In Sorrent wird alles besser“

Andrea und Dirk Liesemer erzählen von Nietzsches „Neuanfang im Süden“

End­lich ent­fernt er sich vom Land und tritt die Rei­se auf See an, kann al­les Al­te hin­ter sich las­sen, sich ei­nem Schiff an­ver­trau­en, hat un­ter sich nur noch die Tie­fe des Mee­res. Wenn er dann an ei­nem an­de­ren Ort an­kommt, wird er den fes­ten Bo­den ei­ner an­ders­ar­ti­gen Welt be­tre­ten, um sein Le­ben von Neu­em zu be­gin­nen, sich an der Wei­te des süd­li­chen Him­mels erfreuen.”

An Ta­ge in Sor­rent, dem Ro­man von An­drea und Dirk Lie­se­mer, rei­zen mich der Hand­lungs­ort, den ich gut ken­ne, die Epo­che so­wie das Per­so­nal des Ro­mans. Al­len vor­an Fried­rich Nietz­sche, der sich noch jung, aber durch sei­ne Seh­schwä­che be­ein­träch­tigt, auf Ein­la­dung ei­ner Mä­ze­nin im süd­li­chen Sor­rent er­ho­len möch­te. Sei­ne Be­glei­ter, zwei jun­ge Aka­de­mi­ker, rei­sen als Un­ter­stüt­zer mit ihm und wer­den mit der Zeit zu Lei­dens­ge­nos­sen. Wenn auch auf un­ter­schied­li­che Wei­se, ist al­len ge­mein­sam das Lei­den an sich selbst.

Gleich zu Be­ginn des Ro­mans be­geg­nen wir Nietz­sche, dem das Au­toren­paar Lie­se­mer in per­so­na­ler Er­zähl­form na­he­kommt. Sei­ne Be­find­lich­kei­ten wäh­rend der be­schwer­li­chen Rei­se, sein Ha­dern mit dem un­pünkt­li­chen Be­glei­ter, sei­ne Angst vor ei­nem er­neu­ten An­fall zei­gen zu­nächst den Men­schen Nietz­sche, be­vor wir von sei­nen Ideen erfahren.

Die Li­te­ra­tur von und über Nietz­sche füllt Bi­blio­the­ken. So wun­der­te es nicht, daß auch sein Sor­rent-Auf­ent­halt durch Pao­lo D‘Iorio un­längst ins wis­sen­schaft­li­che In­ter­es­se rück­te. Aus­ge­wähl­te Wer­ke der Se­kun­där­li­te­ra­tur, Quel­len aus der Hand Nietz­sches und der sei­ner Be­glei­ter dien­ten den Au­toren, wie ei­ne Li­te­ra­tur­lis­te im An­hang zeigt, als Ba­sis für den Ro­man. Re­cher­chen vor Ort, aber auch, wie das Duo in ei­nem In­ter­view be­tont, An­drea Lie­se­mers ei­ge­nes Au­gen­lei­den be­rei­chern den fik­tio­na­len Text durch At­mo­sphä­re und Em­pa­thie und ma­chen die his­to­ri­sche Epi­so­de lebendig.

Sie be­ginnt im Ok­to­ber 1876. Mal­wi­da von Mey­sen­bug, die italo­phi­le im Kul­tur­be­trieb ih­rer Zeit gut ver­netz­te Sa­lo­niè­re, zieht es nach Sor­rent. Sie lädt Fried­rich Nietz­sche ein, der sei­nen Stu­den­ten Al­bert Bren­ner und sei­nen Freund Paul Rée mit­bringt. Nietz­sche und der tu­ber­ku­lo­se­kran­ke Bren­ner sol­len sich im Sü­den er­ho­len. Der Phi­lo­soph Rée ist der Uni­ver­si­tät über­drüs­sig und will sei­ne Zu­kunft über­den­ken. Mal­wi­da von Mey­sen­bug träumt, wie so man­che in ih­rer Zeit, von der Grün­dung ei­ner phi­lo­so­phi­schen Schu­le, die sie nach Vor­bild der Stoa als Grie­chi­sche Aka­de­mie be­zeich­net. Die drei jun­gen Män­ner, die sie eben­so lie­be­voll wie be­sitz­ergrei­fend als ih­re Söh­ne be­zeich­net, schei­nen idea­le Mit­glie­der zu sein.

Der An­kunft in der Vil­la Ru­bi­nac­ci fol­gen hei­te­re Ta­ge. Die Rei­sen­den er­kun­den den Ort, durch­strei­fen ein­zeln oder ge­mein­sam sei­ne Stra­ßen und Plät­zen, ge­nie­ßen auf den klei­nen, von Fel­sen be­grenz­ten Strand­stü­cken die Son­ne und das Meer. Kon­takt mit der hei­mi­schen Be­völ­ke­rung oder an­de­ren Rei­sen­den gibt es kaum, bis auf die Be­su­che bei den Wag­ners, mit de­nen so­wohl Mal­wi­da wie auch Nietz­sche be­freun­det sind und die im no­blen Grand­ho­tel Vit­to­ria re­si­die­ren. Wäh­rend Mal­wi­da hofft, daß auch Paul und Al­bert in die­sen Kreis auf­ge­nom­men wer­den, ent­frem­det sich Nietz­sche von Wag­ner. Des­sen zu­neh­mend na­tio­na­lis­ti­sche Ein­stel­lung, die er mit sei­ner Frau Co­si­ma teilt, zeigt sich in ab­fäl­li­gen Be­mer­kun­gen über Paul Rée, der jü­di­sche Vor­fah­ren hat. Nietz­sche ent­zieht sich den Zu­sam­men­künf­ten, we­ni­ge Ta­ge spä­ter rei­sen die Wag­ners ab. So blei­ben die drei Män­ner mit ih­rer müt­ter­li­chen Für­sor­ge­rin und dem Haus­mäd­chen Tri­na al­lein. Man liest, schreibt, dis­ku­tiert, geht spa­zie­ren und macht, wenn es das Be­fin­den er­laubt, Aus­flü­ge nach Ca­pri, Nea­pel und Pom­pe­ji. Dies al­les wird be­sucht und wie­der­um auch nicht. So hät­te ich über die Be­sich­ti­gung der Rui­nen von Pom­pe­ji ger­ne mehr ge­le­sen. Die Be­schrei­bun­gen wid­men sich mehr dem Strei­fen durch die Obst- und Oli­ven­gär­ten ent­lang der schat­ten­spen­den­den Mau­ern und den Bli­cken auf steil ab­fal­len­de Fels­schluch­ten. Die­se Er­kun­dun­gen, die wir häu­fig in Per­son des jun­gen Bren­ners er­le­ben, spie­geln sich im In­ne­ren der Fi­gur. Sie las­sen den schwär­me­ri­schen Geist spü­ren, der nicht nur den jun­gen Bren­ner in­fi­ziert hat. Auch Nietz­sche und Rée fol­gen nur zu ger­ne den Ideen der idea­lis­ti­schen Mal­wi­da, die die Frei­geis­ter auf ih­re Bah­nen len­ken will. Das muss schief gehen.

Von den durch in­ne­re wie äu­ße­re Um­stän­de ent­täusch­ten Träu­men er­zäh­len die Au­toren in ho­hem, ge­tra­ge­nen Ton. Dar­in zeich­nen sie die at­mo­sphä­ri­schen Land­schafts­bil­der eben­so, wie die ein­fühl­sa­men In­tro­spek­tio­nen. In die Na­tur­er­leb­nis­se bet­ten sie Traum­se­quen­zen, was wie ein tie­fen­psy­cho­lo­gi­sches Ein­tau­chen in in­ne­re Zu­stän­de wirkt. Da­zu zäh­len auch Ge­räu­sche, „Es dau­ert, bis er be­merkt, dass sie aus sei­nem In­ners­ten her­vor­drin­gen. Es sind die dis­so­nan­ten Tö­ne ei­ner über­wun­den ge­glaub­ten Ver­gan­gen­heit, di­ri­giert von ei­nem Mann, der wie aus dem Nichts her­aus vor ihm steht, ei­tel, run­ze­lig, gno­men­haft. Wie pe­ne­trant die­ser Al­te den Neu­an­fang stört.“ Freud lässt grü­ßen, oder in die­sem Fal­le eher Wag­ner. Die­se Ein­bli­cke sind kei­nes­falls rei­ne Spe­ku­la­ti­on, vie­le Ge­dan­ken Nietz­sches sind in den Ro­man ein­ge­flos­sen und als Zi­ta­te kur­siv hervorgehoben.

Psy­cho­lo­gi­sches Er­zähl­ge­schick zeigt sich auch im Auf­bau des Ro­mans. Per­so­na­les Er­zäh­len er­laubt in­ti­me Ein­bli­cke in die Ein­stel­lun­gen der Fi­gu­ren, es wird un­ter­bro­chen durch dia­log­rei­che, le­ben­di­ge Sze­nen. Auf die­se Wei­se ma­chen An­drea und Dirk Lie­se­mer die his­to­ri­schen Per­sön­lich­kei­ten zu nah­ba­ren Men­schen. Manch­mal ir­ri­tiert der Wech­sel von ho­hem Ton zu ein­fa­chen Tä­tig­kei­ten. So wäscht sich Mal­wi­da von Mey­sen­bug vor ih­rer Ab­rei­se nach Sor­rent, erst „ei­nem Ri­tu­al gleich (…) die Mo­na­te des War­tens vom Leib“ und schlüpft ins „fei­er­lich auf dem Stuhl be­reit ge­leg­te Kleid“. Es folgt, „Sie schmiert ein paar But­ter­bro­te für die lan­ge Fahrt“. Auch das Le­ben ei­ner gro­ßen Idea­lis­tin ist eben manch­mal ein­fach banal.

Der Ro­man schließt mit ei­nem Epi­log, der das wei­te­re Schick­sal sei­ner Prot­ago­nis­ten skiz­ziert. Fried­rich Nietz­sche kehr­te aus Sor­rent zu­rück, mit dem fes­ten Vor­satz, sich „gut, aber reich“ zu ver­hei­ra­ten. Be­kann­ter­ma­ßen wur­de dar­aus nichts. Lou von Sa­lomé kam da­zwi­schen und ent­zwei­te Nietz­sche und Rée, wo­von ein Ro­man Ir­vin Da­vid Yaloms erzählt.

Andrea und Dirk Liesemer, Tage in Sorrent, mare Verlag 2022

Wer­ke, die in Sor­rent ent­stan­den oder be­gon­nen wur­den oder die Epi­so­de erwähnen:

Paul Rée, Der Ur­sprung der mo­ra­li­schen Emp­fin­dun­gen, Schmeit­zner, Chem­nitz 1877.

Fried­rich Nietz­sche, Mensch­li­ches, All­zu­mensch­li­ches – ein Buch für freie Geis­ter, 1878–1880.

Mal­wi­da von Mey­sen­bug, Der Le­bens­abend ei­ner Idea­lis­tin. Nach­trag zu den Me­mo­ri­en ei­ner Idea­lis­tin, Schuster&Loefer, Berlin/Leipzig 1899.

Al­bert Bren­ner (un­ter dem Pseud­onym Al­bert Nil­son), Das flam­men­de Herz, in: Deut­sche Rund­schau, 3/10 (1877), S. 1–11.

 

Bilder, Blicke, Begegnungen in Tokio

In „Tage in Tokio“ hinterfragt Christoph Peters das westliche Japanideal

Wäh­rend Ku­me­ka­wa-san den Ta­xi­fah­rer be­zahlt, ste­he ich et­was ver­lo­ren auf der Stra­ße, ne­ben mir die bei­den Kof­fern, und schaue mich um. Ein Kon­glo­me­rat aus über Jahr­zehn­ten an­ge­sam­mel­ten Bil­dern ja­pa­ni­scher Le­bens­wel­ten schim­mert wie durch ei­ne Milch­glas­schei­be aus dem Hin­ter­kopf ins Be­wusst­sein. Mir däm­mert all­mäh­lich, dass ich das, was ich se­he, hö­re, rie­che, per­ma­nent mit ein­ge­la­ger­ten Vor­stel­lun­gen ab­glei­che und dem­entspre­chend in „ty­pisch“, „un­ge­wöhn­lich“ oder „er­staun­lich“ ein­tei­le. Zu­gleich führt mir das kla­re Licht des spä­ten Vor­mit­tags schlag­ar­tig vor Au­gen, dass jetzt nichts da­von mehr gilt und dass ich von dem, was ich bräuch­te, um mich si­cher und ele­gant durch die Stadt zu be­we­gen, nicht die ge­rings­te Ah­nung habe.“

Von ei­ner in­ter­kul­tu­rel­len Be­geg­nung zwi­schen Ja­pan und Deutsch­land er­zählt Chris­toph Pe­ters be­reits in sei­nem 2014 er­schie­nen Ro­man. Des­sen Ti­tel, Herr Ya­ma­s­hiro be­vor­zugt Kar­tof­feln, deu­tet an, daß man­ches ent­ge­gen den Er­war­tun­gen ver­läuft bei der Zu­sam­men­ar­beit des an Jan Koll­witz an­ge­lehn­ten Ke­ra­mik­künst­lers mit ei­nem ja­pa­ni­schen Ofen­bau­er in der nie­der­deut­schen Provinz.

Ja­pa­ni­sche Ke­ra­mik, das tra­di­tio­nel­le Tee­ze­re­mo­ni­ell und Jan Koll­witz fin­den auch in Pe­ters neu­em Buch Ta­ge in To­kio Ein­gang. Die Er­leb­nis­se, Er­fah­run­gen und Ge­dan­ken des Au­tors als Rei­se­be­richt zu be­zeich­nen, wä­re zu kurz ge­grif­fen. Für Pe­ters, den die Lei­den­schaft für ja­pa­ni­sche Cha­wan der Mo­moy­a­ma-Zeit (1573–1603) seit über drei­ßig Jah­ren nicht los­lässt, ist es der ers­te Be­such in dem Land, über das er so viel ge­le­sen und ge­hört hat. Sei­ne Be­geg­nun­gen in Kunst, Kul­tur und All­tag über­ra­schen den Rei­sen­den und ver­lei­ten ihn zu phi­lo­so­phi­schen Über­le­gun­gen. Da­zwi­schen fin­det er im­mer wie­der den Weg zur Ke­ra­mik, sei­nem Spe­zi­al­su­jet, dem wir nicht nur in Ge­stalt der Unoha­na­ga­ki be­geg­nen, ei­ner zum Kunst-Na­tio­nal­schatz Ja­pans er­ho­be­nen Tee­scha­le, die Pe­ters in To­kio bewundert.

Doch zu­nächst muss er erst ein­mal an­kom­men. Schon die ers­ten Bli­cke auf das Land sei­ner Träu­me, wie man es wohl nen­nen darf, kon­fron­tie­ren den durch Lek­tü­re und Ge­sprä­che ge­lehr­ten Be­trach­ter mit der Dis­kre­panz zwi­schen der Rea­li­tät und sei­nen vor­ge­form­ten Wunsch­bil­dern. Wie schwer es sein kann, die­se er­füllt zu fin­den, das wuss­te schon Proust. Den gut­ge­mein­ten War­nun­gen die be­freun­de­te Ja­pan­ken­ner ihm mit auf den Weg ga­ben, be­darf Pe­ters nicht, denn er ist sich der Ste­reo­ty­pe und Idea­li­sie­run­gen be­wusst. Die Ver­klä­rung des Frem­den, der Exo­tis­mus oder hier Ja­po­nis­mus die­ne der Ver­ein­fa­chung und füh­re zu „ka­te­go­ri­sie­ren­der My­then­bil­dung“. Im Sin­ne des Zen wä­re es, un­vor­ein­ge­nom­men dem Neu­en ge­gen­über zu tre­ten. Ein schwer zu er­rei­chen­des Ziel, wie Pe­ters be­tont, ist doch un­se­re Wahr­neh­mung im­mer von Er­fah­rung ge­prägt und un­ter­liegt sub­jek­ti­ver Interpretation.

So re­la­ti­viert sich auch für ihn „das un­vor­ein­ge­nom­me­ne Be­wusst­sein“. Den ers­ten Blick auf den Fu­ji be­grüßt er als Be­weis, sich tat­säch­lich in Ja­pan zu be­fin­den, eben­so, wie sein Be­glei­ter, Pro­fes­sor Ku­mo­ka­wa, den Re­gen­bo­gen als gu­tes Omen für die Rei­se. „Ja­pa­ner (sind) sehr aber­gläu­bisch“. An Iro­nie fehlt es Pe­ters nicht, auch ge­gen­über sich selbst. Sein Wunsch an Ku­mo­ka­wa, ihn in ei­nem Ryo­kan, ei­nem tra­di­tio­nel­len Gäs­te­haus, un­ter­zu­brin­gen, ent­larvt er als Traum vom ja­po­nis­ti­schen Idyll. Dort scheint al­les so zu sein, wie der ja­pan­ver­lieb­te Tou­rist es sich vor­stellt. Was ein Glück, daß die Gast­ge­be­rin als ehe­ma­li­ge Flug­be­glei­te­rin das tra­di­tio­nel­le Frau­en­bild bricht und sehr gut Eng­lisch spricht.

Sei­ne ers­ten Er­kun­dun­gen un­ter­nimmt der Au­tor kurz nach An­kunft al­lei­ne. Für ei­ne Zi­ga­ret­te muss er ei­ni­ge Stra­ßen durch­strei­fen, bis er die of­fi­zi­el­len Rau­cher­stel­le er­reicht. An­schlie­ßend macht er sich auf den Weg zum Fluss Sumi­da, den er von al­ten Holz­schnit­ten kennt. Die Be­ob­ach­tun­gen der frem­den Um­ge­bung, die ihm auf den ers­ten Blick gar nicht so fremd er­scheint, löst ei­ne Selbst­be­fra­gung aus. Auf die­se Pfa­de des ei­ge­nen Den­kens und Han­delns nimmt Pe­ters sei­ne Le­ser mit. Sind die ver­meint­lich feh­len­den Un­ter­schie­de ein Re­sul­tat sei­nes un­ge­üb­ten, west­li­chen Blicks? Er­schei­nen die Ja­pa­ner in ih­rer zu­rück­hal­ten­den Blick­ver­mei­dung nur dem Ah­nungs­lo­sen höf­lich? Die Sen­si­bi­li­tät für Nu­an­cen ent­steht mit der Zeit und die­se hat­te er noch nicht. Noch über­wäl­ti­gen den Neu­an­kömm­ling die Ein­drü­cke, de­nen er durch die heu­ti­ge Art des Rei­sens, viel zu schnell aus­ge­setzt ist. Ihm fehlt die „Er­fah­rung des vor­bei­zie­hen­den Raums“. Ide­al wä­re es, lang­sam im frem­den Land an­zu­kom­men, al­les ge­las­sen wahr­zu­neh­men und „sei­ne Schrit­te in kei­ne Rich­tung zu len­ken“.

Pe­ters lenkt sei­ne Schrit­te hin­ge­gen in ei­ne ganz be­stimm­te Rich­tung. Im Sun­to­ry Mu­se­um of Art wer­den die be­rühm­tes­ten Cha­wan aus Mi­no aus­ge­stellt, in­for­miert ihn ein Freund aus der Fer­ne. Die­se Ge­le­gen­heit die Uno­g­a­na­ha­ki zu be­trach­ten, will er sich nicht ent­ge­hen las­sen. Ne­ben die­ser sind wei­te­re Cha­wan im Shino‑, Se­to- und Ori­be-Stil zu se­hen. Pe­ters be­geis­ter­te Be­schrei­bung ge­rät zu ei­ner klei­nen Ke­ra­mik-Kun­de, man muss nur noch die Ab­bil­dun­gen der Stü­cke suchen.

Sei­ne Fas­zi­na­ti­on an die­sen Cha­wan führt er auf den mo­dern an­mu­ten­den Ge­stal­tungs­wil­len der Künst­ler aus dem 16. und 17. Jahr­hun­dert zu­rück. Nach de­ren Vor­stel­lung „soll­ten die ele­men­ta­re Kraft der Er­de und die Ur­ge­walt des Feu­ers in die Ge­fä­ße ein­ge­brannt sein“. Ei­ne Hal­tung, die Pe­ters, der an der Karls­ru­her Hoch­schu­le Kunst stu­dier­te, so mo­dern an­mu­tet wie die ei­nes Pi­cas­sos. Nicht nur die Aus­stel­lung gibt ihm An­lass, über ja­pa­ni­sche Ke­ra­mik zu schrei­ben, und dem Le­ser die Chan­ce, et­was dar­über zu ler­nen. Kennt­nis­reich schil­dert er, wie chi­ne­si­sches Ming-Por­zel­lan Delf­ter Stein­gut präg­te, das wie­der­um in Ja­pan zu nie­der­län­di­schen Land­schafts­mo­ti­ven führ­te. Al­les grün­det auf al­lem und vie­les ist mit­ein­an­der ver­wo­ben, oh­ne daß man es ahnt, so Peters.

In die­sem Sin­ne taucht er, wei­ter ein in die frem­de Stadt To­kio, kos­tet Su­shi mit Voll­korn­kern, be­geg­net Ja­pa­ne­rin­nen mit und oh­ne Bril­le und fährt Me­tro, ge­ord­net und oh­ne Drän­ge­lei, ganz an­ders als er es sich vor­ge­stellt hat­te. Schließ­lich kommt er in ei­nem Uni­ver­si­täts-Se­mi­nar mit jun­gen Ja­pa­nern ins Ge­spräch, für die der von ihm so ver­ehr­te Tee­weg, wenn kei­ne un­be­kann­te, so doch ei­ne sehr ent­le­ge­ne Tra­di­ti­on ist.

Chris­toph Pe­ters „Ta­ge in To­kio“ ge­währt nicht nur Bli­cke auf To­kio und Tee­scha­len, son­dern vor al­lem ei­ne Ah­nung von ei­ge­nen durch exo­tis­ti­sche Zu­schrei­bun­gen ge­färb­ten Unwissen.

Die weit­aus meis­ten Din­ge, die auf die­ser Welt vor sich ge­hen, ver­ste­hen wir nicht, ge­schwei­ge denn, dass wir be­grei­fen, wie viel­fäl­tig sie mit­ein­an­der ver­wo­ben sind.“

Ein­fühl­sa­me Er­gän­zung zu Pe­ters Text bie­ten die zar­ten Zeich­nun­gen von Mat­thi­as Beck­mann.

Christoph Peters, Tage in Tokio, Luchterhand Verlag 2021

Psychische Landvermessung

In Hanns-Josef Ortheils „Das Kind, das nicht fragte“ sucht ein Scheuer sich selbst und wird nicht nur vom Fruchtkörper Siziliens beglückt

-(…) mein Wis­sen ist ganz und gar intuitiv.
-In­tui­tiv?! Aber das ist ja unglaublich.
-Manch­mal weiß ich be­stimm­te Din­ge durch In­tui­ti­on. Im Deut­schen gab es in frü­he­ren Jahr­hun­der­ten da­für ein­mal das schö­ne Wort ‚Ahn­dung‘.
-‚Ahn-dunk‘? Spre­che ich es rich­tig aus?
-Per­fekt.
-‚Ahn-dunk‘, ‑das ist ein ge­hei­mes Wis­sen, das die an­de­ren nicht ha­ben? Wis­sen, an das man durch Über­le­gung nicht herankommt?
-Ja, es ist Wis­sen, das aus dem Dun­keln kommt, Dunkelwissen.“

Sel­ten hat mich ein Ro­man so zwie­ge­spal­ten zu­rück­ge­las­sen! Es han­del­te sich um mei­nen zwei­ten An­lauf, denn ich hat­te „Das Kind, das nicht frag­te“ von Hanns-Jo­sef Ortheil schon ein­mal bei­sei­te ge­legt. Zu stark er­in­ner­ten mich die An­fangs­sze­nen und Ei­gen­hei­ten der Haupt­fi­gur an den 2011 er­schie­nen Ro­man „Lie­bes­nä­he“. Da­zu zähl­ten das Mö­bel­rü­cken in der frem­den Un­ter­kunft, das Ein­rich­ten des Schreib­plat­zes mit Stif­ten, Pa­pier und ei­nem zu Zweck und Ta­ges­zeit pas­sen­dem Ge­tränk. Ge­wohn­hei­ten, zu de­nen sich Ortheil selbst in In­ter­views bekennt.

Ei­ne Rei­se in den Süd­os­ten Si­zi­li­ens, der Hand­lungs­re­gi­on des Ro­mans, hat mich al­ler­dings er­neut zur Lek­tü­re be­wo­gen. Um es vor­ab zu sa­gen, ich ha­be es nicht be­reut, mich aber oft gewundert.

Das Kind, das nicht frag­te“ ist ein Ro­man vol­ler Ge­gen­sät­ze, was sei­ne Hand­lung, die Art der Dar­stel­lung und die Ent­wick­lung der Haupt­fi­gur an­ge­hen. Die Ei­tel­keit des Prot­ago­nis­ten, die „Psy­chi­sche Land­ver­mes­sung“ wei­ter­le­sen

Nach dem Tod nun die Liebe

Die Liebenden von Mantua“ — Ralph Dutlis wort- und wissensreiche Weberei über die Liebe

dutli mantuaViel­leicht war es ein re­li­giö­ses Mär­chen, viel­leicht –ein jung­stein­zeit­li­cher Opern­stoff. Du hauchst auf das Glas, mei­net­we­gen auf das glä­ser­ne Ge­bil­de des Ro­mans, die­sen schmuck­lo­sen Schau­kas­ten, die­ses Kris­tall­haus oder ca­sa di cris­tal­lo, um dei­ne flüch­ti­ge Spur zu hin­ter­las­sen. Es ist zer­brech­lich, es ist durch­sich­tig. Al­les ist ein­ma­lig, al­les ist zwei­ma­lig mei­net­we­gen durch die Schrift.“

Mär­chen­haft wie die Wen­dun­gen ist bis­wei­len der Ton in Ralph Dut­lis Ro­man „Die Lie­ben­den von Man­tua“. Der Ti­tel klingt nach Oper, de­ren Zu­ta­ten Lie­be, Tod und Glau­ben fol­ge­rich­tig in Ita­li­en in­sze­niert wer­den. Dort, in der Re­nais­sance­stadt Man­tua, er­weckt Dut­li Ar­te­fak­te und Re­lik­te zu Prot­ago­nis­ten sei­ner Phantasie.

Al­len vor­an ein neo­li­thi­scher Grab­fund, das Ske­lett ei­ner Frau und das ei­nes Man­nes. Als die Ar­chäo­lo­gen sie im Jahr 2007 in Val­daro frei­le­gen, ver­brei­tet die Sen­sa­ti­on das Paar un­ter dem Na­men „Die Lie­ben­den von Man­tua“. Sie er­reicht auch Ma­nu, den Schrift­stel­ler, der im Mai 2013 auf der Su­che nach ei­nem neu­en „Nach dem Tod nun die Lie­be“ wei­ter­le­sen

Barbarische Zivilisierung

François Garde erinnert in seinem ersten Roman „Was mit dem weißen Wilden geschah” an einen außergewöhnlichen historischen Fall

GardeIch schaue Nar­cis­se an, der das Meer an­schaut. Seit nun­mehr vier Mo­na­ten ver­brin­gen wir ge­mein­sam un­se­re Ta­ge. Aus dem einst stum­men wei­ßen Wil­den, der Furcht ein­flöß­te und zu­gleich ver­ängs­tigt war, ist ein freund­li­cher und dis­kre­ter Rei­se­ge­fähr­te ge­wor­den, der kei­ner­lei Auf­merk­sam­keit erregt.

Und was ist mit mir? Hat mich die­ses Aben­teu­er ver­än­dert? Mei­ne Be­ob­ach­tun­gen ha­ben ei­ni­ge mei­ner Ge­wiss­hei­ten er­schüt­tert. Was ist ein Wil­der? Und falls Nar­cis­se wirk­lich durch und durch ein Wil­der ge­wor­den war, an wel­chem Tag, zu wel­cher Stun­de wird er wie­der ein Mit­glied un­se­re Zi­vi­li­sa­ti­on sein? Was lehrt uns sei­ne Lehr­zeit über das Ler­nen? Und wer von uns bei­den ist der Lehrling?

Ich ha­be kei­ne Ant­wort auf die­se Fra­gen. Ich weiß nur, dass die Ge­schich­te von Nar­cis­se kei­ne schlich­te An­ek­do­te ist.“

Ein wei­ßer Wil­der muss in der Mit­te des 19. Jahr­hun­derts, zur Hand­lungs­zeit des vor­lie­gen­den Ro­mans, wie ein Pa­ra­do­xon ge­klun­gen ha­ben. Wil­de gal­ten bes­ten­falls als edel und schön. Vie­le der so be­zeich­ne­ten Men­schen fer­ner Re­gio­nen wur­den wie skur­ri­le Sou­ve­nirs ih­ren Ur­sprungs­län­dern ent­ris­sen und „Bar­ba­ri­sche Zi­vi­li­sie­rung“ wei­ter­le­sen

Neuer Haas Grotesk

Wolf Haas erzählt in „Verteidigung der Missionarsstellung“ von Lee Ben in Zeiten der Pandemie

Er­in­nern Sie sich noch an die Pa­nik­wel­le, die vor zwei Jah­ren das be­gin­nen­de Som­mer­loch öff­ne­te? Oder war es die vor­letz­te Angst vor An­ste­ckung? Ich weiß es nicht mehr so ge­nau, denn ge­schmack­lich fin­de ich Gur­ken eher fad und Spros­sen kaum ver­füh­re­ri­scher. Viel­leicht be­sa­ßen die aus Bie­nen­büt­tel ei­ne leich­te Ho­nig­sü­ße, wer weiß?

Wie ich dar­auf kom­me, bes­ser wie Wolf Haas über zahl­rei­che Sprach­ka­prio­len und Zei­len­schlen­ker schließ­lich beim EHEC-Herd lan­det, das le­sen Sie in sei­nem neu­en Ro­man. Doch be­gin­nen wir vor den Ter­ror­spros­sen, der Por­ca Paz­za, dem ver­rück­ten Huhn und der Ku­he­krank­heit, al­so ganz von vor­ne. Oder fast von vorn auf Sei­te 9.

Ei­gent­lich bin ich Ve­ge­ta­ri­er. Ich ha­be mir die­sen Beef­bur­ger über­haupt nur ge­kauft, um mit dir ins Ge­spräch zu kom­men“, hät­te er fast ge­sagt. „Weil ich von der ge­gen­über­lie­gen­den Stra­ßen­sei­te dei­ne Zäh­ne auf­blit­zen sah, als dir der Ver­käu­fer vom Le­der­ja­cken­stand et­was zu­ge­ru­fen hat, und ich dach­te, so stren­ger Ve­ge­ta­ri­er bin ich nicht, dass ich nicht auch mal ei­nen Beef­bur­ger es­sen kann; im­mer­hin la­che ich auch über Ve­ga­ner, die nicht ein­mal Ei­er es­sen, kei­ne Le­der­schu­he tra­gen, und ich fra­ge mich im­mer, ist es für ei­ne Ve­ga­ne­rin über­haupt er­laubt männ­li­ches Ei­weiß in sich auf­zu­neh­men oder greift da auch schon der Tierschutz?“

Die­ser in ei­ne Bur­ger­ver­käu­fe­rin ver­lieb­te Ve­ge­ta­ri­er und Sohn ei­nes Ho­pi-In­dia­ners und ei­ner Hip­pie-Ba­ju­wa­rin mit auf­fal­len­der Ähn­lich­keit mit dem be­rühm­tes­ten be­klopp­ten In­dia­ner der Film­ge­schich­te ist die Haupt­fi­gur in Wolf Haas’ neu­em Roman.

Haas per­sön­lich er­zählt von ihm, er lässt dies nicht sei­nen Er­zäh­ler ver­rich­ten, um die­sem dann, wie es ge­le­gent­lich Au­toren zu un­ter­neh­men pfle­gen, haar­sträu­ben­de Äu­ße­run­gen in die Zei­len zu le­gen, von de­nen sie sich mit dem Hin­weis, es wür­de ja nicht aus ih­rer Fe­der dort hin­ein­flie­ßen, son­dern aus dem Hirn der er­fun­de­nen Fi­gur, wie­der di­stan­zie­ren kön­nen. Al­so, nein, bei die­sem Haas gilt dies wie­der mal nicht, er tritt selbst als Schrift­stel­ler auf. Viel­leicht nicht au­then­tisch, wir wis­sen nicht, ob Wolf Haas tat­säch­lich ein­mal zur Un­ter­mie­te bei ei­ner gei­zi­gen Spie­ße­rin im Na­zi­vier­tel Salz­burgs ge­wohnt hat wie der Haas in sei­nem Ro­man. Die­ser hat dort auf je­den Fall Ben­ja­min Lee Baum­gart­ner, den Ho­pi-Hip­pie-Ab­kömm­ling, ken­nen­ge­lernt. So­wie auch des­sen zu­künf­ti­ge Frau, die der Kür­ze hal­ber bei Baum­gart­ner, Haas und im Ro­man nur als die Baum fir­miert. Über die­se be­rich­tet der Ich-Er­zäh­ler Wolf Haas in Ka­pi­teln, die er zwi­schen die ei­gent­li­che Hand­lung streut. Die­se wie­der­um ver­folgt das Le­ben und Lie­ben des Lee Ben, wie sei­ne Mut­ter den Sohn zu nen­nen pfleg­te, und die er­staun­li­che Ko­in­zi­denz, mit de­nen Amor Pfei­le auf Lee Ben und wel­cher Gott auch im­mer Pest­pfei­le auf den Rest der Mensch­heit abschiessen.

So wie Amor und wahr­schein­lich war’s mal wie­der Apoll ih­re Waf­fen, be­herrscht Haas die Waf­fe des Schrift­stel­lers der­art vir­tu­os, daß er nicht nur Pi­rou­et­ten dreht, son­dern den ge­sam­ten Ro­man als Sprach­a­kro­ba­tik auf­führt, die sich va­ri­an­ten­reich über Wort­spie­le bis zu ganz kon­kre­ter Poe­sie er­streckt. So schaut das be­cir­cen­de Bur­ger­mäd­chen in der Im­biss­bu­de am Green­wich Mar­ket aus ei­ner Öff­nung, die als Wunsch­hin­ein­sprech­fens­ter, Beefburgerherausreich‑, Geldhineinreich‑, Zwie­bel­her­aus­fra­ge- oder Hin­ein­starr­fens­ter plötz­lich un­ver­mu­te­ten De­kor zeigt. Der­art prä­pa­riert wun­dert man sich kaum, wenn we­nig spä­ter nicht nur der sich ver­lau­fen­de Prot­ago­nist falsch ab­biegt, son­dern auch die Zei­le auf der Buch­sei­te. Wenn ei­ner „nichts“ sagt, stellt die­ses Wört­chen dies al­lei­ne auf ei­ner Sei­te dar, so­bald nicht ge­dacht wird, fehlt selbst dies, ein blan­kes Nichts als Sym­bol der Ge­hirn­lee­re. Dass sol­che im Hirn des Au­tors kaum herrsch­te, be­wei­sen der­ar­ti­ge Ideen. Dar­un­ter ei­ni­ge Sei­ten in Man­da­rin, die auf uns Eu­ro­pä­er spek­ta­ku­lär, da voll­kom­men chi­ne­sisch wir­ken, und die zu­dem wie ei­ni­ge Re­zen­sio­nen zei­gen zu den schöns­ten Spe­ku­la­tio­nen anregen.

Die für die Ro­ma­ni­dee Auf­schluss­reichs­te of­fen­bart sich auf den Sei­ten 127 bis 133. Dort zwin­gen dia­go­nal ver­lau­fen­de Zei­len zum Quer­le­sen und er­läu­tern mit we­ni­gen Wor­ten Tarskis An­ti­no­mie-Pro­blem, die Schwie­rig­keit Ob­jekt- und Me­ta­spra­che zu ver­mi­schen. Für Wolf Haas ist es kein Ta­bu, „dass ein Satz nicht über sich selbst spre­chen darf, und wie schön es ist, dass die­ses Ver­bot nur für die Wis­sen­schaft gilt“ be­weist er in sei­nem Ro­man zum gro­ßen Ver­gnü­gen sei­nes Ver­fas­sers wie sei­ner Le­ser. Ein Sprach­spaß, dem es auch an in­halt­li­cher Iro­nie nie fehlt. Vie­les gilt es zu ent­de­cken in die­ser Kon­struk­ti­on aus Ro­man- und Me­ta­ebe­ne, die bei­na­he mit ei­ner Be­geg­nung des Au­tors mit ei­ner Le­se­rin im noch nicht be­en­de­ten Ro­man en­det, tat­säch­lich dann aber fast mit dem Rat­schlag an al­le Win­ter­de­pres­si­ven mit ei­nem Buch anzufangen.

Wenn Sie das le­sen­der­wei­se tun wol­len, neh­men sie die­ses, ge­setzt aus der Sa­bon und Al­te Haas Grotesk.

 

Wolf Haa­se, Ver­tei­di­gung der Mis­sio­nars­stel­lung, Hoff­mann und Cam­pe Ver­lag, 2. Aufl. 2012

Mythos Kilimandscharo

Koloniales Wettklettern

Mit ih­rem im Wa­gen­bach-Ver­lag er­schie­ne­nen Buch „Ki­li­man­dscha­ro“ le­gen die bei­den Au­toren, der Ger­ma­nist und His­to­ri­ker Chris­tof Ha­mann und der Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­ler Alex­an­der Ho­nold die „deut­sche Ge­schich­te ei­nes afri­ka­ni­schen Ber­ges“ vor.

In zehn Ka­pi­teln stel­len sie die ver­schie­de­nen Aspek­te der Fas­zi­na­ti­on her­aus, die die­ser Berg von der An­ti­ke bis in die heu­ti­ge Zeit aus­übt. Wie der Berg als Mi­kro­kos­mos ver­schie­dens­te Be­dürf­nis­se ver­eint, Na­tur- und Selbst­er­fah­rung, die Sehn­sucht nach dem Ide­al und die Ab­kehr von der Zi­vi­li­sa­ti­on zeigt das An­fangs­ka­pi­tel. Der sym­bo­li­sche Ge­halt my­thi­scher Berg­phan­ta­sien, sei es nun der Olymp oder der Par­nass, der ei­ne Sitz der Göt­ter, der an­de­re Hain der Mu­sen, wer­den eben­so wie Dan­tes Läu­te­rungs­berg be­rück­sich­tigt. Die im 18. Jahr­hun­dert sich aus­bil­den­de Sti­li­sie­rung der Al­pen zum „Hoch­ge­bir­ge der Emp­find­sam­keit“ zei­gen die Au­toren an­hand der Spu­ren von Al­brecht von Hal­ler und Jean-Jac­ques Rous­se­au. Als wei­te­re Pio­nie­re der Ent­de­cker­lust blei­ben selbst­ver­ständ­lich auch Fran­ces­co Pe­trar­ca und Alex­an­der von Hum­boldt nicht ungenannt.

Das zwei­te Ka­pi­tel führt in die Vor­ge­schich­te des „Schnee­ber­ges“ ein. My­then, aber auch geo­gra­phi­sche Be­ob­ach­tun­gen, die in der an­ti­ken Über­lie­fe­rung von He­ro­dot bis Pto­le­mai­os von Alex­an­dria fass­bar sind, wer­den ein­an­der ge­gen­über­ge­stellt und durch an­ek­do­ten­haft an­mu­ten­de Be­rich­te an­ti­ker Ex­pe­di­ti­ons­trupps ergänzt.

Wel­che Rol­le das Pres­ti­ge ei­nes Erst­ent­de­ckers ge­ra­de wäh­rend des „Run of Af­ri­ca“ ein­nimmt zeigt das drit­te Ka­pi­tel. Geo­gra­phie wur­de zwar we­ni­ger als Wis­sen­schaft denn als Feuil­le­ton­the­ma wahr­ge­nom­men, den­noch war das In­ter­es­se ge­ra­de am un­ent­deck­ten afri­ka­ni­schen Kon­ti­nent enorm. Mit Span­nung ver­folg­te das deut­sche Le­se­pu­bli­kum in zahl­rei­chen Pu­bli­ka­tio­nen wie „Die Gar­ten­lau­be“ und  „Westermann’s Mo­nats­hef­te“ den Wett­lauf zu den Quel­len des Ni­gers. Be­lieb­te Lek­tü­re wa­ren auch die Be­rich­te deut­scher und eng­li­scher Mis­sio­na­re, die auf ih­ren We­gen zu den „Un­gläu­bi­gen“ bis in un­be­kann­te Re­gio­nen vor­dran­gen. So be­rich­te­ten die Mis­sio­na­re Jo­han­nes Reb­mann und sein Kol­le­ge Jo­hann Lud­wig Krapf über ih­re Un­ter­neh­mun­gen im Church Mis­sio­na­ry In­tel­li­gen­zer. Sie be­schrie­ben als ers­te neu­zeit­li­che Eu­ro­pä­er ei­nen Schnee­gip­fel in Äqua­tor­nä­he. Doch das trug den Mis­sio­na­ren mehr Spott als An­er­ken­nung ein. Der eng­li­sche Ge­lehr­te Wil­liam De­bo­rough Coo­ley wirft ih­nen über­bor­den­de Phan­ta­sie und Un­pro­fes­sio­na­li­tät vor und ver­wies hä­misch auf die Kurz­sich­tig­keit der bei­den Brillenträger.

Dass nicht nur geo­gra­phi­sche Neu­gier und re­li­giö­ses Sen­dungs­be­wußt­sein, son­dern auch ko­lo­ni­al­po­li­ti­scher Ehr­geiz bei der wei­te­ren Er­for­schung Afri­kas und ins­be­son­de­re des Ki­li­man­dscha­ros ei­ne Rol­le spiel­ten, schil­dern die Au­toren im Fol­gen­den. „Die Be­stei­gung des Schnee­ber­ges bleibt ein wich­ti­ges wis­sen­schaft­li­ches und po­li­ti­sches Ziel“ (S. 66). Als sei die Erst­be­stei­gung des Kilimandscharo–Gipfels Ki­bo ei­ne Un­ter­dis­zi­plin im „Wett­lauf um Afri­ka“. Ne­ben den Deut­schen Carl Claus von der De­cken, Edu­ard Vo­gel und Gus­tav Adolf Fi­scher tra­ten die Bri­ten Jo­seph Thom­son und Har­ry Johns­ton an. Al­le schei­ter­ten. Erst Hans Mey­er und Lud­wig Purt­schel­ler er­reich­ten 1889 im drit­ten An­lauf den Gip­fel und mach­ten ihn mit Deut­scher Flag­ge und ei­nem drei­fa­chen Hur­ra zur Kai­ser-Wil­helm-Spit­ze und da­mit zum höchs­ten Berg Deutsch­lands. In Mey­ers Dar­stel­lun­gen zeigt sich die gro­ße Fas­zi­na­ti­on, die der Ki­li­man­dscha­ro aus­üb­te, das schnee­be­deck­te Hoch­ge­bir­ge in Äqua­tor­nä­he, sei­ne sin­gu­lä­re Er­he­bung in der Land­schaft, der wol­ken­ver­han­ge­ne Gip­fel und sei­ne un­ter­schied­li­chen Kli­ma­te und Ve­ge­ta­ti­ons­zo­nen. Wie die ge­schick­te me­dia­le Prä­sen­ta­ti­on den Berg im fer­nen Afri­ka zu ei­nem Sym­bol deut­schen Na­tio­nal­stol­zes wer­den lässt, zei­gen die Au­toren in den nach­fol­gen­den Ka­pi­teln. Sei­en es nun die um­fas­sen­de li­te­ra­ri­sche Re­zep­ti­on, un­ter de­nen Ju­les Ver­nes Fünf Wo­chen im Bal­lon das po­pu­lärs­te Bei­spiel dar­stel­len mag, oder die Aus­wir­kun­gen auf die Wer­ke der Bil­den­den Küns­te. Be­son­ders deut­sche Künst­ler tru­gen da­zu bei, daß ko­lo­ni­al­ro­man­ti­sche Sehn­süch­te noch lan­ge nach En­de der kur­zen deut­schen Ko­lo­ni­al­pha­se wei­ter­leb­ten. Und das bis heu­te, wie Fern­seh­dra­mo­letts vor der Ku­lis­se des Ki­li­man­dscha­ro beweisen.

Die bei­den Wis­sen­schaft­ler, die sich selbst als Flach­land­au­toren be­zeich­nen, und doch mit­un­ter bei ge­mein­sa­men Berg­wan­de­run­gen die Kon­zep­ti­on ih­res Bu­ches dis­ku­tier­ten, bie­ten viel­fäl­ti­ge Aspek­te des be­rühm­tes­ten Ber­ges Ost­afri­kas. Sie ana­ly­sie­ren die ko­lo­nia­le Ge­schich­te des Gip­fels und wer­fen zu­dem ei­nem Blick auf die kul­tu­rel­le Be­deu­tung des Berg­stei­gens und die Mo­ti­ve der Ak­teu­re. Dem Le­ser öff­net sich so die his­to­ri­sche aber auch die li­te­ra­ri­sche Perspektive.

Zahl­rei­che Ab­bil­dun­gen und ein eben­so nütz­lich wie aus­führ­li­cher An­mer­kungs­ap­pa­rat er­gän­zen die­sen Band aus der schön ge­stal­te­ten kul­tur­ge­schicht­li­chen Rei­he des Wagenbach-Verlages.

Zur Rol­le Reb­manns und Krapfs als ers­te eu­ro­päi­sche Schnee­gip­fel-Bo­ten sei fol­gen­de Be­ge­ben­heit er­gän­zend er­zählt. Es war nicht nur der Bri­te Be­ke, wie Ha­mann und Ho­nold be­rich­ten, der die Aus­sa­gen von Reb­mann und Krapf ernst nahm. Die in den neu­ge­grün­de­ten geo­gra­phi­schen Zeit­schrif­ten „Pe­ter­manns Mit­tei­lun­gen“, Glo­bus“, „Zeit­schrift für all­ge­mei­ne Erd­kun­de“ heiß dis­ku­tier­ten Schnee­ber­ge setz­ten die bei­den der­art in den Fo­kus, daß ih­nen zu Be­ginn des Jah­res 1851, wie Jo­chen Eber in sei­ner Bio­gra­phie über Krapf be­rich­tet, ei­ne Au­di­enz bei Fried­rich-Wil­helm IV. ge­währt wur­de. Dort schil­der­ten sie ih­re Ent­de­ckun­gen den preu­ßi­schen Ge­lehr­ten Carl Rit­ter und Alex­an­der von Hum­boldt, wor­auf sich letz­te­rer „wie ein klei­nes Kind über ein neu­es Spiel­zeug“ ge­freut ha­ben soll (Eber, S. 148).

Von Einem, der auszog das Pilgern zu fürchten

Fluch und Trost der Gospa erfährt Thomas Glavinic in „Unterwegs im Namen des Herrn“ 

Wer nach Med­jug­or­je fährt und auf kei­nen der Ber­ge geht, der STOLPERT IM LEBEN- UND FALLT.“ (S. 77)

Be­geis­tert vom Selbst­be­spie­ge­lungs­sar­kas­mus auf den Li­te­ra­tur­be­trieb, den Gla­vi­nic in sei­nem 2007 er­schie­ne­nen Ro­man „Das bin doch ich“ bot, griff ich zu sei­nem neu­en Buch. Schon der Ti­tel „Un­ter­wegs im Na­men des Herrn“ ver­spricht ei­ne ähn­lich amü­san­te An­nä­he­rung ans Pil­ger­mi­lieu. Denn, um es ehr­lich zu sa­gen, die­ses post­mo­der­ne Pil­gern, das mit dem Hape-Hype sei­nen Hö­he­punkt aber lei­der nicht End­punkt er­reicht hat, ist fad. Die Pil­ger­bü­cher sind Le­gi­on, wir brau­chen ein An­ti­dot, wie Jean-Do­mi­ni­que Bau­bys Schil­de­run­gen des Sou­ve­nir­wahns in Lour­des oder den Film der ös­ter­rei­chi­schen Re­gis­seu­rin Jes­si­ca Haus­ner.

Gla­vi­nic fin­det Lour­des zu teu­er, wes­halb er sich be­glei­tet von Freund und Fo­to­graf In­go nach Med­jug­or­je auf­macht. Die Bei­den pil­gern nicht per pe­des, son­dern wer­den in ei­ner from­men Bus­la­dung nach Bos­ni­en-Her­ze­go­wi­na ver­frach­tet. Ein Bus vol­ler Pil­ger, die sich die vier­zehn­stün­di­ge Fahrt mit Be­ten und Fas­ten, mit Hei­li­gen­le­gen­den und Er­we­ckungs­ge­schich­ten zu ver­kür­zen su­chen, kann zur Tor­tur wer­den. Beim un­gläu­bi­gen Tho­mas und dem um nichts fröm­me­ren In­go löst sie ei­ne un­still­ba­re Sehn­sucht nach Schlaf, nach Auf­putsch- und Be­täu­bungs­mit­teln aus. Und doch, schon im ers­ten Ab­schnitt der Rei­se fällt die­ser Be­richt nicht ganz so bis­sig bö­se aus, wie es die Le­se­rin er­war­tet. Spä­tes­tens nach der An­kunft in Med­jug­or­je wird klar, daß es nicht nur dar­um ge­hen wird, die Ab­sur­di­tä­ten des Pil­ger­pa­ra­die­ses auf­zu­de­cken. Gla­vi­nic, der auf­ge­klär­te Athe­ist, schei­tert an den Ver­teu­fe­lun­gen der An­na­l­in­da An­ti­lo­pa, Non­ne. Dar­auf hät­te er ge­fasst sein kön­nen. Er re­agiert mit Ab­scheu und An­gi­na, er­liegt fast ei­ner An­na­l­in­da Hy­po­chon­dria. Oder war es gar ein Fluch? Uns Le­ser bringt er so um wei­te­re Ein­bli­cke in ört­li­che Kul­te und Ri­tua­le. Den­noch schil­dert der Ge­plag­te flott und un­ter­halt­sam sei­ne Er­fah­run­gen. Gla­vi­nic gibt Tipps wie man in Pil­ger­her­ber­gen ge­gen die nächt­li­che Aus­gangs­sper­re re­vol­tiert und glänzt mit ei­ner ge­hö­ri­gen Por­ti­on Apo­the­ker­wis­sen. Et­li­che Xa­nor und an­de­re Pil­len wei­ter, mit Nied­rig- und Hoch­pro­zen­ti­gem run­ter­ge­spült, ist es dann mit der halb­her­zi­gen Pil­ge­rei vor­bei. Schrift­stel­ler und Fo­to­graf ver­las­sen den Ort des gläu­bi­gen Irr­sinns, um sich vom ver­rück­ten Va­ter zum nächs­ten Flug brin­gen zu lassen.

Nur ein Nacht­quar­tier fehlt und die­ses fin­den sie schließ­lich bei ei­nem Mann, des­sen Art und An­we­sen nach du­bio­sen Ge­schäf­ten riecht. Es folgt ei­ne durch­ge­knall­te Nacht, an­stren­gend für den kran­ken Au­tor wie für die Le­se­rin. Aber­wit­zi­gen Trost spen­den ein­zig die Zet­tel­bot­schaf­ten aus Med­jug­or­je. Sind Krank­heit und Cha­os tat­säch­lich der Fluch der Gos­pa, den der Kap­pen­mann den un­gläu­bi­gen Pil­gern prophezeite?

Schließ­lich bringt ein tur­bu­len­ter Rück­flug die bei­den Blues Bro­thers zum Aus­gangs­punkt ih­rer Mis­si­on und an das En­de ei­nes eben­so tur­bu­len­ten Fastan­ti­pil­ger­bu­ches. Der Gos­pa­se­gen ist auf­ge­braucht und ei­ner Sa­che kön­nen wir ganz si­cher sein. Bei Gla­vi­nic klin­gelt kein Glöck­chen, nirgends.

Ei­ne Le­se­pro­be und zwei Vi­de­os fin­den sich beim Han­ser-Ver­lag.

Kream Korner is Dream Korner”

Anna Katharina Fröhlich besingt in ihrem neuen Roman die Sehnsucht nach Indien

Der Ver­such zu be­grei­fen, wes­halb man In­di­en liebt, ist eben­so sinn­los wie der Ver­such zu er­klä­ren, wes­halb man das Le­ben liebt.“

Kream Kor­ner ist nicht nur der blu­mi­ge Na­me ei­ner Gar­kü­che auf dem Dach in ei­ner in­di­schen Pro­vinz­stadt, Kream Kor­ner wird nach der Lek­tü­re des gleich­na­mi­gen Ro­mans zum In­be­griff für ganz In­di­en. Doch be­vor die Le­ser ge­gen En­de des Bu­ches die wack­li­gen In­stal­la­tio­nen die­ses Eta­blis­se­ment be­tre­ten, führt die Au­torin sie in die de­ka­den­te Welt der in­di­schen Ober­schicht. Prunk­vol­le Stadt­pa­läs­te be­geg­nen uns dort, in de­nen ei­ne „nach nas­sem Da­ckel­fell und Mot­ten­ku­geln rie­chen­de Küh­le“ herrscht und der Haus­herr sich in Gon­del­pan­tof­feln vor ei­nem ana­chro­nis­tisch an­mu­ten­den Flach­bild­schirm re­kelt. Es han­delt sich um Ma­ri­pal Singh Bill, das Ober­haupt ei­ner über­aus wohl­ha­ben­den Sikh-Fa­mi­lie, mit der Lord Les­lie, der ver­stor­be­ne On­kel der Ich-Er­zäh­le­rin, ei­ne di­plo­ma­ti­sche Freund­schaft ver­band. Frü­her wa­ren sie häu­fig Gäs­te der Bills, wel­che die Tan­te ger­ne als ei­ne „Ban­de ver­wöhn­ter Faul­pel­ze“ be­zeich­net, von de­nen man­cher „der­art von sei­nen Pri­vi­le­gi­en ver­blö­det war, dass er nur noch die Wet­ter­la­ge klar ein­zu­schät­zen ver­stand“.

Ge­mein­sam mit ih­rer Tan­te trifft die jun­ge Frau nun an­läss­lich ei­ner Hoch­zeits­ein­la­dung er­neut bei den Bills ein. Sie hat­te sich nach der Auf­ga­be ih­res Theo­lo­gie­stu­di­ums auf das süd­fran­zö­si­sche Kream Kor­ner is Dream Kor­ner”“ wei­ter­le­sen