Herumstreunen, Zeitverplempern und Rumgaffen

Wilhelm Genazino zelebriert in seinem neuen Roman „Kein Geld, keine Uhr, keine Mütze“ die Lebenskunst der Ratlosigkeit

Es ist viel sinn­vol­ler (…), so oft wie mög­lich we­nigs­tens bei­sei­te zu schau­en, dort­hin, wo die an­de­ren nicht hin­schau­en.“

Die Wer­ke des 1943 ge­bo­re­nen Schrift­stel­lers Wil­helm Ge­n­azi­no be­schäf­ti­gen mich schon seit lan­gem. Es be­gann mit Ein Re­gen­schirm für die­sen Tag, das durch die Dis­kus­si­on im Li­te­ra­ri­schen Quar­tett Auf­merk­sam­keit er­lang­te. Seit­dem folg­ten et­li­che Ro­ma­ne, von de­nen man­che Kri­ti­ker be­haup­ten, sie er­zähl­ten im­mer das Glei­che. Doch auch wenn in al­len ein „nicht mehr ganz jun­ger Jung­ge­sel­le“ sei­ne Un­zu­frie­den­heit mit dem Le­ben durch per­ma­nen­te Selbst- und Fremd­be­ob­ach­tung zu ver­drän­gen sucht, gibt es fei­ne Un­ter­schie­de, die sich zu ent­de­cken loh­nen.

Der Fla­neur des neu­en Ro­mans Kein Geld, kei­ne Uhr, kei­ne Müt­ze fühlt sich mit 60 Jah­ren „fast alt“, sein Blick hin­ge­gen „schien jung ge­blie­ben“. Die­ser fällt auf die Tie­re der Stadt, die wie er durch die Stra­ßen streu­nen. An­ders als die­se be­sitzt er je­doch we­der Ziel noch Plan. Er strebt nichts an, son­dern flieht vor sei­ner ei­ge­nen Ge­dan­ken­qual. „Ich lö­se vie­le mei­ner Pro­ble­me und Stim­mun­gen durch Um­her­ge­hen.“ Die­ser fast the­ra­peu­ti­sche An­satz fin­det sich „Her­um­streu­nen, Zeit­ver­plem­pern und Rum­gaf­fen“ wei­ter­le­sen

Über Zufall und Singularität

Jonas Lüscher lässt seinen Antihelden „Kraft“ sarkastisch scharf über das Leben schwafeln

In die­ser Nacht schrieb er ei­ne lan­ge Mail, in der er Ivan sei­ne Zu­sa­ge über­mit­tel­te und ihn bat, für vier­zehn Ta­ge sein Gast sein zu dür­fen, be­vor er sich, Rü­cken an Rü­cken, ne­ben sei­ne be­reits schla­fen­de Frau leg­te, selbst aber lan­ge kei­nen Schlaf fand und sich, je­de Vier­tel­stun­de die Glo­cken­schlä­ge der Stifts­kir­che zäh­lend, lang­sam in ei­ne Wut hin­ein­stei­ger­te; ei­ne Wut, ge­speist aus Hei­kes re­gel­mä­ßi­gem At­men, das ihm un­an­ge­mes­sen fried­lich vor­kam, und dem Ge­fühl des Ver­sa­gens an­ge­sichts der Tat­sa­che, dass der Aus­weg aus der Sack­gas­se, in die er sein Le­ben hin­ein­ma­nö­vriert hat­te, sich nicht, wie er im­mer an­ge­nom­men hat­te, im schar­fen Nach­den­ken über die Welt – als sol­ches be­zeich­ne­te er ger­ne Drit­ten ge­gen­über sei­ne Pro­fes­si­on, die er sich zu­gleich als Le­bens­form ver­ord­net hat­te -, son­dern, wie es nun ganz of­fen zu­ta­ge trat, doch ein­fach im Mo­ne­tä­ren fand, auch wenn, aber das schien ihm eher ei­ne zu­sätz­li­che Krän­kung, das er­lö­sen­de Geld mit eben­je­nem schar­fen Nach­den­ken über die Welt erst ein­mal ge­won­nen wer­de muss­te.“

Lan­ge, aus­fran­sen­de Satz­pe­ri­oden sind ein Stil­merk­mal von Jo­nas Lüschers Ro­man „Kraft“ und des­sen gleich­na­mi­gen Prot­ago­nis­ten. Kein Wun­der, ist die­ser Ri­chard Kraft doch Rhe­to­rik­pro­fes­sor der Uni­ver­si­tät Tü­bin­gen, er­go ein Meis­ter der Re­de. Der­art aus­ge­stat­tet ver­spricht er „Über Zu­fall und Sin­gu­la­ri­tät“ wei­ter­le­sen

Verlangen nach Bedeutsamkeit

Außer uns spricht niemand über uns“ erkennen die Helden in Wilhelm Genazinos Roman

Genazino_25273_MR1.inddViel­leicht gab es die Krü­cken nur des­we­gen, weil die Men­schen zwi­schen­durch an ih­rem Be­wusst­sein lit­ten, dass ih­nen ge­hol­fen wer­den muss­te. All­ge­mei­ne Man­gel­ge­füh­le wa­ren auch mir seit der Kind­heit ver­traut. Seit et­wa vier­zehn Ta­gen litt ich wie­der an ei­nem Drang. Von dem ich nicht wuss­te, ob er mich ir­gend­wann ins Un­glück stür­zen wür­de: Ich woll­te end­lich ein be­deut­sa­mes Le­ben füh­ren. Ich ahn­te, dass die mensch­li­che Be­deut­sam­keit in zahl­lo­sen Ein­zel­hei­ten des wirk­li­chen Le­bens auf­be­wahrt war und dass es an den Men­schen lag, die­se Be­deut­sam­keit in ihr Le­ben ein­zu­bau­en; aber wie? Zu­wei­len hat­te ich den Ein­druck, das Ver­lan­gen nach Be­deut­sam­keit sei ein ver­hüll­tes Heim­weh.“

Das Le­ben des Ein­zel­nen ist kaum spür­bar im Ge­trie­be der Welt, das mit oder oh­ne ihn wei­ter­läuft. Die Sinn­su­che bleibt Sa­che des Sub­jekts. Man­cher Le­bens­plan er­weist sich als Il­lu­si­on und droht sei­nen Prot­ago­nis­ten der Be­deu­tungs­lo­sig­keit aus­zu­set­zen. Dies ist kurz ge­fasst das Leid des Ich-Er­zäh­lers in Wil­helm Ge­n­azi­nos neu­em Ro­man mit dem prä­gnan­ten Ti­tel „Au­ßer uns spricht nie­mand über uns“. Be­drückt von sei­ner Be­lang­lo­sig­keit wird der Haupt­fi­gur be­wusst „mein Le­ben ver­lief nicht so, wie ich es mir ein­mal vor­ge­stellt hat­te“.

Als ty­pi­scher Ge­n­azi­no-Held lässt er sei­nen Ent­wurf da­von schwim­men und er­gibt sich in sei­ne Ge­wor­fen­heit. Be­ob­ach­tend nimmt er das all­täg­lich Ba­na­le hin, nicht „Ver­lan­gen nach Be­deut­sam­keit“ wei­ter­le­sen

Der Teufel als Whistleblower

In „Die Unglückseligen“ stellt Thea Dorn die Frage nach der Machbarkeit des Möglichen

9783813505986_CoverWie sagt man hier­zu­lan­de? It ta­kes one to know one. Of­fen­sicht­lich hat­te sich der Ver­rück­te da drau­ßen für sein Wahn-Ich treff­si­cher ei­nen der ver­rück­tes­ten Phy­si­ker her­aus­ge­sucht, der sich in der deut­schen Ge­schich­te fin­den ließ.

Wäh­rend sie sich selbst noch la­chen hör­te, durch­fuhr es Jo­han­na wie ein Stich. Wie kam sie da­zu, auf ei­nen Wis­sen­schaft­ler, der küh­ne Ge­dan­ken wag­te, eben­so bor­niert und selbst­ge­fäl­lig zu re­agie­ren, wie es das Pack der – wie hat­te er sie ge­nannt?-, das Pack der Phi­lis­ter tat? Litt sie selbst nicht im­mer noch un­ter je­nem Brief, mit dem die deut­sche Ethik­kom­mis­si­on vor we­ni­gen Wo­chen ihr wis­sen­schaft­li­ches Pro­jekt, ihr Le­bens­pro­jekt, ab­ge­kan­zelt hat­te? Die we­ni­gen – in ih­rer Knapp­heit dop­pelt ver­let­zen­den – Sät­ze hat­ten sich ihr so tief ins Ge­dächt­nis ein­ge­prägt, dass sie den un­säg­li­chen Schrieb gar nicht mehr brauch­te, um ihn Wort für Wort vor sich zu se­hen: „ (…) Ihr Pro­jekt, die phy­sio­lo­gi­sche Re­ge­ne­ra­ti­on weit über das gat­tungs­spe­zi­fi­sche Maß hin­aus zu ak­ti­vie­ren und gleich­zei­tig die Zell­se­nes­zenz zu re­tar­die­ren bzw. voll­stän­dig zu un­ter­bin­den, stellt kein ethisch ver­tret­ba­res For­schungs­ziel dar. Al­tern ge­hört zu den Grund­ge­ge­ben­hei­ten mensch­li­cher Exis­tenz und ist in die­sem Sin­ne nicht als Krank­heit zu be­trach­ten…“

Die­ses Buch ist vie­les zu­gleich, ein Faust­stoff in sei­ner Su­che nach Un­sterb­lich­keit und ei­ne Zeit­rei­se, die ei­nen Wis­sen­schaft­ler des 17. Jahr­hun­derts ins Hier und Heu­te ver­setzt, ein His­to­ri­scher Ro­man, der mit Er­in­ne­run­gen und Schrift­quel­len in die Ver­gan­gen­heit führt, und ein „Der Teu­fel als Whist­leb­lower“ wei­ter­le­sen

Nach dem Tod nun die Liebe

Die Liebenden von Mantua“ — Ralph Dutlis wort- und wissensreiche Weberei über die Liebe

dutli mantuaViel­leicht war es ein re­li­giö­ses Mär­chen, viel­leicht –ein jung­stein­zeit­li­cher Opern­stoff. Du hauchst auf das Glas, mei­net­we­gen auf das glä­ser­ne Ge­bil­de des Ro­mans, die­sen schmuck­lo­sen Schau­kas­ten, die­ses Kris­tall­haus oder ca­sa di cris­tal­lo, um dei­ne flüch­ti­ge Spur zu hin­ter­las­sen. Es ist zer­brech­lich, es ist durch­sich­tig. Al­les ist ein­ma­lig, al­les ist zwei­ma­lig mei­net­we­gen durch die Schrift.“

Mär­chen­haft wie die Wen­dun­gen ist bis­wei­len der Ton in Ralph Dut­lis Ro­man „Die Lie­ben­den von Man­tua“. Der Ti­tel klingt nach Oper, de­ren Zu­ta­ten Lie­be, Tod und Glau­ben fol­ge­rich­tig in Ita­li­en in­sze­niert wer­den. Dort, in der Re­nais­sance­stadt Man­tua, er­weckt Dut­li Ar­te­fak­te und Re­lik­te zu Prot­ago­nis­ten sei­ner Phan­ta­sie.

Al­len vor­an ein neo­li­thi­scher Grab­fund, das Ske­lett ei­ner Frau und das ei­nes Man­nes. Als die Ar­chäo­lo­gen sie im Jahr 2007 in Val­daro frei­le­gen, ver­brei­tet die Sen­sa­ti­on das Paar un­ter dem Na­men „Die Lie­ben­den von Man­tua“. Sie er­reicht auch Ma­nu, den Schrift­stel­ler, der im Mai 2013 auf der Su­che nach ei­nem neu­en „Nach dem Tod nun die Lie­be“ wei­ter­le­sen

Auf eine Zigarre mit Schlemihl

In seinem neuen Roman Pfaueninsel hinterfragt Thomas Hettche die Exotik des Anderen

pfaueninselIch wer­de mir mei­ne Sie­ben­mei­len­stie­fel un­ter­schnal­len und nach Grie­chen­land rei­sen. Tun Sie mir den Ge­fal­len und rau­chen in mei­ner Ab­we­sen­heit kei­nen tür­ki­schen Ta­bak?“
„Am liebs­ten“, sag­te sie, „kä­me ich mit.“
„Aber Ma­de­moi­sel­le!“ pro­tes­tier­te Schle­mi­hl lä­chelnd, „Ihr Platz ist doch hier.“
„Und wes­halb?“ ent­geg­ne­te sie. „Weil ich ein Mons­ter bin? Ein­ge­sperrt auf die­ser In­sel für mein gan­zes Le­ben?“
„Ein Mons­ter?“ Schle­mi­hl sah sie ent­setzt an. „Wer sagt das?“
Ma­rie schüt­tel­te den Kopf. Es war ihr pein­lich, das Wort aus­ge­spro­chen zu ha­ben. Daß Schle­mi­hl sie nun schon wie­der ver­ließ, in die Welt hin­aus­zog, die sie nie­mals se­hen wür­de, hat­te sie auf­ge­wühlt.

Was de­fi­niert den His­to­ri­schen Ro­man? Daß sei­ne Hand­lung in der Ver­gan­gen­heit spielt, fer­ne Or­te und Er­eig­nis­se in un­se­rer Phan­ta­sie er­neut zum Le­ben er­weckt? Da­mit es die­ser nicht zu fad wird, set­zen die tri­via­len Ver­tre­ter die­ses Gen­res ger­ne auf Sex&Crime. Mord und Tot­schlag meist als Fol­gen krie­ge­ri­scher Aus­ein­an­der­set­zung zäh­len zum Tag­werk, schwie­ri­ge Ge­bur­ten wie schlim­me Schick­sa­le für Mut­ter und Kind ge­hen auf das Kon­to bar­ba­ri­scher Zu­stän­de. Der­ar­ti­ges webt auch Tho­mas Hett­che in sein ak­tu­el­les Werk Pfau­en­in­sel, al­ler­dings er­füllt er nicht nur li­te­ra­risch hö­he­re An­sprü­che. „Auf ei­ne Zi­gar­re mit Schle­mi­hl“ wei­ter­le­sen

Mangelmann auf Schlingerkurs

In seinem neuen Roman „Bei Regen im Saal“ überwindet Genazino die Zumutungen des Alltags

Genazino_978-3-446-24596-9_MR1.inddVon Be­ruf war ich Re­zep­tio­nist, ge­le­gent­lich Bar­mi­xer, aber in letz­ter Zeit ar­bei­te­te ich über­wie­gend als Über­win­der. Ich half Men­schen, ih­re zu­wei­len auf­dring­li­chen oder dümm­li­chen Er­leb­nis­se schnel­ler als ge­wohnt zu ver­ges­sen. Ich ging mit den Leu­ten spa­zie­ren, wir be­such­ten Floh­märk­te, wir schau­ten uns Kunst­aus­stel­lun­gen an und re­de­ten über sie. Ich gab den Men­schen Tipps für Er­leb­nis­se, die ih­nen al­lein ge­hör­ten. (…) Das meis­te, was Men­schen heu­te zu­stieß, er­leb­ten sie als Teil ei­ner rie­si­gen Mas­se; des­we­gen konn­te man al­len­falls von Kon­fek­ti­ons­er­leb­nis­sen spre­chen.“

Der Ich-Er­zäh­ler, des­sen Vor­na­men Rein­hard der Le­ser erst ge­gen En­de er­fährt, ist nicht der ein­zi­ge Mann im neu­en Ro­man Bei Re­gen im Saal von Wil­helm Ge­n­azi­no. Zwei wei­te­re männ­li­che Ne­ben­fi­gu­ren, oder bes­ser Ne­ben­buh­ler, be­ein­flus­sen das Schick­sal des Mit­te Vier­zig­jäh­ri­gen, der oft­mals schon viel äl­ter wirkt.

Rein­hard lebt in ei­ner Zwei­er-Be­zie­hung mit Son­ja ei­ner Fi­nanz­be­am­tin im ge­ho­be­nen Dienst. Trotz ge­trenn­ter Woh­nun­gen be­fin­det sich ihr Ver­hält­nis in ei­nem „Man­gel­mann auf Schlin­ger­kurs“ wei­ter­le­sen

Der Mythos vom Gaúcho

In Flut kämpft Daniel Galeras Held gegen Angst und Aberglauben

Ich weiß nur, dass wir uns nicht frei ent­schei­den kön­nen, aber trotz­dem so le­ben müs­sen als könn­ten wir es.“ S. 420

Be­stimmt das Schick­sal un­ser Le­ben oder hängt sein Ver­lauf von der ei­ge­nen Kraft und Mo­ti­va­ti­on ab? Die­se Fra­gen stellt Flut, der neue Ro­man des Bra­si­lia­ners Da­ni­el Ga­le­ra. Der in sei­ner Hei­mat an­ge­se­he­ne Au­tor hat be­reits meh­re­re Wer­ke ver­öf­fent­licht, pas­send zum Buch­mes­se-Auf­tritt Bra­si­li­ens wur­de Flut als sein ers­ter Ti­tel ins Deut­sche über­tra­gen.

Der na­men­lo­se Held der Ge­schich­te ist um die Drei­ßig, Tri­ath­let und er­fah­re­ner Trai­ner. Er be­rei­tet sich und an­de­re dar­auf vor, die schwa­chen Mo­men­te zu durch­ste­hen und aus ei­nem Down wie­der auf­zu­tau­chen. Doch taugt die­ses Trai­ning auch für das Le­ben? Vor al­lem, wenn die­ses „Der My­thos vom Gaúcho“ wei­ter­le­sen

Von Verlierern und Verkündern des wahren Denkens

Irgendwann ist Schluss“ – neue Erzählungen von Markus Orths über Wahn, Sehnsucht und Einsamkeit

Orths_Irgendwann_ist_SchlussUnd der Com­pu­ter bringt mir al­les ins Haus: Fil­me, In­for­ma­tio­nen, Neu­ig­kei­ten, Bü­cher, Thea­ter­stü­cke, al­les, was ich will. Ich muss nicht hin­aus in die Welt, die Welt kommt zu mir. Mein In­ter­es­se ist wie ein Schwamm. Es un­ter­schei­det nicht nach der Far­be des Was­sers, das es auf­saugt, oder ob es schmut­zig ist oder sau­ber.”

Span­nung, die an­fangs sub­til an­klingt und sich dann in un­ge­wöhn­li­chen Hand­lungs­ver­läu­fen ent­wi­ckelt, kenn­zeich­net das neue Buch von Mar­kus Orths. Nach dem Ro­man Die Tarn­kap­pe, der mir aus­ge­spro­chen gut ge­fal­len hat, liegt nun im Schöff­ling Ver­lag ein Band mit acht meist län­ge­ren Er­zäh­lun­gen vor, die in un­ge­heu­er­li­cher Art exis­ten­ti­el­le Fra­gen be­rüh­ren.

In je­der sei­ner Ge­schich­ten wirft Orths sei­ne Le­ser zu­nächst ins Un­ge­wis­se. Die Mo­ti­ve der Fi­gu­ren er­schei­nen un­klar, erst nach und nach wer­den In­di­zi­en auf­ge­deckt, die Hand­lung schlägt un­er­war­te­te Vol­ten und en­det sel­ten mit ei­ner ein­deu­ti­gen Lö­sung. Der Aus­gang ist eher ei­ne Auf­for­de­rung wei­ter zu den­ken, be­greif­bar als Tür zwi­schen der Phan­ta­sie des Au­tors und der Vor­stel­lung des Le­sers.

Dies ist schon in der ers­ten Er­zäh­lung, Erich, Erich, er­fahr­bar. Ihr Prot­ago­nist „Von Ver­lie­rern und Ver­kün­dern des wah­ren Den­kens“ wei­ter­le­sen

Wenn Philosophieprofessoren nach Portugal pilgern

Stephan Thome erzählt in Fliehkräfte von einer verspäteten Midlife Crisis

Als ich zum ers­ten Mal von Ste­phan Tho­mes neu­em Ro­man Flieh­kräf­te hör­te, dach­te ich un­wei­ger­lich an den äl­te­ren Ro­man des un­ter Pseud­onym schrei­ben­den Phi­lo­so­phie­pro­fes­sors Pe­ter Bie­ri. Bei­de schi­cken ih­re Prot­ago­nis­ten in der Kri­se der spä­ten Le­bens­mit­te nach Por­tu­gal. Ih­re Fi­gu­ren sind der Phi­lo­so­phie na­he, der ei­ne als Phi­lo­so­phie-Pro­fes­sor der Uni Bonn, der an­de­re als Phi­lo­so­phie le­sen­der La­tein­leh­rer in Ba­sel. Sie ver­su­chen bei­de aus ih­rem All­tag zu flie­hen. Ei­ner mit dem Nacht­zug, un­ter­bro­chen von Ver­satz­stü­cken ei­ner Pes­soa-Ad­ap­ti­on, der an­de­re im Au­to mit viel Zeit für Er­in­ne­run­gen und für Be­su­che.

Wäh­rend Nacht­zug nach Lis­sa­bon ei­ne in man­cher Hin­sicht an­stren­gen­de Lek­tü­re dar­stellt, schil­dert Ste­phan Thome die Le­bens­sinn­kri­se an­schau­lich und an­ge­nehm les­bar. Sei­ne Fi­gur, Hart­mut Hain­bach, hat es trotz klei­ner Ver­hält­nis­se in der hes­si­schen Pro­vinz zum Pro­fes­sor für Phi­lo­so­phie ge­bracht. Jetzt zwei­felt er an die­ser Kar­rie­re und an sei­nem bis­he­ri­gen Le­ben. War al­les nur „ei­ne Par­odie sei­ner Träu­me“?

Sei­ne Toch­ter stu­diert in Spa­ni­en und mel­det sich nur sel­ten, sei­ne Frau ar­bei­tet in Ber­lin und ruft manch­mal an. Bei­de ha­ben sich von ih­rem Ver­sor­ger eman­zi­piert, sie sind aus dem Haus, in dem die­ser noch lebt noch da zu im pro­vin­zi­el­len Bonn. Das ent­behrt nicht ge­wis­ser Iro­nie, die Thome auch in der Fi­gur Hain­bachs auf­schei­nen lässt.

Da macht ei­ne ver­meint­lich zwei­te Chan­ce Hain­bach sei­ne Un­zu­frie­den­heit be­wusst. Vor der Ent­schei­dung sei­ne Pro­fes­sur zu­guns­ten ei­ner neu­en Stel­le im un­si­che­ren Ver­lags­we­sen auf­zu­ge­ben flieht Hain­bach auf ei­ne Rei­se. Sie führt ihn zu­nächst nach Pa­ris, wo er Sandri­ne trifft, sei­ne gro­ße Lie­be wäh­rend der Se­mes­ter in Ame­ri­ka. Spä­ter er­reicht er ei­nen Ort an der süd­fran­zö­si­schen At­lan­tik-Küs­te, wo ein ehe­ma­li­ger Kol­le­ge und Freund, sei­ne Pro­fes­sur ge­gen ei­ne Strand­bar ein­ge­tauscht hat.

Hain­bach wägt die neu­en Le­bens­mo­del­le der al­ten Freun­de ge­gen sein ei­ge­nes ab, im Ver­lauf sei­ner ihn aus­ge­rech­net nach Sant­ia­go de Com­pos­te­la füh­ren­den Sinn­su­che be­geg­nen ihm noch wei­te­re. Auch sei­ne Rück­bli­cke er­zäh­len von Per­so­nen, die völ­lig an­ders le­ben als er. Hain­bach denkt an die „klei­ne, dum­me Ruth“, sei­ne jün­ge­re Schwes­ter, der in der hes­si­schen Hei­mat mit Mann, Haus und Zwil­lin­gen ein für ihn kaum nach voll­zieh­ba­res klein­bür­ger­li­ches Le­ben glückt. Ei­ner die­ser Nef­fen wählt spä­ter den ge­ra­den Weg mit aka­de­mi­scher Kar­rie­re, Ehe und Kind, wäh­rend der an­de­re das Aben­teu­er der wech­seln­den Chan­ce sucht.

Wie Hain­bach im Spie­gel all die­ser zu­rück­lie­gen­den und ak­tu­el­len Er­fah­run­gen sei­ne bis­he­ri­ge Le­bens­wei­se be­wer­tet und ob es für ihn, für sein Glück ei­ne zwei­te Chan­ce gibt, da­von han­delt die­ser Ro­man. Man kann ihn auch als Ab­bild der mo­men­ta­nen ge­sell­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se le­sen. Über die Kri­se der mies ge­lun­ge­nen Uni­ver­si­täts­re­form, der des Ver­lags- und Kul­tur­we­sens ins­ge­samt, über die schwie­ri­ge Stel­lung der Geis­tes­wis­sen­schaf­ten im Ge­gen­satz zu neu­en Pra­xis na­hen Stu­di­en­fä­chern, greift Thome auch das The­ma trans­na­tio­na­ler Fa­mi­li­en und of­fen ge­leb­ter gleich­ge­schlecht­li­cher Lie­be auf. Wie be­reits in sei­nem ers­ten Ro­man Grenz­gang spie­len Hei­mat und Frem­de ei­ne Rol­le. Auch der Rück­blick auf die Deut­sche Ver­gan­gen­heit fehlt nicht. Viel­leicht ein biss­chen viel für ei­nen knapp fünf­hun­dert Sei­ten lan­gen Ro­man, der mich zwar wäh­rend der Lek­tü­re kei­ne Län­gen ver­spü­ren, aber den­noch in­dif­fe­rent ließ.

Viel­leicht lag es dar­an, wie die Fi­gur Hain­bach die Frau­en sei­nes Le­bens be­ur­teilt. So­fern es sich um Haus­frau­en han­delt, wer­den sie als treu­sor­gend, lieb aber dumm dar­ge­stellt, so schätzt er sei­ne Mut­ter und Schwes­ter, aber auch die por­tu­gie­si­sche Schwie­ger­mut­ter ein. Auch der ge­lieb­ten Toch­ter droht, kaum der vä­ter­li­chen in­tel­lek­tu­el­len Sphä­re ent­ron­nen, sei­ner An­sicht nach, die Do­mi­nanz der les­bi­schen Le­bens­ge­fähr­tin und geis­ti­ge Ver­fla­chung. Die­se er­litt einst auch sei­ne Frau, die als de­spe­ra­te House­wi­fe hos­pi­ta­li­siert ih­rem Hirn nur noch die Schick­sa­le ih­rer Se­ri­en­schwes­tern zu­mu­ten konn­te. Die Ver­blüf­fung des Phi­lo­so­phie­pro­fes­sors über die Ent­de­ckung des Vi­deo­ver­stecks sei­ner Gat­tin mag noch ver­ständ­lich sein, es aber auf den letz­ten Sei­ten der Selbst­su­che zum scho­ckie­ren­den Er­leb­nis ei­ner lang­jäh­ri­gen Ehe zu sti­li­sie­ren, wirkt un­frei­wil­lig ko­misch.

Das En­de bleibt of­fen und so be­steht für Hain­bach die Chan­ce sich trotz Pro­fes­so­ren­bür­de ein­mal lo­cker zu ma­chen, not­falls mit ei­nem zwei­ten Joint, und für Ma­ria trotz Er­werbs­lo­sig­keit mal ein gu­tes Buch zu le­sen, not­falls ein we­ni­ger gu­tes.

Ste­phan Thome be­fin­det sich mit Flieh­kräf­te auf der Short­list zum Deut­schen Buch­preis 2012, es be­steht Aus­sicht auf den Ge­winn.

Ste­phan Thome, Flieh­kräf­te, Suhr­kamp Ver­lag, 1. Aufl. 2012