Das Leiden der Sündenböcke

Zeruya Shalev erzählt mit Pathos und Wiederholungen vom „Schicksal“

So hat es das Schicksal gewollt und es hat keinen anderen Weg gegeben.“

Auch der aktuelle Roman der israelischen Autorin Zeruya Shalev behandelt die politischen wie religiösen Gegensätze ihres Heimatlandes. Sie schüren die Konflikte zwischen Tradition und Moderne, Aufklärung und orthodoxem Glauben, Besatzern und Besetzten sowie die Kluft zwischen Mann und Frau. Ist dies alles unabwendbares „Schicksal“, wie der Titel des Romans insinuiert?

Schicksalhaft verbunden schildert Shalev das Leben, man könnte auch sagen das Leiden, ihrer Protagonistinnen Rachel und Atara, deren personale Erzählstimmen in alternierenden Kapiteln zu Wort kommen. Da ist zum einen die betagte Rachel, deren Geschichte in die Anfänge des modernen Israels führt. Sie erzählt, was sie als junge Frau bei den Lechi erlebte, einer Untergrundbewegung, die mit terroristischen Mitteln gegen die „Das Leiden der Sündenböcke“ weiterlesen

Humor gegen Hirnkatastrophe

Im fünften Teil seiner autobiographischen Romanfolge erzählt Joachim Meyerhoff „wie es ist, wenn die Selbstverständlichkeit der Existenz abhandenkommt“

Ich musste mich durch Erinnern wiederbeleben, mir selbst eine Hirnmassage verpassen. Nimm einfach alles, was aufblitzt, forderte ich mich auf, und präzisiere es! Was kleines Heiteres, damit dich die Zeit nicht totschlägt.“

Erst kürzlich las ich, der Unterschied zwischen deutschem und österreichischem Humor sei, daß ein Deutscher schadenfroh über andere lache, ein Österreicher aber am liebsten über sich selbst. Falls sich dies überhaupt so sagen lässt, wäre Joachim Meyerhoff ein Österreicher. Tatsächlich lebte und arbeitete der deutsche Autor und Schauspieler zum Zeitpunkt der Romanhandlung bereits etliche Jahre in Wien und wechselte erst danach vom Burgtheater an die Schaubühne in seine neue Heimat Berlin.

Ein Jahr zuvor, so berichtet er im Vorwort dieses Memoires, erlitt er einen Schlaganfall. Meyerhoff verwendet lieber das österreichische Diminutiv Schlagerl, was dennoch nur unzureichend seinen Schreck verdeckt. Die einschneidende existentielle Erfahrung, die er in „Hamster im hinteren Stromgebiet“ verarbeitet, geht ihm an die Nieren oder um medizinisch korrekt zu bleiben ins Hirn, genauer „Humor gegen Hirnkatastrophe“ weiterlesen

Klimawandel der Gefühle

Wiederentdeckt: L. P. Hartleys EntwicklungsromanEin Sommer in Brandham-Hall

Meine Vorstellungen von Schicklichkeit waren vage und unbestimmt, wie all meine Vorstellungen dessen, was mit Geschlechtlichkeit zu tun hatte. Aber sie waren bestimmt genug, dass ich mich danach sehnte, sie zusammen mit meinen Sachen abzuwerfen und wie ein Baum oder eine Blume zu sein, nackt, mit nichts mehr zwischen mir und der Natur.“

Ich war verliebt in die Hitze, ich empfand für sie dasselbe wie ein Konvertit für seine neue Religion.“

Nein, als Antidot gegen die aufziehende Gluthitze empfehle ich nichts, was auf eisigen Höhen oder im tiefen Winter spielt. Gemäß der homöopathischen Maxime, Gleiches mit Gleichen zu behandeln, rate ich zu „Ein Sommer in Brandham Hall“. Der Roman von Leslie Poles Hartley erschien im Jahr 1953 unter dem Titel „The Go-Between“ und wurde zum größten Erfolg des bekannten Literaturkritikers und Schriftstellers. In der Neuübersetzung von Wibke Kuhn liegt er nun im Eisele Verlag vor und ist das Sommerbuch schlechthin. Leicht, voller Charme und stets stilvoll.

Hartleys Geschichte über den Sommer des Jahres 1900 im englischen Norfolk wird besonders Fans von Downtown Abbey gefallen. Wie die bekannte Serie spielt auch er auf einem weitläufigen Anwesen, unter dessen Bewohnern, Bediensteten und der umliegenden Dorfbevölkerung.

In diese sozial streng sortierten Verhältnisse gerät der 12-jährige Leo Colston auf Einladung seines Freundes Marcus. Für Leo öffnet sich eine neue, teilweise bedrohlich „Klimawandel der Gefühle“ weiterlesen

Auf der Suche nach dem Unerfüllbaren

André Aciman öffnet in „Fünf Lieben lang“ ein Kaleidoskop des Begehrens

Wir lieben nur einmal im Leben, hatte meine Vater gesagt, manchmal zu spät, manchmal zu früh; die anderen Male ist die Liebe immer ein bisschen herbeigezwungen.“

Der in den USA lebende Literaturwissenschaftler André Aciman wurde in Alexandria geboren. Dort fand seine aus Italien stammende Familie sephardischer Juden zu Beginn des letzten Jahrhunderts ein Exil bis sie Mitte der sechziger Jahre wieder nach Italien zurückkehrte. Wenig später zog der mehrsprachig aufgewachsene André in die Vereinigten Staaten, wo er Romanistik und Literaturwissenschaft studierte. Eines seiner Forschungsgebiete ist die Französische Literatur, darunter die Memoirenliteratur der Neuzeit und, wie könnte es anders sein, Proust.

Dies merkt man dem in der Übersetzung von Christiane Buchner und Matthias Teiting vorliegendem Buch „Fünf Lieben lang“ an. Ausgeschrieben ist die Neuerscheinung als Roman, durch die Ich-Perspektive und durch das am Erinnern konstruierte Erzählen gleicht sie eher einem Memoir. Daraus soll natürlich nicht gefolgert werden, daß der Autor mit dem „Auf der Suche nach dem Unerfüllbaren“ weiterlesen

Tod und Tränen in der Hängematte

Daniela Kriens Roman „Die Liebe im Ernstfall“ knüpft an die Frauenliteratur der Achtziger

Als Daniela Kriens Roman „Die Liebe im Ernstfall“ in unserem Literaturkreis zum Vorschlag kam, hatte ich nichts dagegen einzuwenden. Der Titel erinnerte mich zwar an einen ZDF-Fernsehfilm, die Platzierung des Romans auf der SWR-Bestenliste sprach jedoch gegen meine Einschätzung. Leider haben sich die positiven Erwartungen nicht eingelöst. Anders als viele Kritiker in überschwänglichen Rezensionen betonen, verspüre ich keine Begeisterung. Auch meine Mitstreiterinnen im Literaturkreis fühlen sich durch Kriens Roman an die Frauenliteratur der Achtziger erinnert.

Damals legten die Verlage eigene Reihen zur Rolle der Frau in der Gesellschaft auf, so „Neue Frau“ bei rororo, und Buchhandlungen machten ganze Regalmeter frei. Dort stand dann Beziehungs-Emanzipations-Selbstfindungsprosa, wie Judith Jannbergs programmatischer Titel„Ich bin ich“, an den mich „Die Liebe im Ernstfall“ nun gut vierzig Jahre später erinnert. Man sollte meinen, daß sich in der Zwischenzeit die Rolle der Frau in der Gesellschaft gewandelt hat.

In unserer Diskussionsrunde blieben leider ausgerechnet bei diesem „Tod und Tränen in der Hängematte“ weiterlesen

Deutsche Frauen sind ein Problem“

Georg M. Oswald schickt in der spannungs- wie klischeegeladenen Geschichte „Alle, die du liebst“ einen alternden Anwalt nach Afrika

Alle, die du liebst“ lautet der Titel des im vergangenen Jahr erschienenen Romans von Georg M. Oswald. Doch anders als er vermuten lässt, handelt es sich um ein ausgesprochenes „Männerbuch“. Aus diesem Grund hat Mann es für unseren Literaturkreis gewählt. Der Verantwortliche fand sein Geschlecht in unseren letzten Lektüren nur unzureichend vertreten, auch wenn ein Blick auf unsere Leseliste diese Aussage nur bedingt zulässt. Wem also Lüschers oder Espedals Helden zu abgehoben erscheinen, den erwartet laut Klappentext in diesem Roman eine „pointierte Auseinandersetzung zwischen Vater und Sohn, die Georg M. Oswald auf kluge und erzählerisch mitreißende Weise dazu nutzt, wie durch ein Brennglas auf unsere westeuropäische Befindlichkeit zu schauen“.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht der alternde Anwalt Hartmut Wilke. Er hadert mit seinem Leben, seinen Irrungen und Wirrungen. Dazu zählen die Scheidung von seiner langjährigen Ehefrau, die er zu spät als seine wahre, große Liebe erkennt, die Entfremdung von den inzwischen erwachsenen Kindern, seine zu junge Geliebte, deren Ansprüchen er nicht zu genügen fürchtet, sowie die Steueraffäre seiner Kanzlei.

Am dringendsten drückt ihn die Distanz zu seinem Sohn. Seit dessen Kindheit war das Verhältnis schwierig, seit der Trennung steht Erik endgültig auf der Seite seiner Mutter. Wilke plagen Schuldgefühle, was sich übrigens als permanente Gefühlslage durch den Roman zieht. So ergreift er Deutsche Frauen sind ein Problem““ weiterlesen

Über Zufall und Singularität

Jonas Lüscher lässt seinen Antihelden „Kraft“ sarkastisch scharf über das Leben schwafeln

In dieser Nacht schrieb er eine lange Mail, in der er Ivan seine Zusage übermittelte und ihn bat, für vierzehn Tage sein Gast sein zu dürfen, bevor er sich, Rücken an Rücken, neben seine bereits schlafende Frau legte, selbst aber lange keinen Schlaf fand und sich, jede Viertelstunde die Glockenschläge der Stiftskirche zählend, langsam in eine Wut hineinsteigerte; eine Wut, gespeist aus Heikes regelmäßigem Atmen, das ihm unangemessen friedlich vorkam, und dem Gefühl des Versagens angesichts der Tatsache, dass der Ausweg aus der Sackgasse, in die er sein Leben hineinmanövriert hatte, sich nicht, wie er immer angenommen hatte, im scharfen Nachdenken über die Welt – als solches bezeichnete er gerne Dritten gegenüber seine Profession, die er sich zugleich als Lebensform verordnet hatte -, sondern, wie es nun ganz offen zutage trat, doch einfach im Monetären fand, auch wenn, aber das schien ihm eher eine zusätzliche Kränkung, das erlösende Geld mit ebenjenem scharfen Nachdenken über die Welt erst einmal gewonnen werde musste.“

Lange, ausfransende Satzperioden sind ein Stilmerkmal von Jonas Lüschers Roman „Kraft“ und dessen gleichnamigen Protagonisten. Kein Wunder, ist dieser Richard Kraft doch Rhetorikprofessor der Universität Tübingen, ergo ein Meister der Rede. Derart ausgestattet verspricht er „Über Zufall und Singularität“ weiterlesen

Amerika und Europa — Eitelkeit und Leidenschaft

Das Tagebuch eines Mannes von fünfzig Jahren“ — fünf Erzählungen von Henry James

Auf jeden Fall war sie für mich das fesselndste; es ist nicht meine Schuld, wenn ich nun einmal so veranlagt bin, dass ich an Situationen, die zweifelhaft sind und der Interpretation bedürfen, vielfach mehr Leben ausmachen kann als am offenkundigen Geklapper im Vordergrund. Und es steckten alle möglichen Dinge, anrührende, amüsante, rätselhafte Dinge – und vor allem eine solche Gelegenheit, wie sie sich mir zuvor noch nie geboten hatte – in diesem lustigen kleinen Schicksal (…).“

Warum man gute Literatur — und dazu zählen zweifellos die Werke Henry James’ — lesen sollte, zeigt dieses Zitat des Autors, dessen hundertster Todestag im vergangenen Jahr viele Verlage mit Neuausgaben ehrten. So hatte ich mit Daisy Miller und Eine Dame von Welt zum ersten Mal das Vergnügen, diesem Autor zu begegnen. Vor allem seine ironischen, schnellen Dialoge garantieren eine kurzweilige Lektüre. Sein Hauptthema, die kulturellen Differenzen zwischen den USA und Europa, scheint heute aktueller denn je. Die Ansichten des neunjährigen, neureichen Amerikaners über europäische Verhältnisse würde POTUS45 sicher goutieren.

Der 1843 geborene Amerikaner Henry James war ein ausgezeichneter Europa-Experte. Seit seiner Jugend bereiste er den Kontinent, auf dem er bald seine Wahlheimat fand. Die gegenseitigen „Amerika und Europa — Eitelkeit und Leidenschaft“ weiterlesen

Glücks-Reigen

In „Glücklich die Glücklichen“ schreibt Yasmina Reza von der Veranlagung zum Glück

Reza_24482_MR.inddGlücklich die Geliebten und die Liebenden und die auf die Liebe verzichten können. Glücklich die Glücklichen.“ (Jorge Luis Borges)

Was ist Glück? Was macht einen glücklichen Menschen aus? Was unterscheidet ihn von anderen?

Antworten gibt die bekannte Dramatikerin, Yasmina Reza, die mit ihrem Theaterstück „KUNST“ und dem von Polanski verfilmten „Der Gott des Gemetzels“ auch einem breiten Publikum bekannt wurde, in ihrem kürzlich erschienenen Roman „Glücklich die Glücklichen“. Ihm stellt sie einen Satz von Borges voran, der die Vielgestaltigkeit des Phänomens Glück andeutet.

Mit Witz und mit viel Melancholie präsentiert sie in starken Dialogen ihr Personal und dessen Hang zur Eskalation. Beziehungen stehen im Vordergrund, die zwischen Paaren, zwischen Eltern und Kindern, Freunden oder Bekannten. Doch ein Roman ist diese „Glücks-Reigen“ weiterlesen