Flitzschwebend occupiert

In Lincoln im Bardo schlüpft Saunders innovative Erzähltechnik in die sensible, selbstkritische Seele des Präsidenten

Bleibt, beschwor ich. Er ist nicht unerreichbar für Eure Hilfe. Ganz und gar nicht. Ihr könnt noch viel Gutes für ihn tun. Ihr könnt jetzt sogar hilfreicher für ihn sein als jemals an jenem vormaligen Ort.

Denn seine Ewigkeit hängt in der Schwebe, Sir. Wenn er bleibt, ist das Elend, das ihn überwältigen wird, jenseits Eurer Vorstellungskraft.“

Einfach betrachtet handelt es sich bei George Saunders Roman um ein hochemotionales Buch. Es umschreibt die Trauer eines Vaters, der seinen Sohn gerade zu Grabe getragen hat. 11 Jahre war dieser alt, als er der Diphterie erlag. Es ist das Jahr 1862, der Tote heißt William, sein Vater Abraham Lincoln. Mitten im Amerikanischen Bürgerkrieg verliert Lincoln seinen Lieblingssohn. Er bestattet ihn in einer der Gruft in Georgetown, doch Ruhe finden sie beide nicht, denn Geister umschwirren sie. Diese verkennen ihren Zustand und hängen im Bardo fest, einem Schwebezustand zwischen tot und ganz tot oder zwischen Nirwana und Wiedergeburt, wenn man bei dem von Saunders gewählten Begriff aus der tibetanischen Mythologie bleibt.

Die Gestalten tummeln sich um Willie, sie sind dem Knaben zugewandt, dessen Geist ratlos und verlassen auf seiner „Krankenkiste“ sitzt. Der Vater kehrt in der Nacht nach der Beerdigung zum Friedhof zurück, auch er kann Willies Zustand nicht akzeptieren. Er befreit den Körper seines Sohnes aus „Flitzschwebend occupiert“ weiterlesen

Amerika und Europa — Eitelkeit und Leidenschaft

Das Tagebuch eines Mannes von fünfzig Jahren“ — fünf Erzählungen von Henry James

Auf jeden Fall war sie für mich das fesselndste; es ist nicht meine Schuld, wenn ich nun einmal so veranlagt bin, dass ich an Situationen, die zweifelhaft sind und der Interpretation bedürfen, vielfach mehr Leben ausmachen kann als am offenkundigen Geklapper im Vordergrund. Und es steckten alle möglichen Dinge, anrührende, amüsante, rätselhafte Dinge – und vor allem eine solche Gelegenheit, wie sie sich mir zuvor noch nie geboten hatte – in diesem lustigen kleinen Schicksal (…).“

Warum man gute Literatur — und dazu zählen zweifellos die Werke Henry James’ — lesen sollte, zeigt dieses Zitat des Autors, dessen hundertster Todestag im vergangenen Jahr viele Verlage mit Neuausgaben ehrten. So hatte ich mit Daisy Miller und Eine Dame von Welt zum ersten Mal das Vergnügen, diesem Autor zu begegnen. Vor allem seine ironischen, schnellen Dialoge garantieren eine kurzweilige Lektüre. Sein Hauptthema, die kulturellen Differenzen zwischen den USA und Europa, scheint heute aktueller denn je. Die Ansichten des neunjährigen, neureichen Amerikaners über europäische Verhältnisse würde POTUS45 sicher goutieren.

Der 1843 geborene Amerikaner Henry James war ein ausgezeichneter Europa-Experte. Seit seiner Jugend bereiste er den Kontinent, auf dem er bald seine Wahlheimat fand. Die gegenseitigen „Amerika und Europa — Eitelkeit und Leidenschaft“ weiterlesen

Eine wunderbare Frau

Viel Theater um die Ehre in Henry James” „Eine Dame von Welt”

James_Eine-Dame-von-Welt_U1_Banderole.inddWissen Sie, es ist das beste Theater“, sagte sie zu Waterville, als wollte sie sich leutselig geben. „Und das ist Voltaire, der berühmte Schriftsteller.“
„Ich liebe die Comédie-Française“, antwortete Waterville lächelnd.
„Ein furchtbar schlechtes Haus, wir haben kein Wort verstanden“, sagte Sir Arthur.
„Ach ja, die Logen“, murmelte Waterville.
„Ich bin ziemlich enttäuscht“, fuhr Mrs. Headway fort. „Aber ich will sehen, was aus der Frau wird.“
„Dona Clorinde? Ach, vermutlich wird sie erschossen, in französischen Stücken werden die Frauen meistens erschossen“, meinte Littlemore.
„Das wird mich an San Diego erinnern!“, rief Mrs. Headway.
„Nicht doch, in San Diego waren es die Frauen, die schossen.“
„Sie scheinen sie nicht erschossen zu haben!“, erwiderte Mrs. Headway keck.
„Nein, aber ich bin von Wunden durchlöchert.“

Sie fängt schon gut an diese Comédie Française. Im Haus des gleichnamigen Pariser Theaters lässt James seine Hauptdarsteller zum ersten Mal auftreten. Die beiden befreundeten Amerikaner Rupert Waterville und George Littlemore sitzen zwar in Bühnennähe, richten ihre Aufmerksamkeit jedoch „Eine wunderbare Frau“ weiterlesen

Ein Hauch vergangener Zeiten“

Henry James’ „Daisy Miller“ amüsiert mit Ironie und spritzigen Dialogen

Daisy MillerIch hab’ keine Zähne, die kaputtgehen können. Die sind alle ausgefallen. Ich hab’ nur noch sieben. Mutter hat sie gestern Abend gezählt, und gleich danach ist noch einer ausgefallen. Sie hat gesagt, sie ohrfeigt mich, wenn noch mehr ausfallen. Dabei kann ich gar nichts dafür. Es liegt alles an diesem alten Europa. Es liegt am Klima hier, dass sie ausfallen. In Amerika ist keiner ausgefallen, es liegt an den Hotels.“

Diese Klage legt Henry James in seiner Novelle Daisy Miller einem neunjährigen Jungen in den zahnlosen Mund und macht so gleich zu Beginn auf sein Thema aufmerksam, die „nationaltypischen“ Unterschiede zwischen Europäern und Amerikanern. Studieren konnte er diese seit früher Jugend. Mit seiner Familie bereiste er den alten Kontinent, der ihm so gut gefiel, daß er später in London, Paris, Bologna, Bonn und Genf studierte, sich dann in England ansiedelte und schließlich die Staatsbürgerschaft seiner Wahlheimat annahm. Dies geschah kurz vor seinem Tod, der sich in diesem Jahr am 28. Februar zum hundertsten Male jährte.

Ob aus dem kleinen Randolph auch einst ein Europäer werden wird, bleibt Ein Hauch vergangener Zeiten““ weiterlesen

Ehrenwerte Rebellin

Susanne Kippenberger porträtiert in Das rote Schaf der Familie Jessica Mitford und ihre Schwester

HB Kippenberger_978-3-443-24649-2_MR.inddDie Mitford Sisters sind in England eine nationale Legende, außerhalb des Commonwealth allerdings wenig bekannt. Lediglich eine der sechs Töchter von Lord und Lady Redesdale brachte es durch ihre Freundschaft mit Hitler zu historischem Ruhm. Das Schicksal schien diese Verbindung für Unity Mitford bestimmt zu haben. Nicht nur ihr Vorname Valkyrie auch ihre Zeugung im kanadischen Swastika sind Omina, die Aischylos nicht treffender hätte erdichten können. Wie im antiken Drama endet ihre arische Ära fast tödlich. Sie schießt sich am 3.9.39 in den Kopf verzweifelt darüber, daß die Briten Deutschland den Krieg erklärt haben. Dennoch überlebt sie diesen um drei Jahre.

Auch ihre Schwester Diana besitzt ein Faible für Faschisten. Sie heiratet in zweiter Ehe Oswald Mosley, den Gründer der British Union of Faschist. Finanziell unterstützt wurde er von Mussolini, freundlich verbunden waren auch die Mosleys mit ihren braunen deutschen Kameraden. Ihre Trauung fand in Goebbels Privatwohnung statt.

Jessica „Decca“ Mitford war, wie der Titel der Biographie ahnen lässt, politisch gesehen das krasse Gegenteil ihrer beiden Schwestern. Mit 20 pfeift sie auf die Upperclass und folgt ihrer ersten „Ehrenwerte Rebellin“ weiterlesen

Wühlen im Gestrüpp der Vergangenheit

In „Das Liebesspiel“ schreibt Dawn Tripp vom Scrabblespielen und Origamifalten

Scrabble.“…„Fünf Bedeutungen als Verb,“ sagte ich. „Vier, meine ich, als Substantiv. Kratzen und wühlen. Sich plagen, krabbeln und kritzeln. Gestrüpp kann es auch heißen – als Substantiv, wie gesagt. Aber das Spiel stand nicht als Bedeutung dabei.“

So wie man beim Scrabble vor einer Menge Buchstaben sitzt und angestrengt überlegt, wie man aus diesen ein einziges Wort komponieren kann, war auch der Versuch zum verwickelt konstruierten neuen Romans von Dawn Tripp eine Rezension zu verfassen nicht unanstrengend.

Dieses Buch erzählt die Geschichte der Frauen Ada und June, die sich aufgrund vergangener Ereignisse eigentlich hassen müssten, sich jedoch sehr nahe sind. Ada war einst die Geliebte von Junes Vater und der Grund, weshalb dieser sich von seiner Ehefrau trennte. Seine Tochter Jane sah er jedoch nach wie vor regelmäßig bis er 1957 eines Tages spurlos verschwand. Als fünf Jahre später beim Bau der neuen Straße ein Schädel mit Einschussloch entdeckt wird ist klar, daß Luce nie mehr auftauchen wird. Wer diese Mordtat verrichtet hat, scheint den Bewohnern des kleinen Ortes ebenso klar, Silas, der gewalttätige und eifersüchtige Ehemann Adas.

Dies ist die Ausgangslage der Geschichte, deren Haupthandlung im Jahr 2004 spielt. Ada und Jane sind nun zwei alte Damen, die sich wöchentlich zum Scrabblespiel treffen während ihre erwachsenen Kinder eigene Wege gehen. Die jüngste Tochter Junes, Marne, hat ihr Weg wieder nach Hause in eine kleine Provinzstadt Neuenglands geführt, widerwillig, strebt sie doch eher in die weite Welt. Aber das seltsam, verrückte Verhalten der Mutter weckte ihr Verantwortungsgefühl und den Wunsch für diese da zu sein. Nun sitzt sie in dem Küstenort, kellnert, rutscht in alte Rollenmuster und verliebt sich. Ausgerechnet in Ray, den Sohn Adas, für den sie schon als Teenager schwärmte.

Die beiden anderen Hauptpersonen des Romans, Ada und Jane, verbindet das Verschwinden Luces, die Verliebtheit ihrer beiden Kinder und weitere traumatische Ereignisse. Vielfältige Parallelen, die stets von Liebe und Verlust handeln.

Dies alles geschieht im sommerlichen Küstenlicht. Tripp erzeugt in stimmungsvollen Sätzen die Atmosphäre des Sommers, sie schildert die Landschaft, die Vegetation, das Wasser in bildhafter Poesie. Die Hitze auf der Haut sitzt man so am Meer oder auf dem Pick-up, ist bei der Heuernte oder harpuniert einen Schwertfisch, faltet Hunderte von Origamivögeln, spielt Minigolf oder doch meist Scrabble. Wobei man stets versucht ist, aus den im Spiel gelegten Worten die Gründe des Geschehens zu deuten. Weitere Hinweise lassen sich aus den literarischen Einsprengseln lesen. Zitiert werden Fragmente aus „Windabgeworfenes Licht“ von Dylan Thomas, Gedichte von T.S. Eliot und W. H. Auden. Als Buch im Buch erhält „Geheimnis des Lichtes“ von Walter Russell eine besondere Rolle.

Das Liebesspiel“, im Original „Game of Secrets“, dessen Titel mit „Scrabble“ doch viel treffender gewählt wäre, weist eine überbordende Fülle von Details auf, die bisweilen ins Leere laufen. Trotzdem habe ich diesen spannungsreichen und gleichzeitig poetisch melancholischen Roman sehr gerne gelesen.

Ein besonderes Augenmerk sei auf seine Konstruktion gerichtet. Die Autorin komponiert ihn aus mehreren Stimmen. Wir vernehmen vorwiegend, in jeweiligen Kapiteln separiert, June und Marne, die im Jahr 2004 ihre Sicht der Dinge schildern. Janes Gedanken verfolgt der Leser stets beim Scrabblespiel mit Ada. Marne schildert ihre Annäherung an Ray. Weitere Kapitel spielen 1962, dem Jahr in dem sich vieles änderte. Die neue Straße wird gebaut, die siebzehnjährige Jane verliebt sich, und auch Huck, der vierzehnjährige Junge Adas wird zum Akteur. Zwei Kapitel lässt Tripp im Jahr 1957 spielen. Zudem ist der Roman in sieben titeltragende Teile gegliedert. Diesen Aufbau erwähne ich hier so explizit, weil auch die Autorin Wert auf präzise Angaben legt. Jedes Kapitel verzeichnet zu Beginn Protagonist und Zeitraum, manchmal sogar die genaue Uhrzeit. Dies mag zur Orientierung nützlich sein, wird allerdings besonders, wenn in diesen Kapiteln abermals Rückblicke stattfinden, obsolet. Der Romanaufbau wirkt dadurch überstrukturiert. Auch ohne die überbordende Zahl an Romanteilen, Kapitelüberschriften und Personenangaben hätte die Leserin gut in die Geschichte hineingefunden, denn Dawn Tripp beherrscht das spannende Erzählen. Sie lässt ihre Protagonisten nicht nur beim Scrabble suchen, sondern sie wühlen im Gestrüpp der vergangenen Unaussprechlichkeit solange bis alle Worte auf dem Tisch sind.

 

Dawn Tripp, Das Liebesspiel, übers. v. Andrea Fischer, Arche Literatur Verlag, 1. Aufl. 2012