Nach dem Tod nun die Liebe

Die Liebenden von Mantua“ — Ralph Dutlis wort- und wissensreiche Weberei über die Liebe

dutli mantuaViel­leicht war es ein re­li­giö­ses Mär­chen, viel­leicht –ein jung­stein­zeit­li­cher Opern­stoff. Du hauchst auf das Glas, mei­net­we­gen auf das glä­ser­ne Ge­bil­de des Ro­mans, die­sen schmuck­lo­sen Schau­kas­ten, die­ses Kris­tall­haus oder ca­sa di cris­tal­lo, um dei­ne flüch­ti­ge Spur zu hin­ter­las­sen. Es ist zer­brech­lich, es ist durch­sich­tig. Al­les ist ein­ma­lig, al­les ist zwei­ma­lig mei­net­we­gen durch die Schrift.“

Mär­chen­haft wie die Wen­dun­gen ist bis­wei­len der Ton in Ralph Dut­lis Ro­man „Die Lie­ben­den von Man­tua“. Der Ti­tel klingt nach Oper, de­ren Zu­ta­ten Lie­be, Tod und Glau­ben fol­ge­rich­tig in Ita­li­en in­sze­niert wer­den. Dort, in der Re­nais­sance­stadt Man­tua, er­weckt Dut­li Ar­te­fak­te und Re­lik­te zu Prot­ago­nis­ten sei­ner Phan­ta­sie.

Al­len vor­an ein neo­li­thi­scher Grab­fund, das Ske­lett ei­ner Frau und das ei­nes Man­nes. Als die Ar­chäo­lo­gen sie im Jahr 2007 in Val­daro frei­le­gen, ver­brei­tet die Sen­sa­ti­on das Paar un­ter dem Na­men „Die Lie­ben­den von Man­tua“. Sie er­reicht auch Ma­nu, den Schrift­stel­ler, der im Mai 2013 auf der Su­che nach ei­nem neu­en Ro­man­stoff nach Man­tua reist. Hier will er mehr über die Hin­ter­grün­de der ver­meint­li­chen Stein­zeit-Love­sto­ry er­fah­ren. Auch Raf­fa, Ma­nus Freund aus frü­hen Ta­gen, re­cher­chiert in der Re­nais­sance­stadt. Er soll dem Erd­be­ben auf den Grund ge­hen, das ein Jahr zu­vor die Ge­gend er­schüt­tert hat.

Zwei star­ke Be­we­gun­gen, Amo­re und Ter­re­mo­to, be­för­dern Ma­nu und Raf­fa zum glei­chen Zeit­punkt auf die Piaz­za Man­te­gna. Sie ver­ab­re­den sich für den nächs­ten Tag, um ihr Wie­der­se­hen zu ver­tie­fen. Doch da­zu kommt es nicht, der Schrift­stel­ler scheint ver­schwun­den. Egal wie hart­nä­ckig Raf­fa war­tet, Ma­nu taucht nicht an dem ver­ab­re­de­ten Punkt auf.

Bei sei­ner Su­che nach dem Freund trifft Raf­fa auf Lo­re­na, die ihm nicht nur über Ma­nu Aus­kunft gibt. Die­ser hin­ge­gen wur­de ent­führt, sein In­ter­es­se an den To­des­ur­sa­chen der Stein­zeitske­let­te wur­de ihm zum Ver­häng­nis. Als ver­meint­li­cher Ex­per­te des Worts und der Lie­be soll er ei­nem Con­te ein neu­es Glau­bens­be­kennt­nis ver­fas­sen. Für den nicht nur dem Na­men nach un­gläu­bi­gen Igno­to ist Chris­tus ein un­be­deu­ten­der Wan­der­pre­di­ger, die nach die­sem be­grün­de­te Re­li­gi­on lehnt er ab. An­stel­le ei­nes ge­fol­ter­ten Leich­nams ver­ehrt er die über den Tod hin­aus Lie­ben­den. Ih­re Re­li­qui­en lie­gen be­reits im ei­gens ge­schaf­fe­nen Hei­lig­tum un­ter sei­nem Pa­last. Ih­nen soll der ge­fan­ge­ne Ma­nu die­nen, als ein­zi­ge Ge­fähr­ten be­glei­ten ihn die kost­ba­ren Schrif­ten der gräf­li­chen Bi­blio­thek und ein zit­tern­des Oli­ven­bäum­chen.

Die Lie­be als Zen­trum in Ralph Dut­lis zwei­tem Ro­man wird nicht nur durch das ti­tel­ge­ben­de Paar ver­kör­pert. Auch sei­ne drei le­ben­den Prot­ago­nis­ten, Ma­nu, Raf­fa und Igno­to lei­den an ihr in un­glück­lich, un­ver­gess­li­cher Wei­se. Ma­nu liebt die ver­schwun­de­ne Lau­re, Igno­to sei­ne ver­stor­be­ne Lui­sa. Raf­fa wird die Ver­geb­lich­keit sei­ner Lie­be zu Lo­re­na noch er­ken­nen müs­sen.

Sei­ne Ge­dan­ken zur Lie­be va­ri­iert Dut­li nicht nur wort- son­dern auch ge­schich­ten­reich. Amor und Psy­che, Ro­meo und Ju­lia, Tris­tan und Isol­de, ja so­gar Qua­si­mo­do und Es­me­ral­da tau­chen auf. Sie be­zeu­gen das Ge­fühl, das die Han­deln­den an­treibt. In die Er­zäh­lung ein­ge­bun­den sind De­tails über den Fund von Val­daro, Ver­gil, Man­te­gnas „Zim­mer der Ver­mähl­ten“, Gui­lio Ro­ma­no, die Gon­za­ga-Dy­nas­tie. Durch Kunst und Künst­ler macht Dut­li mit Man­tua ver­traut und mit dem The­ma des Ro­mans.

Die­ser ist al­ler­dings auch nicht frei von Kri­tik an Kul­tur und Ge­sell­schaft, sei­en es der Tä­to­wier­wahn, die All­ways-On-Ma­nie oder die Be­schä­mung ar­beits­lo­ser Aka­de­mi­ker als „hoch­qua­li­fi­zier­te All­round­job­ber“. Es läuft vie­les falsch, nicht nur im 2013 noch „Ber­lu-Le­pra“ ver­seuch­ten Ita­li­en.

Soll man die­se Pro­ble­me, bei de­nen nach Igno­tos Bi­bel­ex­ege­se auch die christ­li­che Re­li­gi­on nichts hilft, ver­ges­sen? Der Ro­man ruft da­zu auf, sich an das zu er­in­nern, was das Le­ben aus­macht. Da­zu zäh­len auch Träu­me, zu de­nen Ma­nu nicht nur in der wan­deln­den Bi­blio­thek des Gra­fen reich­lich Stoff fin­det.

Ralph Dut­li spielt mit sei­nen Fi­gu­ren und mit dem Le­ser, er of­fen­bart ihm Li­te­ra­tur, Ma­le­rei, Re­li­gi­on und Phi­lo­so­phie. Der aus der Schweiz stam­men­de und heu­te in Hei­del­berg le­ben­de Ro­ma­nist und Ly­ri­ker of­fen­bart auch sich selbst, nicht nur in der Fik­ti­on, auch in Be­zü­gen auf sein Le­ben und Werk. Wie sein er­fun­de­ner Schrift­stel­ler leb­te auch er lan­ge in Pa­ris, in der Nä­he des Fried­hofs Mont­par­nas­se, und als wä­re dies nicht wir­kungs­los ge­blie­ben, schu­fen bei­de Ro­ma­ne, in de­nen der Tod ei­ne gro­ße Rol­le spielt. „Chauf­feur ei­nes Lei­chen­wa­gens“ war Dut­li in „Sou­ti­nes letz­te Fahrt“. Ei­nen Satz die­ses be­ein­dru­cken­den Ro­mans trägt Ma­nu zum Trost im Ta­schen­tuch mit sich. Ein In­diz für Dut­lis voll­ende­te Sprach- und Wis­sens­we­be­rei, die den Ro­man zu ei­ner nicht im­mer ein­fa­chen, aber be­ein­dru­cken­den Lek­tü­re macht.

Ralph Dutli, Die Liebenden von Mantua, Wallstein Verlag, 1. Aufl. 2015
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