Zauberlehrling?

Nelio Biedermanns Familien-Saga „Lázár“ lebt durch gute Konstruktion auf den Schultern von Riesen

Am meis­ten lieb­te er es zu schrei­ben. Wo­bei „lie­ben“ ei­gent­lich das fal­sche Wort war, denn er schrieb nicht aus Lie­be, son­dern aus ei­nem sich völ­lig na­tür­lich an­füh­len­den Zwang her­aus, ei­nem Zwang, der sich wohl am ehes­ten mit je­nem, at­men zu müs­sen, ver­glei­chen lässt. Es war dem Jun­gen, als müs­se er al­les Wich­ti­ge auf­schrei­ben, als wür­den ihm die Din­ge sonst ent­glei­ten, als wür­den sie erst durch die von ihm voll­führ­te Ma­te­ria­li­sie­rung ih­re Gül­tig­keit erhalten.“

Ein gro­ßes Echo hat Ne­lio Bie­der­mann mit sei­nem Ro­man „Lá­zár“ er­zeugt. Über­schwäng­lich wur­de er von Li­te­ra­tur­kri­ti­kern und Schrift­stel­ler­kol­le­gen ge­lobt, die ihn schwär­me­risch in höchs­te Sphä­ren ho­ben. Dies er­zeugt Er­war­tun­gen, de­nen es stand­zu­hal­ten gilt.

Ich hät­te von der Lek­tü­re des Ro­mans Ab­stand ge­nom­men, wä­re da nicht mein Li­te­ra­tur­kreis ge­we­sen, der „Lá­zár“ aufs Pro­gramm setz­te. An­ge­sichts der Me­di­en­prä­senz des Bu­ches si­cher ganz zu Recht. Um es vor­weg­zu­neh­men, nicht al­le in un­se­rer Run­de wa­ren ent­täuscht: „Lá­zár“ ha­be ei­nen gro­ßen Un­ter­hal­tungs­wert, wur­de kri­ti­schen Stim­men ent­ge­gen­ge­setzt. Män­gel, wie un­ein­deu­ti­ge Be­zü­gen in Satz­gir­lan­den oder un­aus­ge­führ­te Mo­ti­ve sei­en dem Al­ter des Au­tors ge­schul­det. Die­ser wir­ke im Üb­ri­gen grund­sym­pa­thisch. Doch das stellt eben­so we­nig ein li­te­ra­ri­sches Kri­te­ri­um dar, wie, ba­nal ge­sagt, die Fri­sur ei­nes Schrift­stel­lers oder, was schon schwer­wie­gen­der wä­re, des­sen po­li­ti­sche Einstellung.

Der Er­folg von „Lá­zár“, im­mer­hin wur­den die Rech­te am Ro­man vor Er­schei­nen an über 20 fremd­spra­chi­ge Ver­la­ge ver­kauft, ba­siert zum nicht un­er­heb­li­chen Teil auf sei­ner Kon­struk­ti­on. Bie­der­manns Schreib­kunst er­zeugt ei­nen schnel­len Le­se­fluss. So hat­te ich das Buch trotz an­fäng­li­cher Ver­zweif­lung bald be­en­det, sei­nes pa­the­ti­schen Tons, vor­her­seh­ba­rer Ab­läu­fe und al­ber­ner Sex- „Zau­ber­lehr­ling?“ weiterlesen

Mücken, Mythen, Mussolini

Antonio Pennacchis „Canale Mussolini” — Oral History als Epos

Was bit­te, was sa­gen Sie? War­um sie dann bis hier­her ge­kom­men sind? Ja, we­gen dem Hun­ger, ich bit­te Sie, aus wel­chem Grund denn sonst? We­gen dem Hun­ger ist ei­ner zu al­lem bereit (…).

Der Ro­man, Ca­na­le Mus­so­li­ni, ver­wan­delt so­fort. Er macht aus dem Le­ser ei­nen Zu­hö­rer und ver­setzt ihn vom Ses­sel in ei­nen Stall, wo Frau­en, Kin­der, Män­ner sich am Abend ver­sam­meln. Das an­we­sen­de Vieh wärmt, eben­so das Glas Wein, al­le lau­schen ei­nem Ein­zi­gen, der eben­so wie die Frau­en ei­nen Fa­den spinnt, den Filò ei­ner lan­gen Geschichte.

An­to­nio Pen­n­ac­chis Epos be­ginnt vor hun­dert Jah­ren und er­zählt von Not und Mut der Fa­mi­lie Per­uz­zi. Kein Ge­heim­nis bleibt den Zu­hö­rern ver­bor­gen, denn der Er­zäh­ler, selbst ein Mit­glied der viel­köp­fi­gen Sip­pe, kennt sie al­le. Auch von der be­son­de­ren Be­zie­hung der Per­uz­zi zum Fa­scio weiß er ei­ni­ges zu be­rich­ten. Da gibt es nichts dran zu rüt­teln, sie wa­ren Schwarz­hem­den von An­fang an.

Die al­ten Per­uz­zi zeu­gen 17 Kin­der, nichts Un­ge­wöhn­li­ches „Mü­cken, My­then, Mus­so­li­ni“ weiterlesen

Wühlen im Gestrüpp der Vergangenheit

In „Das Liebesspiel“ schreibt Dawn Tripp vom Scrabblespielen und Origamifalten

Scrabble.“…„Fünf Be­deu­tun­gen als Verb,“ sag­te ich. „Vier, mei­ne ich, als Sub­stan­tiv. Krat­zen und wüh­len. Sich pla­gen, krab­beln und krit­zeln. Ge­strüpp kann es auch hei­ßen – als Sub­stan­tiv, wie ge­sagt. Aber das Spiel stand nicht als Be­deu­tung dabei.“

So wie man beim Scrabb­le vor ei­ner Men­ge Buch­sta­ben sitzt und an­ge­strengt über­legt, wie man aus die­sen ein ein­zi­ges Wort kom­po­nie­ren kann, war auch der Ver­such zum ver­wi­ckelt kon­stru­ier­ten neu­en Ro­mans von Dawn Tripp ei­ne Re­zen­si­on zu ver­fas­sen nicht unanstrengend.

Die­ses Buch er­zählt die Ge­schich­te der Frau­en Ada und Ju­ne, die sich auf­grund ver­gan­ge­ner Er­eig­nis­se ei­gent­lich has­sen müss­ten, sich je­doch sehr na­he sind. Ada war einst die Ge­lieb­te von Ju­nes Va­ter und der Grund, wes­halb die­ser sich von sei­ner Ehe­frau trenn­te. Sei­ne Toch­ter Ja­ne sah er je­doch nach wie vor re­gel­mä­ßig bis er 1957 ei­nes Ta­ges spur­los ver­schwand. Als fünf Jah­re spä­ter beim Bau der neu­en Stra­ße ein Schä­del mit Ein­schuss­loch ent­deckt wird ist klar, daß Luce nie mehr auf­tau­chen wird. Wer die­se Mord­tat ver­rich­tet hat, scheint den Be­woh­nern des klei­nen Or­tes eben­so klar, Si­las, der ge­walt­tä­ti­ge und ei­fer­süch­ti­ge Ehe­mann Adas.

Dies ist die Aus­gangs­la­ge der Ge­schich­te, de­ren Haupt­hand­lung im Jahr 2004 spielt. Ada und Ja­ne sind nun zwei al­te Da­men, die sich wö­chent­lich zum Scrabb­le­spiel tref­fen wäh­rend ih­re er­wach­se­nen Kin­der ei­ge­ne We­ge ge­hen. Die jüngs­te Toch­ter Ju­nes, Mar­ne, hat ihr Weg wie­der nach Hau­se in ei­ne klei­ne Pro­vinz­stadt Neu­eng­lands ge­führt, wi­der­wil­lig, strebt sie doch eher in die wei­te Welt. Aber das selt­sam, ver­rück­te Ver­hal­ten der Mut­ter weck­te ihr Ver­ant­wor­tungs­ge­fühl und den Wunsch für die­se da zu sein. Nun sitzt sie in dem Küs­ten­ort, kell­nert, rutscht in al­te Rol­len­mus­ter und ver­liebt sich. Aus­ge­rech­net in Ray, den Sohn Adas, für den sie schon als Teen­ager schwärmte.

Die bei­den an­de­ren Haupt­per­so­nen des Ro­mans, Ada und Ja­ne, ver­bin­det das Ver­schwin­den Luces, die Ver­liebt­heit ih­rer bei­den Kin­der und wei­te­re trau­ma­ti­sche Er­eig­nis­se. Viel­fäl­ti­ge Par­al­le­len, die stets von Lie­be und Ver­lust handeln.

Dies al­les ge­schieht im som­mer­li­chen Küs­ten­licht. Tripp er­zeugt in stim­mungs­vol­len Sät­zen die At­mo­sphä­re des Som­mers, sie schil­dert die Land­schaft, die Ve­ge­ta­ti­on, das Was­ser in bild­haf­ter Poe­sie. Die Hit­ze auf der Haut sitzt man so am Meer oder auf dem Pick-up, ist bei der Heu­ern­te oder har­pu­niert ei­nen Schwert­fisch, fal­tet Hun­der­te von Ori­ga­mi­vö­geln, spielt Mi­ni­golf oder doch meist Scrabb­le. Wo­bei man stets ver­sucht ist, aus den im Spiel ge­leg­ten Wor­ten die Grün­de des Ge­sche­hens zu deu­ten. Wei­te­re Hin­wei­se las­sen sich aus den li­te­ra­ri­schen Ein­spreng­seln le­sen. Zi­tiert wer­den Frag­men­te aus „Wind­ab­ge­wor­fe­nes Licht“ von Dy­lan Tho­mas, Ge­dich­te von T.S. Eli­ot und W. H. Au­den. Als Buch im Buch er­hält „Ge­heim­nis des Lich­tes“ von Wal­ter Rus­sell ei­ne be­son­de­re Rolle.

Das Lie­bes­spiel“, im Ori­gi­nal „Game of Se­crets“, des­sen Ti­tel mit „Scrabb­le“ doch viel tref­fen­der ge­wählt wä­re, weist ei­ne über­bor­den­de Fül­le von De­tails auf, die bis­wei­len ins Lee­re lau­fen. Trotz­dem ha­be ich die­sen span­nungs­rei­chen und gleich­zei­tig poe­tisch me­lan­cho­li­schen Ro­man sehr ger­ne gelesen.

Ein be­son­de­res Au­gen­merk sei auf sei­ne Kon­struk­ti­on ge­rich­tet. Die Au­torin kom­po­niert ihn aus meh­re­ren Stim­men. Wir ver­neh­men vor­wie­gend, in je­wei­li­gen Ka­pi­teln se­pa­riert, Ju­ne und Mar­ne, die im Jahr 2004 ih­re Sicht der Din­ge schil­dern. Ja­nes Ge­dan­ken ver­folgt der Le­ser stets beim Scrabb­le­spiel mit Ada. Mar­ne schil­dert ih­re An­nä­he­rung an Ray. Wei­te­re Ka­pi­tel spie­len 1962, dem Jahr in dem sich vie­les än­der­te. Die neue Stra­ße wird ge­baut, die sieb­zehn­jäh­ri­ge Ja­ne ver­liebt sich, und auch Huck, der vier­zehn­jäh­ri­ge Jun­ge Adas wird zum Ak­teur. Zwei Ka­pi­tel lässt Tripp im Jahr 1957 spie­len. Zu­dem ist der Ro­man in sie­ben ti­tel­tra­gen­de Tei­le ge­glie­dert. Die­sen Auf­bau er­wäh­ne ich hier so ex­pli­zit, weil auch die Au­torin Wert auf prä­zi­se An­ga­ben legt. Je­des Ka­pi­tel ver­zeich­net zu Be­ginn Prot­ago­nist und Zeit­raum, manch­mal so­gar die ge­naue Uhr­zeit. Dies mag zur Ori­en­tie­rung nütz­lich sein, wird al­ler­dings be­son­ders, wenn in die­sen Ka­pi­teln aber­mals Rück­bli­cke statt­fin­den, ob­so­let. Der Ro­man­auf­bau wirkt da­durch über­struk­tu­riert. Auch oh­ne die über­bor­den­de Zahl an Roman­tei­len, Ka­pi­tel­über­schrif­ten und Per­so­nen­an­ga­ben hät­te die Le­se­rin gut in die Ge­schich­te hin­ein­ge­fun­den, denn Dawn Tripp be­herrscht das span­nen­de Er­zäh­len. Sie lässt ih­re Prot­ago­nis­ten nicht nur beim Scrabb­le su­chen, son­dern sie wüh­len im Ge­strüpp der ver­gan­ge­nen Un­aus­sprech­lich­keit so­lan­ge bis al­le Wor­te auf dem Tisch sind.

 

Dawn Tripp, Das Lie­bes­spiel, übers. v. An­drea Fi­scher, Ar­che Li­te­ra­tur Ver­lag, 1. Aufl. 2012

Frauenliebe – Apfeltriebe

Literaturkreis 07/2010 — Spielarten des Vergessens in Katharina Hagenas Der Geschmack von Apfelkernen

Er­in­nern und Ver­ges­sen sind die Haupt­mo­ti­ve die­ser Fa­mi­li­en­ge­schich­te, die in dem idyl­li­schen, aber fik­ti­ven Ort Boots­ha­ven, in ei­nem al­ten ver­win­kel­ten Bau­ern­haus, un­ter Ap­fel­bäu­men und an ei­nem schwar­zen See spielt.

Am An­fang steht der Tod, der ak­tu­el­le der Groß­mutter Ber­tha, den die Prot­ago­nis­tin Iris in den Hei­mat­ort ih­rer Vor­fah­ren führt, der zu frü­he Tod von Bert­has Schwes­ter An­na und der erst zwölf Jah­re zu­rück­lie­gen­de ih­rer Cou­si­ne, des­sen Ur­sa­che sich dem Le­ser erst am En­de des Ro­mans erschließt.

Die Tes­ta­ments­er­öff­nung of­fen­bart Iris über­ra­schen­der­wei­se die Erb­schaft des Haus. Spon­tan be­schließt sie ei­ni­ge Ta­ge im Ort zu blei­ben. Sie quar­tiert sich not­dürf­tig in das seit ei­ni­gen Jah­ren leer ste­hen­de Haus ein und er­in­nert sich. An ih­re dor­ti­gen Fe­ri­en­auf­ent­hal­te als Kind, an die Spie­le mit ih­ren Cou­si­nen, an den Gar­ten, an des­sen Früch­te und Ge­heim­nis­se, an die vie­len Tü­ren des Hau­ses und „Frau­en­lie­be – Ap­fel­trie­be“ weiterlesen