Über Zufall und Singularität

Jonas Lüscher lässt seinen Antihelden „Kraft“ sarkastisch scharf über das Leben schwafeln

„In dieser Nacht schrieb er eine lange Mail, in der er Ivan seine Zusage übermittelte und ihn bat, für vierzehn Tage sein Gast sein zu dürfen, bevor er sich, Rücken an Rücken, neben seine bereits schlafende Frau legte, selbst aber lange keinen Schlaf fand und sich, jede Viertelstunde die Glockenschläge der Stiftskirche zählend, langsam in eine Wut hineinsteigerte; eine Wut, gespeist aus Heikes regelmäßigem Atmen, das ihm unangemessen friedlich vorkam, und dem Gefühl des Versagens angesichts der Tatsache, dass der Ausweg aus der Sackgasse, in die er sein Leben hineinmanövriert hatte, sich nicht, wie er immer angenommen hatte, im scharfen Nachdenken über die Welt – als solches bezeichnete er gerne Dritten gegenüber seine Profession, die er sich zugleich als Lebensform verordnet hatte -, sondern, wie es nun ganz offen zutage trat, doch einfach im Monetären fand, auch wenn, aber das schien ihm eher eine zusätzliche Kränkung, das erlösende Geld mit ebenjenem scharfen Nachdenken über die Welt erst einmal gewonnen werde musste.“

Lange, ausfransende Satzperioden sind ein Stilmerkmal von Jonas Lüschers Roman „Kraft“ und dessen gleichnamigen Protagonisten. Kein Wunder, ist dieser Richard Kraft doch Rhetorikprofessor der Universität Tübingen, ergo ein Meister der Rede. Derart ausgestattet verspricht er

sich gute Chancen in einem wissenschaftlichen Wettbewerb den ersten Preis und vor allem die Prämie zu erlangen. Eine Million Dollar sollen ihm, seiner Frau Heike, den Zwillingen die Trennung und ein Leben in gutem Auskommen garantieren, ebenso der Frau und den Kindern aus erster Ehe. Kraft nimmt also die Einladung seines alten Freundes István nach Stanford an, um auf die dort ausgelobte Frage nach Leibniz’ Theodizee, „Weshalb alles, was ist, gut ist und wie wir es dennoch verbessern können“ die beste aller Antwort zu formulieren.

In Stanford sitzt er im Lesesaal des Hoover Institutes, „wo es immer etwas zu saugen gibt“, und ringt unter dem Blick Rumsfelds um Worte und zugleich mit seinem Leben. War und ist denn wirklich alles gut, wie es die verstandsprengenden Visionen des preisstiftenden Internet-Tycoons Erkner suggerieren? Die in Stanford erwartete Inspiration findet Kraft weder an seinem Arbeitsplatz noch auf der Aussichtsebene im 14. Stock des Bibliotheksturms. Nicht der Blick aufs Silicon Valley noch der auf die Tapetenvögel in seinem Gastzimmer vermögen seine Sicht zu schärfen. Sein Nachdenken führt ihn vielmehr zurück in seine Vergangenheit, erweckt Erinnerungen an gescheiterte Lieben, wie seine jetzige zu Heike, deren Hallux ihm als „Manifestation der Pathologie ihrer Beziehung“ erscheint. Er denkt an Johanna, mit der er zwischen seinen beiden Ehen zusammenlebte, voller Schuld fühlt er sich noch heute für das Ende verantwortlich. Ebenso erscheint seine spätere erste Ehefrau Ruth Lambsdorff, die von ihm schwanger und derart vollgeschwafelt wurde, daß sie entfloh ohne Kraft die Vaterschaft zu verkünden. Während ein großer Zufall die beiden dann doch zusammen und in eine Ehe führte, ist seine Freundschaft zu I(st)ván nicht neu belebbar. Iván, der zufällig in Berlin vergessene Dissident wider Willen, spielte eine besondere Rolle beim Aufeinandertreffen von Ruth und Richard.

Doch die Zeiten des Zufalls sind vorbei. Heute scheint alles messbar. Leistung, Gesundheit und Lebensgefühl werden digital kontrolliert und manipuliert. Die Planbarkeit ist das Ziel und die Glaubensbekenntnis von Erkner und den Jüngern der Singularität. Ein für Kraft widersprüchliches und wenig erstrebenswertes Konzept. Seine Motivation ist gehemmt, seine Melancholie steigert sich, der in Stanford erhoffte optimistische Schwung bleibt aus. Sein Leben steuert auf eine Sackgasse zu. Familienleben und Akademikerkarriere, einst angestrebte Ziele, scheinen Kraft im Rückblick unvereinbar. Risikoreich beschleunigt Richard die Fahrt. Er gefährdet sich bei einer Rudertour, zerstört aber nur das Boot. Er begibt sich während eines Crime Alerts auf den abgesperrten Campus, entgeht aber dem Schuss. Auch ein Erdbeben bleibt nur ein Traum, man zögert, ob ein böser oder ein erlösender.

Kraft ist den Erinnerungen an ein nichtgeglücktes Leben ausgesetzt. Rückblenden, stets kommentiert vom allwissenden Erzähler, verknüpfen die erotische Entwicklung des Helden mit der politischen Entwicklung der BRD. Kraft denkt an die Kriegsgefangenschaft des Vaters und des Kniefalls Willi Brandts und stellt die Schuldfrage.

Alles das geht Kraft am Schreibplatz des Instituts durch den Kopf, während er sich beim Anblick der Reinigungsfrau fühlt „als sauge sie ihm den letzten Rest Lebenskraft aus dem Leib“. Als starker Kontrast bleibt einzig sein Gefühl gegenüber Johanna. „Und die Liebe höret niemals auf“ stand am Anfang der gemeinsamen vier Jahre. Doch auch der Versuch dieses Ende zu klären, scheitert.

So illusionslos, wie Kraft sein eigenes Leben analysiert, seziert er auch das der Anderen. Mit Sarkasmus zeichnet er amerikanische Verhaltensweisen von unbekümmerten Stanford-Studenten bis zu den Hipstern im Silicon Valley. Die Warnungen seines allwissenden Erzählers schlägt er in den Wind und schwafelt sarkastisch und zunehmend verzweifelt weiter. Es ist sehr amüsant zu lesen, wie Lüscher Ernährung als Ersatzreligion entlarvt, sei es soyabasierter Nahrungssurrogat oder die zur Delikatesse gehypten Käsenudeln, „siedende Kinderspeise in Spätzlepfanne“. Manchmal nehmen seine verschachtelten Sätze zwar Proust’sche Ausmaße an, ähneln in ihrer Eleganz allerdings an die staubtrockene Wissenschaftsprosa der Achtziger. Doch dahinter lauern zum Glück wieder erfrischend ironische Kommentare, sei es zur Politik oder zur Kunst. Die marmornen Testikelprothesen werden mit Sicherheit noch lange hinterher hängen.

Jonas Lüscher, Kraft, München 2017, Verlag C. H. Beck
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