ze von Schult­hess, Ni­na Schenk Grä­fin von Stauf­fen­berg, Pi­per, 3. Aufl. 2009