Emanzipation durch Eskapismus?

Fang Fang schildert in „Blume Vollmond“ die Auswirkungen von Kontrolle und Fremdbestimmung

Für Raz­zi­en die­ser Art in­ter­es­sier­te Yue Man­hua sich nicht. Als sie sich je­doch durch die Men­ge der Gaf­fer dräng­te, ver­nahm sie plötz­lich ein klap­pern­des Ge­räusch, als fie­len un­ter­schied­lich gro­ße Per­len auf ein Ja­de­ta­blett, ein Ge­räusch, das schlag­ar­tig ih­re Ner­ven zum Er­zit­tern brach­te. Ein all­zu ver­trau­tes Ge­räusch! Fast gleich­zei­tig stie­gen die schöns­ten und an­ge­nehms­ten Er­in­ne­run­gen in ih­rem Ge­dächt­nis em­por. Sie blieb wie fest­ge­na­gelt ste­hen und späh­te durch ei­ne Lü­cke zwi­schen den Schau­lus­ti­gen. Ver­streut auf dem Bo­den zwi­schen Sta­peln von Kin­der­bü­chern lie­gend, sah sie Mah-Jongg-Spiel­stei­ne und da­ne­ben ei­ne öl­ver­schmier­te Holz­schach­tel. Das Glück war ihr in den Schoß gefallen.“

 „Blu­me Voll­mond“, das neue Werk der chi­ne­si­schen Au­torin Fang Fang konn­te nach sei­ner Voll­endung 2024 we­gen des staat­lich ver­häng­ten Pu­bli­ka­ti­ons­ver­bots nicht in der Hei­mat der Schrift­stel­le­rin er­schei­nen und wur­de erst­mals 2025 in der deut­schen Über­set­zung von Mi­cha­el Kahn-Acker­mann pu­bli­ziert. Der Ro­man über­rascht durch sei­nen Ton, den ein­fa­chen Satz­bau, der Wie­der­ho­lung von Mo­ti­ven und Kern­aus­sa­gen so­wie den mo­ra­li­schen Be­wer­tun­gen sei­nes all­wis­sen­den Er­zäh­lers. Man ver­mu­tet sich in ei­nem Mär­chen oder eher ei­ner Le­gen­de, denn die Zeit und der Ort sind deut­lich be­nannt. Die Hand­lung spielt in ei­ner Kreis­stadt der Volks­re­pu­blik Chi­na, ei­nem „ab­seits ge­le­ge­nen Städt­chen“ im „Sü­den des Lan­des“ und um­fasst den Zeit­raum von 1949 bis 2008. Die Haupt­fi­gur ist die Toch­ter ei­nes rei­chen Ge­schäfts­manns, die ih­ren schö­nen spre­chen­den Na­men Hua Manyue, Blu­me Voll­mond, schon bald in das nichts­sa­gen­de Pseud­onym Yue Man­hua um­wan­deln muss. Als „ver­zo­ge­ner Spröss­ling ei­ner rei­chen Fa­mi­lie“ saß sie im Spiel­sa­lon der „ehr­wür­di­gen Da­me Chen“ ver­tieft beim Mah-Jongg und ver­pass­te die Flucht ih­rer Fa­mi­lie. Die Hua hat­ten es als Nach­kom­men ei­nes War­lords zu Wohl­stand und Ein­fluss ge­bracht. „Hua Dao­gang, der Haus­herr, galt als klug und um­sich­tig und trug den Bei­na­men »Oh­ne­feind«, sein Sohn, Hua Ma­jiang, war stark und un­ge­stüm und wur­de »der Ty­rann« ge­nannt. Die­se Be­zeich­nun­gen wa­ren nicht un­be­grün­det. Das Ge­schäft der Fa­mi­lie nahm fast die hal­be Stra­ße ein, und die Stra­ße selbst hieß »Hal­be Hua-Stra­ße«.“ Doch nun ist der ge­sam­te Be­sitz per­du und Hua Manyue wird der Ein­tritt in ihr Zu­hau­se von Sol­da­ten ver­wehrt. Hei­mat- und mit­tel­los bleibt ihr ein­zig der nied­rigs­te Die­ner des Hau­ses, Wang Vier, der sie auf Be­fehl des Va­ters vom Mah Jongg los­ei­sen und mit sei­ner Rik­scha zum Ha­fen brin­gen soll­te. Na­tür­lich hat­te er bis auf ei­ne Ohr­fei­ge kei­nen Er­folg und Manyue folg­lich kei­ne Chan­ce, wei­ter­hin die Toch­ter ei­ner rei­chen Fa­mi­lie zu sein. Sie hört auf den Rat des klu­gen Kochs A Gui und bleibt beim gut­mü­ti­gen, aber ein­fäl­ti­gen Kut­scher Wang Vier, der zu­sam­men mit sei­ner Mut­ter ei­ne bau­fäl­li­ge Ba­ra­cke be­wohnt. „Da­mit en­de­te das Le­ben von Hua Manyue, und das Le­ben von Yue Man­hua be­gann. Es war, als hand­le es sich um zwei voll­kom­men ver­schie­de­ne Per­so­nen: Hua Manyues Ta­ge wa­ren von Duft er­füllt ge­we­sen, Yue Man­hu­as Ta­ge da­ge­gen von Gestank.“

Nicht nur für sie hat sich die Welt ver­än­dert, das ge­sam­te chi­ne­si­sche Volk er­hält durch Mao Ze­dongs „Be­frei­ung“ ei­ne an­de­re. Ent­eig­nung und Bo­den­re­form, Ge­set­ze und ver­meint­li­che Gleich­be­rech­ti­gung be­sche­ren je­doch kei­ne schö­ne­re Welt mit bes­se­rer Mo­ral. „In der neu­en Ge­sell­schaft wa­ren die ar­men Leu­te Her­ren im ei­ge­nen Haus.“ Den­noch bleibt je­der sich selbst der Nächs­te, „es (gibt) auch kei­ne gnä­di­gen Her­ren mehr, man sagt Ge­nos­se“. Sie fol­gen den Ma­xi­men der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei und ih­rer un­gnä­di­gen Funktionäre.

Yue Man­hua passt sich den neu­en Re­geln an. Sie fin­det sich in ei­nem Le­ben wie­der, das ih­rem vor­he­ri­gen voll­kom­men ent­ge­gen­ge­setzt ist und den­noch wei­ter­ge­hen wird. „Als sie im Mor­gen­grau­en er­wach­te, hör­te sie das fröh­li­che Sin­gen und La­chen von Kin­dern aus der Fer­ne, le­ben­dig und vol­ler En­er­gie. In die­sem Mo­ment wur­de ihr plötz­lich be­wusst, dass die Welt sich wirk­lich ver­än­dert hatte.“

Fang Fang schil­dert das ent­beh­rungs­rei­che Le­ben ih­rer einst pri­vi­le­gier­ten Hel­din in gro­ßen Sprün­gen. „So ver­ging die Zeit, und mit ih­rem Ver­ge­hen ver­gaß Yue Man­hua selbst, dass sie ein­mal Hua Manyue ge­we­sen war.“ Die pri­va­ten Etap­pen ih­rer Fi­gur, die Ehe­frau, Mut­ter, Ar­bei­te­rin und schließ­lich zur In­ha­be­rin ei­ner mo­der­nen Woh­nung wird, macht Fang Fang zum Ex­em­pel für die po­li­ti­schen Etap­pen der Volks­re­pu­blik, die „Kam­pa­gne ge­gen Kon­ter­re­vo­lu­tio­nä­re“, die In­dus­tria­li­sie­rung im „Gro­ßen Sprung“, die Ver­fol­gun­gen wäh­rend der „Kul­tur­re­vo­lu­ti­on“ so­wie die „Re­form und Öff­nung“ wäh­rend der letz­ten bei­den Jahr­zehn­te des 20. Jahr­hun­derts. Fang Fangs Fi­gu­ren re­agie­ren auf die­se Um­brü­che durch „Ängs­te und Lei­den­schaf­ten“, wie Kahn-Acker­mann in sei­nem Nach­wort be­tont. Wangs und A Gu­is Hoff­nung auf Be­loh­nung durch Hua Manyues Va­ter, weicht der Angst, daß al­les auf­flie­gen könn­te. „A Gui eil­te her­bei, um zu be­rich­ten, dass es den rei­chen Leu­ten an den Kra­gen gin­ge, dass die Fa­mi­lie Hua ver­mut­lich nicht zu­rück­keh­ren wür­de und die wah­re Her­kunft des gnä­di­gen Fräu­leins nicht der Öf­fent­lich­keit preis­ge­ge­ben wer­den dür­fe.“ Der Koch A Gui wird sich auch im Fol­gen­den als die klügs­te Fi­gur des Ro­mans er­wei­sen. Nicht klug, aber bau­ern­schlau auf den ei­ge­nen Vor­teil be­dacht, bleibt die Fa­mi­lie Wang. Schon die Groß­mutter spornt ih­ren En­kel, Yue Man­hu­as un­ge­lieb­ten Sohn, an: „Die Ge­sell­schaft hat sich von Grund auf ge­än­dert, mach, dass sich auch un­se­re Fa­mi­lie von Grund auf än­dert. Streng dich an, ei­ner von den Obe­ren zu wer­den.“ Er wird ih­rem Wunsch folgen.

Yue Man­hua stört das al­les nicht. Vor­der­grün­dig zeigt sie sich kalt und stumpf ge­gen al­le Ge­füh­le. Sie fügt sich den Ge­scheh­nis­sen. „Sie ver­stand sehr gut, dass sie in die­ser Welt ganz al­lein exis­tier­te. Aber sie litt nicht dar­un­ter.“ Sinn fin­det sie in stun­den­lan­gen Mah-Jongg-Par­tien mit ein­ge­bil­de­ten Mit­spie­lern. „Nie­mand ahn­te, dass Yue Man­hua in ei­ner Zeit, in der je­der­mann Ge­fah­ren aus­ge­setzt war, ein selbst­ge­nüg­sa­mes geis­ti­ges Le­ben führ­te. Sie war in ei­ne ei­ge­ne Welt ein­ge­taucht und ge­noss sie kom­plett auf sich gestellt.“

Fa­ta­lis­mus und Es­ka­pis­mus wa­ren schon im­mer ih­re Stra­te­gien ge­gen Fremd­be­stim­mung ge­we­sen. Als Toch­ter, die dem Wil­len ih­res Va­ters zu fol­gen hat­te, eben­so, wie als Ge­nos­sin, die dem Kom­man­do der Ein­heits­par­tei un­ter­liegt. Das Auf­ge­hen im Mah-Jongg hin­ge­gen be­freit sie von al­len An­sprü­chen. „Mah-Jongg zu spie­len be­deu­tet Wet­ten ein­ge­hen. Wet­ten ge­gen an­de­re, aber auch ge­gen sich selbst. Es geht dar­um, sich be­din­gungs­los dem Glück zu über­las­sen. Kei­ner hat dich un­ter Kon­trol­le, und du hast nie­man­den un­ter Kon­trol­le – nicht ein­mal dich selbst. Al­les liegt in den Hän­den des Schicksals.“

In ih­rem Ro­man „Blu­me Voll­mond“ ver­packt Fang Fang ih­re Kri­tik am to­ta­li­tä­ren Re­gime im ei­gen­ar­tig wi­der­stän­di­gen, in­di­vi­dua­lis­ti­schen Ver­hal­ten ih­rer Protagonistin.

Sprach­lich leicht kon­stru­iert, wählt die Au­torin tref­fen­de Bil­der, et­wa wenn ei­ne herz­ver­schlin­gen­de Schlan­ge Ent­täu­schung sym­bo­li­siert. Auch fehlt es trotz erns­ter La­ge nie an Hu­mor, denn „Ein ge­schlach­te­tes Schwein fürch­tet sich nicht mehr da­vor, ab­ge­brüht zu werden.“

Fang Fang, Blume Vollmond, übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Michael Kahn-Ackermann, Hoffmann und Campe 2025

Ein überquellender Schambecher

In „Dream Count“ thematisiert Chimamanda Ngozi Adichie die Diskriminierung weiblicher Lebensentwürfe hart am Chicklit

»Lebst du das Le­ben, das du dir für dich vor­ge­stellt hast?«, frag­te ich. »Nein, aber wer tut das schon?« »Ich den­ke, da gibt es ei­ni­ge Leu­te.« »Man­che Leu­te den­ken, dass man­che Leu­te es tun.« »Wie meinst du das? Dass es auf nie­man­den zu­trifft? Das ist de­pri­mie­rend.« »Ist es das? Ich fin­de es ziem­lich be­ru­hi­gend.« »Ich möch­te dar­an glau­ben, dass man­che Men­schen es tun. Was für ei­nen Sinn hät­te das Gan­ze denn sonst?« Er sah er­nüch­tert aus. »Hilft es zu wis­sen, dass die Welt vol­ler Men­schen ist, die noch trau­ri­ger sind als du?«

Für ihr Werk „Ame­ri­ca­nah“ er­hielt die in Ame­ri­ka le­ben­de Ni­ge­ria­ne­rin Chi­ma­man­da Ngo­zi Adi­chie Auf­merk­sam­keit und An­er­ken­nung. Mit „Dream Count“ hat sie nun ei­nen Ro­man vor­ge­legt, von dem man, an­ge­sichts sei­nes Schmö­ker­po­ten­ti­als, nicht all­zu viel ver­ra­ten möch­te. Adi­chie the­ma­ti­siert dar­in die Un­ge­rech­tig­kei­ten zwi­schen Män­ner und Frau­en, Rei­chen und Ar­men, Wei­ßen und Nicht­wei­ßen, kurz ge­sagt zwi­schen Pri­vi­le­gier­ten und Nicht­pri­vi­le­gier­ten. Auf 528 Sei­ten lässt sie in fünf Ka­pi­teln vier in den USA le­ben­de Afri­ka­ne­rin­nen auf­tre­ten. Drei ih­rer Prot­ago­nis­tin­nen, Zi­ko­ra, Ka­dia­tou und Ome­logor, er­hal­ten je­weils ein ei­ge­nes Ka­pi­tel. Chi­ama­ka, wel­che die Ver­bin­dung zwi­schen den Frau­en knüpft, kommt im ers­ten und letz­ten Teil des Ro­mans zu Wort, was ihn in­halt­lich wie for­mal rahmt.

Chi­ama­ka war zum Stu­di­um in die USA ge­kom­men, gibt die­ses je­doch auf, wird Rei­se­schrift­stel­le­rin und träumt da­von, ei­nen Ro­man zu schrei­ben. Die Iso­la­ti­on der Co­ro­na­zeit bie­tet ihr Mu­ße, sich an ih­ren „Dream Count“ zu er­in­nern, die Män­ner ih­rer ver­gan­ge­nen Lie­bes­be­zie­hun­gen. Ih­re Cou­si­ne Ome­logor er­kennt dar­in das An­zei­chen ei­nes emo­tio­na­len De­fi­zits, „Ein über­quel­len­der Scham­be­cher“ weiterlesen

Scheinbar ausheimisch“

Warum Anna Kims „Geschichte eines Kindes“ auch als Roman über das Recht auf Abtreibung gelesen werden kann

Ent­we­der be­lü­ge ich mich selbst und ver­leug­ne mei­ne Her­kunft, er­klär­te sie, oder – sie woll­te sich nicht da­von über­zeu­gen las­sen, dass ich in mir haupt­säch­lich mich selbst sah, we­der ei­ne Asia­tin noch ei­ne asia­ti­sche Ös­ter­rei­che­rin, son­dern Fran, sim­ply Fran (…)“

Ich ha­be nie ver­stan­den, war­um die Her­kunft mei­ner Mut­ter schwe­rer wie­gen soll als die mei­nes Vaters.“

Der nüch­tern klin­gen­de Ti­tel, „Ge­schich­te ei­nes Kin­des“, ent­spricht der Form des neu­en Ro­mans von An­na Kim. Sie ver­knüpft dar­in die Er­leb­nis­se der Ich-Er­zäh­le­rin Fran­zis­ka, ei­ner ös­ter­rei­chi­schen Au­torin, die 2013 ein Jahr als Wri­ter in Re­si­dence am St. Ju­li­an Col­lege in Green Bay ver­bringt, mit Ak­ten­ein­trä­gen aus den 1950er Jah­ren. Die­se schil­dern das Schick­sal Dan­nys, ei­nes zur Ad­op­ti­on frei­ge­ge­be­nen Jun­gen un­kla­rer Her­kunft. Bei­de, Fran­zis­ka und Dan­ny, ver­bin­det, daß sie Schein­bar aus­hei­misch““ weiterlesen

Die Jungfrau Maria von Sidcup

Clare Chambers unterhält in ihrem Roman „Kleine Freuden“ mit erwartbaren wie unerwarteten Wendungen

Klei­ne Freu­den — die ers­te Zi­ga­ret­te des Ta­ges, ein Glas Sher­ry vor dem Mit­tag­essen am Sonn­tag, ei­ne Ta­fel Scho­ko­la­de, so auf­ge­teilt, dass sie ei­ne Wo­che hielt, ein neu er­schie­ne­nes Buch aus der Bi­blio­thek, noch un­be­rührt und ma­kel­los, die ers­ten Hya­zin­then des Früh­lings, ein sau­ber ge­fal­te­ter Sta­pel Bü­gel­wä­sche, der Ge­ruch des Som­mers, der Gar­ten im Schnee, ein Brief­pa­pier-Spon­tan­kauf für ih­re Schub­la­de – das al­les war be­le­bend ge­nug gewesen.“

Klei­ne Freu­den, so der Ti­tel von Cham­bers Ro­man, emp­fin­det die Jour­na­lis­tin Jean eben­so, wenn sie in ih­rer Ko­lum­ne die skur­ri­len Tipps der Le­se­rin­nen ver­öf­fent­licht. Jean lebt mit ih­rer Mut­ter in Hayes na­he Lon­don und ar­bei­tet als ein­zi­ge weib­li­che Re­por­te­rin in der Re­dak­ti­on des an­säs­si­gen Lo­kal­blatts „The Kent Echo“. Im Jahr 1957, der Hand­lungs­zeit des Ro­mans, sind die Rol­len klar ver­teilt. Ne­ben den Haus­halts-Ko­lum­nen fal­len der Jour­na­lis­tin stets die weib­li­chen The­men zu, so auch als ei­nes Ta­ges ein be­son­de­rer Le­ser­brief die Zei­tung erreicht.

Er stammt von Gret­chen Til­bu­ry und be­zieht sich auf ei­nen we­ni­ge Ta­ge zu­vor er­schie­ne­nen Be­richt über Par­the­no­ge­nese bei Tie­ren. Die Le­se­rin be­haup­tet, sie sei oh­ne männ­li­che Mit­wir­kung schwan­ger ge­wor­den. Soll­te sich „Die Jung­frau Ma­ria von Sid­cup“ weiterlesen

Die Grundfarben der Vorvergangenheit

In „Die Bagage“ ordnet Monika Helfer ihre Familiengeschichte mit Gefühl und Phantasie

So viel ge­schieht, und es ge­schieht ne­ben­ein­an­der, auch wenn es nach­ein­an­der ge­schieht. Wie auf den Bil­dern von Pie­ter Brue­gel dem Äl­te­ren. Ich ha­be es pro­biert. Ein biss­chen kann ich ma­len. Aber ich war nie da­mit zu­frie­den. Wä­re ich doch ei­ne Mu­si­kan­tin! Die Grund­far­ben mei­ner Vor­ver­gan­gen­heit sind fast al­le im Be­reich von Braun. Ocker, Kuh­stall­warm, die Far­be der Kuh­stäl­le ist braun. Weich. Oder ge­fro­re­ne Er­de, ei­sig und ei­sen­hart, über­zo­gen mit ei­nem Ei­sen­hauch von Grau. Mit der Zun­ge blieb ich an ei­nem ei­si­gen Mor­gen im Jän­ner an der Tür­schnal­le hän­gen, an­ge­fro­ren, und ha­be mit ein Stück Haut abgerissen. (…) 
Die Er­in­ne­rung muss als heil­lo­ses Durch­ein­an­der ge­se­hen wer­den. Erst wenn man ein Dra­ma dar­aus macht, herrscht Ordnung.“

Die­se Ge­dan­ken Mo­ni­ka Hel­fers fin­den sich in „Die Ba­ga­ge“, dem Ro­man, der ih­re ei­ge­ne Fa­mi­li­en­ge­schich­te zum Ge­gen­stand hat. Sie zei­gen Hel­fers Ver­such, den Er­in­ne­run­gen na­he zu kom­men, die fa­mi­liä­ren Kon­stel­la­tio­nen zu er­fas­sen, und zu­gleich ih­re Vor­ge­hens­wei­se, Er­zähl­tes mit Er­dach­tem zu ver­bin­den. Ei­ne gro­ße Rol­le spie­len ih­re As­so­zia­tio­nen, die sie beim Er­zäh­len und Be­ob­ach­ten be­fal­len. Und auch beim Hö­ren, denn in vie­len De­tails stützt die Au­torin sich auf die Er­zäh­lun­gen ih­rer „Die Grund­far­ben der Vor­ver­gan­gen­heit“ weiterlesen

Alte Freundinnen

Charlotte Wood konfrontiert in „Ein Wochenende“ drei Freundinnen mit sich selbst und ihrer in die Jahre gekommenen Freundschaft

So wür­den die Ta­ge oh­ne Syl­vie al­so sein, mit die­ser Di­stanz zwi­schen ih­nen, die sich aus­wei­te­te und ver­tief­te. Sie blieb ste­hen und be­ob­ach­te­te, wie der Ab­stand zu den bei­den an­de­ren im­mer grö­ßer wur­de. Auch sie gin­gen nicht ge­mein­sam. Bis jetzt hat­te sie nie dar­über nach­ge­dacht, dass sich das aus­ge­lei­er­te Gum­mi­band ih­rer Freund­schaft ei­nes Ta­ges auf­lö­sen könn­te. Es schien un­mög­lich. Aber et­was To­tes hat­te sich in ih­re Ge­füh­le für­ein­an­der ein­ge­schli­chen und schien sich auszudehnen.“

Die meis­ten Men­schen ha­ben ei­ne Hand­voll en­ger Freun­de, oft so­gar we­ni­ger. Al­les, was die Zahl drei über­steigt, so scheint es, sprengt den Rah­men. Oft er­wei­sen sich die un­ter­schied­li­chen Ei­gen­ar­ten, Vor­lie­ben, kurz die Per­sön­lich­kei­ten der Freun­de als Stör­fak­tor. Dies zeigt sich bei ge­mein­sa­men Un­ter­neh­mun­gen. Und was macht erst das Al­ter dar­aus? Die lan­gen Jah­re des Le­bens? Die zu­neh­men­de Starrköpfigkeit?

Von ei­ner der­ar­ti­gen Ge­menge­la­ge er­zählt der neue Ro­man der aus­tra­li­schen Au­torin Char­lot­te Wood. Mit sei­nen knapp 300 Sei­ten hat er die rich­ti­ge Län­ge, um sei­ne Le­se­rin­nen wie sei­ne Le­ser — auch wenn im Buch be­haup­tet wird, daß Män­ner kaum „Al­te Freun­din­nen“ weiterlesen

Belle donne e Madonne

Kia Vahland stellt in ihrer Biographie „Leonardo da Vinci und die Frauen“ das innovative Frauenbild des Künstlers in den Vordergrund

Als Zeich­ner und Ma­ler aber ist er vol­ler Em­pa­thie, ein Künst­ler, der dem See­li­schen bis in feins­te Ver­äs­te­lun­gen nach­spürt. Sei­ne Ein­füh­lung kreist da­bei um zwei­er­lei: um die Na­tur und um die Frau­en. Aus heu­ti­ger Sicht mag die­se Ver­bin­dung nicht zwangs­läu­fi­ger er­schei­nen als die von Mensch und Na­tur all­ge­mein. Doch in Leo­nar­dos Au­gen ist na­tu­ra ei­ne weib­li­che Kraft und die Frau­en ver­fü­gen über ei­ne wun­der­sa­me Po­tenz, die ihn zeit­le­bens in­ter­es­siert. Es ist die Ga­be, Le­ben zu schenken.“

Kia Vah­l­and ist mir durch ih­re Ar­ti­kel zu Kunst- und Kul­tur­the­men in der SZ schon seit län­ge­rem be­kannt. Die Kunst­his­to­ri­ke­rin un­ter­rich­tet zu­dem an der Uni­ver­si­tät Mün­chen. Pro­mo­viert wur­de sie mit ei­ner Ar­beit über Se­bas­tia­no del Piom­bo. Auch dort steht das Frau­en­bild des Künst­lers im Vordergrund.

Es liegt al­so nicht fern, daß Vah­l­and ih­re Bio­gra­phie „Leo­nar­do da Vin­ci und die Frau­en“ über den Künst­ler, des­sen 500. To­des­tag sich jährt, eben­falls un­ter die­sen Aspekt stellt. Die Be­deu­tung des Weib­li­chen in Leo­nar­dos Welt­bild bil­det das Zen­trum von Vah­l­ands Ar­gu­men­ta­ti­on. Sie zeigt Leo­nar­do als ex­ak­ten Er­for­scher von In­ter­ak­ti­on im Klei­nen wie im Gro­ßen. Sei­ne Em­pa­thie für das weib­li­che Ge­schlecht drückt er mit ma­le­ri­schen Mit­teln aus und weist den „Bel­le don­ne e Ma­don­ne“ weiterlesen

Tod und Tränen in der Hängematte

Daniela Kriens Roman „Die Liebe im Ernstfall“ knüpft an die Frauenliteratur der Achtziger

Als Da­nie­la Kri­ens Ro­man „Die Lie­be im Ernst­fall“ in un­se­rem Li­te­ra­tur­kreis zum Vor­schlag kam, hat­te ich nichts da­ge­gen ein­zu­wen­den. Der Ti­tel er­in­ner­te mich zwar an ei­nen ZDF-Fern­seh­film, die Plat­zie­rung des Ro­mans auf der SWR-Bes­ten­lis­te sprach je­doch ge­gen mei­ne Ein­schät­zung. Lei­der ha­ben sich die po­si­ti­ven Er­war­tun­gen nicht ein­ge­löst. An­ders als vie­le Kri­ti­ker in über­schwäng­li­chen Re­zen­sio­nen be­to­nen, ver­spü­re ich kei­ne Be­geis­te­rung. Auch mei­ne Mit­strei­te­rin­nen im Li­te­ra­tur­kreis füh­len sich durch Kri­ens Ro­man an die Frau­en­li­te­ra­tur der Acht­zi­ger erinnert.

Da­mals leg­ten die Ver­la­ge ei­ge­ne Rei­hen zur Rol­le der Frau in der Ge­sell­schaft auf, so „Neue Frau“ bei rororo, und Buch­hand­lun­gen mach­ten gan­ze Re­gal­me­ter frei. Dort stand dann Be­zie­hungs-Eman­zi­pa­ti­ons-Selbst­fin­dungs­pro­sa, wie Ju­dith Jann­bergs pro­gram­ma­ti­scher Ti­tel „Ich bin ich“, an den mich „Die Lie­be im Ernst­fall“ nun gut vier­zig Jah­re spä­ter er­in­nert. Man soll­te mei­nen, daß sich in der Zwi­schen­zeit die Rol­le der Frau in der Ge­sell­schaft ge­wan­delt hat.

In un­se­rer Dis­kus­si­ons­run­de blie­ben lei­der aus­ge­rech­net bei die­sem „Tod und Trä­nen in der Hän­ge­mat­te“ weiterlesen

Eine wunderbare Frau

Viel Theater um die Ehre in Henry James” „Eine Dame von Welt”

James_Eine-Dame-von-Welt_U1_Banderole.inddWis­sen Sie, es ist das bes­te Thea­ter“, sag­te sie zu Wa­ter­ville, als woll­te sie sich leut­se­lig ge­ben. „Und das ist Vol­taire, der be­rühm­te Schriftsteller.“
„Ich lie­be die Co­mé­die-Fran­çai­se“, ant­wor­te­te Wa­ter­ville lächelnd.
„Ein furcht­bar schlech­tes Haus, wir ha­ben kein Wort ver­stan­den“, sag­te Sir Arthur.
„Ach ja, die Lo­gen“, mur­mel­te Waterville.
„Ich bin ziem­lich ent­täuscht“, fuhr Mrs. Head­way fort. „Aber ich will se­hen, was aus der Frau wird.“
„Do­na Clorin­de? Ach, ver­mut­lich wird sie er­schos­sen, in fran­zö­si­schen Stü­cken wer­den die Frau­en meis­tens er­schos­sen“, mein­te Littlemore.
„Das wird mich an San Die­go er­in­nern!“, rief Mrs. Headway.
„Nicht doch, in San Die­go wa­ren es die Frau­en, die schossen.“
„Sie schei­nen sie nicht er­schos­sen zu ha­ben!“, er­wi­der­te Mrs. Head­way keck.
„Nein, aber ich bin von Wun­den durchlöchert.“

Sie fängt schon gut an die­se Co­mé­die Fran­çai­se. Im Haus des gleich­na­mi­gen Pa­ri­ser Thea­ters lässt Ja­mes sei­ne Haupt­dar­stel­ler zum ers­ten Mal auf­tre­ten. Die bei­den be­freun­de­ten Ame­ri­ka­ner Ru­pert Wa­ter­ville und Ge­or­ge Litt­lem­ore sit­zen zwar in Büh­nen­nä­he, rich­ten ih­re Auf­merk­sam­keit je­doch „Ei­ne wun­der­ba­re Frau“ weiterlesen

Das Tagebuch aus Márais „Die Glut“

In „Hallgatás“ versucht Ursula Pecinska die Fragen aus Márais „Der Glut“ zu beantworten

pecinskaUn­ver­ständ­lich bleibt mir Dein Schwei­gen, Hen­rik! Ich aber kann nicht län­ger schwei­gen. Ich bre­che heu­te mein Ge­lüb­de und wer­de ein lan­ge ge­hü­te­tes Ge­heim­nis preisgeben.“

Seit 1999 Sán­dor Má­rais Ro­man „Die Glut“ für den deutsch­spra­chi­gen Buch­markt wie­der ent­deckt wur­de, über­zeugt er durch sein span­nen­des Kon­strukt und psy­cho­lo­gi­sche Tie­fe. Un­zäh­li­ge Le­ser sind be­geis­tert, wo­von zahl­rei­che Auf­la­gen und Über­set­zun­gen kün­den. „Die Glut“ gilt heu­te mit Recht als Klas­si­ker der eu­ro­päi­schen Literatur.

Die Schwei­zer Schrift­stel­le­rin Ur­su­la Pecinska reg­te er so­gar zu ei­nem ei­ge­nen Ro­man an. Sie will Sán­dors Werk nicht nur er­gän­zen, son­dern das Ge­heim­nis sei­ner Vor­la­ge of­fen­ba­ren. „Hall­ga­tás“, be­nannt nach dem un­ga­ri­sche Wort für Schwei­gen, ist –so Pecins­kas Fik­ti­on- „Das Ta­ge­buch der Krisz­ti­na“. Das, wie wir uns er­in­nern, am En­de von Má­rais Ro­man un­ge­le­sen in der Glut landet.

Ver­lo­ren ist da­mit die Ant­wort dar­auf, was den Bund zwi­schen dem Paar Hen­rik und Krisz­ti­na und dem Freund Kon­rád aus­ein­an­der spreng­te. War Hen­riks Ver­dacht, Kon­rad wol­le „Das Ta­ge­buch aus Má­rais „Die Glut““ weiterlesen