Der Vergangenheit ihre Privatsphäre rauben

Ian McEwan gewährt in „Was wir wissen können“ einen kritischen Blick in die Gegenwart

Al­les, was je durchs In­ter­net ström­te, ist wohl­be­hü­tet in Neu-La­gos ge­spei­chert und wur­de längst ka­ta­lo­gi­siert. Durch Fort­schrit­te in Quan­ten­com­pu­ting und Ma­the­ma­tik wur­de al­les ge­knackt, was einst ver­schlüs­selt war. Wie gern wür­de ich den Men­schen vor hun­dert Jah­ren durch ein Loch in der Zeit­de­cke zu­ru­fen: Wollt ihr eu­re Ge­heim­nis­se wah­ren, flüs­tert sie ins Ohr eu­res liebs­ten, ver­trau­ens­wür­digs­ten Freun­des. Ver­traut nie der Tas­ta­tur und dem Bild­schirm. Wenn ihr das tut, wer­den wir al­les erfahren.“

Was gibt es Bes­se­res für ei­ne li­te­ra­tur­lie­ben­de His­to­ri­ke­rin als ei­nen Ro­man, der in der Zu­kunft spielt und auf der Su­che nach ei­nem Schatz in ei­ne Ver­gan­gen­heit taucht, die in der Le­bens­zeit der Le­se­rin liegt? Ob es sich bei Ian McE­wans Ro­man „Was wir wis­sen kön­nen“ um ei­ne Dys­to­pie oder ei­ne Uto­pie han­delt, ist nicht ein­deu­tig zu ent­schei­den. Klar ist je­doch, daß in den Jahr­zehn­ten vor 2119 so man­ches schief­ge­lau­fen ist. Ge­nau­er ge­sagt, wa­ren die Men­schen des 21. Jahr­hun­derts, wie wir wis­sen, ein­fach nicht klug, denn sie lie­ßen Kli­ma­ka­ta­stro­phe, Krie­ge so­wie die so­zi­al sa­bo­tie­ren­den Me­di­en ein­fach zu. McE­wan gar­niert sei­nen mah­nen­den Blick auf die Fol­gen mit ei­nem ge­hö­ri­gen Au­gen­zwin­kern und er­zeugt Ver­blüf­fung mit Sät­zen wie: „Als sich Sau­di-Ara­bi­en mit Is­ra­el für ei­nen Ein­marsch in den Iran ver­bün­de­te um zu ver­hin­dern, dass das Land in den Be­sitz von Nu­kle­ar­waf­fen ge­riet, muss­ten sie fest­stel­len, dass die längst vor­han­den wa­ren.“.

Der­ar­ti­ge Aus­sa­gen mö­gen aus Ge­sprä­chen mit dem His­to­ri­ker Ti­mo­thy Gar­ton Ash her­vor­ge­gan­gen sein. Dem Freund wid­met er den Ro­man, gab die­ser doch den Hin­weis auf das Ge­dicht „Mar­s­ton Me­a­dows: A co­ro­na for Prue“ von John Ful­ler. Es dient in Form und The­ma als Vor­bild für den ver­schol­le­nen li­te­ra­ri­schen Schatz des Ro­mans, den So­net­ten­kranz des Ly­ri­kers Fran­cis Blun­dy. „Ein So­net­ten­kranz ist ein ein­drucks­vol­les Un­ter­fan­gen. Die letz­te Zei­le je­des So­netts wird mit der ers­ten Zei­le des nächs­ten wie­der­holt. Das fünf­zehn­te So­nett, der ›Kranz‹, muss die je ers­te Zei­le der vor­her­ge­hen­den vier­zehn wie­der­ho­len und Sinn ergeben.“

Nicht nur aus die­sem Grund in­ter­es­siert sich der Li­te­ra­tur­his­to­ri­ker Tho­mas Met­cal­fe für das Werk. Es gab nur ei­ne ein­zi­ge Ab­schrift auf Per­ga­ment, die „Der Ver­gan­gen­heit ih­re Pri­vat­sphä­re rau­ben“ wei­ter­le­sen

Retrograde Dystopie

Selina Holešinsky entwickelt in ihrem Debüt „Schaltiere am Waldboden“ ein atemraubendes Pilot-Projekt

Va­ti er­klär­te mir das mit den Au­tos so, dass der Staat woll­te, dass die Men­schen ih­re Au­tos auf­ga­ben, weil je­mand, der noch grö­ßer war als der Staat, es so ver­lang­te. Da­her konn­te man auch dem Staat nicht die Schuld ge­ben. Je wei­ter man aber nach dem Schul­di­gen such­te, des­to hö­her hin­auf muss­te man, und ir­gend­wann lan­de­te man beim Wet­ter. Und dort liegt das ei­gent­li­che Pro­blem, weißt du, Ma­rill­chen? Al­so hat­te der Staat un­ser Dorf aus­ge­wählt, weil es al­lei­ne war, ein­sa­mer und ru­hi­ger als al­le an­de­ren Dör­fer zu­sam­men. So ru­hig so­gar, dass vor ei­ni­ger Zeit ei­ne Wel­le Stadt­men­schen die­ses Dorf auf­grund sei­ner Idyl­le ge­flu­tet hat­te. Das Wa­ren­haus der schö­nen Din­ge hat­te das Dorf nach fieb­ri­ger Su­che als Ku­lis­se für sei­nen Gar­ten­ka­ta­log aus­ge­wählt, wäh­rend al­le Dorf­men­schen und al­le Stadt­men­schen wo­chen­lang spe­ku­lier­ten, wel­ches Dorf ge­win­nen wür­de. Dör­fer wur­den auf Lis­ten ge­setzt, Bil­der ver­schickt, das Für und das Wi­der an saf­ti­gen Gras­hal­men her­bei­ge­zo­gen und ver­wor­fen. Den Dörf­lern ging es um ih­ren Stolz, den Städ­tern um den Traum von Idyl­le am Land, dem nur ein klei­ner Teil der Stadt­men­schen tat­säch­lich nach­ging. Die­ser klei­ne Teil aber be­völ­ker­te das aus­er­ko­re­ne Ge­win­ner­dorf in ei­ner Dich­te, wie es die Dorf­men­schen nicht er­war­tet hat­ten. Die Neu­en, sie ka­men mit ver­klär­ten Au­gen und träu­men­den Wor­ten. Sie ka­men mit Bil­dern, die sie über das brö­ckeln­de Ge­mäu­er, die tropf­nas­sen Dä­cher, die lee­ren Spei­se­kam­mern stülp­ten und die ein Glück mit­brach­ten, das den Hie­si­gen nicht an­ge­nehm war.“

Gibt es ei­gent­lich noch den Ma­nu­fac­tum-Ka­ta­log, die Welt der schö­nen, al­ten Din­ge, wo we­der Ther­mo­mix noch Saug­ro­bo­ter zu fin­den sind, son­dern But­ter­fäss­chen mit Hand­kur­bel und ähn­li­cher Re­tro­schick? Se­li­na Ho­lešin­sky macht in ih­rem De­büt „Schal­tie­re am Wald­bo­den“ ein Dorf zum Schau­platz ih­rer Dys­to­pie, des­sen na­tur­na­hes Idyll es zu­nächst zur Ku­lis­se für das „Wa­ren­haus der schö­nen Din­ge“ kürt und es dann zum Mo­dell für das Kli­ma­pro­jekt der Re­gie­rung macht. Sei­ne Be­woh­ner hat­ten Auf­la­gen zu er­fül­len, de­nen sie we­gen der gro­ßen Kri­se, höchst „Re­tro­gra­de Dys­to­pie“ wei­ter­le­sen

Dramarama

Céline Spierers Roman „Bevor es geschah“ erreicht den Verstrickungsgrad griechischer Tragödien

»Ich ha­be et­was mit an­ge­se­hen, was ich nicht hät­te se­hen sol­len«, sagt sie mit er­staun­lich ru­hi­ger Stim­me. On­kel John war­tet, und sein Schwei­gen er­mu­tigt sei­ne Nich­te wei­ter­zu­spre­chen. »Es be­trifft un­se­re Fa­mi­lie. Ich ha­be et­was ge­se­hen, das al­les zer­stö­ren könn­te, wenn ich es erzähle. «“

Das an Dra­men rei­che deut­sche De­büt von Cé­li­ne Spie­rer star­tet mit dem gro­ßen, ein Klein­kind wird in ei­nem Pool auf­ge­fun­den, sein Über­le­ben ist un­ge­wiss. Das Un­glück wird im fran­zö­sisch­spra­chi­gen Ori­gi­nal mit „Noya­de“ klar be­nannt. Die von Si­na de Mal­a­fo­s­se ins Deut­sche über­tra­ge­ne Aus­ga­be trägt den Ti­tel „Be­vor es ge­schah“, was zu­gleich für die Kon­struk­ti­on des Ro­mans steht.
Der Ein­stieg mit un­ge­wis­sem En­de bil­det den Aus­gangs­punkt für ei­nen Rück­blick auf den we­ni­ge Stun­den zu­vor be­gon­ne­nen som­mer­li­chen Brunch, zu dem sich die Fa­mi­lie Hay­nes je­des Jahr im Haus der Mut­ter ver­sam­melt. Ei­gent­lich ha­ben al­le kei­ne Lust da­zu, denn wie das so ist, wenn sich Ge­schwis­ter nebst An­hang im El­tern­haus zu­sam­men­fin­den, stö­ren Er­in­ne­run­gen und Er­war­tun­gen die er­hoff­te Harmonie.
So emp­fin­det es Eli­sa­beth, die Ma­tri­ar­chin, wie ih­re Kin­der sie ins­ge­heim nen­nen, eben­so ihr Sohn Win­s­ton und sei­ne „Dra­ma­ra­ma“ wei­ter­le­sen

Scrap

Calla Henkel legt mit „Ein letztes Geschenk“ einen Spannungsroman voll sarkastischer Gesellschaftskritik vor

»Ich ma­che kei­ne Kunst, son­dern Kunst­hand­werk.« Nao­mi leg­te den Kopf schräg. »Was ist der Un­ter­schied?« »Bei Letz­te­rem geht es um den Her­stel­lungs­pro­zess und den spä­te­ren Nut­zen, bei Ers­te­rem um den Markt­wert und ums Ego.« Ich hielt in­ne und sah mich im Re­stau­rant um. »Beim Kunst­hand­werk gibt es kein Ego – je­der kann es er­ler­nen und dar­in zum Meis­ter wer­den. Kunst be­ruht auf der Iso­lie­rung ei­nes Ge­nies, wo­hin­ge­gen Kunst­hand­werk … in­te­ger ist.« Nao­mi schob ih­re Un­ter­lip­pe vor. »Sie hal­ten das al­les hier al­so für Schwach­sinn?« Ich nickte.“

Der Plot von „Ein letz­tes Ge­schenk“, dem zwei­ten Ro­man der ame­ri­ka­ni­schen Au­torin Cal­la Hen­kel, soll nur knapp er­zählt wer­den, da er dem Gen­re der Span­nungs­li­te­ra­tur an­ge­hört. Es­ther, ei­ne be­gab­te Por­trät­künst­le­rin, die aus Frust am Be­trieb in den Wäl­dern North Ca­ro­li­nas hand­ge­bun­de­ne Bü­cher an­fer­tigt, er­hält von ei­ner New Yor­ke­rin Mil­li­ar­dä­rin den Auf­trag zur Her­stel­lung von Scrap­books. Aus den von Nao­mi über Jah­re ge­sam­mel­ten Fo­tos und Do­ku­men­ten sol­len Er­in­ne­rungs­al­ben ent­ste­hen, mit de­nen sie ih­ren Ehe­mann über­ra­schen möch­te. Zu­nächst lehnt Es­ther ab, doch die Um­stän­de zwin­gen sie, den lu­kra­ti­ven Job an­zu­neh­men. Als ih­re Auf­trag­ge­be­rin ver­schwin­det, „Scrap“ wei­ter­le­sen

Das Leiden der Sündenböcke

Zeruya Shalev erzählt mit Pathos und Wiederholungen vom „Schicksal“

So hat es das Schick­sal ge­wollt und es hat kei­nen an­de­ren Weg gegeben.“

Auch der ak­tu­el­le Ro­man der is­rae­li­schen Au­torin Ze­ru­ya Shalev be­han­delt die po­li­ti­schen wie re­li­giö­sen Ge­gen­sät­ze ih­res Hei­mat­lan­des. Sie schü­ren die Kon­flik­te zwi­schen Tra­di­ti­on und Mo­der­ne, Auf­klä­rung und or­tho­do­xem Glau­ben, Be­sat­zern und Be­setz­ten so­wie die Kluft zwi­schen Mann und Frau. Ist dies al­les un­ab­wend­ba­res „Schick­sal“, wie der Ti­tel des Ro­mans insinuiert?

Schick­sal­haft ver­bun­den schil­dert Shalev das Le­ben, man könn­te auch sa­gen das Lei­den, ih­rer Prot­ago­nis­tin­nen Ra­chel und Ata­ra, de­ren per­so­na­le Er­zähl­stim­men in al­ter­nie­ren­den Ka­pi­teln zu Wort kom­men. Da ist zum ei­nen die be­tag­te Ra­chel, de­ren Ge­schich­te in die An­fän­ge des mo­der­nen Is­ra­els führt. Sie er­zählt, was sie als jun­ge Frau bei den Lechi er­leb­te, ei­ner Un­ter­grund­be­we­gung, die mit ter­ro­ris­ti­schen Mit­teln ge­gen die „Das Lei­den der Sün­den­bö­cke“ wei­ter­le­sen

Humor gegen Hirnkatastrophe

Im fünften Teil seiner autobiographischen Romanfolge erzählt Joachim Meyerhoff „wie es ist, wenn die Selbstverständlichkeit der Existenz abhandenkommt“

Ich muss­te mich durch Er­in­nern wie­der­be­le­ben, mir selbst ei­ne Hirn­mas­sa­ge ver­pas­sen. Nimm ein­fach al­les, was auf­blitzt, for­der­te ich mich auf, und prä­zi­sie­re es! Was klei­nes Hei­te­res, da­mit dich die Zeit nicht totschlägt.“

Erst kürz­lich las ich, der Un­ter­schied zwi­schen deut­schem und ös­ter­rei­chi­schem Hu­mor sei, daß ein Deut­scher scha­den­froh über an­de­re la­che, ein Ös­ter­rei­cher aber am liebs­ten über sich selbst. Falls sich dies über­haupt so sa­gen lässt, wä­re Joa­chim Mey­er­hoff ein Ös­ter­rei­cher. Tat­säch­lich leb­te und ar­bei­te­te der deut­sche Au­tor und Schau­spie­ler zum Zeit­punkt der Ro­man­hand­lung be­reits et­li­che Jah­re in Wien und wech­sel­te erst da­nach vom Burg­thea­ter an die Schau­büh­ne in sei­ne neue Hei­mat Berlin.

Ein Jahr zu­vor, so be­rich­tet er im Vor­wort die­ses Me­moi­res, er­litt er ei­nen Schlag­an­fall. Mey­er­hoff ver­wen­det lie­ber das ös­ter­rei­chi­sche Di­mi­nu­tiv Schla­gerl, was den­noch nur un­zu­rei­chend sei­nen Schreck ver­deckt. Die ein­schnei­den­de exis­ten­ti­el­le Er­fah­rung, die er in „Hams­ter im hin­te­ren Strom­ge­biet“ ver­ar­bei­tet, geht ihm an die Nie­ren oder um me­di­zi­nisch kor­rekt zu blei­ben ins Hirn, ge­nau­er „Hu­mor ge­gen Hirn­ka­ta­stro­phe“ wei­ter­le­sen

Klimawandel der Gefühle

Wiederentdeckt: L. P. Hartleys EntwicklungsromanEin Sommer in Brandham-Hall

Mei­ne Vor­stel­lun­gen von Schick­lich­keit wa­ren va­ge und un­be­stimmt, wie all mei­ne Vor­stel­lun­gen des­sen, was mit Ge­schlecht­lich­keit zu tun hat­te. Aber sie wa­ren be­stimmt ge­nug, dass ich mich da­nach sehn­te, sie zu­sam­men mit mei­nen Sa­chen ab­zu­wer­fen und wie ein Baum oder ei­ne Blu­me zu sein, nackt, mit nichts mehr zwi­schen mir und der Natur.“

Ich war ver­liebt in die Hit­ze, ich emp­fand für sie das­sel­be wie ein Kon­ver­tit für sei­ne neue Religion.“

Nein, als An­ti­dot ge­gen die auf­zie­hen­de Glut­hit­ze emp­feh­le ich nichts, was auf ei­si­gen Hö­hen oder im tie­fen Win­ter spielt. Ge­mäß der ho­möo­pa­thi­schen Ma­xi­me, Glei­ches mit Glei­chen zu be­han­deln, ra­te ich zu „Ein Som­mer in Brand­ham Hall“. Der Ro­man von Les­lie Po­les Hart­ley er­schien im Jahr 1953 un­ter dem Ti­tel „The Go-Bet­ween“ und wur­de zum größ­ten Er­folg des be­kann­ten Li­te­ra­tur­kri­ti­kers und Schrift­stel­lers. In der Neu­über­set­zung von Wib­ke Kuhn liegt er nun im Ei­se­le Ver­lag vor und ist das Som­mer­buch schlecht­hin. Leicht, vol­ler Charme und stets stilvoll.

Hart­leys Ge­schich­te über den Som­mer des Jah­res 1900 im eng­li­schen Nor­folk wird be­son­ders Fans von Down­town Ab­bey ge­fal­len. Wie die be­kann­te Se­rie spielt auch er auf ei­nem weit­läu­fi­gen An­we­sen, un­ter des­sen Be­woh­nern, Be­diens­te­ten und der um­lie­gen­den Dorfbevölkerung.

In die­se so­zi­al streng sor­tier­ten Ver­hält­nis­se ge­rät der 12-jäh­ri­ge Leo Col­s­ton auf Ein­la­dung sei­nes Freun­des Mar­cus. Für Leo öff­net sich ei­ne neue, teil­wei­se be­droh­lich „Kli­ma­wan­del der Ge­füh­le“ wei­ter­le­sen

Auf der Suche nach dem Unerfüllbaren

André Aciman öffnet in „Fünf Lieben lang“ ein Kaleidoskop des Begehrens

Wir lie­ben nur ein­mal im Le­ben, hat­te mei­ne Va­ter ge­sagt, manch­mal zu spät, manch­mal zu früh; die an­de­ren Ma­le ist die Lie­be im­mer ein biss­chen herbeigezwungen.“

Der in den USA le­ben­de Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­ler An­dré Aci­man wur­de in Alex­an­dria ge­bo­ren. Dort fand sei­ne aus Ita­li­en stam­men­de Fa­mi­lie se­phar­di­scher Ju­den zu Be­ginn des letz­ten Jahr­hun­derts ein Exil bis sie Mit­te der sech­zi­ger Jah­re wie­der nach Ita­li­en zu­rück­kehr­te. We­nig spä­ter zog der mehr­spra­chig auf­ge­wach­se­ne An­dré in die Ver­ei­nig­ten Staa­ten, wo er Ro­ma­nis­tik und Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft stu­dier­te. Ei­nes sei­ner For­schungs­ge­bie­te ist die Fran­zö­si­sche Li­te­ra­tur, dar­un­ter die Me­moi­ren­li­te­ra­tur der Neu­zeit und, wie könn­te es an­ders sein, Proust.

Dies merkt man dem in der Über­set­zung von Chris­tia­ne Buch­ner und Mat­thi­as Teit­ing vor­lie­gen­dem Buch „Fünf Lie­ben lang“ an. Aus­ge­schrie­ben ist die Neu­erschei­nung als Ro­man, durch die Ich-Per­spek­ti­ve und durch das am Er­in­nern kon­stru­ier­te Er­zäh­len gleicht sie eher ei­nem Me­moir. Dar­aus soll na­tür­lich nicht ge­fol­gert wer­den, daß der Au­tor mit dem „Auf der Su­che nach dem Un­er­füll­ba­ren“ wei­ter­le­sen

Tod und Tränen in der Hängematte

Daniela Kriens Roman „Die Liebe im Ernstfall“ knüpft an die Frauenliteratur der Achtziger

Als Da­nie­la Kri­ens Ro­man „Die Lie­be im Ernst­fall“ in un­se­rem Li­te­ra­tur­kreis zum Vor­schlag kam, hat­te ich nichts da­ge­gen ein­zu­wen­den. Der Ti­tel er­in­ner­te mich zwar an ei­nen ZDF-Fern­seh­film, die Plat­zie­rung des Ro­mans auf der SWR-Bes­ten­lis­te sprach je­doch ge­gen mei­ne Ein­schät­zung. Lei­der ha­ben sich die po­si­ti­ven Er­war­tun­gen nicht ein­ge­löst. An­ders als vie­le Kri­ti­ker in über­schwäng­li­chen Re­zen­sio­nen be­to­nen, ver­spü­re ich kei­ne Be­geis­te­rung. Auch mei­ne Mit­strei­te­rin­nen im Li­te­ra­tur­kreis füh­len sich durch Kri­ens Ro­man an die Frau­en­li­te­ra­tur der Acht­zi­ger erinnert.

Da­mals leg­ten die Ver­la­ge ei­ge­ne Rei­hen zur Rol­le der Frau in der Ge­sell­schaft auf, so „Neue Frau“ bei rororo, und Buch­hand­lun­gen mach­ten gan­ze Re­gal­me­ter frei. Dort stand dann Be­zie­hungs-Eman­zi­pa­ti­ons-Selbst­fin­dungs­pro­sa, wie Ju­dith Jann­bergs pro­gram­ma­ti­scher Ti­tel „Ich bin ich“, an den mich „Die Lie­be im Ernst­fall“ nun gut vier­zig Jah­re spä­ter er­in­nert. Man soll­te mei­nen, daß sich in der Zwi­schen­zeit die Rol­le der Frau in der Ge­sell­schaft ge­wan­delt hat.

In un­se­rer Dis­kus­si­ons­run­de blie­ben lei­der aus­ge­rech­net bei die­sem „Tod und Trä­nen in der Hän­ge­mat­te“ wei­ter­le­sen

Deutsche Frauen sind ein Problem“

Georg M. Oswald schickt in der spannungs- wie klischeegeladenen Geschichte „Alle, die du liebst“ einen alternden Anwalt nach Afrika

Al­le, die du liebst“ lau­tet der Ti­tel des im ver­gan­ge­nen Jahr er­schie­ne­nen Ro­mans von Ge­org M. Os­wald. Doch an­ders als er ver­mu­ten lässt, han­delt es sich um ein aus­ge­spro­che­nes „Män­ner­buch“. Aus die­sem Grund hat Mann es für un­se­ren Li­te­ra­tur­kreis ge­wählt. Der Ver­ant­wort­li­che fand sein Ge­schlecht in un­se­ren letz­ten Lek­tü­ren nur un­zu­rei­chend ver­tre­ten, auch wenn ein Blick auf un­se­re Le­se­lis­te die­se Aus­sa­ge nur be­dingt zu­lässt. Wem al­so Lüschers oder Es­pe­dals Hel­den zu ab­ge­ho­ben er­schei­nen, den er­war­tet laut Klap­pen­text in die­sem Ro­man ei­ne „poin­tier­te Aus­ein­an­der­set­zung zwi­schen Va­ter und Sohn, die Ge­org M. Os­wald auf klu­ge und er­zäh­le­risch mit­rei­ßen­de Wei­se da­zu nutzt, wie durch ein Brenn­glas auf un­se­re west­eu­ro­päi­sche Be­find­lich­keit zu schau­en“.

Im Mit­tel­punkt der Ge­schich­te steht der al­tern­de An­walt Hart­mut Wil­ke. Er ha­dert mit sei­nem Le­ben, sei­nen Ir­run­gen und Wir­run­gen. Da­zu zäh­len die Schei­dung von sei­ner lang­jäh­ri­gen Ehe­frau, die er zu spät als sei­ne wah­re, gro­ße Lie­be er­kennt, die Ent­frem­dung von den in­zwi­schen er­wach­se­nen Kin­dern, sei­ne zu jun­ge Ge­lieb­te, de­ren An­sprü­chen er nicht zu ge­nü­gen fürch­tet, so­wie die Steu­er­af­fä­re sei­ner Kanzlei.

Am drin­gends­ten drückt ihn die Di­stanz zu sei­nem Sohn. Seit des­sen Kind­heit war das Ver­hält­nis schwie­rig, seit der Tren­nung steht Erik end­gül­tig auf der Sei­te sei­ner Mut­ter. Wil­ke pla­gen Schuld­ge­füh­le, was sich üb­ri­gens als per­ma­nen­te Ge­fühls­la­ge durch den Ro­man zieht. So er­greift er Deut­sche Frau­en sind ein Pro­blem““ wei­ter­le­sen