Fang Fang schildert in „Blume Vollmond“ die Auswirkungen von Kontrolle und Fremdbestimmung
„Für Razzien dieser Art interessierte Yue Manhua sich nicht. Als sie sich jedoch durch die Menge der Gaffer drängte, vernahm sie plötzlich ein klapperndes Geräusch, als fielen unterschiedlich große Perlen auf ein Jadetablett, ein Geräusch, das schlagartig ihre Nerven zum Erzittern brachte. Ein allzu vertrautes Geräusch! Fast gleichzeitig stiegen die schönsten und angenehmsten Erinnerungen in ihrem Gedächtnis empor. Sie blieb wie festgenagelt stehen und spähte durch eine Lücke zwischen den Schaulustigen. Verstreut auf dem Boden zwischen Stapeln von Kinderbüchern liegend, sah sie Mah-Jongg-Spielsteine und daneben eine ölverschmierte Holzschachtel. Das Glück war ihr in den Schoß gefallen.“
„Blume Vollmond“, das neue Werk der chinesischen Autorin Fang Fang konnte nach seiner Vollendung 2024 wegen des staatlich verhängten Publikationsverbots nicht in der Heimat der Schriftstellerin erscheinen und wurde erstmals 2025 in der deutschen Übersetzung von Michael Kahn-Ackermann publiziert. Der Roman überrascht durch seinen Ton, den einfachen Satzbau, der Wiederholung von Motiven und Kernaussagen sowie den moralischen Bewertungen seines allwissenden Erzählers. Man vermutet sich in einem Märchen oder eher einer Legende, denn die Zeit und der Ort sind deutlich benannt. Die Handlung spielt in einer Kreisstadt der Volksrepublik China, einem „abseits gelegenen Städtchen“ im „Süden des Landes“ und umfasst den Zeitraum von 1949 bis 2008. Die Hauptfigur ist die Tochter eines reichen Geschäftsmanns, die ihren schönen sprechenden Namen Hua Manyue, Blume Vollmond, schon bald in das nichtssagende Pseudonym Yue Manhua umwandeln muss. Als „verzogener Sprössling einer reichen Familie“ saß sie im Spielsalon der „ehrwürdigen Dame Chen“ vertieft beim Mah-Jongg und verpasste die Flucht ihrer Familie. Die Hua hatten es als Nachkommen eines Warlords zu Wohlstand und Einfluss gebracht. „Hua Daogang, der Hausherr, galt als klug und umsichtig und trug den Beinamen »Ohnefeind«, sein Sohn, Hua Majiang, war stark und ungestüm und wurde »der Tyrann« genannt. Diese Bezeichnungen waren nicht unbegründet. Das Geschäft der Familie nahm fast die halbe Straße ein, und die Straße selbst hieß »Halbe Hua-Straße«.“ Doch nun ist der gesamte Besitz perdu und Hua Manyue wird der Eintritt in ihr Zuhause von Soldaten verwehrt. Heimat- und mittellos bleibt ihr einzig der niedrigste Diener des Hauses, Wang Vier, der „Emanzipation durch Eskapismus?“ weiterlesen