Von Einem, der auszog das Pilgern zu fürchten

Fluch und Trost der Gospa erfährt Thomas Glavinic in „Unterwegs im Namen des Herrn“ 

„Wer nach Medjugorje fährt und auf keinen der Berge geht, der STOLPERT IM LEBEN- UND FALLT.“ (S. 77)

Begeistert vom Selbstbespiegelungssarkasmus auf den Literaturbetrieb, den Glavinic in seinem 2007 erschienenen Roman „Das bin doch ich“ bot, griff ich zu seinem neuen Buch. Schon der Titel „Unterwegs im Namen des Herrn“ verspricht eine ähnlich amüsante Annäherung ans Pilgermilieu. Denn, um es ehrlich zu sagen, dieses postmoderne Pilgern, das mit dem Hape-Hype seinen Höhepunkt aber leider nicht Endpunkt erreicht hat, ist fad. Die Pilgerbücher sind Legion, wir brauchen ein Antidot, wie Jean-Dominique Baubys Schilderungen des Souvenirwahns in Lourdes oder den Film der österreichischen Regisseurin Jessica Hausner.

Glavinic findet Lourdes zu teuer, weshalb er sich begleitet von Freund und Fotograf Ingo nach Medjugorje aufmacht. Die Beiden pilgern nicht per pedes, sondern werden in einer frommen Busladung nach Bosnien-Herzegowina verfrachtet. Ein Bus voller Pilger, die sich die vierzehnstündige Fahrt mit Beten und Fasten, mit Heiligenlegenden und Erweckungsgeschichten zu verkürzen suchen, kann zur Tortur werden. Beim ungläubigen Thomas und dem um nichts frömmeren Ingo löst sie eine unstillbare Sehnsucht nach Schlaf, nach Aufputsch- und Betäubungsmitteln aus. Und doch, schon im ersten Abschnitt der Reise fällt dieser Bericht nicht ganz so bissig böse aus, wie es die Leserin erwartet. Spätestens nach der Ankunft in Medjugorje wird klar, daß es nicht nur darum gehen wird, die Absurditäten des Pilgerparadieses aufzudecken. Glavinic, der aufgeklärte Atheist, scheitert an den Verteufelungen der Annalinda Antilopa, Nonne. Darauf hätte er gefasst sein können. Er reagiert mit Abscheu und Angina, erliegt fast einer Annalinda Hypochondria. Oder war es gar ein Fluch? Uns Leser bringt er so um weitere Einblicke in örtliche Kulte und Rituale. Dennoch schildert der Geplagte flott und unterhaltsam seine Erfahrungen. Glavinic gibt Tipps wie man in Pilgerherbergen gegen die nächtliche Ausgangssperre revoltiert und glänzt mit einer gehörigen Portion Apothekerwissen. Etliche Xanor und andere Pillen weiter, mit Niedrig- und Hochprozentigem runtergespült, ist es dann mit der halbherzigen Pilgerei vorbei. Schriftsteller und Fotograf verlassen den Ort des gläubigen Irrsinns, um sich vom verrückten Vater zum nächsten Flug bringen zu lassen.

Nur ein Nachtquartier fehlt und dieses finden sie schließlich bei einem Mann, dessen Art und Anwesen nach dubiosen Geschäften riecht. Es folgt eine durchgeknallte Nacht, anstrengend für den kranken Autor wie für die Leserin. Aberwitzigen Trost spenden einzig die Zettelbotschaften aus Medjugorje. Sind Krankheit und Chaos tatsächlich der Fluch der Gospa, den der Kappenmann den ungläubigen Pilgern prophezeite?

Schließlich bringt ein turbulenter Rückflug die beiden Blues Brothers zum Ausgangspunkt ihrer Mission und an das Ende eines ebenso turbulenten Fastantipilgerbuches. Der Gospasegen ist aufgebraucht und einer Sache können wir ganz sicher sein. Bei Glavinic klingelt kein Glöckchen, nirgends.

Eine Leseprobe und zwei Videos finden sich beim Hanser-Verlag.

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