Kunstgeschichtliche Mystifizierungen“

In „Dius“ erzählt Stefan Hertmans von einer Freundschaft, die von schöpferischen und geistigen Kunsterfahrungen geprägt wird

Darf ich rein­kom­men? Ich ha­be ei­ne Über­ra­schung für Sie.

Dass ein Stu­dent an der Tür des Do­zen­ten klin­gelt, als wä­re er ein rei­cher, frei­gie­bi­ger On­kel, war der­art un­ge­wöhn­lich, dass es mich ei­nen Mo­ment lang ver­wirr­te. Di­us sah mich mit ei­nem An­flug hei­te­rer Ar­ro­ganz ab­war­tend an. Ich hät­te ihn jetzt höf­lich weg­schi­cken und streng ta­deln kön­nen, dass es höchst un­an­ge­bracht sei, auf die­se Wei­se in die Pri­vat­sphä­re ei­nes Do­zen­ten ein­zu­drin­gen, doch be­vor ich merk­te, was ich tat, hat­te ich ihn mit ei­ner Ges­te, die zum Aus­druck brin­gen soll­te, dass ich wohl kei­ne an­de­re Wahl hät­te, schon auf­ge­for­dert ein­zu­tre­ten. Da­mit war der Ton gesetzt.“

In un­wi­der­steh­li­cher Selbst­ge­wiss­heit tritt Di­us in Ste­fan Hertmans gleich­na­mi­gen Ro­man sei­nem Do­zen­ten An­ton ge­gen­über. Bei­de ken­nen sich aus der Kunst­aka­de­mie. Wäh­rend der me­lan­cho­li­sche An­ton Vor­le­sun­gen in Kunst­phi­lo­so­phie hält und an sei­ner Dis­ser­ta­ti­on ar­bei­tet, ver­steht sich der 15 Jah­re Jün­ge­re als künst­le­ri­sches Ge­nie. Sie­ges­ge­wiss und wie selbst­ver­ständ­lich trägt er An­ton sei­ne Freund­schaft an und bie­tet dem in sei­nen Au­gen hoff­nungs­los über­ar­bei­te­ten Aka­de­mi­ker sein Ate­lier an. „Ich ha­be in den Pol­dern ein Mal­ate­lier, sag­te er, es ist ein al­tes Dorf­haus, das nicht mehr be­nutzt wird. Es grenzt an ei­nen ver­wahr­los­ten Park mit ei­nem klei­nen Schloss.“ Der sonst so zau­dern­de An­ton er­liegt und emp­fin­det „ein ver­hei­ßungs­vol­les Auf­schim­mern un­ver­hoff­ter Mög­lich­kei­ten“.

Die Le­se­rin er­staunt dies nicht, denn Di­us Pra­ti, wie sich der Kunst­stu­dent Egi­di­us De Blae­ser nennt, um­gibt ei­ne gött­li­che All­machts-Au­ra. Kein Wun­der, lässt sich sein Na­me doch mit Gott der Wie­sen über­set­zen. Dass ein sol­cher sich in ei­nem wil­den Wäld­chen na­he den Über­schwem­mungs­wie­sen der bel­gi­schen Küs­te wohl­fühlt, liegt nicht fern.

An­ton be­folgt, was Di­us wünscht. „Ich ha­be kei­ne Ah­nung, was mich ritt – ich konn­te mir Nou­kas be­denk­li­ches Kopf­schüt­teln be­reits blen­dend vor­stel­len; sie wür­de mich fra­gen, ob ich noch al­le Tas­sen im Schrank hät­te: Ich, der über­ar­bei­te­te Do­zent, der für nichts Zeit hat­te, und schon gar nicht für ro­man­ti­sche Aus­flü­ge mit ihr, plan­te ei­ne Land­par­tie, und das no­ta be­ne mit ei­nem Stu­den­ten, statt die wert­vol­le Zeit für et­was Sinn­vol­le­res zu nutzen?“ 

Der aka­de­mi­sche Theo­re­ti­ker fin­det im Do­mi­zil des schöp­fungs­wü­ti­gen Künst­lers in­ne­re Ru­he und In­spi­ra­ti­on. Dort, in dem bau­fäl­li­gen Häus­chen mit Heu­bo­den, des­sen Am­bi­en­te und La­ge Hertmans so sinn­lich be­schreibt, daß es vor Au­gen steht, ist es an­ders als in An­tons ak­ku­ra­tem Stu­dier­zim­mer. Un­zäh­li­ge Werk­zeu­ge fin­den sich dort, ein Schin­ken hängt von der De­cke, auf dem Tisch lie­gen „zwei exo­ti­sche Kris, ein klei­ner Schä­del, wohl von ei­ner Zie­ge, da­ne­ben der grö­ße­re ei­nes Men­schen; ein rau­er, wie ei­ne Ing­wer­knol­le ge­form­ter Gra­nit­stein, auf dem ein di­ckes Brett aus un­be­ar­bei­te­tem Holz lag – das al­les kam mir in sei­ner zu­fäl­li­gen Form und Will­kür wie ei­ne ge­hei­me Schatz­kam­mer vor.“

An­ton, der in Form und Ord­nung Äs­the­tik und Er­kennt­nis sucht, trifft auf ei­ne At­mo­sphä­re sinn­li­cher Schöp­fungs­lust. Die­se Ge­gen­sät­ze, die doch so gut zu­sam­men­pas­sen, füh­ren zur Freund­schaft zwi­schen dem Künst­ler und dem Kunst­phi­lo­so­phen. Im Mot­to sei­nes Ro­mans greift Hertmans die­ser Ent­wick­lung vor und zi­tiert Tho­mas von Aquin, „Nichts ist im Ver­stand, was nicht vor­her in den Sin­nen wä­re“.

Wer bei den Stich­wor­ten Ver­stand und Sin­ne an das Apol­li­ni­sche und das Dio­ny­si­sche Prin­zip denkt, liegt da­mit nicht falsch. Nicht nur er­wähnt Hertmans in sei­nem von Ver­wei­sen ge­ra­de­zu über­quel­len­den Ro­man Nietz­sche so­wie die an­ti­ken dio­ny­si­schen Ri­tua­le, sei­ne bei­den Prot­ago­nis­ten äh­neln auch den Göt­ter­fi­gu­ren. Mit Haa­ren „wie ein dunk­ler Strah­len­kranz“, dem Ha­bi­tus ei­nes „Kleinkriminelle(n) mit der Hal­tung ei­nes Aris­to­kra­ten­sohns“ er­scheint Di­us mit At­tri­bu­ten und Ver­hal­ten des Dio­ny­sos. Zwar ist er nicht der Sohn ei­nes Got­tes und ei­ner Kö­nigs­toch­ter, son­dern nur der ei­nes si­zi­lia­ni­schen Ge­la­tie­re und ei­ner bel­gi­schen Schuh­ver­käu­fe­rin, ist aber wie sein gött­li­ches Ur­bild Sin­nen­freu­den al­ler Art äu­ßerst zu­ge­neigt. Manch­mal al­ler­dings wird Di­us auch zum Lamm Got­tes, „Bes­ser ich als du, sag­te er, (…) Erst da sah ich das ge­ron­ne­ne Blut in sei­ner Hand­flä­che.“ Oder in con­tra­rio zum Dia­vo­lo. „Im nächt­li­chen Däm­mer er­blick­te ich in ihm die Frat­ze ei­nes al­ten Ge­mäl­des und um sein Ge­sicht mit dem däm­li­chen Grin­sen ei­nen Kranz aus schwar­zem Haar. Der Teu­fel. Ich hat­te es schon im­mer ge­ahnt: Me­phis­to, der leib­haf­ti­ge Teu­fel.

An­ton hin­ge­gen lei­det wie einst Apoll an der Lie­be. Nicht al­lei­ne sei­ne Un­ent­schlos­sen­heit ver­hin­dert de­ren Er­fül­lung. Wie bei Apoll und Daph­ne sind es die Pfei­le Amors, die in An­ton nicht en­den wol­len­de Lie­be er­zeu­gen, sei­ne An­ge­be­te­te je­doch in die Flucht schlagen.

Ei­ner der Schwer­punk­te des Ro­mans liegt auf den tie­f­emo­tio­na­len Be­zie­hun­gen Freund­schaft und Lie­be. Hertmans lässt kei­ne ih­rer viel­fäl­ti­gen Fa­cet­ten aus. Sein Er­zäh­ler An­ton be­ob­ach­tet und fühlt An­zie­hung und Ab­sto­ßung, Sehn­sucht und Streit, Ero­tik und Ei­fer­sucht. Und macht sich sei­ne Ge­dan­ken. „Da­bei emp­fand ich den Ver­rat der Freund­schaft viel in­ten­si­ver und schmerz­vol­ler als den der Lie­be; schließ­lich wis­sen wir, dass uns die Lie­be blind macht, dass wir vom Eros ge­trie­ben sind und dass das, was wir er­stre­ben, letzt­end­lich nur auf Il­lu­si­on und Selbst­täu­schung be­ruht. Die Freund­schaft aber, vor al­lem je­ne, die auf dem ge­mein­sa­men Emp­fin­den von Schön­heit und Frei­heit grün­det, hal­ten wir für rein, un­ge­trübt von Lei­den­schaft und Begehren.“

Hier kommt die an­de­re Spe­zia­li­tät des Buchs und sei­nes Au­tors in Spiel, die Kunst in al­len ih­ren For­men. An­ton, der Kunst­ken­ner und Phi­lo­soph, kann ein­fach nichts be­trach­ten, sei es ei­ne Land­schaft, ei­ne Per­son, ei­ne Si­tua­ti­on oder ein Ge­fühl, oh­ne ein pas­sen­des Kunst­werk zu as­so­zi­ie­ren. „Ganz lang­sam ver­wan­del­te sich der Him­mel in das pracht­vol­le Fir­ma­ment ei­nes nie­der­län­di­schen Ge­mäl­des aus dem 17. Jahr­hun­dert. Ich kann nur noch in Ge­mäl­den den­ken, dach­te ich mir. Ähn­lich wie der fran­zö­si­sche Schrift­stel­ler Stendhal nur die­je­ni­gen Land­schaf­ten als sol­che wahr­nahm, die er vor­her auf Kup­fer­sti­chen ge­se­hen hat­te.“ Die Frau sei­nes Le­bens be­zeich­net dies als „kunst­ge­schicht­li­che Mys­ti­fi­zie­run­gen“.

Wir be­glei­ten An­ton auf sei­nen Ge­dan­ken­flü­gen und be­geg­nen Wer­ken der Bil­den­den Kunst, der Mu­sik und der Li­te­ra­tur. Ih­re kur­siv ge­setz­ten Ti­tel ma­chen den Ro­man mit di­gi­ta­ler Hil­fe zu ei­nem im­mersi­ven Kunst­er­leb­nis. Hertmans, der als Kunst­do­zent lehr­te, ge­lin­gen nicht nur an­schau­li­che Dar­stel­lun­gen der ein­zel­nen Kunst­wer­ke, sei­en es der Rit­ter des Re­nais­sance-Ma­lers Vit­to­re Car­pac­cio oder ein mo­der­nes Ge­mäl­de von As­ger Jorn, er in­te­griert sie in die Hand­lung sei­nes Ro­mans. „Ich be­trach­te­te die gan­ze Kunst­ge­schich­te als ei­nen ein­zi­gen in­ter­ak­ti­ven Raum, in dem al­les auf al­les ein­wirkt. (…) In mei­nen Au­gen bil­de­te al­les ein gro­ßes Gan­zes, und je län­ger ich dar­über nach­dach­te, des­to un­zu­läng­li­cher fand ich das his­to­ri­sche Den­ken in Strö­mun­gen, Rich­tun­gen, in Ma­ni­fes­ten und al­ler­lei Ka­te­go­rien – die­se führ­ten mei­ner Mei­nung nach nur zu Vor­ur­tei­len, die die Men­schen dar­an hin­der­ten, auf­merk­sam und ganz kon­kret zu be­trach­ten.“, legt er sei­nem Kunst­phi­lo­so­phen in den Mund.

Wäh­rend An­ton über Kunst sin­niert, zeigt Di­us, wie er sie macht. Un­ter sei­nen Hän­den ent­ste­hen die un­ter­schied­lichs­ten Ar­te­fak­te. Sein be­son­de­res Au­gen­merk gilt der per­fek­ten Il­lu­si­on des In­kar­nats, des von der Haut um­ge­be­nen Fleischs. Er kre­iert Mö­bel­stü­cke in aus­ge­fal­le­nem De­sign und fer­tigt sie, was ihm ei­nes Ta­ges zum Ver­häng­nis wer­den wird. Ein be­son­de­res Stück, der Schreib­tisch mit Vo­gel­au­gen-Ahorn-Fur­nier, wird sei­ne Freund­schafts­ga­be für An­ton. In der Plat­te hat Di­us ei­ne un­sicht­ba­re Bot­schaft für den Freund versteckt.

Es gibt noch wei­te­re Rät­sel und Fra­gen in die­sem Ro­man. Man­che er­schlie­ßen sich oder wer­den vom Au­tor im Nach­wort ge­löst. An­de­re blei­ben An­ge­bo­te zum Nach­den­ken. „Was ich tue, be­stim­me nicht ich, es sieht nur so aus, als ob ich selbst ent­schei­de und hand­le.“ Oder „Wo und wann wohl der An­fang der Küns­te ge­we­sen sein mag?“

Dass der Au­tor sei­ne Le­ser nicht aus den Au­gen ver­liert, zeigt er in der di­rek­ten An­spra­che. Nicht nur die­se spo­ra­di­schen Äu­ße­run­gen be­wei­sen Hu­mor. Wir be­geg­nen ihm auch in der Cha­rak­te­ri­sie­rung ei­nes igno­ran­ten Prü­fers, der sich schließ­lich aufs Pein­lichs­te selbst ent­larvt, in der Schil­de­rung ei­ner ver­lust­rei­chen, aber äu­ßerst krea­ti­ven Haus­halts­tei­lung nach dem En­de ei­ner Be­zie­hung so­wie in den Sei­ten­hie­ben auf zeit­ge­nös­si­sche For­men der Kunst.

Ste­fan Hertmans legt sein Ro­man-Kunst­werk als Rück­blick sei­nes Er­zäh­lers An­ton an, der als Kunst­wis­sen­schaft­ler und Freund über das Le­ben und Werk ei­nes Kunst­ge­nies schreibt und so­mit zum Va­sa­ri für Di­us Pra­ti wird.

In sol­chen Mo­men­ten weiß ich, war­um Di­us in mein Le­ben tre­ten muss­te: weil wir bei­de den Durst nach längst ver­gan­ge­nen Zei­ten tei­len, die uns durch die frü­hen Er­in­ne­run­gen ir­gend­wie in die Kör­per ein­ge­schrie­ben sind und uns un­be­haust wer­den las­sen im Lärm un­se­rer Gegenwart.“

Ste­fan Hertmans, Di­us, Dio­ge­nes Ver­lag 2025

In Sorrent wird alles besser“

Andrea und Dirk Liesemer erzählen von Nietzsches „Neuanfang im Süden“

End­lich ent­fernt er sich vom Land und tritt die Rei­se auf See an, kann al­les Al­te hin­ter sich las­sen, sich ei­nem Schiff an­ver­trau­en, hat un­ter sich nur noch die Tie­fe des Mee­res. Wenn er dann an ei­nem an­de­ren Ort an­kommt, wird er den fes­ten Bo­den ei­ner an­ders­ar­ti­gen Welt be­tre­ten, um sein Le­ben von Neu­em zu be­gin­nen, sich an der Wei­te des süd­li­chen Him­mels erfreuen.”

An „Ta­ge in Sor­rent“, dem Ro­man von An­drea und Dirk Lie­se­mer, rei­zen mich der Hand­lungs­ort, den ich gut ken­ne, die Epo­che so­wie das Per­so­nal des Ro­mans. Al­len vor­an Fried­rich Nietz­sche, der sich noch jung, aber durch sei­ne Seh­schwä­che be­ein­träch­tigt, auf Ein­la­dung ei­ner Mä­ze­nin im süd­li­chen Sor­rent er­ho­len möch­te. Sei­ne Be­glei­ter, zwei jun­ge Aka­de­mi­ker, rei­sen als Un­ter­stüt­zer mit ihm und wer­den mit der Zeit zu Lei­dens­ge­nos­sen. Wenn auch auf un­ter­schied­li­che Wei­se, ist al­len ge­mein­sam das Lei­den an sich selbst.

Gleich zu Be­ginn des Ro­mans be­geg­nen wir Nietz­sche, dem das Au­toren­paar Lie­se­mer in per­so­na­ler Er­zähl­form na­he­kommt. Sei­ne Be­find­lich­kei­ten wäh­rend der be­schwer­li­chen Rei­se, sein Ha­dern mit dem In Sor­rent wird al­les bes­ser““ wei­ter­le­sen

Bilder, Blicke, Begegnungen in Tokio

In „Tage in Tokio“ hinterfragt Christoph Peters das westliche Japanideal

Wäh­rend Ku­me­ka­wa-san den Ta­xi­fah­rer be­zahlt, ste­he ich et­was ver­lo­ren auf der Stra­ße, ne­ben mir die bei­den Kof­fern, und schaue mich um. Ein Kon­glo­me­rat aus über Jahr­zehn­ten an­ge­sam­mel­ten Bil­dern ja­pa­ni­scher Le­bens­wel­ten schim­mert wie durch ei­ne Milch­glas­schei­be aus dem Hin­ter­kopf ins Be­wusst­sein. Mir däm­mert all­mäh­lich, dass ich das, was ich se­he, hö­re, rie­che, per­ma­nent mit ein­ge­la­ger­ten Vor­stel­lun­gen ab­glei­che und dem­entspre­chend in „ty­pisch“, „un­ge­wöhn­lich“ oder „er­staun­lich“ ein­tei­le. Zu­gleich führt mir das kla­re Licht des spä­ten Vor­mit­tags schlag­ar­tig vor Au­gen, dass jetzt nichts da­von mehr gilt und dass ich von dem, was ich bräuch­te, um mich si­cher und ele­gant durch die Stadt zu be­we­gen, nicht die ge­rings­te Ah­nung habe.“

Von ei­ner in­ter­kul­tu­rel­len Be­geg­nung zwi­schen Ja­pan und Deutsch­land er­zählt Chris­toph Pe­ters be­reits in sei­nem 2014 er­schie­nen Ro­man. Des­sen Ti­tel, Herr Ya­mas­hiro be­vor­zugt Kar­tof­feln, deu­tet an, daß man­ches ent­ge­gen den Er­war­tun­gen ver­läuft bei der Zu­sam­men­ar­beit des an Jan Koll­witz an­ge­lehn­ten Ke­ra­mik­künst­lers mit ei­nem ja­pa­ni­schen Ofen­bau­er in der nie­der­deut­schen Provinz.

Ja­pa­ni­sche Ke­ra­mik, das tra­di­tio­nel­le Tee­ze­re­mo­ni­ell und Jan Koll­witz fin­den auch in Pe­ters neu­em Buch „Ta­ge in To­kio“ Ein­gang. Die Er­leb­nis­se, Er­fah­run­gen und Ge­dan­ken des Au­tors als Rei­se­be­richt zu be­zeich­nen, wä­re zu kurz ge­grif­fen. Für Pe­ters, den die Lei­den­schaft für ja­pa­ni­sche Cha­wan der Mo­moy­a­ma-Zeit (1573–1603) seit über drei­ßig Jah­ren nicht los­lässt, ist es der ers­te Be­such in dem Land, über das er so viel ge­le­sen und ge­hört hat. Sei­ne Be­geg­nun­gen in Kunst, Kul­tur und All­tag über­ra­schen den Rei­sen­den und ver­lei­ten ihn zu phi­lo­so­phi­schen Über­le­gun­gen. Da­zwi­schen fin­det er im­mer wie­der den Weg zur Ke­ra­mik, sei­nem Spe­zi­al­su­jet, dem wir nicht nur in Ge­stalt der Un­oha­na­ga­ki be­geg­nen, ei­ner zum Kunst-Na­tio­nal­schatz Ja­pans er­ho­be­nen Tee­scha­le, die Pe­ters in To­kio bewundert.

Doch zu­nächst muss er erst ein­mal an­kom­men. Schon die ers­ten Bli­cke auf das Land sei­ner Träu­me, wie man es wohl nen­nen darf, kon­fron­tie­ren den durch Lek­tü­re und Ge­sprä­che ge­lehr­ten Be­trach­ter mit der „Bil­der, Bli­cke, Be­geg­nun­gen in To­kio“ wei­ter­le­sen

Flug durch die Zitatenfülle

Hervé Le Tellier trifft in „Die Anomalie“ fast jeden Geschmack

Was ist die­ses Buch? Ein Sci­ence-Fic­tion-Ro­man, der die Erd­be­völ­ke­rung als Ho­lo­gramm ent­larvt? Ein Best­sel­ler, der mit ge­nia­lem Gen­re­mix den Main­stream­ge­schmack trifft? Oder ein Werk der Grup­pe OuLi­Po, de­ren Au­toren sich ex­pe­ri­men­tel­ler Li­te­ra­tur wid­men und bei­spiels­wei­se Ro­ma­ne oh­ne E ver­fas­sen? Viel­leicht ist „Die An­oma­lie“ al­les zu­sam­men. Der neue Ro­man von Her­vé Le Tel­lier wur­de 2020 mit dem Prix Gon­court aus­ge­zeich­net und seit sei­ner Über­set­zung durch Ro­my und Jür­gen Rit­te in Li­te­ra­tur­sen­dun­gen wie im Feuil­le­ton eher rauf als run­ter diskutiert.

Der In­halt lässt sich an sei­ner Kon­struk­ti­on kurz um­rei­ßen. In Teil Eins stellt Le Tel­lier die Fi­gu­ren vor, die ne­ben zahl­rei­chen wei­te­ren die Haupt­rol­len in sei­nem Ro­man spie­len. Die un­ter­schied­li­chen Cha­rak­te­re sind in­so­fern in­ter­es­sant, als sie un­ter­schied­li­che Le­ser­vor­lie­ben er­fül­len. Das Ge­schäft ei­nes kalt­blü­ti­gen Auf­trags­kil­lers reiht sich an ei­nen Auf­stieg durch Bil­dung und na­tür­lich darf auch die Lie­be nicht feh­len. Die­se tritt in üb­li­chen Va­ria­tio­nen auf. Die jun­ge, schö­ne, selbst­be­wuss­te, aber in schwie­ri­gen Um­stän­den le­ben­de Frau mit dem al­ten, we­ni­ger schö­nen, da­für wohl­ha­ben­den Mann gibt es eben­so wie die bei­den ver­kopf­ten Wis­sen­schaft­ler, die ih­re Ge­füh­le, vor al­lem die für­ein­an­der, noch ent­de­cken müs­sen. Al­le Prot­ago­nis­ten sind als Pas­sa­gie­re ei­nes Flug­zeugs oder als Wis­sen­schaft­ler von der An­oma­lie be­trof­fen, die sich als „Flug durch die Zi­ta­ten­fül­le“ wei­ter­le­sen

Herumstreunen, Zeitverplempern und Rumgaffen

Wilhelm Genazino zelebriert in seinem neuen Roman „Kein Geld, keine Uhr, keine Mütze“ die Lebenskunst der Ratlosigkeit

Es ist viel sinn­vol­ler (…), so oft wie mög­lich we­nigs­tens bei­sei­te zu schau­en, dort­hin, wo die an­de­ren nicht hinschauen.“

Die Wer­ke des 1943 ge­bo­re­nen Schrift­stel­lers Wil­helm Gen­a­zi­no be­schäf­ti­gen mich schon seit lan­gem. Es be­gann mit Ein Re­gen­schirm für die­sen Tag, das durch die Dis­kus­si­on im Li­te­ra­ri­schen Quar­tett Auf­merk­sam­keit er­lang­te. Seit­dem folg­ten et­li­che Ro­ma­ne, von de­nen man­che Kri­ti­ker be­haup­ten, sie er­zähl­ten im­mer das Glei­che. Doch auch wenn in al­len ein „nicht mehr ganz jun­ger Jung­ge­sel­le“ sei­ne Un­zu­frie­den­heit mit dem Le­ben durch per­ma­nen­te Selbst- und Fremd­be­ob­ach­tung zu ver­drän­gen sucht, gibt es fei­ne Un­ter­schie­de, die sich zu ent­de­cken lohnen.

Der Fla­neur des neu­en Ro­mans Kein Geld, kei­ne Uhr, kei­ne Müt­ze fühlt sich mit 60 Jah­ren „fast alt“, sein Blick hin­ge­gen „schien jung ge­blie­ben“. Die­ser fällt auf die Tie­re der Stadt, die wie er durch die Stra­ßen streu­nen. An­ders als die­se be­sitzt er je­doch we­der Ziel noch Plan. Er strebt nichts an, son­dern flieht vor sei­ner ei­ge­nen Ge­dan­ken­qual. „Ich lö­se vie­le mei­ner Pro­ble­me und Stim­mun­gen durch Um­her­ge­hen.“ Die­ser fast the­ra­peu­ti­sche An­satz fin­det sich „Her­um­streu­nen, Zeit­ver­plem­pern und Rum­gaf­fen“ wei­ter­le­sen

Über Zufall und Singularität

Jonas Lüscher lässt seinen Antihelden „Kraft“ sarkastisch scharf über das Leben schwafeln

In die­ser Nacht schrieb er ei­ne lan­ge Mail, in der er Ivan sei­ne Zu­sa­ge über­mit­tel­te und ihn bat, für vier­zehn Ta­ge sein Gast sein zu dür­fen, be­vor er sich, Rü­cken an Rü­cken, ne­ben sei­ne be­reits schla­fen­de Frau leg­te, selbst aber lan­ge kei­nen Schlaf fand und sich, je­de Vier­tel­stun­de die Glo­cken­schlä­ge der Stifts­kir­che zäh­lend, lang­sam in ei­ne Wut hin­ein­stei­ger­te; ei­ne Wut, ge­speist aus Hei­kes re­gel­mä­ßi­gem At­men, das ihm un­an­ge­mes­sen fried­lich vor­kam, und dem Ge­fühl des Ver­sa­gens an­ge­sichts der Tat­sa­che, dass der Aus­weg aus der Sack­gas­se, in die er sein Le­ben hin­ein­ma­nö­vriert hat­te, sich nicht, wie er im­mer an­ge­nom­men hat­te, im schar­fen Nach­den­ken über die Welt – als sol­ches be­zeich­ne­te er ger­ne Drit­ten ge­gen­über sei­ne Pro­fes­si­on, die er sich zu­gleich als Le­bens­form ver­ord­net hat­te -, son­dern, wie es nun ganz of­fen zu­ta­ge trat, doch ein­fach im Mo­ne­tä­ren fand, auch wenn, aber das schien ihm eher ei­ne zu­sätz­li­che Krän­kung, das er­lö­sen­de Geld mit eben­je­nem schar­fen Nach­den­ken über die Welt erst ein­mal ge­won­nen wer­de musste.“

Lan­ge, aus­fran­sen­de Satz­pe­ri­oden sind ein Stil­merk­mal von Jo­nas Lüschers Ro­man „Kraft“ und des­sen gleich­na­mi­gen Prot­ago­nis­ten. Kein Wun­der, ist die­ser Ri­chard Kraft doch Rhe­to­rik­pro­fes­sor der Uni­ver­si­tät Tü­bin­gen, er­go ein Meis­ter der Re­de. Der­art aus­ge­stat­tet ver­spricht er „Über Zu­fall und Sin­gu­la­ri­tät“ wei­ter­le­sen

Verlangen nach Bedeutsamkeit

Außer uns spricht niemand über uns“ erkennen die Helden in Wilhelm Genazinos Roman

Genazino_25273_MR1.inddViel­leicht gab es die Krü­cken nur des­we­gen, weil die Men­schen zwi­schen­durch an ih­rem Be­wusst­sein lit­ten, dass ih­nen ge­hol­fen wer­den muss­te. All­ge­mei­ne Man­gel­ge­füh­le wa­ren auch mir seit der Kind­heit ver­traut. Seit et­wa vier­zehn Ta­gen litt ich wie­der an ei­nem Drang. Von dem ich nicht wuss­te, ob er mich ir­gend­wann ins Un­glück stür­zen wür­de: Ich woll­te end­lich ein be­deut­sa­mes Le­ben füh­ren. Ich ahn­te, dass die mensch­li­che Be­deut­sam­keit in zahl­lo­sen Ein­zel­hei­ten des wirk­li­chen Le­bens auf­be­wahrt war und dass es an den Men­schen lag, die­se Be­deut­sam­keit in ihr Le­ben ein­zu­bau­en; aber wie? Zu­wei­len hat­te ich den Ein­druck, das Ver­lan­gen nach Be­deut­sam­keit sei ein ver­hüll­tes Heimweh.“

Das Le­ben des Ein­zel­nen ist kaum spür­bar im Ge­trie­be der Welt, das mit oder oh­ne ihn wei­ter­läuft. Die Sinn­su­che bleibt Sa­che des Sub­jekts. Man­cher Le­bens­plan er­weist sich als Il­lu­si­on und droht sei­nen Prot­ago­nis­ten der Be­deu­tungs­lo­sig­keit aus­zu­set­zen. Dies ist kurz ge­fasst das Leid des Ich-Er­zäh­lers in Wil­helm Gen­a­zi­nos neu­em Ro­man mit dem prä­gnan­ten Ti­tel „Au­ßer uns spricht nie­mand über uns“. Be­drückt von sei­ner Be­lang­lo­sig­keit wird der Haupt­fi­gur be­wusst „mein Le­ben ver­lief nicht so, wie ich es mir ein­mal vor­ge­stellt hat­te“.

Als ty­pi­scher Gen­a­zi­no-Held lässt er sei­nen Ent­wurf da­von schwim­men und er­gibt sich in sei­ne Ge­wor­fen­heit. Be­ob­ach­tend nimmt er das all­täg­lich Ba­na­le hin, nicht „Ver­lan­gen nach Be­deut­sam­keit“ wei­ter­le­sen

Der Teufel als Whistleblower

In „Die Unglückseligen“ stellt Thea Dorn die Frage nach der Machbarkeit des Möglichen

9783813505986_CoverWie sagt man hier­zu­lan­de? It ta­kes one to know one. Of­fen­sicht­lich hat­te sich der Ver­rück­te da drau­ßen für sein Wahn-Ich treff­si­cher ei­nen der ver­rück­tes­ten Phy­si­ker her­aus­ge­sucht, der sich in der deut­schen Ge­schich­te fin­den ließ.

Wäh­rend sie sich selbst noch la­chen hör­te, durch­fuhr es Jo­han­na wie ein Stich. Wie kam sie da­zu, auf ei­nen Wis­sen­schaft­ler, der küh­ne Ge­dan­ken wag­te, eben­so bor­niert und selbst­ge­fäl­lig zu re­agie­ren, wie es das Pack der – wie hat­te er sie ge­nannt?-, das Pack der Phi­lis­ter tat? Litt sie selbst nicht im­mer noch un­ter je­nem Brief, mit dem die deut­sche Ethik­kom­mis­si­on vor we­ni­gen Wo­chen ihr wis­sen­schaft­li­ches Pro­jekt, ihr Le­bens­pro­jekt, ab­ge­kan­zelt hat­te? Die we­ni­gen – in ih­rer Knapp­heit dop­pelt ver­let­zen­den – Sät­ze hat­ten sich ihr so tief ins Ge­dächt­nis ein­ge­prägt, dass sie den un­säg­li­chen Schrieb gar nicht mehr brauch­te, um ihn Wort für Wort vor sich zu se­hen: „ (…) Ihr Pro­jekt, die phy­sio­lo­gi­sche Re­ge­ne­ra­ti­on weit über das gat­tungs­spe­zi­fi­sche Maß hin­aus zu ak­ti­vie­ren und gleich­zei­tig die Zells­e­n­es­zenz zu re­tar­die­ren bzw. voll­stän­dig zu un­ter­bin­den, stellt kein ethisch ver­tret­ba­res For­schungs­ziel dar. Al­tern ge­hört zu den Grund­ge­ge­ben­hei­ten mensch­li­cher Exis­tenz und ist in die­sem Sin­ne nicht als Krank­heit zu betrachten…“

Die­ses Buch ist vie­les zu­gleich, ein Faust­stoff in sei­ner Su­che nach Un­sterb­lich­keit und ei­ne Zeit­rei­se, die ei­nen Wis­sen­schaft­ler des 17. Jahr­hun­derts ins Hier und Heu­te ver­setzt, ein His­to­ri­scher Ro­man, der mit Er­in­ne­run­gen und Schrift­quel­len in die Ver­gan­gen­heit führt, und ein „Der Teu­fel als Whist­le­b­lower“ wei­ter­le­sen

Nach dem Tod nun die Liebe

Die Liebenden von Mantua“ — Ralph Dutlis wort- und wissensreiche Weberei über die Liebe

dutli mantuaViel­leicht war es ein re­li­giö­ses Mär­chen, viel­leicht –ein jung­stein­zeit­li­cher Opern­stoff. Du hauchst auf das Glas, mei­net­we­gen auf das glä­ser­ne Ge­bil­de des Ro­mans, die­sen schmuck­lo­sen Schau­kas­ten, die­ses Kris­tall­haus oder ca­sa di cris­tal­lo, um dei­ne flüch­ti­ge Spur zu hin­ter­las­sen. Es ist zer­brech­lich, es ist durch­sich­tig. Al­les ist ein­ma­lig, al­les ist zwei­ma­lig mei­net­we­gen durch die Schrift.“

Mär­chen­haft wie die Wen­dun­gen ist bis­wei­len der Ton in Ralph Dut­lis Ro­man „Die Lie­ben­den von Man­tua“. Der Ti­tel klingt nach Oper, de­ren Zu­ta­ten Lie­be, Tod und Glau­ben fol­ge­rich­tig in Ita­li­en in­sze­niert wer­den. Dort, in der Re­nais­sance­stadt Man­tua, er­weckt Dut­li Ar­te­fak­te und Re­lik­te zu Prot­ago­nis­ten sei­ner Phantasie.

Al­len vor­an ein neo­li­thi­scher Grab­fund, das Ske­lett ei­ner Frau und das ei­nes Man­nes. Als die Ar­chäo­lo­gen sie im Jahr 2007 in Val­da­ro frei­le­gen, ver­brei­tet die Sen­sa­ti­on das Paar un­ter dem Na­men „Die Lie­ben­den von Man­tua“. Sie er­reicht auch Ma­nu, den Schrift­stel­ler, der im Mai 2013 auf der Su­che nach ei­nem neu­en „Nach dem Tod nun die Lie­be“ wei­ter­le­sen

Auf eine Zigarre mit Schlemihl

In seinem neuen Roman Pfaueninsel hinterfragt Thomas Hettche die Exotik des Anderen

pfaueninselIch wer­de mir mei­ne Sie­ben­mei­len­stie­fel un­ter­schnal­len und nach Grie­chen­land rei­sen. Tun Sie mir den Ge­fal­len und rau­chen in mei­ner Ab­we­sen­heit kei­nen tür­ki­schen Tabak?“
„Am liebs­ten“, sag­te sie, „kä­me ich mit.“
„Aber Ma­de­moi­sel­le!“ pro­tes­tier­te Schle­mihl lä­chelnd, „Ihr Platz ist doch hier.“
„Und wes­halb?“ ent­geg­ne­te sie. „Weil ich ein Mons­ter bin? Ein­ge­sperrt auf die­ser In­sel für mein gan­zes Leben?“
„Ein Mons­ter?“ Schle­mihl sah sie ent­setzt an. „Wer sagt das?“
Ma­rie schüt­tel­te den Kopf. Es war ihr pein­lich, das Wort aus­ge­spro­chen zu ha­ben. Daß Schle­mihl sie nun schon wie­der ver­ließ, in die Welt hin­aus­zog, die sie nie­mals se­hen wür­de, hat­te sie aufgewühlt.

Was de­fi­niert den His­to­ri­schen Ro­man? Daß sei­ne Hand­lung in der Ver­gan­gen­heit spielt, fer­ne Or­te und Er­eig­nis­se in un­se­rer Phan­ta­sie er­neut zum Le­ben er­weckt? Da­mit es die­ser nicht zu fad wird, set­zen die tri­via­len Ver­tre­ter die­ses Gen­res ger­ne auf Sex&Crime. Mord und Tot­schlag meist als Fol­gen krie­ge­ri­scher Aus­ein­an­der­set­zung zäh­len zum Tag­werk, schwie­ri­ge Ge­bur­ten wie schlim­me Schick­sa­le für Mut­ter und Kind ge­hen auf das Kon­to bar­ba­ri­scher Zu­stän­de. Der­ar­ti­ges webt auch Tho­mas Hett­che in sein ak­tu­el­les Werk Pfau­en­in­sel, al­ler­dings er­füllt er nicht nur li­te­ra­risch hö­he­re An­sprü­che. „Auf ei­ne Zi­gar­re mit Schle­mihl“ wei­ter­le­sen