Tod und Tränen in der Hängematte

Daniela Kriens Roman „Die Liebe im Ernstfall“ knüpft an die Frauenliteratur der Achtziger

Als Daniela Kriens Roman „Die Liebe im Ernstfall“ in unserem Literaturkreis zum Vorschlag kam, hatte ich nichts dagegen einzuwenden. Der Titel erinnerte mich zwar an einen ZDF-Fernsehfilm, die Platzierung des Romans auf der SWR-Bestenliste sprach jedoch gegen meine Einschätzung. Leider haben sich die positiven Erwartungen nicht eingelöst. Anders als viele Kritiker in überschwänglichen Rezensionen betonen, verspüre ich keine Begeisterung. Auch meine Mitstreiterinnen im Literaturkreis fühlen sich durch Kriens Roman an die Frauenliteratur der Achtziger erinnert.

Damals legten die Verlage eigene Reihen zur Rolle der Frau in der Gesellschaft auf, so „Neue Frau“ bei rororo, und Buchhandlungen machten ganze Regalmeter frei. Dort stand dann Beziehungs-Emanzipations-Selbstfindungsprosa, wie Judith Jannbergs programmatischer Titel„Ich bin ich“, an den mich „Die Liebe im Ernstfall“ nun gut vierzig Jahre später erinnert. Man sollte meinen, daß sich in der Zwischenzeit die Rolle der Frau in der Gesellschaft gewandelt hat.

In unserer Diskussionsrunde blieben leider ausgerechnet bei diesem „Tod und Tränen in der Hängematte“ weiterlesen

Zähne im Rachen der Empörung“

William Faulkners grandioser Roman „Absalom, Absalom!“ in der Neuübersetzung von Nikolaus Stingl

U1_978-3-498-02134-4.inddVielleicht ist Geschehen nichts Einmaliges, sondern gleicht dem Gekräusel auf Wasser, nachdem der Kiesel versunken ist, und das Gekräusel geht weiter, breitet sich aus, der Teich ist durch eine schmale Wasser-Nabelschnur mit dem nächsten Teich verbunden, (…)“

Ein neues Leseprojekt, obwohl immer noch vier Bände Proust vor mir liegen? Gewagt. Aber man muss Gelegenheiten ergreifen, wo sie sich bieten. Diese geht auf Birgit zurück. Bei einem unserer letzten Literaturtreffen sprach sie davon William Faulkners „Absalom, Absalom!“ lesen zu wollen. Auch sie hatte erst kürzlich im Schweizer Literaturclub die Diskussion über Nikolaus Stingls Neuübersetzung verfolgt. Nach kurzer Überlegung entschloss ich mich, ihr ein gemeinsames Lesen vorzuschlagen. Schließlich waren wir zu dritt und bildeten eine Extraausgabe unserer Runde, sozusagen einen Literaturkreis im Literaturkreis. Wir portionierten die schwere Kost und trafen uns insgesamt dreimal.

Schon der erste Abend war für mich nicht nur erhellend, sondern auch absolut notwendig, denn mit den ersten beiden Kapiteln habe ich ganz schön gehadert. Unverdaulich wie „Ulysses“, mit dem ich es vor Jahrzehnten viel zu jung versucht habe, erschien mir Faulkners Meisterwerk. 1936 erstmals erschienen, erzählt der Roman die Geschichte einer Familie aus dem amerikanischen Süden während des Bürgerkriegs. „Absalom, Absalom!“ gilt heute als einer der bedeutendsten Literaturwerke des 20. Jahrhunderts und verhalf 1950 Wilhelm Faulkner zum Literaturnobelpreis. Einmalig ist nicht nur Zähne im Rachen der Empörung““ weiterlesen

So viel dazu

Dieses Leben, das wir haben“ — Shrivers trivialer Thesenroman zum Gesundheitssystem der USA

Schon das Cover ziert ein Pathosmotiv. Vor einem roten, in den Abstufungen geronnenen Blutes changierenden Hintergrund erscheint am rechten Rand das Profil einer Frau. Ihren Blick schräg nach unten gerichtet, die Lippen leicht geöffnet, verschränkt sie die Arme angewinkelt vor dem Brustkorb. Bis auf ein dezentes Make-Up und ein dunkles Stück Stoff zwischen Händen und Körper ist sie nackt. Die Dargestellte wirkt dem Leidensgehalt der Geschichte schutzlos ausgeliefert.

Pathos ist Programm im Roman, der im Original den Titel „So Much for that“ trägt. Die Autorin Lionel Shriver bevorzugt gesellschaftlich brisante Themen. Ihr größter Erfolg bisher war „Wir müssen über Kevin reden“. Im vorliegenden, 2010 erschienenen Roman schildert sie ein Ehepaar um die Fünfzig mit erwachsener Tochter und pubertierendem Sohn, das durch eine Krebserkrankung aus der Bahn geworfen wird. Diese will Shep, der Familienvater, aus Gründen gesellschaftlicher „So viel dazu“ weiterlesen

Darauf einen Bitter!

Enttäuschte Erwartungen erzeugt James Hamilton-Paterson mit “Kochen mit Fernet-Branca

Dio mio, das wird Schläge geben. Ich zittere vor meinem nächsten Literaturkreistreffen und befürchte, daß selbst eine große Menge des Titelgesöffs den anderen Teilnehmer nicht zur Verdauung dieser Lektüre reichen wird.

Dabei hatte ich es doch nur gut gemeint. Diesmal sollte es etwas Amüsantes werden, keine Problemwälzerei, keine nordische Familiengeschichte, kein Inzest, kein Mittelalter und schon gar kein Beziehungsdrama. Zudem kam die Empfehlung aus Thomas Böhms Lesekreisbuch, er wiederholte sie sogar vor kurzem nochmals im Radio.

Der Autor des Katzenkochbuches, und das ist hier wörtlich zu nehmen, James Hamilton-Paterson, ist britischer Journalist und bisher mit durchaus Ernsthaftem über das Meer und ferne Länder in Erscheinung getreten. Für seinen ersten humorigen Roman wurde er gelobt. Bis über den grünen Klee sogar, wenn man eine Nominierung für den Booker Prize so interpretieren darf. Trotzdem las ich probehalber die ersten Seiten des Buches, denn nach langjähriger Lesekreiserfahrung weiß ich, was Fehlschläge sind, und diese sollten gerade bei steigendem Lese- und Lebensalter unbedingt vermieden werden. Tempus fugit!

Tatsächlich hat mich diese Mischung aus Italien und Monty Python zunächst schwer begeistert. Ich lag abends lachend im Bett, was selten vorkommt, und den Mitbenutzer dieses Möbels zu einem, Da wird sich der Lesekreis aber freuen, hinreißen ließ. Der kommende Kandidat war gekürt, ich setzte sogar die beiden Nachfolgebände dieses Romans sofort auf meine Wunschliste.

Vergnügt las ich weiter, wollte weiter meinen Spaß haben an den kruden Erfahrungen dieses Engländers in der toskanischen Provinz. Dort hat Gerald Samper sich in der Bergeinsamkeit der apuanischen Alpen ein Häuschen aufschwatzen lassen, um ungestört als Ghostwriter für grenzdebile Spitzensportler zu arbeiten. In dieser kreativen Stille taucht unvermittelt Marta auf, die nicht wie der Makler, Italiener und gewerbebedingtes Schlitzohr, versichert hat nur selten, sondern stetig seine neue Nachbarin sein wird. Sie arbeitet an Musikarrangements für die Filmbranche. Der Konflikt zwischen Ruhebedürfnis und Musik, also Krach, ist gelegt. Gelöst wird er in 47 Kapiteln auf 359 Seiten, aufgelockert von Rezepten aus Sampers kreativer Küche. Darunter verlocken „Muscheln in Schokolade” sowie der „Fischkuchen” zum Experimentieren. (Bettnachbar: Du bist verrückt! Atalante: Und wenn wir den Zuckerguß weglassen?)

Genüsslich las ich also weiter, da tauchten erste Unappetitlichkeiten auf. Es waren allerdings nicht, wie die Kenner des Buches vermuten mögen, die bis ins Absonderliche gesteigerten Rezepte des guten Samper. Nein, weder Knoblaucheis noch Katzenkuchen, gemäß Titel gehörig mit Magenbitter gesättigt, erzeugten Leseübelkeit. Es war eher das Abgleiten in die dunklen Regionen des Verdauungswitzes, die mich beim Plumpsklo noch zum Lachen reizten, bei den flatulenten Nebenwirkungen der Kochkünste merkliches Desinteresse und beim Pupsbär nur noch Mitleid erzeugten. Ehrlich, wer findet jenseits der Pubertät einen Pupsbär auf dem Klo lustig?

Natürlich ist der vom Autor geschilderte Gerry Samper ein eitler Egozentriker, gründlich von sich selbst geblendet, was zu einer kunstgerechten Anwendung von Sarkasmus unabdingbar ist. Aber warum hat er seinen britischen Humor innerhalb weniger Seiten verloren? Dazu kommt die Figur seiner Nachbarin und Gegenspielerin Marta. Natürlich wurde sie gewählt, um so ein hervorragendes Exempel zu der Differenz von Eigen- und Fremdbild durch zu spielen. Auch treten die wenigen Italiener vor allem deshalb als gutaussehend, gerissen, bestechlich oder arrogant auf, um den Leser unmissverständlich mit seinen eigenen Klischees zu konfrontieren. Aber warum ist das alles nur so langweilig geraten? Die Figur der Marta und ihre musikalischen Tätigkeiten haben mich nicht die Bohne interessieren. Der Auftritt berühmter italienischer Regisseure ebenso wenig. Die Idee ein Feuerwerksinferno zu entzünden war wenig überraschend. Die abstruse Konstruktion von Martas mafiaähnlichem osteuropäischen Herkunsftshintergrund tat kaum etwas zur Sache.

Dazu kommen stilistische Mängel. Hamilton-Paterson konstruiert den Roman in alternierender Erzählperspektive. Das kann bei gekonnter Ausführung durchaus den Lesegenuß steigern. Wenn aber die unterschiedlichen Erzählfiguren kaum durch Sprachstil und Gedankengänge voneinander zu unterscheiden sind, erzeugt es mehr denn Verwirrung Langeweile. Zum zweiten Mal verwende ich nun dieses Wort in meinen Zeilen über diesen vermeintlich so humorvollen Roman. Da wird folgendes Geständnis keine Überraschung sein. Ich habe kaum noch gelacht und lediglich aus Pflichtbewusstsein meinen eigenen Buchvorschlag runtergewürgt. Und das ohne einen einzigen Fernet-Branca, den benötige ich noch für den Literaturkreis.

Allerdings hat mich Sampers Kochkunst doch noch einmal zum Lachen gereizt. Als ich unlängst auf einem Auto die Aufschrift „Norwegische Wildkatzen aus dem Naabtal” las, hätte ich mich dort gerne erkundigt, ob sie auch räuchern würden.

Vielleicht war es ja doch gar nicht so ein schlechtes Buch?

Trotzdem suche ich immer noch DEN amüsanten Roman. Hinweise werden gerne entgegen genommen.

James Hamilton-Paterson, Kochen mit Fernet-Branca, übers. von Hans-Ulrich Möhring, Klett-Cotta, 1. Aufl. 2005

Lesen und darüber reden – Ein Ratgeber für Lesekreise

Wer, wo, wie und was beantwortet Thomas Böhm in Das Lesekreisbuch

Da ich selbst seit einigen Jahren an einem Lesekreis teilnehme und die Hürden und Tücken einer solchen freiwilligen Versammlung lesewilliger und diskussionsfreudiger Menschen mit unterschiedlichem Buchgeschmack kenne, war ich begeistert als ich diesen Titel sichtete und griff sofort zu.

Es sollte mein Schaden nicht sein. Ein bis zwei vergnügliche Lesestündchen habe ich mit dem Buch verbracht. Aber bin ich nun schlauer als zuvor?

Thomas Böhm, der lange den Lesekreis des Kölner Literaturhauses leitete, plaudert aus dem Nähkästchen und geht dabei gleichzeitig sehr analytisch vor.

Er beginnt wirklich ganz am Anfang. Das Cover, auf dem Nachbarn über Balkonbrüstungen hinweg die Literaturdiskussion suchen, ist Programm. Wie findet man also Mitglieder, wenn nicht die eigenen Nachbarn ebenso begeisterte Leser sind? Wo trifft man sich am besten? Was sollte man bei der Lektürewahl berücksichtigen?

Böhm gibt Tipps, wie man die vereinbarte Lektüre liest. Am besten mit Stift und Zettel, damit die unmittelbaren Leseassoziationen nicht verloren gehen. Er rät, sich unbedingt auf den Abend vorzubereiten, indem man sich Fragen stellt und notiert. Gerade diese Abschnitte sind die wertvollsten dieses Ratgebers, sie sollten in jedem Lesekreis zur Lektüre empfohlen werden. Sie bringen zwar generell keine neuen Erkenntnisse, vor allem nicht denjenigen, die schon lange an derartigen Runden teilnehmen. Böhm formuliert jedoch die Betriebsanleitung der Buchdiskussion prägnant und mit einem Augenzwinkern.

Für alle Anfänger liefert das Buch zudem ein paar lebenspraktische Details, Bewirtung und Kostenverteilung, Anfahrtsprobleme und ein paar Ideen für Bücherspiele, die jedoch eher ihren Platz beim Kindergeburtstag haben.

Am Schluss gibt es einen kurzen historischen Abriss in Dialogform und mehrere Leselisten von leseerprobten Menschen. Jeweils zehn Lektürevorschläge von Henning Ritter, Joachim Sartorius, Denis Scheck, Georg Klein, Joachim Król, eine ausführlich kommentierte Liste von Sigrid Löffler, sowie eine knapp kommentierte von Antje Deistler.

Der Autor selbst liefert gleich zwei Listen für diesen Anhang, eine mit erprobten, diskussionsträchtigen Lektüren und eine Wunschliste.