Schillernde Persönlichkeiten im Paris der Jahrhundertwende

Julian Barnes betreibt in „Der Mann im roten Rock“ einen Streifzug durch die Belle Époque

Ma­chen wir al­so wei­ter mit dem Greif­ba­ren, dem Spe­zi­fi­schen, dem All­täg­li­chen: dem ro­ten Rock. Denn so bin ich dem Bild und dem Mann zum ers­ten Mal be­geg­net: 2015 in der Na­tio­nal Por­trait Gal­le­ry in Lon­don als Leih­ga­be aus Ame­ri­ka. (…) Das Mo­dell – der Bür­ger­li­che mit dem ita­lie­ni­schen Na­men – ist 35, sieht gut aus, trägt ei­nen Bart und schaut selbst­be­wusst über un­se­re rech­te Schulter.“

Ju­li­an Bar­nes neu­es Werk, Der Mann im ro­ten Rock, weck­te mein In­ter­es­se durch sei­ne ti­tel­ge­ben­de Fi­gur. Die­se sei, so las ich, ei­ne von Prousts In­spi­ra­ti­ons­quel­len für die Fi­gur des Dok­tor Cot­tard ge­we­sen. Wie die­ser war auch Dr. Sa­mu­el Poz­zi, den der ame­ri­ka­ni­sche Ma­ler John Sin­ger-Sar­gent im auf­fäl­li­gen ro­ten Haus­ge­wand ver­ewig­te, ein be­rühm­ter Me­di­zi­ner. Sein Fach­ge­biet war al­ler­dings an­ders als das des Proust‘schen Arz­tes die Gy­nä­ko­lo­gie. Bei­de wa­ren Frau­en­hel­den, Cot­tards Er­obe­run­gen sind al­ler­dings we­ni­ger sei­nem Äu­ße­ren zu­zu­schrei­ben. Es gibt al­so wohl so vie­le Un­ter­schie­de zwi­schen der his­to­ri­schen Per­son Poz­zi und der fik­ti­ven Fi­gur Cot­tard wie es Ge­mein­sam­kei­ten gibt. Das gilt für die meis­ten Per­so­nen, die Proust por­trä­tier­te. Ei­ne Aus­nah­me bil­det viel­leicht Mme Cot­tard, der Phil­ip­pe Mi­chel-Thi­riet als Vor­bild Poz­zis Ehe­frau Thé­rè­se  zu­schreibt, „die ganz in ih­ren Pflich­ten als Ge­mah­lin auf­geht und die von ih­rem Gat­ten eben­so be­tro­gen wird“.

Die­se hier in we­ni­gen Zei­len auf­ge­zähl­ten Ei­gen­schaf­ten bil­den die Fa­ma Poz­zis. Er galt als fort­schritt­li­cher Arzt, der sich nicht nur be­ruf­lich den Frau­en wid­me­te, als ex­tra­va­gan­ter Sti­list, was sich in sei­ner Klei­dung eben­so wie in sei­nem Kunst­ge­schmack nie­der­schlägt. Ein Mann, „bei­na­he ein Dan­dy“, so be­rühmt, daß er bei Proust zu fin­den ist.

Bar­nes be­nennt die Be­zü­ge und die Be­zie­hun­gen. Proust selbst tritt in „Der Mann im ro­ten Rock“ auf. Ne­ben Flau­bert, auch er wird im Buch er­wähnt, ist er der Schrift­stel­ler, der den Schrift­stel­ler Bar­nes prägt. Dies gilt glei­cher­ma­ßen für die Bel­le Épo­que. Die Zeit um die Wen­de des vor­letz­ten zum letz­ten Jahr­hun­dert ist die ei­gent­li­che Haupt­dar­stel­le­rin des Bu­ches, das als kul­tur­his­to­ri­sches Es­say be­zeich­net wer­den könnte.

Bar­nes hängt sein Who’s who nicht nur an der Per­son Poz­zi auf. Ei­ne Sze­ne aus dem Jahr 1885 dient ihm als Dreh- und An­gel­punkt. Es ist Ju­ni als drei an­ge­se­he­ne Män­ner der Pa­ri­ser Ge­sell­schaft in die eng­li­sche Haupt­stadt rei­sen. Ed­mond de Po­lignac, Ro­bert de Mon­tes­quiou-Fe­zen­sac, Sa­mu­el Jean Poz­zi, “ei­ner war ein Prinz, ei­ner ein Graf und der Drit­te war ein ein­fa­cher Bür­ger mit ita­lie­ni­schem Fa­mi­li­en­na­men“. Von Os­car Wil­de ver­mit­telt tref­fen sie Hen­ry Ja­mes, kau­fen schö­ne Din­ge und ver­gnü­gen sich im Crys­tal Pa­lace. Das Sze­na­rio dient Bar­nes als Ein­stieg und er kehrt stets da­hin zu­rück. Dies voll­führt er in Vol­ten, die es ihm er­lau­ben, zu wei­te­ren Per­so­nen und Er­eig­nis­sen zu schwei­fen. Bis­wei­len auch zu an­de­ren Or­ten als Pa­ris, dem Zen­trum des Ge­sche­hens, und dem Ne­ben­schau­platz Lon­don. Man reist in die La­gu­ne von Ve­ne­dig, be­sucht die Fest­spie­le von Bay­reuth, ei­nen Me­di­zin­kon­gress in Edin­burgh oder tourt durch Ame­ri­ka. Und nicht nur man, son­dern wie das letz­te Bei­spiel zeigt auch frau.

Sa­rah Bern­hardt, die be­rühm­tes­te Schau­spie­le­rin der Epo­che, die Ber­ma Prousts, kon­sul­tiert Poz­zi aus Über­see als sie auf ei­ner Tour­nee er­krankt. In jun­gen Jah­ren war sie eng mit dem eben­falls noch sehr jun­gen Poz­zi be­freun­det. Wie eng, da will Bar­nes sich nicht fest­le­gen. Er zieht es vor, die Ge­rüch­te als Ge­rücht zu ver­brei­ten. Je­den­falls nann­te die Bern­hardt Poz­zi „Doc­teur Dieu“ und blieb ihm als Freun­din und als Pa­ti­en­tin verbunden.

Von der Schau­spie­le­rin ver­öf­fent­licht Bar­nes das be­rühm­te Fo­to, das Paul Na­dar von ihr ge­fer­tigt hat. Von den zahl­rei­chen an­de­ren Ge­sell­schafts­grö­ßen, die Bar­nes er­wähnt, fin­den sich klei­ne Fo­tos, die die Fir­ma Po­tin als Sam­mel­bil­chen ih­ren Scho­ko­la­den hin­zu­füg­te. Kul­tur­schaf­fen­de statt Fuß­bal­ler, welch‘ glück­li­che Epo­che! Un­ter den Sam­melns­wer­ten fin­den sich die Brü­der Gon­court, Paul Ver­lai­ne, Co­let­te, An­dré Gi­de, Edith Wharton.

Fol­gen wir der Vi­ta Poz­zis, die Bar­nes in Aus­schnit­ten und aus ver­schie­de­nen Blick­win­keln prä­sen­tiert. Poz­zi bringt die Me­di­zin vor­an mit Hy­gie­ne und neu­en Ope­ra­ti­ons­tech­ni­ken, er ver­fasst Ge­dich­te und über­setzt Dar­win. Bar­nes blickt auf Poz­zis bra­ve Ehe­frau Thé­rè­se und lässt die ei­gen­wil­li­ge Toch­ter Ca­the­ri­ne auf ih­ren Va­ter bli­cken. Die Kon­struk­tio­nen ma­chen ihm Quel­len wie Brie­fe, Ta­ge­bü­cher, Zei­tungs­ar­ti­kel, aber auch Ro­ma­ne möglich.

Durch den Ein­blick in in­di­vi­du­el­le Ge­schich­ten ge­lingt Bar­nes die Il­lus­trie­rung ei­ner Epo­che. Ent­wick­lun­gen der Wis­sen­schaft und der Kunst, der li­te­ra­ri­schen, mu­si­ka­li­schen so­wie der Bild­kunst be­geg­nen der Le­se­rin die­ses Buchs. Nicht un­er­wähnt sol­len auch die Aus­füh­run­gen zu ei­nem spe­zi­el­len So­zi­al­ver­hal­ten blei­ben. Das Du­ell, die Sa­tis­fak­ti­ons­quel­le der Ge­kränk­ten, in Eng­land ver­pönt, in Pa­ris noch en vogue, be­leuch­tet Bar­nes aus­führ­lich und nicht oh­ne Hin­ter­ge­dan­ken für die Fort­set­zung sei­ner Geschichte.

Wie über­haupt nichts oh­ne Hin­ter­ge­dan­ken in die­ses Buch ge­langt sein wird, das in ge­schick­ten Ver­knüp­fun­gen auf kurz­wei­li­ge Wei­se von der Bes­se­ren Ge­sell­schaft er­zählt und ih­re Stars, ih­re Schön­hei­ten, ih­re Künst­ler und Dan­dys in schö­nen wie schau­er­li­chen Sto­ries und His­tör­chen le­ben­dig wer­den lässt.

Bar­nes zeich­net in „Der Mann im ro­ten Rock“ ein viel­ge­stal­ti­ges Epo­chen­bild, aus dem man man­ches lernt. Sei es Ku­rio­ses über die Nahr­haf­tig­keit des Pep­ton­k­lis­tiers oder Klu­ges über die Lie­be. „Aber es kommt oft vor, dass man „denkt man liebt je­man­den“, be­vor man wirk­lich liebt.“

Julian Barnes, Der Mann im roten Rock, übers. v. Gertraude Krueger, Kiepenheuer & Witsch 2021

Muse Melancholie

Steven Price imaginiert in Der letzte Prinzdie Beziehung von Schöpfer und Werk

Manch­mal war es, als hör­te er den Ro­man mit sich re­den. Sein Fürst, den er sich im­mer als vom feh­len­den Glau­ben aus­ge­höhlt ge­dacht hat­te, ent­pupp­te sich viel­mehr als Letz­ter der Gläu­bi­gen. Doch war der Glau­be des Fürs­ten ein Glau­be an die Tra­di­ti­on, an das Schick­sal ei­nes Ge­schlechts, und in sol­chen Au­gen­bli­cken er­kann­te Giu­sep­pe, dass er sich durch die ei­ge­ne Bit­ter­keit hin zu dem Men­schen ge­schrie­ben hat­te, der er gern ge­wor­den wä­re. Sein Fürst stand al­lein, un­ge­rührt, brauch­te nie­man­den, und ge­ra­de des­halb, und weil es kein wah­res Über­le­ben in der Iso­la­ti­on gibt, war die Stär­ke des Fürs­ten das, was ihn zerstörte.“

Der Leo­pard“ oder bes­ser „Il Gat­to­par­do“, — die Wild­kat­ze im Ti­tel, die an­ders als das ge­fleck­te Raub­tier, sich nicht mit Brül­len Re­spekt ver­schaf­fen kann, ent­hüllt das Mot­to des Ro­mans -, ist wohl je­dem italo­phi­len Le­ser be­kannt. Der be­rühm­tes­te ita­lie­ni­sche Ro­man des 20. Jahr­hun­derts schil­dert den Um­schwung der Ver­hält­nis­se, die das Ri­sor­gi­men­to ein Jahr­hun­dert zu­vor in Ita­li­en aus­ge­löst hat­te. Von den Fol­gen des Frei­heits­kampfs un­ter Ga­ri­bal­di er­zählt Giu­sep­pe To­ma­si di Lam­pe­du­sa, selbst Spross ei­ner ehe­mals mäch­ti­gen Fürs­ten­fa­mi­lie, am Bei­spiel des Adels­ge­schlechts Sa­li­na. Des­sen Ober­haupt, Fürst Fa­bri­zio Sa­li­na, er­kennt weit­sich­tig wie wei­se die ge­sell­schaft­li­chen Ver­än­de­run­gen, die der po­li­ti­sche Um­bruch her­bei­füh­ren wird. Sein Nef­fe Tan­credi ar­ran­giert sich früh­zei­tig, in­dem er die zu­grun­de ge­hen­de Tra­di­ti­on zu­guns­ten des Er­folgs hin­ter sich lässt, ge­treu sei­nem Wahl­spruch „Wenn al­les blei­ben soll, wie es ist, muss sich al­les än­dern“.

Oft wird die­se Hal­tung und da­mit der Ro­man als Gleich­nis auf die post­fa­schis­ti­schen Ver­hält­nis­se Si­zi­li­ens ge­deu­tet. Eben­so liest man ihn als me­lan­cho­li­sche Re­mi­nis­zenz des Au­tors auf die ei­ge­ne Fa­mi­lie, trägt Don Fa­bri­zio doch Zü­ge von To­ma­sis Ur­groß­va­ter Giu­lio Fa­bri­zio di Lam­pe­du­sa. Auch weist Tan­credi, der ge­lieb­te Nef­fe Don Fa­bri­zi­os, Ähn­lich­kei­ten mit Gio­ac­chi­no Lan­za auf, dem gleich­falls ge­lieb­ten Nef­fen und Ad­op­tiv­sohn Tomasis.

1954 be­gann Giu­sep­pe To­ma­si mit der Ar­beit an sei­nem Ro­man, den er zwei Jah­re spä­ter voll­ende­te. Die Ver­la­ge Mond­ado­ri und Ein­au­di lehn­ten ei­ne Ver­öf­fent­li­chung ab. Erst 1958, ein Jahr nach To­ma­sis Tod, er­schien er durch die Für­spra­che Gi­or­gio Bassa­nis bei Fel­tri­nel­li. Wei­te­re Jahr­zehn­te soll­te es dau­ern, bis der Ro­man end­lich in voll­stän­di­ger Form er­schien, in­klu­si­ve zu­rück­ge­hal­te­ner Passagen.

Die­se ver­schlun­ge­nen Be­zie­hun­gen zwi­schen der Bio­gra­phie To­ma­sis und des­sen Werk mö­gen es sein, die den ame­ri­ka­ni­schen Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­ler Ste­ven Pri­ce zu sei­nem Ro­man Der letz­te Prinz ver­an­lass­ten. Er er­zählt „Mu­se Me­lan­cho­lie“ wei­ter­le­sen

Ghostbusters

Christine Wunnicke lässt in ihrer Wissenschaftssatire „Katie“ Empirie gegen Esoterik antreten

Der Schrank war ihr Hei­lig­tum, ihr Ar­beits­platz, das Zen­trum ih­res Ruhms. Am Schrank hing al­les. Der Schrank war der Grund, war­um Flo­rence zu Mut­ters gro­ßer Qual nie mehr im Sa­lon und nur stets im Wohn­zim­mer emp­fing. In den Schrank trat sie hin­ein, wenn die Gäs­te be­reit­sa­ßen, hier ließ sie sich fes­seln und noch ein­mal fes­seln, ih­re Zöp­fe an die Wand­ha­ken bin­den, ih­ren Kopf in Tü­cher und Schals wi­ckeln, bis sie kaum noch Luft be­kam. Hier hauch­te sie ihr „fes­ter, fes­ter”, wenn man zim­per­lich mit ihr um­ging, was man lei­der oft tat, vor lau­ter Re­spekt. Hier ver­harr­te sie schwei­gend, zu­wei­len auch lei­se seuf­zend, wäh­rend Mut­ter drau­ßen den Hym­nen­ge­sang an­lei­te­te, und wartete.“

Seit Men­schen­ge­den­ken ist der Geis­ter­glau­be ein Pro­dukt des Ha­derns mit der Ver­gäng­lich­keit al­les Ir­di­schen. Aus dem Wunsch mit dem Jen­seits und den To­ten in Kon­takt zu tre­ten ent­wi­ckel­te sich im 19. Jahr­hun­dert ein re­gel­rech­ten Boom, der Spi­ri­tis­mus. Aus­ge­löst wur­de er durch Er­eig­nis­se, wie die Klopf-Kom­mu­ni­ka­ti­on mit ei­nem Er­mor­de­ten, die Fa­mi­lie Fox in ih­rem Haus in Hydes­vil­le trieb und die 1848 „Ghost­bus­ters“ wei­ter­le­sen

Amerika und Europa — Eitelkeit und Leidenschaft

Das Tagebuch eines Mannes von fünfzig Jahren“ — fünf Erzählungen von Henry James

Auf je­den Fall war sie für mich das fes­selnds­te; es ist nicht mei­ne Schuld, wenn ich nun ein­mal so ver­an­lagt bin, dass ich an Si­tua­tio­nen, die zwei­fel­haft sind und der In­ter­pre­ta­ti­on be­dür­fen, viel­fach mehr Le­ben aus­ma­chen kann als am of­fen­kun­di­gen Ge­klap­per im Vor­der­grund. Und es steck­ten al­le mög­li­chen Din­ge, an­rüh­ren­de, amü­san­te, rät­sel­haf­te Din­ge – und vor al­lem ei­ne sol­che Ge­le­gen­heit, wie sie sich mir zu­vor noch nie ge­bo­ten hat­te – in die­sem lus­ti­gen klei­nen Schicksal (…).“

War­um man gu­te Li­te­ra­tur — und da­zu zäh­len zwei­fel­los die Wer­ke Hen­ry Ja­mes’ — le­sen soll­te, zeigt die­ses Zi­tat des Au­tors, des­sen hun­derts­ter To­des­tag im ver­gan­ge­nen Jahr vie­le Ver­la­ge mit Neu­aus­ga­ben ehr­ten. So hat­te ich mit Dai­sy Mil­ler und Ei­ne Da­me von Welt zum ers­ten Mal das Ver­gnü­gen, die­sem Au­tor zu be­geg­nen. Vor al­lem sei­ne iro­ni­schen, schnel­len Dia­lo­ge ga­ran­tie­ren ei­ne kurz­wei­li­ge Lek­tü­re. Sein Haupt­the­ma, die kul­tu­rel­len Dif­fe­ren­zen zwi­schen den USA und Eu­ro­pa, scheint heu­te ak­tu­el­ler denn je. Die An­sich­ten des neun­jäh­ri­gen, neu­rei­chen Ame­ri­ka­ners über eu­ro­päi­sche Ver­hält­nis­se wür­de POTUS45 si­cher goutieren.

Der 1843 ge­bo­re­ne Ame­ri­ka­ner Hen­ry Ja­mes war ein aus­ge­zeich­ne­ter Eu­ro­pa-Ex­per­te. Seit sei­ner Ju­gend be­reis­te er den Kon­ti­nent, auf dem er bald sei­ne Wahl­hei­mat fand. Die ge­gen­sei­ti­gen „Ame­ri­ka und Eu­ro­pa — Ei­tel­keit und Lei­den­schaft“ wei­ter­le­sen

Eine wunderbare Frau

Viel Theater um die Ehre in Henry James” „Eine Dame von Welt”

James_Eine-Dame-von-Welt_U1_Banderole.inddWis­sen Sie, es ist das bes­te Thea­ter“, sag­te sie zu Wa­ter­vil­le, als woll­te sie sich leut­se­lig ge­ben. „Und das ist Vol­taire, der be­rühm­te Schriftsteller.“
„Ich lie­be die Comé­die-Fran­çai­se“, ant­wor­te­te Wa­ter­vil­le lächelnd.
„Ein furcht­bar schlech­tes Haus, wir ha­ben kein Wort ver­stan­den“, sag­te Sir Arthur.
„Ach ja, die Lo­gen“, mur­mel­te Waterville.
„Ich bin ziem­lich ent­täuscht“, fuhr Mrs. Head­way fort. „Aber ich will se­hen, was aus der Frau wird.“
„Do­na Clorin­de? Ach, ver­mut­lich wird sie er­schos­sen, in fran­zö­si­schen Stü­cken wer­den die Frau­en meis­tens er­schos­sen“, mein­te Littlemore.
„Das wird mich an San Die­go er­in­nern!“, rief Mrs. Headway.
„Nicht doch, in San Die­go wa­ren es die Frau­en, die schossen.“
„Sie schei­nen sie nicht er­schos­sen zu ha­ben!“, er­wi­der­te Mrs. Head­way keck.
„Nein, aber ich bin von Wun­den durchlöchert.“

Sie fängt schon gut an die­se Comé­die Fran­çai­se. Im Haus des gleich­na­mi­gen Pa­ri­ser Thea­ters lässt Ja­mes sei­ne Haupt­dar­stel­ler zum ers­ten Mal auf­tre­ten. Die bei­den be­freun­de­ten Ame­ri­ka­ner Ru­pert Wa­ter­vil­le und Ge­or­ge Litt­lemo­re sit­zen zwar in Büh­nen­nä­he, rich­ten ih­re Auf­merk­sam­keit je­doch „Ei­ne wun­der­ba­re Frau“ wei­ter­le­sen

Ein Hauch vergangener Zeiten“

Henry James’ „Daisy Miller“ amüsiert mit Ironie und spritzigen Dialogen

Daisy MillerIch hab’ kei­ne Zäh­ne, die ka­putt­ge­hen kön­nen. Die sind al­le aus­ge­fal­len. Ich hab’ nur noch sie­ben. Mut­ter hat sie ges­tern Abend ge­zählt, und gleich da­nach ist noch ei­ner aus­ge­fal­len. Sie hat ge­sagt, sie ohr­feigt mich, wenn noch mehr aus­fal­len. Da­bei kann ich gar nichts da­für. Es liegt al­les an die­sem al­ten Eu­ro­pa. Es liegt am Kli­ma hier, dass sie aus­fal­len. In Ame­ri­ka ist kei­ner aus­ge­fal­len, es liegt an den Hotels.“

Die­se Kla­ge legt Hen­ry Ja­mes in sei­ner No­vel­le Dai­sy Mil­ler ei­nem neun­jäh­ri­gen Jun­gen in den zahn­lo­sen Mund und macht so gleich zu Be­ginn auf sein The­ma auf­merk­sam, die „na­tio­nal­ty­pi­schen“ Un­ter­schie­de zwi­schen Eu­ro­pä­ern und Ame­ri­ka­nern. Stu­die­ren konn­te er die­se seit frü­her Ju­gend. Mit sei­ner Fa­mi­lie be­reis­te er den al­ten Kon­ti­nent, der ihm so gut ge­fiel, daß er spä­ter in Lon­don, Pa­ris, Bo­lo­gna, Bonn und Genf stu­dier­te, sich dann in Eng­land an­sie­del­te und schließ­lich die Staats­bür­ger­schaft sei­ner Wahl­hei­mat an­nahm. Dies ge­schah kurz vor sei­nem Tod, der sich in die­sem Jahr am 28. Fe­bru­ar zum hun­derts­ten Ma­le jährte.

Ob aus dem klei­nen Ran­dolph auch einst ein Eu­ro­pä­er wer­den wird, bleibt Ein Hauch ver­gan­ge­ner Zei­ten““ wei­ter­le­sen

[Rebloggt] Renate Feyl: Das sanfte Joch der Vortrefflichkeit|aus.gelesen

Wie Goe­thes Cor­ne­lia und Schil­lers Ca­ro­li­ne zu zwei Bio­gra­phien, zwei Re­zen­sio­nen, ei­ni­gen Kom­men­ta­ren und ei­ner sehr in­ter­es­san­ten Zu­sam­men­ar­beit in­spi­rier­ten, schil­dert Flat­ter­satz in sei­nem Blog aus.gelesen.

Vor kur­zem stell­te ich hier, be­dingt durch die Lek­tü­re mei­nes Le­se­krei­ses, die von Sig­rid Damm ver­fass­te Bio­gra­phie der Schwes­ter Goe­thes, Cor­ne­lia Goe­the, verh. Schlos­ser vor [2]. Die­ses im Gan­zen ge­se­hen durch die Dis­kre­panz zwi­schen den in­ne­ren Mög­lich­kei­ten die­ser jun­gen Frau und ih­rer Un­mög­lich­keit, dies im Rah­men ih­res Zeit­al­ters zu rea­li­sie­ren, tra­gi­sche Le­ben woll­te ich jetzt ger­ne im Kon­trast se­hen zu ei­nem an­de­ren Frau­en­schick­sal die­ser Epo­che, das bei wei­tem nicht so tra­gisch ver­lief, ja, man könn­te sa­gen, das ein Mus­ter­bei­spiel ist für das, was ei­ne mu­ti­ge, cou­ra­gier­te und in­tel­li­gen­te Frau auch in ei­ner män­ner­do­mi­nier­ten Ge­sell­schaft er­rei­chen kann. Und so griff ich zu dem schon seit län­ge­rem in mei­nem Re­gal aus­har­ren­den Ro­man Re­na­te Fe­yls über die Schrift­stel­le­rin Ca­ro­li­ne von Wolzogen.

Das sanf­te Joch der Vor­treff­lich­keit” ist ein Ro­man, kei­ne Bio­gra­phie, es ist die Schil­de­rung ei­nes Le­bens in der Ich-Form, in die die Au­torin ge­schlüpft ist und die es für den Le­ser schwie­rig macht, die „[Reb­loggt] Re­na­te Fe­yl: Das sanf­te Joch der Vortrefflichkeit|aus.gelesen“ wei­ter­le­sen