Abschied von Onkel Paul

Küchengespräche unter Schwestern in Gila Lustigers neuem Roman „Woran denkst du jetzt


„Sie hatte ein Geschick dafür entwickelt, sich von dem Sinn nicht behelligen zu lassen, und dass sie nach einer guten halben Stunde immer noch nicht herausgefunden hatte, worum es eigentlich ging, bereitete ihr Vergnügen.“

Der Leser verbringt womöglich mehr Zeit mit weniger Vergnügen, denn er läuft langsam an dieser Roman, der in einer Nacht spielt, in der Nacht nach dem Tod von Onkel Paul. Seine beiden Nichten sind für diese Nacht in das Elternhaus zurückgekehrt. Dieses Haus hatte Paul vor Jahren seiner Schwester überlassen, als ihr Mann sie verließ und sie mit ihren beiden Töchtern eine Bleibe suchte. Onkel Paul war seitdem immer für sie da, in den letzten Monaten seines Krebsleidens hingegen kümmerten sie sich um ihn. Er wollte seine letzte Zeit mit ihnen verbringen, nicht mit seiner Frau, mit der er jahrzehntelang verheiratet war. Doch warum?

Dies ist eine der Fragen, die sich Lisa und ihrer Schwester Tanja in diesen Stunden stellen, den Stunden der Totenwache, die sie in der Küche des Hauses verbringen. Sie reden und streiten und stürzen sich mit dem ewigen „Woran denkst Du jetzt?“ in ihren eigenen Vergangenheitsfilm. Durch dieses alternierende Prinzip führt Gila Lustiger die jeweiligen Erinnerungen der unterschiedlichen Schwestern ein. So erlebt der Leser das Familiengeschehen einmal in der Analyse der Psychodramatherapeutin Lisa, dann aus der Sicht der pragmatischen Bankmanagerin Tanja. Lisa, das Empathiegenie, und Tanja, das Organisationstalent. Tanja, die sich ihre Probleme selbst macht und diese auch selbst lösen will. Lisa, die die Probleme anderer lösen möchte. Beide sind „wahre Meisterinnen im Darüberhinwegkommen“ damals wie heute.

Nachdem Tanjas Zeit im Ausland sie auch innerlich voneinander entfernt hatte, scheinen die Schwestern sich in diesen Stunden wieder anzunähern. Doch sie reden nicht miteinander, sie sinnieren nebeneinander über ihr Leben. Vor allem darüber, welche Rolle Onkel Paul darin spielte. Dieser erscheint als dandyhafter Zampano, der immer genau wusste, was gut und richtig war, und sie mit opulenten Geschenken und Lebensweisheiten überhäufte. Die Erinnerungen entlarven ihn schließlich als Manipulator.

In dieser psychologisch nicht uninteressant konstruierten Familiengeschichte vermisst der Leser jedoch lange das Motiv. So folgt man über die Hälfte des Romans geduldig den Erinnerungen und, da immer noch kein Geheimnis in Sicht, beginnt man bald sich selbst eines herbei zu spinnen. Schließlich zeigt sich weder Missbrauch, noch Inzest sondern ein banaler Ehebruch als causa scribendi. Dieser bestimmt folgenreich das Beziehungsgeflecht der Personen bis zum Tode von Onkel Paul, den man vielleicht in zweifacher Hinsicht als Hauptschuldigen bezeichnen könnte. Er hatte einst den künftigen Ehemann seiner Schwester als Freund ins Haus gebracht und viele Jahre später die Ehe durch seine Indiskretion zerstört. Weitere Geständnisse folgen und erlauben den Schwestern zu verzeihen, sich selbst und einander, und schließlich auch den Tod ihres Onkels zu betrauern.

Leider verfolgt dieser Roman die Frage nach Schuld und Verantwortung nicht intensiver und endet hoffnungsvoll milde. Dabei erzählt Gila Lustiger ihre Geschichte eines Verrats in einem durchaus anspruchsvollen Konstrukt aus Gefühlen und Erinnerungen, was den großen psychologischen Reiz ausmacht.

Manches trübte jedoch mein Lesevergnügen. Der Autorin gelingt es nicht immer die beiden charakterlich doch so verschieden angelegten Schwestern deutlich voneinander abzugrenzen. Besonders in der wörtlichen Rede ist oft nicht eindeutig auszumachen, welche Person spricht. Noch störender empfinde ich die sehr umgangssprachliche Formulierung einiger Sätze, die dadurch oft unklar und missverständlich sind. Wenn man jedoch darüber hinweg zu lesen vermag, öffnen sich für den an familiären Konstellationen Interessierten intensive Einblicke in eine nicht immer einfache Schwesternbeziehung.

Zum Schluss noch eine Bemerkung zur Gestaltung. Es ist inkonsequent, daß im ersten Kapitel die erinnerten Gedanken kursiv erscheinen, dies jedoch im Folgetext nicht weitergeführt wird. Dafür gibt es als hübschen und zugleich nützlichen Ausgleich ein bordeauxrotes Lesebändchen.

Zen oder die Kunst sich schweigend zu verlieben

Prolog

Um es vorweg zu sagen, dieser Autor begleitet schon seit langem mein Leseleben. Die Bekanntschaft begann mit der römischen Goethe-Historie „Faustinas Küsse“. Es folgten die übrigen dieser Trilogie, „Die Nacht des Don Juan“ und „Im Licht der Lagune“. Bis auf wenige Ausnahmen habe ich auch andere alte und neue Bücher Ortheils gelesen. So auch nach „Die große Liebe“ und „Das Verlangen nach Liebe“ den letzten Band seiner Liebestrilogie „Liebesnähe“.

Fast ebensolange stellt sich mir die Frage, was mir an seinen Büchern denn nun so gefällt. Sicher ist es die Liebe zu Italien, vielleicht auch eine gewisse romantische Melancholie. Bisher war ich, abgesehen von einigen Eitelkeiten des erwachsenen Johannes in „Die Erfindung des Lebens“ und von stärkeren Arroganzen in Ortheils Romführer immer angenehm angetan.

Sich schweigend verlieben als Performance

Wer ist diese Schwimmerin“ mit diesem Notat läutet Hanns-Josef Ortheil ein, was der Titel seines neuen Romans „Liebesnähe“ bereits vorweg nimmt.

Behutsam entwickelt der Autor die Annäherung zweier sich zunächst unbekannter Einzelgänger, die anscheinend zufällig im alltagsfernen Milieu eines einsam gelegenen Luxushotels einander bemerken. Der Schriftsteller Johannes Kirchner und die Installations-Künstlerin Jule Danner vermeiden zunächst direkte Begegnungen und bevorzugen sich aus der Distanz zu entdecken. Kleine Botschaften, die Ahnungen bestätigen, gehen traditionell als Zettel oder modern als SMS hin und her und führen schließlich zum Gegenüber. Diese Bewegungen aufeinander zu werden äußerst vorsichtig ausgeführt, ein kunstvoller Balztanz, dessen Choreografie mal den Inszenierungen der Videokünstlerin mal den Einfällen des Schriftstellers folgt.

Nur eines findet niemals statt, das gesprochene Wort. Dieses richten beide jeweils separat an Katharina, die die kleine Buchhandlung des Hotels führt. Sie berät ihre Kunden nach deren Befindlichkeit und führt außer dieser Literaturtherapie nur Bücher im Sortiment, die ihr persönlich gut gefallen. Sie unterhält zu Beiden eine ganz besondere Beziehung, man könnte sie als mütterliche Freundin bezeichnen. Die Details der Personenkonstellation offenbart der Autor erst nach und nach langsam voranschreitend wie in einer Zen-Meditation. Überhaupt gibt es viel Japanisches. Literarische Inspiration bietet das Kopfkissenbuch der Sei Shōnagon. Japanische Trommeln und Bambusflöten, Kimono, Tusche und Tee ergänzen das Ambiente.

Als wechselseitige Sicht seiner beiden Hauptpersonen komponiert Ortheil seinen Roman. Mal kommentiert Johannes, mal Jule ihr aufeinander Zugehen. Das so zweimal das Gleiche aus dem jeweils anderen Blickwinkel erzählt wird, macht den Reiz der Idee aus. Wenn jedoch Ereignisse wie die berühmte Performance der Künstlerin Marina Abramović, die als Vorlage für eine Begegnung dient, dem Leser  mehrfach erklärt werden, wirkt dies redundant.

Was ich an diesem Buch sehr mag:

Wie Hanns-Josef Ortheil genaue Wahrnehmung und Beschreibung in Sätze verwandelt. Er beherrscht diese Fähigkeit so gut, daß der Leser sich sofort in das Ambiente seiner Romane hineinversetzt fühlt. Landschaften und Räume, Natur und Interieur, Gaumen- und Lesefreuden stellt er auf diese Weise zum unmittelbaren Nachvollzug dar.

Wie rücksichtsvoll die Personen miteinander umgehen und wie empathisch Ortheil Gefühle zu schildern vermag.

Wie er die Lust und die Inspiratonskraft von einsamen Spaziergängen darstellt. Bewegung bewegt auch den Geist. Das mit sich Alleinsein lässt Raum für Kreativität.

Wie Natur und Kunst in ihren verschiedenen Formen miteinander in Einklang gebracht werden.

Was ich an diesem Buch überhaupt nicht mag:

Wie die Wahl des Milieus das Geschehen weit über das normale Leben hebt, ein eskapistischer Wunderort inmitten saftig grüner Almen, wo sogar Toastbrotscheiben stundenlang frisch geröstet bleiben.

Wie dadurch das Schlosshotel Elmau, unverkennbares Vorbild dieses Paradieses, als ein Ort irdischer Verheißungen beworben wird.

Wie die Rollenebenen gewahrt werden. Die Künstler bleiben weltfern. Die Hotelangestellten dienen als gute Geister und werden von oben herab charakterisiert. Die übrigen Gäste sind lästige Geräuschkulisse. Katharina vermittelt zwischen allen und die junge Empfangsdame des Hotels seufzt der großen Künstlerliebe in fremden Laken nach.

Wie bei manchen Beschreibungen doch des Guten zu viel geboten wird. Der starke, gelbe Urinstrahl zählt nicht zu den Dingen, von denen ich gerne lesen möchte.

Wie der Leser belehrt wird über die richtige Art Sekt zu trinken (Wasserglas), authentisch Campari zu genießen (ohne Eis, dafür randvoll), über gute Würste (insbesondere die Milzwurst), über das richtige Frühstück, richtiges Speisen, den richtigen Zeitpunkt zu arbeiten und mehr.

Wie der Autor sein Buchkonzept erklärt „eine erotische und beinahe unerträgliche Spannung, die auf einer streng eingehaltenen Distanz der beiden Liebenden basiert“ (S. 129).

Fazit

Weniger Eitelkeit wäre mir lieber gewesen und auch mehr Achtsamkeit. Damit nicht aus blondem Haar mit roten Spitzen am Ende blondes Haar mit roten Ansätzen wird, und aus einem hellgrünen Bademantel innerhalb von drei Seiten ein dunkelgrüner.

So weit, so gut. Vielleicht kommt ja nochmal ein Roman wie „Hecke“ oder „Moselreise“ oder etwas Historisches.

Rätselhaft bleibt mir zuletzt noch die Abbildung auf dem Schutzumschlag. Die dunkelhaarige Schöne kann weder die blonde Jule noch die japanische Hofdame sein.

Wer ist die Dargestellte?

 

 

Von Einem, der auszog das Pilgern zu fürchten

Fluch und Trost der Gospa erfährt Thomas Glavinic in „Unterwegs im Namen des Herrn“ 

Wer nach Medjugorje fährt und auf keinen der Berge geht, der STOLPERT IM LEBEN- UND FALLT.“ (S. 77)

Begeistert vom Selbstbespiegelungssarkasmus auf den Literaturbetrieb, den Glavinic in seinem 2007 erschienenen Roman „Das bin doch ich“ bot, griff ich zu seinem neuen Buch. Schon der Titel „Unterwegs im Namen des Herrn“ verspricht eine ähnlich amüsante Annäherung ans Pilgermilieu. Denn, um es ehrlich zu sagen, dieses postmoderne Pilgern, das mit dem Hape-Hype seinen Höhepunkt aber leider nicht Endpunkt erreicht hat, ist fad. Die Pilgerbücher sind Legion, wir brauchen ein Antidot, wie Jean-Dominique Baubys Schilderungen des Souvenirwahns in Lourdes oder den Film der österreichischen Regisseurin Jessica Hausner.

Glavinic findet Lourdes zu teuer, weshalb er sich begleitet von Freund und Fotograf Ingo nach Medjugorje aufmacht. Die Beiden pilgern nicht per pedes, sondern werden in einer frommen Busladung nach Bosnien-Herzegowina verfrachtet. Ein Bus voller Pilger, die sich die vierzehnstündige Fahrt mit Beten und Fasten, mit Heiligenlegenden und Erweckungsgeschichten zu verkürzen suchen, kann zur Tortur werden. Beim ungläubigen Thomas und dem um nichts frömmeren Ingo löst sie eine unstillbare Sehnsucht nach Schlaf, nach Aufputsch- und Betäubungsmitteln aus. Und doch, schon im ersten Abschnitt der Reise fällt dieser Bericht nicht ganz so bissig böse aus, wie es die Leserin erwartet. Spätestens nach der Ankunft in Medjugorje wird klar, daß es nicht nur darum gehen wird, die Absurditäten des Pilgerparadieses aufzudecken. Glavinic, der aufgeklärte Atheist, scheitert an den Verteufelungen der Annalinda Antilopa, Nonne. Darauf hätte er gefasst sein können. Er reagiert mit Abscheu und Angina, erliegt fast einer Annalinda Hypochondria. Oder war es gar ein Fluch? Uns Leser bringt er so um weitere Einblicke in örtliche Kulte und Rituale. Dennoch schildert der Geplagte flott und unterhaltsam seine Erfahrungen. Glavinic gibt Tipps wie man in Pilgerherbergen gegen die nächtliche Ausgangssperre revoltiert und glänzt mit einer gehörigen Portion Apothekerwissen. Etliche Xanor und andere Pillen weiter, mit Niedrig- und Hochprozentigem runtergespült, ist es dann mit der halbherzigen Pilgerei vorbei. Schriftsteller und Fotograf verlassen den Ort des gläubigen Irrsinns, um sich vom verrückten Vater zum nächsten Flug bringen zu lassen.

Nur ein Nachtquartier fehlt und dieses finden sie schließlich bei einem Mann, dessen Art und Anwesen nach dubiosen Geschäften riecht. Es folgt eine durchgeknallte Nacht, anstrengend für den kranken Autor wie für die Leserin. Aberwitzigen Trost spenden einzig die Zettelbotschaften aus Medjugorje. Sind Krankheit und Chaos tatsächlich der Fluch der Gospa, den der Kappenmann den ungläubigen Pilgern prophezeite?

Schließlich bringt ein turbulenter Rückflug die beiden Blues Brothers zum Ausgangspunkt ihrer Mission und an das Ende eines ebenso turbulenten Fastantipilgerbuches. Der Gospasegen ist aufgebraucht und einer Sache können wir ganz sicher sein. Bei Glavinic klingelt kein Glöckchen, nirgends.

Eine Leseprobe und zwei Videos finden sich beim Hanser-Verlag.

Das Kuscheltier des Philosophen

Sibylle Lewitscharoffs Trostgestalt mit Löwenmähne

Am linken Ohr des Löwen zeigte sich ein kleiner Makel im Fell, offenbar eine Verletzung, die Blumenberg bisher noch gar nicht aufgefallen war.“ (S. 148)

Er „war dazu da, sein, Blumenbergs, Vertrauen in die Welt, zumindest bei Nacht, zu festigen.“ (S. 126)

Wer auf Artigo, einer kunsthistorischen Datenbank, die Stichworte Löwe und Hieronymus eingibt, erhält eine Vielzahl bildkünstlerischer Interpretationen dieses Sujets. Eine literarische legt Sibylle Lewitscharoff in ihrem Roman „Blumenberg“ vor. Und nicht nur das. Hans Blumenberg (1920–1996), der als Philosoph an der Universität Münster lehrte, wird von ihr zum Heiligen stilisiert. Zu einem agnostischen Heiligen wohlgemerkt, der nicht an Bibeltexten, sondern an seinen eigenen Gedanken feilt. Dann eines Nachts im professoralen Gehäus, vulgo Arbeitszimmer, materialisiert sich ein Löwe, oder besser, er erscheint. Das Materielle bleibt fraglich, bis zum Schluss. Denn außer ihm nimmt kein anderer das Tier war, kein anderer normaler Mensch, eine Nonne ausgenommen, was dem literarischen Blumenberg und dem Leser zu Denken geben sollte. Oder besser zu Glauben?

Die Geschichte dieser Erscheinung ist gekonnt und vergnüglich erzählt. Im ersten Teil des Romans habe ich sie auch gerne gelesen. Dazu trug die Rätselei um die Vielzahl der literarischen und kunsthistorischen Zitate bei, die Fabulierkunst und der subtile Witz der Autorin. Besonders die Schilderung des Studentenmilieus der Achtziger und die vier studentischen Exempel laden ein zur Nostalgie. Ja, so war’s. Strebsam, verklemmte Studentenjünger, feministisches WG-Teetrinken, Kneipenbarden und Glückssucher. Auf den grünen Zweig schafft es nur einer, doch auch der beißt wie die anderen drei viel zu früh ins Gras.

Lewitscharoffs Blumenberg hingegen, dessen reales Vorbild übrigens etliche Miniaturen zum Löwen an und für sich verfasst hat, philosophiert ausführlich über seinen Löwen. Fünf entsprechend durchnummerierte Leokapitel erscheinen im Roman. Blumenberg, der in Realität doch eher der eigenen Philosophie als dem christlichen Glauben zugeneigt war, interpretiert die Erscheinung als Auszeichnung von OBen.

Das finde ich trotz aller dichterischen Freiheit fraglich. Mir persönlich würde es wenig gefallen, wenn ein Roman mich erwecken würde oder gar dazu verdonnern als fromme Nonne Klosterhecken zu stutzen. Aus diesem Grund fiel meine anfängliche Begeisterung zum Erde hin etwas ab. Klar, es gibt noch jede Menge Zitatenschätze zu entdecken. Von Platon bis Heidegger, alte und moderne Dichter, auch zeitgenössische Schriftstellerkollegen wie Mosebach und Genazino blitzen um die Ecke. Dies alles häuft sich zu einer sehr gelehrsamen Sache um am Ende den Weg aller Gläubigen zu gehen. In einer Höhle, gestaltet von Platon, Dante und Beckett, lagern die Verstorbenen des Romans, unter ihnen der Philosoph mit seinem Begleiter. In diesem Wartezimmer nach OBen vollzieht sich schließlich eine mystische Transformation, die allen esoterisch Aufgeschlossenen viel Freude machen mag.

Ob auch „Blumenberg, Sohn einer Jüdin,…, katholisch getaufter Agnostiker, der in der Zeit der Not, als keine Universität ihn aufnahm, einige Semester am Frankfurter Jesuitenkolleg,…, hatte studieren dürfen und nie aus der Kirche ausgetreten war“ (S. 87) sei dahin gestellt.

Vorsorglich entschuldigt sich die Autorin in ihrem Nachwort beim Verstorbenen. Das bringt mir das Buch wieder näher. Auch nimmt sie sich nie vollkommen ernst. Und den Löwen, Blumenbergs Trost- und Heilsbringer schon gar nicht. Der war vielleicht doch nur ein übergroßes Kuscheltier, in Trostangelegenheiten somit bestens versiert.

Sibylle Lewitscharoff erhält für ihren Roman den diesjährigen Wilhelm-Raabe-Literaturpreis.

Zudem war sie auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises vertreten.

Banater Elegie

Reiseimpressionen einer Landschaft ‑Esther Kinskys neuer Roman „Banatsko

Dabei gibt es hier nichts zu gewinnen. Nichts als die Leere, das Warten. Alle hier warten auf irgendetwas, seit Jahrhunderten. Auf die Liebe, auf den Tod, auf einander, auf den Krieg, auf das nächste Hochwasser, auf die Fähre. Hier ist ein Warteland.“ (S. 190)

Die 1956 in Bad Honnef geborene, heute in Berlin und Battonya lebende Autorin Esther Kinsky erhielt 2006 das Grenzgänger-Stipendium der Robert-Bosch-Stiftung. Eine Poetin bereiste das Banat, die von Krieg und Verlust geprägte Grenzregion zwischen Rumänien, Serbien und Ungarn. Ein Ergebnis dieser Recherche ist ihr für den Deutschen Buchpreis nominierter Roman „Banatsko”. Sie beschreibt darin ihre Reiseindrücke, dies sind vor allem ihre Begegnungen mit der Landschaft, für deren Zustand und deren Wandel sie poetisch schöne Sätze erschafft. Auch Menschen trifft sie. Eine arme, spröde und zurückgelassene Landbevölkerung, die sonst nichts mehr hat außer der Landschaft und dem Werden und Vergehen der Jahreszeiten.

Kinsky evoziert bei aller Schönheit ihrer Naturbilder keine Idylle. Im ersten Teil ihrer aus unverständlichen Gründen als Roman betitelten Impressionen weisen stets präsente Grenzen und zerfallende Bahnhöfe auf schwer überwindbare Tristesse. Spätestens ab dem phantasievoll morbiden Kapitel „Der Apfelbaum“ wird der Tod zum Protagonisten. Er scheint allgegenwärtig. Auf jeder Seite begegnet er dem Leser in anderer Gestalt, überfahrene Hunde, Katzen, verstorbene Familienangehörige, verfaulende Fische, schwarze Krähen. Einige Binnenerzählungen widmet Kinsky vollkommen diesem Thema. Da ist der alte Mann, der sich zum Sterben in seinen Apfelbaum zurückzieht. Sein Körper verwittert im Winterwetter bis im Frühjahr nur noch die Stoffstreifen in den Ästen hängen. Oder der große Fisch, der wie vom Himmel gefallen auf der Straße stirbt und dessen schön schillernde Schuppen binnen Minuten ihren Glanz verlieren. Die Natur entsorgt den Rest des Kadavers. Kinsky schildert dies minutiös in einer Art poetischem Zeitraffer. Übrig bleibt von dem einst schönen Tier nur der zerzauste Fischschwanz im Straßengraben.

Was von den Menschen dieses Landstriches übriggeblieben ist, findet sich auf den Friedhöfen, jeder Ort hat einen und fast auch jedes Kapitel des Romans, Straßenfriedhöfe mit verblassten Porträts der Toten auf den Metallkreuzen. Die, die noch leben, tun dies in zerzausten Umständen, morsch und mit letzter Kraft, sich der Sterblichkeit bewusst.

Das Aussterben einer Landschaft und ihrer Bewohnern formt die Dichterin zu einem einzigen Memento Mori, tote Tiere in Straßengräben, Friedhöfe, unzugänglich umzäunt, Grabschmuck aus Plastik, alte Menschen, die sich mit der Kartoffelernte abmühen, junge Menschen ohne Perspektive. Die einzige Erlösung bieten das Akkordeonspiel und der Alkohol. Arrangiert haben sich nur die Roma, „die Zigeuner“, die Müllfürsten, die mit ihren pferdebespannten Sargwägen die Überreste einsammeln. Wie mögen sich wohl die Bewohner der bereisten Orte fühlen, wenn sie je diese Darstellung ihrer Heimat und ihres Lebens lesen?

Kinskys morbide Elegie beschreibt ein Umherschweifen. Sie reist mal hier mal dorthin, kehrt immer wieder nach Battonya zurück. Kaum gibt es Interaktion zwischen den Menschen, dann doch ein Kapitel, in dem gesprochen wird. Weil mir die poetische Sprache so gut gefallen hat, habe ich das Buch gerne gelesen. Aber die Melancholie breitet sich auch über den Leser aus. Ein Heft voller phantastischer Sätze, Wortschöpfungen voller Poesie, aber auch Friedhofsliteratur, die ich nur in kleinen Dosen genießen kann.

Paul Auster — Unsichtbar

Eine Geschichte der Verführungen

In seinem neuen Roman „Unsichtbar” schildert Paul Auster eine Geschichte der Verführung. Wie meist, so beinhaltet auch diese Geheimnisse und Erwartungen, die nicht immer eingelöst werden. Es gibt Opfer und Täter und eine Schuld, welche die Grenzen zwischen den Rollen in der Uneindeutigkeit belässt.

Zu Beginn des ersten Kapitels scheint es noch klar. Der eher scheue Literaturstudent Adam Walker erzählt von dem unglaublichen Angebot Herausgeber einer neuen Literaturzeitschrift zu werden. Idee und Geld zu diesem Projekt stammen von Born, einem europäischen Gastprofessor, den er zufällig auf einer Party kennen gelernt hatte.  Doch bereits kurze Zeit später weiß Adam nicht mehr, ob der dominante Geldgeber ihn nicht lediglich als Opfer eines perfiden Psychospieles auserkoren hat. Wer ist dieser Born? Etwa der „Besitzer einer südamerikanischen Kaffeeplantage, der nach zu vielen Jahren im Dschungel wahnsinnig geworden“ ist, wie Adam vermutet? Auster charakterisiert ihn ohne Zweifel als modernen Mephisto, der auf seine Mitmenschen abstoßend und anziehend zugleich wirkt. „Er war geistreich, exzentrisch und unberechenbar, aber wer behauptete, der Krieg sei die reinste Abrechnung der menschlichen Seele, verbannt sich aus dem Reich des Guten.“ (S. 19)

Die unguten Vorahnungen Walkers bestätigen sich während einer Abendeinladung. Dort trifft der Student auch Borns Geliebte Margot wieder, eine Französin, die laut Born um den jungen Mann besorgt sei. Noch mehr, sie fände den gutaussehenden Jungen so anziehend, daß Born sie ihm, der Roman spielt im New York der späten Sechzigerjahre, generös zum Nachtisch anbietet. Walker fühlt sich verunsichert. Bei der Ankunft in Borns Wohnung hatte er diesen bei einem heftigen Wutausbruch erlebt. Born entpuppt sich als Mann, der an seiner Wut Freude hat.

Im zweiten Kapitel erfährt der Leser durch den neuen Ich-Erzähler Jim, einen Collegefreund Walkers, daß das erste Kapitel Teil eines Romans sei. Adam bittet den erfolgreichen Schriftsteller sein Manuskript zu lesen. Aufgeteilt ist dieser autobiographische Roman in vier Kapitel, Frühling, Sommer, Herbst und Winter des Jahres 1967. Der Schriftsteller wird Beichtvater und Schreibberater zugleich. Er erfährt von Walkers Krankheit, seinem Kindheitstrauma und einem Geschwistergeheimnis. Dinge, die bislang nicht nur für ihn im Verborgenen lagen.

Unsichtbar, so lautet der Titel des Romans, der zugleich sein Motto ist. Schein und Wirklichkeit, Oberfläche und Inneres, das Offensichtliche und das Verborgene, alles Wortpaare, deren jeweils zweiter Teil unsichtbar bleibt. Wie Paul Auster diese Doppelbödigkeit von Personen, aber auch von Ereignissen, Orten und Dingen in dieser Geschichte durchspielt, finde ich grandios. Walker erscheint zunächst als ehrgeiziger Student, der von Born verführt und korrumpiert, schließlich durch die Mordgeschichte sogar bedroht und in seiner Karriere behindert wird. Durch seine autobiographischen Offenbarungen erfährt der Leser jedoch, daß er keinesfalls so tugendhaft ist, wie er zu Beginn erscheint. Das betrifft nicht nur seine pubertären Erkundungen mit seiner Schwester und den späteren Inzest. Es betrifft auch sein Verhalten in Paris, seinen naiven Racheplan, der Born keineswegs einer gerechten Strafe zuführen würde. Falls dieser überhaupt bestraft werden muss. Denn wir werden nie wissen, was wirklich geschah, ob Born tatsächlich ein Mörder ist. Das ist sicher das plakativste Beispiel für einen anscheinend klaren Vorgang mit möglicherweise verborgenen Details.

Wer lügt, wer sagt die Wahrheit? Wieviel Wahres steckt in all unseren Erinnerungen? Formen wir sie nicht ständig um, formulieren sie neu, machen aus vermeintlichen Fakten unseren eigenen, individuellen Roman?

Unsichtbar, geheimnisvoll, im Dunkeln so belässt Auster vor allem das Ende seines Buches. In der Schlussszene schildert er die Flucht einer Frau auf einer Insel. Schon von weitem hört sie ein Geräusch, das sie nicht zu deuten weiß. Erst als sie unmittelbar davor steht, erkennt sie Arbeiter, die Steine aus dem harten Fels schlagen. Die Ursache des Geräuschs ist sichtbar geworden. Die Fron dieser Menschen wird aufgedeckt. Das Ergebnis ziert zahllose Plätze der sogenannten Zivilisation. Doch was will der Autor damit sagen? Ein Apell an das soziale Gewissen? Oder entlarvt Auster mit der Illusion des vermeintlichen Idylls wiederrum eine weitere Facette Borns?

Hilfreich für die Beantwortung dürften die literarischen Spuren sein, die Auster gelegt hat. Sie führen von der rätselreichen Kassandravariante des Lykophron, über die Kriegsgesänge Bertran de Borns und dessen Bestrafung in der Divina Commedia zu Miltons Verführung des Adam bis zu Samuel Beckett. Die Wahrheit jedoch bleibt unsichtbar.

 

Literatur in der Literatur:

Lykophron, Alexandra (ca. 190 v. Chr.)

Bertran de Born, Sirventes (1181)

Dante Alighieri, Divina Commedia (1307)

John Milton, Paradise Lost (1667)

Samuel Beckett, Krapp’s Last Tape (1958)

Wie man schreibt, daß man träumt, daß man schreibt

Jan Peter Bremer sucht in „Der amerikanische Investor“ nach dem perfekten ersten Satz

Ein Autor sitzt am Schreibtisch und imaginiert den ersten Satz. Auf den wartet er schon lange vergeblich. Ein typischer Fall von Schreibhemmung, so scheint es, die sich weder durch den treuen Blick eines Hundes noch durch Ablenkung durchbrechen lässt. Der erste Satz, dessen einfallsreiche Wortgewandtheit zum Motivator für die restlichen Sätze und Seiten des Romans werden soll, kommt dem Dichter nicht in den Sinn. Vielleicht weil der Sinn dieses Erzählers, der wie Bremer nicht nur Bücher schreibt, sondern mit Frau, Kindern und Hund in einer Berliner Wohnung lebt, von privaten Problemen besetzt ist. Am dringlichsten von dem Problem mit seiner Wohnung, die durch die Sanierungsmaßnahmen eines Immobilieninvestors wenigstens in Teilen von Einsturz gefährdet ist. Dies ist die wichtigste Sache, um die sich der Kreative auf Drängen seiner Frau zu kümmern hat. Besuche bei der Mieterberatung, Gespräche mit Arbeitern und Hausmeistern, Erwägung eines Umzuges, Auskundschaften eventueller Wohnoptionen, dies alles führt zu keinem Ziel. Es führt allerdings zu der Idee, diesem Investor einen unmissverständlichen, alles klärenden Brief zu schreiben. Der Erzähler sitzt also wieder mit seinem Hund am Schreibtisch und wartet auf den guten ersten Satz.

Dies ist in aller Kürze der Plot des Romans und er ist nicht sonderlich aufregend, wenn man nicht ebenfalls in Berlin von einem Miethai bedroht wird. Interessant ist aber die Machart der Geschichte. Die Suche nach dem ersten Satz führt zu Reflektionen, die nach kunstvollen Volten stets zu ihrem Ausgangspunkt zurückkehren. Zu Hund und Herrn am Schreibtisch und dem großen „Was wäre wenn“. Was wäre zum Beispiel, wenn der Investor, der der Leserin als weltferner Bewohner seines Privatjets dargestellt wird und ihr als roter Plastikkopf im roten Plastikflieger vom Cover entgegen leuchtet, dem Erzähler höchstselbst  einen Brief schreiben würde? Der Investor entwickelt sich zur Bedrohung, die die Kinder verführt und das Familienglück gefährdet. Aber dieses oder eher das Eheglück scheint sowieso so eine Sache zu sein. Jan Peter Bremer lässt seinen Schriftsteller viel über dessen Lebensumstände grübeln. Geschieht dies in zunächst sehr unterhaltsamer Manier, so dreht er sich dabei doch auch im Kreis. Zum Glück dauert diese Dokumentation des Prokrastinierens nur vollkommen ausreichende 156 Seiten.

Für einen Auszug aus diesem im Berlin Verlag erschienenen Roman erhielt Bremer den Alfred-Döblin-Preis 2011. In einem Aspekte-Interview, das von der erstaunlichen Parallelität des wahren Lebens zu diesem Buches zeugt, erzählt der Schriftsteller von seinem Wohnen in Berlin.

Würgende Tauben und anderes Getier

Wenn wir Tiere wären”– ein neuer Fluchtroman von Wilhelm Genazino

Wenn wir flugfähige Tiere gewesen wären, hätten wir dann und wann mit den Flügeln schlagen können. Aber wir waren Menschen und verhielten uns, trotz aller Offenheit, verhüllend.“(S. 74)

Der Erzähler des neuen Romans von Wilhelm Genazino verdient sein Geld weder mit dem Test edlen Schuhwerks noch als Dozent für Apokalyptik. Er arbeitet als freier Architekt, sein Spezialgebiet ist die Statik von Hängebrücken. So wie diese hängt auch er in der Landschaft des Lebens herum. Behindert von seinem „heimlichen Grundgefühl“ spürt er „nur mangelndes Talent zum sogenannten normalen Leben“. Schon als Kind fühlte er sich „erschöpft und von der Welt angewidert“. Seinem Lebensgefühl, einem Gemisch aus Gleichgültigkeit, Überdruss, Ekel, Melancholie und Angst, versucht er zu entfliehen. Meist vergebens, im Scheitern seiner Fluchtversuche trifft er höchstens auf andere Gescheiterte. Zu diesen zählt auch Maria, seine Lebensgefährtin, die eine eigene Wohnung und ein Rotweinproblem besitzt. Sie scheint ihn wenigstens zum Teil zu verstehen und versorgt ihn mit Unterwäsche und Sex. Als sein bester Freund, Architekt und Auftragsvermittler Autz, dem zum Kautz nur der erste Buchstabe des Vornamens seiner Frau fehlt, verstirbt, tritt eine Veränderung ein. Der noch Lebende rutscht sachte in das Lebensarrangement des Toten hinein bis er schließlich darin zu versinken droht wie in einem alten durchgesessenen Sofa. „Ich hatte jetzt zwei Gebrauchtfrauen, einen Gebrauchtjob, einen Gebrauchtwagen und jetzt auch noch einen Gebrauchtschreibtisch.“ Als Angestellter des Architekturbüros beschwichtigt er zwar seine Existenzangst, fühlt sich aber von der Unfreiheit gelähmt. Er übernimmt schließlich noch die Gebrauchtbetrügereien seines Vorgängers. Durch die selbst inszenierte Freiheitsberaubung entgeht er dem Gefängnis des Angestelltendaseins.

Wir scheinen ihn bereits gut zu kennen, den Erzähler des Romans. Wie seine Vorgänger aus den Vorgängerromanen ist auch er zu lebensempfindlich und zweifelt vor allem an einem, an sich selbst. Zu den Möglichkeiten diesen Überdruss zu beschwichtigen zählen die beruhigende Wirkung von Busen aller Art und das Verharren im Augenblick. Diese melancholischen Momente findet der Held des neuen Romans oft beim Anblick von Tieren, in deren Instinkt für ihn unverfälschte Schönheit zu liegen scheint. Sie ruhen in sich selbst, autark und zufrieden, während Genazino seinen Protagonisten an eigenen und fremden Ansprüchen leiden lässt. Dies führt zu ironischen Höhepunkten wie dem der mit 42 Lebensjahren und Gebiss eindeutig zu späten Mutter Thea. Natürlich auch zu Melancholie, wenn der Anblick der Parfümerie-Verkäuferinnen quasi als proustsche Mémoire involontaire die Armut der Kindheit heraufbeschwört. Auch Selbstkritik scheint auf, wenn Genazino den Chef des Architekturbüros über den Zusammenhang zwischen Melancholie und abweichendem Verhalten sinnieren lässt. Schließlich wird mancher Leser, mal angenehm mal unangenehm berührt, sich in manchen Marotten selbst erkennen.

Es gibt also auch in diesem echten Genazino, der den ironischen Blick auf die Zustände der Gesellschaft und des Individuums öffnet, durchaus Neues zu entdecken. Dazu zählen schöne Wortschöpfungen wie „Bleibewunsch“ und zahlreiche zitierenswerte Sätze. Dennoch bin ich zwiegespalten, da der Roman im letzten Drittel deutlich schwächer wird. Die Busen-Obsession zu der sich die Schamhaar-Schilderungen hinzu gesellen haben mich etwas „angemüdet“, von anderen diesbezüglichen Bezeichnungen und der Reviermarkierung von Gefängniszellen ganz zu schweigen.

 

Über Schönheit:

Denn merkwürdig an der Schönheit ist, dass man sie immer nur anschauen kann. Man kann nichts davon mit nach Hause nehmen oder ein kleines Teil von ihr an einer besonderen Stelle aufbewahren. Man kann Schönheit immer nur anstarren, mehr ist nicht zu holen. Wenn man sie lange angeschaut hat, muss man wieder gehen.“ (S. 17)

 

Über Staub und Schmutz:

Staubig wird etwas von selbst, sagte ich, durch Teilhabe an dem großen Staub, in dem wir alle leben müssen. Schmutz hingegen ist ein selbstständiges Eintauchen in ein Konzentrat von Ausscheidungen, das durch die ständige Umwandlung der Natur entsteht.“ (S. 23)

 

Über den Hauptlebenstrieb:

Der Wunsch nach Flucht war vermutlich der beständigste Impuls meines Lebens. Es gab so gut wie nichts, wovor ich nicht hatte fliehen wollen: vor meinen Eltern, vor dem Kindergarten, vor der Schule, vor Thea, vor Wohnungen, vor der Kultur, vor dem Militär, vor der Festanstellung, vor Maria.“ (S. 126)

 

Über das Gefängnis:

Ich traute mich endlich zu denken, dass ich die anderen nicht verstand. Das hatte ich schon im normalen Leben oft empfunden, aber ich hatte mich nicht getraut, es auch zu denken.“ (S. 130)

LOVOS in der Jurte — Manufacere versus Intellegere

Birgit Vanderbeke lobt in ihrem Roman „Das lässt sich ändern” das einfache Leben

Ich hab nix, und du hast nix, lass uns was draus machen.“-Ton, Steine, Scherben

Wer feige ist hat Mut, nur was billig scheint, ist gut.“ ‑Die Ärzte

Deine Sehnsucht hat jetzt Sinn, nimm sie mit, du weißt, wohin.“ –Ton, Steine, Scherben

Und noch mehr dieser unsäglichen Reime, die einst die Müslibarden dichteten, drängen sich auf den knapp 150 Seiten des neuen Romans von Birgit Vanderbeke. Er spielt in den frühen Achtzigern, als sie begann, die Renaissance der guten, einfachen Dinge, und er erzählt die Liebesgeschichte zwischen einem LOVOS und einer Studentin, die sich nach der Reparatur eines verstopften Waschbeckens zum bewussten Leben bekehren lässt. Ein bisschen viel Alt-68ziger und 80ziger Jahre Flokatisten mutet Vanderbeke ihrer Leserin zu. Gutmenschen, die die wahren Werte auf dem Flohmarkt finden, Lager von vielleicht LOVOS in der Jurte — Manufacere versus Intellegere“ weiterlesen

Sex and Drugs and Literature

Gwendoline Riley erzählt in ihrem neuem Roman „Joshua Spassky“ vom Drumherumreden

Ein Mädchen trifft einen Jungen, besser, eine junge Schriftstellerin trifft einen jungen Theaterautor. Sie verbringen einige Tage miteinander, sie fühlen sich zueinander hingezogen, sie sind vielleicht verliebt. Doch das kann keiner der beiden sagen oder vielleicht wagen sie es auch einfach nicht. Denn sie sind cool und bockig, sehr jung und wahrscheinlich sehr verletzt. Nicht nur gute Erfahrungen liegen hinter ihnen, nur in den wenigsten Familien ist es immer ganz einfach. Doch wer nichts erlitten hat, hat auch nicht den Drang etwas zu erzählen. Dies und die Liebe zur Literatur verbindet sie.

Trotzdem gehen sie wieder auseinander. Joshua kehrt zurück nach Amerika, Natalie bleibt in Manchester. Die versprochenen Briefe und Telefonanrufe werden seltener, der angekündigte Besuch Joshuas fällt aus. Natalie bekämpft ihren Schmerz mit dem Inhalt all’ der Flaschen, die für die gemeinsamen „Sex and Drugs and Literature“ weiterlesen