Zuhause als Zuflucht und Zuchthaus

Judith Hermann erzählt in „Daheim“ von der Schwierigkeit sich im Leben einzurichten

Ich weiß, dass Arild längere Geschichten schwierig findet. Sprache scheint seine Instinkte zu verwirren, sie erschwert das blind Verstehen, das Finden, darüber hinaus fehlt ihm die Geduld, er hat keine Nerven für eine längere Geschichte, letztlich hat er vielleicht schlicht keine Lust. Aber er hat den Blick für das Wesentliche, er kann auf den Punkt kommen.“

Diese Aussage der Ich-Erzählerin in Judith Hermanns neuem Roman klingt wie das Konzept der Autorin. Daheim ist wie schon ihre vorigen Bücher ein Roman der kurzen Strecke. Auf knapp zweihundert Seiten erzählt er eine Geschichte, deren seltsam sedierte Stimmung sich in der Sprache spiegelt. Hier schlagen Sätze keine Kapriolen, sondern kommen in karger Notwendigkeit daher. Die sprachliche Lakonie entlarvt erschreckend kluge Ansichten über die Beziehungen zwischen Menschen, darin liegt die Kunst.

Die Erinnerungen der unzuverlässigen Ich-Erzählerin, „möglicherweise träume ich und habe alles nur geträumt“, stehen am Anfang. Sie blickt zurück auf ihr Leben in einer kleinen Wohnung an der Ausfallstraße und der Arbeit in der Zigarettenfabrik. Eines Tages unterbricht ein abenteuerliches Angebot die „Zuhause als Zuflucht und Zuchthaus“ weiterlesen

Angst und Schrecken in Nord-Irland

In ihrem stilistisch außergewöhnlichen Roman „Milchmann“ erzählt Anna Burns die spannende Geschichte von einem „Mädchen, das im Gehen liest“ und ihrem zudringlichem Verfolger

Aber dummerweise waren – wegen der losen Natur unserer Beziehung; weil er am anderen Ende der Stadt wohnte und daher noch nicht gehört hatte, dass ich der neue Schwarm dieses Milchmanns war; weil ich verwirrt war und langsam die Kraft verlor, mich von den Taktiken des Milchmanns außer Gefecht gesetzt fühlte; und weil ich achtzehn war und nie vorgelebt bekommen hatte, wie man Gedanken, Bedürfnisse und Gefühle auf gesunde Weise zum Ausdruck brachte – alle meine Erklärungen zusammenhanglos, und nichts, was ich zu sagen versuchte, wollte richtig rüberkommen.“

Die Schilderungen der 18-Jährige Ich-Erzählerin können als Coming-of-Age-Roman gelesen werden, als eine Geschichte von Männern und vor allem von Frauen und als eine Geschichte von Unterdrückung und Widerstand, was das Geschlechterverhältnis wie die Zeitumstände betrifft . Der Roman spielt mitten in der Hochphase des Nord-Irland-Konflikts, im katholischen Teil Belfasts. Man kann ihn aber auch als Liebesroman lesen, einer der klügeren Sorte, der außer von der Schwierigkeit, den richtigen Partner zu finden, von dem Mut erzählt, sich zu diesem zu bekennen.

Die Themen vereint Anna Burns auf den 400 Seiten ihres Romans „Milchmann“, deren Anlass und Movens die physische und psychische Bedrohung einer jungen Frau durch einen wesentlich älteren, mächtigen Mann darstellt. Als Anführer des paramilitärischen Widerstands — eine Rolle, die ihn das Leben kostet, kündet der erste Satz des Romans — verfügt er über jedes Mittel, bevorzugt jedoch „Angst und Schrecken in Nord-Irland“ weiterlesen

Krawatten und Kokain

Astrid Rosenfelds Andromeda: Elsa ungeheuer

ElsaZwei Tage vor Halloween traf sich unser Literaturkreis. Auf dem Programm stand Elsa ungeheuer, mich gruselte es ehrlich gesagt schon beim Titel. Was wie ein Kinderbuch über ein freches Mädchen daher kommt, hat ganz klar auch ein solches zum Vorbild. Pippi Langstrumpf ist in diesem Fall aber eindeutig nicht jugendfrei und orientiert sich im forcierten Durchknallfaktor seines Personals eher an Irving. Wir hören jedoch nicht, wie Garp die Welt sah, sondern wie Elsa sie sich macht. Natürlich so, und da sind wir doch wieder bei Lindgren, wie sie ihr gefällt.

Von der Mutter in einem öden Ort bei Verwandten abgegeben, sucht Elsa sich die Rosinen im Dorfmist. Das sind Karl und Lorenz, zwei Brüder in ihrem Alter, und ein seltsames Murmeltier gehobenen Alters, das den Kindern durch Gute-Bett-Geschichten „Krawatten und Kokain“ weiterlesen

Pickel, Priester, Partydrogen

Skippy stirbt, eine Internats- und Gesellschaftskritik von Paul Murray


Zu diesem Buch, welches der Kunstmann-Verlag in einer bibliographisch aufwendig gestalteten Ausgabe editiert hat, habe ich mich von einem begeisterten Büchervogel überreden lassen, denn Erlebnisse pubertärer Internatsinsassen sind nicht unbedingt mein Metier. Das fiel mir schon bei Tschick auf, der sich geradezu locker runter lesen lässt, was man von dem 780 Seiten starken Schwergewicht Paul Murrays, der die Träume und Albträume seiner Protagonisten auf drastische Weise schildert, schwerlich sagen kann. Der Roman wird zwar mancherorten als äußerst kurzweilig gelobt, für meinen Geschmack weist er jedoch deutliche Längen auf.

Die Geschichte spielt in einem katholischen Internat Dublins zu Zeiten der Finanzkrise. Die Schülerschaft spiegelt das übliche Bild männlicher Jugendlicher während das Lehrerkollegium ältere Priestern und halbherziges Personal aufweist. Einer seiner jüngeren, weltlichen Mitglieder ist der ehemalige Banker Howard. Aus seinem alten Job gefeuert, unterrichtet er nun an seiner einstigen Schule Geschichte. Es gelingt ihm kaum sich und seine Themen durchzusetzen, woran nicht nur der vermeintlich dröge Stoff und seine uninspirierte Vermittlung, sondern auch sein Ruf als „Howard the Coward“, Howard Hasenherz, zählt. Wie er zu diesem Spottnamen kam, erschließt sich im Lauf des Romans. Erst als Howard von einer schönen Fee, einer ebenfalls aus dem Bankenmilieu in die Schule geratenen attraktiven Aushilfskraft, einen entscheidenden Lektüretipp erhält, erfahren sowohl er wie die Schüler einen Motivationsschub.

Von den Schüler, die alle von Pubertätsnöten geplagt werden, leidet der traurige Skippy besonders. Traumatisiert durch die schwere Krankheit seiner Mutter herrschen zwischen ihm und seinem Vater Sprachlosigkeit. Nöte, die die Lehrer nicht erkennen können, weil sie zu sehr mit ihren eigenen Problemen beschäftigt sind. So sind auch all die anderen Jungs auf sich alleine gestellt, das dicke Genie, der Minimacho italienischer Abstammung, die ritalinverseuchten Unterstufenschüler, die sozial benachteiligten Pausenhofdealer. Ihre weiblichen Altersgenossen in der vis-à-vis gelegenen Nonnenschule haben es nicht leichter. Sie hadern mit ihrem Äußeren bis zur Magersucht, sind sexuellem Druck ausgesetzt, intrigieren gegeneinander. Auch sie finden bei den Erwachsenen keinen Halt.

Paul Murray, dessen Roman mit dem Tod seines Helden einsetzt, erzählt nicht nur dessen Martyrien, zu denen auch eine Lovestory gehört, sondern  er schildert vor allem ein Drama von Gruppenzwang, Schuld und Heuchelei. Aus verschiedenen Perspektiven erfährt der Leser von Vernachlässigung und Erpressung, von debilen Direktoren, denen der Ruf der Schule über alles geht, von Müttern, die ihre Töchter anstatt mit Zuwendung mit einem Friseurbesuch trösten, von dummen Sportlehrern und vermeintlich feigen, aber eigentlich ganz schön mutig schlauen Geschichtslehrern, von pädophilen Priestern, kurz von persönlicher und gesellschaftlicher Krise.

Das geht, wie die Aufzählung zeigt, nicht ohne die üblichen Klischees zu bemühen. Vielleicht liegt es daran, vielleicht auch an der Länge des Buches, ganz bestimmt aber liegt es an mir, daß er mir nicht ganz so gut gefallen hat. Der Roman war mir zu lang und mir fehlte die Identifikationsfigur. Alleine Howard fühlte ich mich manchmal nahe, besonders bei seiner Lektüre von Robert Ranke-Graves, Goodbye to All That , über dessen Erlebnisse im 1. Weltkrieg. Mit Die Weiße Göttin zitiert Murray noch ein weiteres empfehlenswertes Buch dieses Schriftstellers.

Für Jugendliche und allen anderen, die noch mit der Schule leben, kann dieser Roman eine lohnende Lektüre sein. Denjenigen, die davon nichts mehr wissen wollen, seien die Bücher von Robert Ranke-Graves ans Herz gelegt.