Deutsche Frauen sind ein Problem“

Georg M. Oswald schickt in der spannungs- wie klischeegeladenen Geschichte „Alle, die du liebst“ einen alternden Anwalt nach Afrika

Alle, die du liebst“ lautet der Titel des im vergangenen Jahr erschienenen Romans von Georg M. Oswald. Doch anders als er vermuten lässt, handelt es sich um ein ausgesprochenes „Männerbuch“. Aus diesem Grund hat Mann es für unseren Literaturkreis gewählt. Der Verantwortliche fand sein Geschlecht in unseren letzten Lektüren nur unzureichend vertreten, auch wenn ein Blick auf unsere Leseliste diese Aussage nur bedingt zulässt. Wem also Lüschers oder Espedals Helden zu abgehoben erscheinen, den erwartet laut Klappentext in diesem Roman eine „pointierte Auseinandersetzung zwischen Vater und Sohn, die Georg M. Oswald auf kluge und erzählerisch mitreißende Weise dazu nutzt, wie durch ein Brennglas auf unsere westeuropäische Befindlichkeit zu schauen“.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht der alternde Anwalt Hartmut Wilke. Er hadert mit seinem Leben, seinen Irrungen und Wirrungen. Dazu zählen die Scheidung von seiner langjährigen Ehefrau, die er zu spät als seine wahre, große Liebe erkennt, die Entfremdung von den inzwischen erwachsenen Kindern, seine zu junge Geliebte, deren Ansprüchen er nicht zu genügen fürchtet, sowie die Steueraffäre seiner Kanzlei.

Am dringendsten drückt ihn die Distanz zu seinem Sohn. Seit dessen Kindheit war das Verhältnis schwierig, seit der Trennung steht Erik endgültig auf der Seite seiner Mutter. Wilke plagen Schuldgefühle, was sich übrigens als permanente Gefühlslage durch den Roman zieht. So ergreift er Deutsche Frauen sind ein Problem““ weiterlesen

Zähne im Rachen der Empörung“

William Faulkners grandioser Roman „Absalom, Absalom!“ in der Neuübersetzung von Nikolaus Stingl

U1_978-3-498-02134-4.inddVielleicht ist Geschehen nichts Einmaliges, sondern gleicht dem Gekräusel auf Wasser, nachdem der Kiesel versunken ist, und das Gekräusel geht weiter, breitet sich aus, der Teich ist durch eine schmale Wasser-Nabelschnur mit dem nächsten Teich verbunden, (…)“

Ein neues Leseprojekt, obwohl immer noch vier Bände Proust vor mir liegen? Gewagt. Aber man muss Gelegenheiten ergreifen, wo sie sich bieten. Diese geht auf Birgit zurück. Bei einem unserer letzten Literaturtreffen sprach sie davon William Faulkners „Absalom, Absalom!“ lesen zu wollen. Auch sie hatte erst kürzlich im Schweizer Literaturclub die Diskussion über Nikolaus Stingls Neuübersetzung verfolgt. Nach kurzer Überlegung entschloss ich mich, ihr ein gemeinsames Lesen vorzuschlagen. Schließlich waren wir zu dritt und bildeten eine Extraausgabe unserer Runde, sozusagen einen Literaturkreis im Literaturkreis. Wir portionierten die schwere Kost und trafen uns insgesamt dreimal.

Schon der erste Abend war für mich nicht nur erhellend, sondern auch absolut notwendig, denn mit den ersten beiden Kapiteln habe ich ganz schön gehadert. Unverdaulich wie „Ulysses“, mit dem ich es vor Jahrzehnten viel zu jung versucht habe, erschien mir Faulkners Meisterwerk. 1936 erstmals erschienen, erzählt der Roman die Geschichte einer Familie aus dem amerikanischen Süden während des Bürgerkriegs. „Absalom, Absalom!“ gilt heute als einer der bedeutendsten Literaturwerke des 20. Jahrhunderts und verhalf 1950 Wilhelm Faulkner zum Literaturnobelpreis. Einmalig ist nicht nur Zähne im Rachen der Empörung““ weiterlesen

Die universale Benetton-Farbe des Bluts“

Marie Darrieussecq hinterfragt in „Man muss die Männer sehr lieben“ den subtilen Rassismus

Darrieussecq_24902_MR.inddEr war ein Mann mit einer Großen Idee. Die sah sie in seinen Augen leuchten. Seine Pupille rollte sich zum glühenden Band zusammen. Sie drang in seine Augen ein, um mit ihm dem Fluss zu folgen (…) aber wer war der Mann auf dem Foto? Wer ist der Mann, dessen Fotos in den Klatschblättern von Hollywood kursieren? Wer ist der Mann, der sie angeblickt hatte, der sie in ihrer Erinnerung anblickt? Ihre Haut weist von ihm keinerlei Spuren mehr auf, nur die Spuren der Zeit (…).“

Bleibt das Gegenüber nicht immer ein Rätsel, egal wie nah man ihm kommt? Sein Innerstes ist unzugänglich. Gepanzert durch die Fassade des Körpers, mit der Haut als letztem Wall, als sichere Schutzschicht, egal welche Farbe sie hat.

Farbe? Eine Kategorie, die in unserer Zeit nichts mehr verloren hat? Verloren haben sollte? Erst recht im Bewusstsein einer toleranten, liberalen, gebildeten, weißen europäischen Frau?

Eine solche Frau, Solange, Mitte 30 und Schauspielerin, macht die französische Autorin Marie Darrieussecq zur Hauptfigur ihres neusten Werks. Der Beziehungsroman trägt den programmatischen Die universale Benetton-Farbe des Bluts““ weiterlesen

Herkunft-Identität-Integration

Taiye Selasi ergründet in „Diese Dinge geschehen nicht einfach so“ die Brüche der Afropolitans

selasiWarum wohnen wir hier?, fragte er sich, plötzlich wütend, in diesem Grau? Wie Schatten, Kreaturen aus Asche, deren zerbrechliche Wohlstandsträume beherrscht wurden von der leisen Angst, dass alles eines Tages einfach ins sich zusammenfallen könnte? Hatten sie etwas an sich, das sie in der Luft hängen ließ, trotz ihrer Intelligenz und obwohl sie so hart arbeiteten? Wenn das stimmte, warum konnten sie dann ihre Lage nicht einfach akzeptieren und sich bei den Armen niederlassen, die in Würde lebten? Er dachte an seine Klassenkameraden, die reichen in Brookline, die armen in Metco, und er irgendwo dazwischen, irgendwo in der Mitte steckengeblieben, ohne den Trost einer Gruppenzugehörigkeit, beschämt und verängstigt.“

Diese Gedanken bedrängen Olu, den ältesten Sohn von Kweku und Fola, er aus Ghana, sie aus Nigeria, die an einer Hochschule in Nordamerika zu einem Paar wurden.

Auf dieselben Wurzeln blickt auch Taiye Selasi zurück, die mit Diese Dinge geschehen nicht einfach so ihr Debüt vorlegt. Geboren in London als Tochter eines Ghanaers und einer Nigerianerin wuchs sie in den USA auf und studierte in Yale. Während weiterer Jahre in Oxford lernt sie Toni Morrison „Herkunft-Identität-Integration“ weiterlesen

Tata Jesus ist bängala!

Barbara Kingsolver erzählt in Die Giftholzbibel vom Clash of Cultures

giftholzbibelDas Cover ist von der Art, daß man das Buch, hätte man es unbedacht zur Hand genommen wie ein Blatt der titelgebenden Giftholzpflanze mit Furcht fallen ließe. In apricotfarbenes Licht getaucht, bietet sich dem Betrachter ein Blick auf Wälder und Wiesen einer Flussebene. Eine Bergkette begrenzt den Horizont, während im Vordergrund zwei Lehmhütten mit Strohdach und grünumrankten Zaun ein afrikanisches Idyll mit Aussicht evozieren. Darüber erheben sich die Gesichter zweier Mädchen, die engelsgleich und blondgelockt ihrem Schicksal entgegen harren. In einer Buchhandlung hätte ich diesem Roman keinen weiteren Blick gegönnt und ihm damit bitter Unrecht getan. Zum Glück wurde er mir von einer begeisterten Leserin empfohlen, die mein Interesse an der kolonialen Geschichte Afrikas kennt.

 

Richtig. Trinken wir auf die Bibel, sagte Leah und stieß mit ihrer Bierflasche an meine an.
„Tata Jesus ist bängala! sagte Adah und hob ebenfalls ihre Flasche. Sie und Leah sahen einander eine Sekunde lang an , dann brachen sie in hyäneneartiges Geheul aus.
„Jesus ist Giftholz! sagte Leah. „Ich trinke auf den Prediger des Giftholzes. Und auf seine fünf Frauen!

Den Indern ein Inder sein“ war das Motto des Missionars Ferdinand Kittel, der „Tata Jesus ist bängala!“ weiterlesen

Mythos Kilimandscharo

Koloniales Wettklettern

Mit ihrem im Wagenbach-Verlag erschienenen Buch „Kilimandscharo“ legen die beiden Autoren, der Germanist und Historiker Christof Hamann und der Literaturwissenschaftler Alexander Honold die „deutsche Geschichte eines afrikanischen Berges“ vor.

In zehn Kapiteln stellen sie die verschiedenen Aspekte der Faszination heraus, die dieser Berg von der Antike bis in die heutige Zeit ausübt. Wie der Berg als Mikrokosmos verschiedenste Bedürfnisse vereint, Natur- und Selbsterfahrung, die Sehnsucht nach dem Ideal und die Abkehr von der Zivilisation zeigt das Anfangskapitel. Der symbolische Gehalt mythischer Bergphantasien, sei es nun der Olymp oder der Parnass, der eine Sitz der Götter, der andere Hain der Musen, werden ebenso wie Dantes Läuterungsberg berücksichtigt. Die im 18. Jahrhundert sich ausbildende Stilisierung der Alpen zum „Hochgebirge der Empfindsamkeit“ zeigen die Autoren anhand der Spuren von Albrecht von Haller und Jean-Jacques Rousseau. Als weitere Pioniere der Entdeckerlust bleiben selbstverständlich auch Francesco Petrarca und Alexander von Humboldt nicht ungenannt.

Das zweite Kapitel führt in die Vorgeschichte des „Schneeberges“ ein. Mythen, aber auch geographische Beobachtungen, die in der antiken Überlieferung von Herodot bis Ptolemaios von Alexandria fassbar sind, werden einander gegenübergestellt und durch anekdotenhaft anmutende Berichte antiker Expeditionstrupps ergänzt.

Welche Rolle das Prestige eines Erstentdeckers gerade während des „Run of Africa“ einnimmt zeigt das dritte Kapitel. Geographie wurde zwar weniger als Wissenschaft denn als Feuilletonthema wahrgenommen, dennoch war das Interesse gerade am unentdeckten afrikanischen Kontinent enorm. Mit Spannung verfolgte das deutsche Lesepublikum in zahlreichen Publikationen wie „Die Gartenlaube“ und  „Westermann’s Monatshefte“ den Wettlauf zu den Quellen des Nigers. Beliebte Lektüre waren auch die Berichte deutscher und englischer Missionare, die auf ihren Wegen zu den „Ungläubigen“ bis in unbekannte Regionen vordrangen. So berichteten die Missionare Johannes Rebmann und sein Kollege Johann Ludwig Krapf über ihre Unternehmungen im Church Missionary Intelligenzer. Sie beschrieben als erste neuzeitliche Europäer einen Schneegipfel in Äquatornähe. Doch das trug den Missionaren mehr Spott als Anerkennung ein. Der englische Gelehrte William Deborough Cooley wirft ihnen überbordende Phantasie und Unprofessionalität vor und verwies hämisch auf die Kurzsichtigkeit der beiden Brillenträger.

Dass nicht nur geographische Neugier und religiöses Sendungsbewußtsein, sondern auch kolonialpolitischer Ehrgeiz bei der weiteren Erforschung Afrikas und insbesondere des Kilimandscharos eine Rolle spielten, schildern die Autoren im Folgenden. „Die Besteigung des Schneeberges bleibt ein wichtiges wissenschaftliches und politisches Ziel“ (S. 66). Als sei die Erstbesteigung des Kilimandscharo–Gipfels Kibo eine Unterdisziplin im „Wettlauf um Afrika“. Neben den Deutschen Carl Claus von der Decken, Eduard Vogel und Gustav Adolf Fischer traten die Briten Joseph Thomson und Harry Johnston an. Alle scheiterten. Erst Hans Meyer und Ludwig Purtscheller erreichten 1889 im dritten Anlauf den Gipfel und machten ihn mit Deutscher Flagge und einem dreifachen Hurra zur Kaiser-Wilhelm-Spitze und damit zum höchsten Berg Deutschlands. In Meyers Darstellungen zeigt sich die große Faszination, die der Kilimandscharo ausübte, das schneebedeckte Hochgebirge in Äquatornähe, seine singuläre Erhebung in der Landschaft, der wolkenverhangene Gipfel und seine unterschiedlichen Klimate und Vegetationszonen. Wie die geschickte mediale Präsentation den Berg im fernen Afrika zu einem Symbol deutschen Nationalstolzes werden lässt, zeigen die Autoren in den nachfolgenden Kapiteln. Seien es nun die umfassende literarische Rezeption, unter denen Jules Vernes Fünf Wochen im Ballon das populärste Beispiel darstellen mag, oder die Auswirkungen auf die Werke der Bildenden Künste. Besonders deutsche Künstler trugen dazu bei, daß kolonialromantische Sehnsüchte noch lange nach Ende der kurzen deutschen Kolonialphase weiterlebten. Und das bis heute, wie Fernsehdramoletts vor der Kulisse des Kilimandscharo beweisen.

Die beiden Wissenschaftler, die sich selbst als Flachlandautoren bezeichnen, und doch mitunter bei gemeinsamen Bergwanderungen die Konzeption ihres Buches diskutierten, bieten vielfältige Aspekte des berühmtesten Berges Ostafrikas. Sie analysieren die koloniale Geschichte des Gipfels und werfen zudem einem Blick auf die kulturelle Bedeutung des Bergsteigens und die Motive der Akteure. Dem Leser öffnet sich so die historische aber auch die literarische Perspektive.

Zahlreiche Abbildungen und ein ebenso nützlich wie ausführlicher Anmerkungsapparat ergänzen diesen Band aus der schön gestalteten kulturgeschichtlichen Reihe des Wagenbach-Verlages.

Zur Rolle Rebmanns und Krapfs als erste europäische Schneegipfel-Boten sei folgende Begebenheit ergänzend erzählt. Es war nicht nur der Brite Beke, wie Hamann und Honold berichten, der die Aussagen von Rebmann und Krapf ernst nahm. Die in den neugegründeten geographischen Zeitschriften „Petermanns Mitteilungen“, Globus“, „Zeitschrift für allgemeine Erdkunde“ heiß diskutierten Schneeberge setzten die beiden derart in den Fokus, daß ihnen zu Beginn des Jahres 1851, wie Jochen Eber in seiner Biographie über Krapf berichtet, eine Audienz bei Friedrich-Wilhelm IV. gewährt wurde. Dort schilderten sie ihre Entdeckungen den preußischen Gelehrten Carl Ritter und Alexander von Humboldt, worauf sich letzterer „wie ein kleines Kind über ein neues Spielzeug“ gefreut haben soll (Eber, S. 148).