Über Zufall und Singularität

Jonas Lüscher lässt seinen Antihelden „Kraft“ sarkastisch scharf über das Leben schwafeln

In die­ser Nacht schrieb er ei­ne lan­ge Mail, in der er Ivan sei­ne Zu­sa­ge über­mit­tel­te und ihn bat, für vier­zehn Ta­ge sein Gast sein zu dür­fen, be­vor er sich, Rü­cken an Rü­cken, ne­ben sei­ne be­reits schla­fen­de Frau leg­te, selbst aber lan­ge kei­nen Schlaf fand und sich, je­de Vier­tel­stun­de die Glo­cken­schlä­ge der Stifts­kir­che zäh­lend, lang­sam in ei­ne Wut hin­ein­stei­ger­te; ei­ne Wut, ge­speist aus Hei­kes re­gel­mä­ßi­gem At­men, das ihm un­an­ge­mes­sen fried­lich vor­kam, und dem Ge­fühl des Ver­sa­gens an­ge­sichts der Tat­sa­che, dass der Aus­weg aus der Sack­gas­se, in die er sein Le­ben hin­ein­ma­nö­vriert hat­te, sich nicht, wie er im­mer an­ge­nom­men hat­te, im schar­fen Nach­den­ken über die Welt – als sol­ches be­zeich­ne­te er ger­ne Drit­ten ge­gen­über sei­ne Pro­fes­si­on, die er sich zu­gleich als Le­bens­form ver­ord­net hat­te -, son­dern, wie es nun ganz of­fen zu­ta­ge trat, doch ein­fach im Mo­ne­tä­ren fand, auch wenn, aber das schien ihm eher ei­ne zu­sätz­li­che Krän­kung, das er­lö­sen­de Geld mit eben­je­nem schar­fen Nach­den­ken über die Welt erst ein­mal ge­won­nen wer­de musste.“

Lan­ge, aus­fran­sen­de Satz­pe­ri­oden sind ein Stil­merk­mal von Jo­nas Lüschers Ro­man „Kraft“ und des­sen gleich­na­mi­gen Prot­ago­nis­ten. Kein Wun­der, ist die­ser Ri­chard Kraft doch Rhe­to­rik­pro­fes­sor der Uni­ver­si­tät Tü­bin­gen, er­go ein Meis­ter der Re­de. Der­art aus­ge­stat­tet ver­spricht er „Über Zu­fall und Sin­gu­la­ri­tät“ wei­ter­le­sen

Amerika und Europa — Eitelkeit und Leidenschaft

Das Tagebuch eines Mannes von fünfzig Jahren“ — fünf Erzählungen von Henry James

Auf je­den Fall war sie für mich das fes­selnds­te; es ist nicht mei­ne Schuld, wenn ich nun ein­mal so ver­an­lagt bin, dass ich an Si­tua­tio­nen, die zwei­fel­haft sind und der In­ter­pre­ta­ti­on be­dür­fen, viel­fach mehr Le­ben aus­ma­chen kann als am of­fen­kun­di­gen Ge­klap­per im Vor­der­grund. Und es steck­ten al­le mög­li­chen Din­ge, an­rüh­ren­de, amü­san­te, rät­sel­haf­te Din­ge – und vor al­lem ei­ne sol­che Ge­le­gen­heit, wie sie sich mir zu­vor noch nie ge­bo­ten hat­te – in die­sem lus­ti­gen klei­nen Schicksal (…).“

War­um man gu­te Li­te­ra­tur — und da­zu zäh­len zwei­fel­los die Wer­ke Hen­ry Ja­mes’ — le­sen soll­te, zeigt die­ses Zi­tat des Au­tors, des­sen hun­derts­ter To­des­tag im ver­gan­ge­nen Jahr vie­le Ver­la­ge mit Neu­aus­ga­ben ehr­ten. So hat­te ich mit Dai­sy Mil­ler und Ei­ne Da­me von Welt zum ers­ten Mal das Ver­gnü­gen, die­sem Au­tor zu be­geg­nen. Vor al­lem sei­ne iro­ni­schen, schnel­len Dia­lo­ge ga­ran­tie­ren ei­ne kurz­wei­li­ge Lek­tü­re. Sein Haupt­the­ma, die kul­tu­rel­len Dif­fe­ren­zen zwi­schen den USA und Eu­ro­pa, scheint heu­te ak­tu­el­ler denn je. Die An­sich­ten des neun­jäh­ri­gen, neu­rei­chen Ame­ri­ka­ners über eu­ro­päi­sche Ver­hält­nis­se wür­de POTUS45 si­cher goutieren.

Der 1843 ge­bo­re­ne Ame­ri­ka­ner Hen­ry Ja­mes war ein aus­ge­zeich­ne­ter Eu­ro­pa-Ex­per­te. Seit sei­ner Ju­gend be­reis­te er den Kon­ti­nent, auf dem er bald sei­ne Wahl­hei­mat fand. Die ge­gen­sei­ti­gen „Ame­ri­ka und Eu­ro­pa — Ei­tel­keit und Lei­den­schaft“ wei­ter­le­sen

Glücks-Reigen

In „Glücklich die Glücklichen“ schreibt Yasmina Reza von der Veranlagung zum Glück

Reza_24482_MR.inddGlück­lich die Ge­lieb­ten und die Lie­ben­den und die auf die Lie­be ver­zich­ten kön­nen. Glück­lich die Glück­li­chen.“ (Jor­ge Lu­is Borges)

Was ist Glück? Was macht ei­nen glück­li­chen Men­schen aus? Was un­ter­schei­det ihn von anderen?

Ant­wor­ten gibt die be­kann­te Dra­ma­ti­ke­rin, Yas­mi­na Re­za, die mit ih­rem Thea­ter­stück „KUNST“ und dem von Pol­an­ski ver­film­ten „Der Gott des Ge­met­zels“ auch ei­nem brei­ten Pu­bli­kum be­kannt wur­de, in ih­rem kürz­lich er­schie­ne­nen Ro­man „Glück­lich die Glück­li­chen“. Ihm stellt sie ei­nen Satz von Bor­ges vor­an, der die Viel­ge­stal­tig­keit des Phä­no­mens Glück andeutet.

Mit Witz und mit viel Me­lan­cho­lie prä­sen­tiert sie in star­ken Dia­lo­gen ihr Per­so­nal und des­sen Hang zur Es­ka­la­ti­on. Be­zie­hun­gen ste­hen im Vor­der­grund, die zwi­schen Paa­ren, zwi­schen El­tern und Kin­dern, Freun­den oder Be­kann­ten. Doch ein Ro­man ist die­se „Glücks-Rei­gen“ wei­ter­le­sen