Schillernde Persönlichkeiten im Paris der Jahrhundertwende

Julian Barnes betreibt in „Der Mann im roten Rock“ einen Streifzug durch die Belle Époque

Ma­chen wir al­so wei­ter mit dem Greif­ba­ren, dem Spe­zi­fi­schen, dem All­täg­li­chen: dem ro­ten Rock. Denn so bin ich dem Bild und dem Mann zum ers­ten Mal be­geg­net: 2015 in der Na­tio­nal Por­trait Gal­le­ry in Lon­don als Leih­ga­be aus Ame­ri­ka. (…) Das Mo­dell – der Bür­ger­li­che mit dem ita­lie­ni­schen Na­men – ist 35, sieht gut aus, trägt ei­nen Bart und schaut selbst­be­wusst über un­se­re rech­te Schulter.“

Ju­li­an Bar­nes neu­es Werk, Der Mann im ro­ten Rock, weck­te mein In­ter­es­se durch sei­ne ti­tel­ge­ben­de Fi­gur. Die­se sei, so las ich, ei­ne von Prousts In­spi­ra­ti­ons­quel­len für die Fi­gur des Dok­tor Cot­tard ge­we­sen. Wie die­ser war auch Dr. Sa­mu­el Poz­zi, den der ame­ri­ka­ni­sche Ma­ler John Sin­ger-Sar­gent im auf­fäl­li­gen ro­ten Haus­ge­wand ver­ewig­te, ein be­rühm­ter Me­di­zi­ner. Sein Fach­ge­biet war al­ler­dings an­ders als das des Proust‘schen Arz­tes die Gy­nä­ko­lo­gie. Bei­de wa­ren Frau­en­hel­den, Cot­tards Er­obe­run­gen sind al­ler­dings we­ni­ger sei­nem Äu­ße­ren zu­zu­schrei­ben. Es gibt al­so wohl so vie­le Un­ter­schie­de zwi­schen der his­to­ri­schen Per­son Poz­zi und der fik­ti­ven Fi­gur Cot­tard wie es Ge­mein­sam­kei­ten gibt. Das gilt für die meis­ten Per­so­nen, die Proust por­trä­tier­te. Ei­ne Aus­nah­me bil­det viel­leicht Mme Cot­tard, der Phil­ip­pe Mi­chel-Thi­riet als Vor­bild Poz­zis Ehe­frau Thé­rè­se  zu­schreibt, „die ganz in ih­ren Pflich­ten als Ge­mah­lin auf­geht und die von ih­rem Gat­ten eben­so be­tro­gen wird“.

Die­se hier in we­ni­gen Zei­len auf­ge­zähl­ten Ei­gen­schaf­ten bil­den die Fa­ma Poz­zis. Er galt als fort­schritt­li­cher Arzt, der sich nicht nur be­ruf­lich den Frau­en wid­me­te, als ex­tra­va­gan­ter Sti­list, was sich in sei­ner Klei­dung eben­so wie in sei­nem Kunst­ge­schmack nie­der­schlägt. Ein Mann, „bei­na­he ein Dan­dy“, so be­rühmt, daß er bei Proust zu fin­den ist.

Bar­nes be­nennt die Be­zü­ge und die Be­zie­hun­gen. Proust selbst tritt in „Der Mann im ro­ten Rock“ auf. Ne­ben Flau­bert, auch er wird im Buch er­wähnt, ist er der Schrift­stel­ler, der den Schrift­stel­ler Bar­nes prägt. Dies gilt glei­cher­ma­ßen für die Bel­le Épo­que. Die Zeit um die Wen­de des vor­letz­ten zum letz­ten Jahr­hun­dert ist die ei­gent­li­che Haupt­dar­stel­le­rin des Bu­ches, das als kul­tur­his­to­ri­sches Es­say be­zeich­net wer­den könnte.

Bar­nes hängt sein Who’s who nicht nur an der Per­son Poz­zi auf. Ei­ne Sze­ne aus dem Jahr 1885 dient ihm als Dreh- und An­gel­punkt. Es ist Ju­ni als drei an­ge­se­he­ne Män­ner der Pa­ri­ser Ge­sell­schaft in die eng­li­sche Haupt­stadt rei­sen. Ed­mond de Po­lignac, Ro­bert de Mon­tes­quiou-Fe­zen­sac, Sa­mu­el Jean Poz­zi, “ei­ner war ein Prinz, ei­ner ein Graf und der Drit­te war ein ein­fa­cher Bür­ger mit ita­lie­ni­schem Fa­mi­li­en­na­men“. Von Os­car Wil­de ver­mit­telt tref­fen sie Hen­ry Ja­mes, kau­fen schö­ne Din­ge und ver­gnü­gen sich im Crys­tal Pa­lace. Das Sze­na­rio dient Bar­nes als Ein­stieg und er kehrt stets da­hin zu­rück. Dies voll­führt er in Vol­ten, die es ihm er­lau­ben, zu wei­te­ren Per­so­nen und Er­eig­nis­sen zu schwei­fen. Bis­wei­len auch zu an­de­ren Or­ten als Pa­ris, dem Zen­trum des Ge­sche­hens, und dem Ne­ben­schau­platz Lon­don. Man reist in die La­gu­ne von Ve­ne­dig, be­sucht die Fest­spie­le von Bay­reuth, ei­nen Me­di­zin­kon­gress in Edin­burgh oder tourt durch Ame­ri­ka. Und nicht nur man, son­dern wie das letz­te Bei­spiel zeigt auch frau.

Sa­rah Bern­hardt, die be­rühm­tes­te Schau­spie­le­rin der Epo­che, die Ber­ma Prousts, kon­sul­tiert Poz­zi aus Über­see als sie auf ei­ner Tour­nee er­krankt. In jun­gen Jah­ren war sie eng mit dem eben­falls noch sehr jun­gen Poz­zi be­freun­det. Wie eng, da will Bar­nes sich nicht fest­le­gen. Er zieht es vor, die Ge­rüch­te als Ge­rücht zu ver­brei­ten. Je­den­falls nann­te die Bern­hardt Poz­zi „Doc­teur Dieu“ und blieb ihm als Freun­din und als Pa­ti­en­tin verbunden.

Von der Schau­spie­le­rin ver­öf­fent­licht Bar­nes das be­rühm­te Fo­to, das Paul Na­dar von ihr ge­fer­tigt hat. Von den zahl­rei­chen an­de­ren Ge­sell­schafts­grö­ßen, die Bar­nes er­wähnt, fin­den sich klei­ne Fo­tos, die die Fir­ma Po­tin als Sam­mel­bil­chen ih­ren Scho­ko­la­den hin­zu­füg­te. Kul­tur­schaf­fen­de statt Fuß­bal­ler, welch‘ glück­li­che Epo­che! Un­ter den Sam­melns­wer­ten fin­den sich die Brü­der Gon­court, Paul Ver­lai­ne, Co­let­te, An­dré Gi­de, Edith Wharton.

Fol­gen wir der Vi­ta Poz­zis, die Bar­nes in Aus­schnit­ten und aus ver­schie­de­nen Blick­win­keln prä­sen­tiert. Poz­zi bringt die Me­di­zin vor­an mit Hy­gie­ne und neu­en Ope­ra­ti­ons­tech­ni­ken, er ver­fasst Ge­dich­te und über­setzt Dar­win. Bar­nes blickt auf Poz­zis bra­ve Ehe­frau Thé­rè­se und lässt die ei­gen­wil­li­ge Toch­ter Ca­the­ri­ne auf ih­ren Va­ter bli­cken. Die Kon­struk­tio­nen ma­chen ihm Quel­len wie Brie­fe, Ta­ge­bü­cher, Zei­tungs­ar­ti­kel, aber auch Ro­ma­ne möglich.

Durch den Ein­blick in in­di­vi­du­el­le Ge­schich­ten ge­lingt Bar­nes die Il­lus­trie­rung ei­ner Epo­che. Ent­wick­lun­gen der Wis­sen­schaft und der Kunst, der li­te­ra­ri­schen, mu­si­ka­li­schen so­wie der Bild­kunst be­geg­nen der Le­se­rin die­ses Buchs. Nicht un­er­wähnt sol­len auch die Aus­füh­run­gen zu ei­nem spe­zi­el­len So­zi­al­ver­hal­ten blei­ben. Das Du­ell, die Sa­tis­fak­ti­ons­quel­le der Ge­kränk­ten, in Eng­land ver­pönt, in Pa­ris noch en vogue, be­leuch­tet Bar­nes aus­führ­lich und nicht oh­ne Hin­ter­ge­dan­ken für die Fort­set­zung sei­ner Geschichte.

Wie über­haupt nichts oh­ne Hin­ter­ge­dan­ken in die­ses Buch ge­langt sein wird, das in ge­schick­ten Ver­knüp­fun­gen auf kurz­wei­li­ge Wei­se von der Bes­se­ren Ge­sell­schaft er­zählt und ih­re Stars, ih­re Schön­hei­ten, ih­re Künst­ler und Dan­dys in schö­nen wie schau­er­li­chen Sto­ries und His­tör­chen le­ben­dig wer­den lässt.

Bar­nes zeich­net in „Der Mann im ro­ten Rock“ ein viel­ge­stal­ti­ges Epo­chen­bild, aus dem man man­ches lernt. Sei es Ku­rio­ses über die Nahr­haf­tig­keit des Pep­ton­k­lis­tiers oder Klu­ges über die Lie­be. „Aber es kommt oft vor, dass man „denkt man liebt je­man­den“, be­vor man wirk­lich liebt.“

Julian Barnes, Der Mann im roten Rock, übers. v. Gertraude Krueger, Kiepenheuer & Witsch 2021

Proust — Herzflimmern in Balbec

Arrhythmien des Herzens an der Küste von Gomorrha, Bd. IV, 219–367

Ich er­in­ner­te mich an die letz­te Zeit im Le­ben mei­ner Groß­mutter und an al­les, was mit ihr zu­sam­men­hing, an die Trep­pen­haus­tür, die of­fen ge­blie­ben war, als wir zu ih­rem letz­ten Spa­zier­gang hin­aus­gin­gen. Im Ver­gleich da­zu er­schien der Rest der Welt kaum wirk­lich, und mein Lei­den ver­gif­te­te ihn gänz­lich. Schließ­lich dräng­te mei­ne Mut­ter mich, hin­aus­zu­ge­hen. Doch bei je­dem Schritt hin­der­te mich wie ein Wind, ge­gen den man nicht an­kom­men kann, ir­gend­ein ver­ges­se­ner Aspekt des Ka­si­nos oder der Stra­ße, in der ich sie am ers­ten Abend er­war­tet hat­te und auf der ich bis zum Denk­mal für Dugu­ay-Trou­in ge­gan­gen war, am Wei­ter­ge­hen; ich senk­te die Au­gen, um nicht zu sehen.“

Beim zwei­ten Auf­ent­halt in Bal­bec ist für Mar­cel vie­les ähn­lich und doch al­les an­ders. Als Stamm­gast von Rang holt ihn der Di­rek­tor des Grand-Hô­tel per­sön­lich am Bahn­hof ab. Ort und Ge­pflo­gen­hei­ten sind Mar­cel ver­traut, er be­zieht so­gar das­sel­be Zim­mer wie beim Auf­ent­halt mit sei­ner Groß­mutter. Nur ihr be­ru­hi­gen­des Klop­fen vom Nach­bar­raum wird er nicht mehr hö­ren kön­nen. Die vom Ort aus­ge­lös­te, leb­haf­te Er­in­ne­rung an die Ver­stor­be­ne macht ihm be­wusst, „dass sie nie­mals wie­der in mei­ner Nä­he sein wür­de, (…) dass ich sie für im­mer ver­lo­ren hat­te.“ Die Trau­er lähmt ihn.

Da­bei ist er mit gro­ßen Er­war­tun­gen in die Nor­man­die ge­reist. Ei­nen Abend bei den Ver­durins hat er sich vor­ge­nom­men. Nicht weil ihn „Proust — Herz­flim­mern in Bal­bec“ wei­ter­le­sen

Weltliteratur lebendig umgesetzt

Sodom und Gomorrha“ als Hörspiel-Inszenierung

Auf das Hör­spiel „So­dom und Go­mor­rha“, ei­ner Ge­mein­schafts­pro­duk­ti­on von SWR, Dra­dio Kul­tur und Der Hör­ver­lag, bin ich wäh­rend mei­ner Lek­tü­re des vier­ten Bands von Mar­cel Proust „Auf der Su­che nach der ver­lo­re­nen Zeit“ ge­sto­ßen. Die­ser Klas­si­ker be­schäf­tigt mich schon seit ei­ni­ger Zeit, ge­nau ge­nom­men war er so­gar der An­lass mein Blog ins Le­ben zu ru­fen, wo­durch wie­der­rum an­de­re Bü­cher in mein Le­se­le­ben tra­ten. So schrei­tet mei­ne Proust-Lek­tü­re ge­mäch­lich vor­an, mitt­ler­wei­le bin ich im vier­ten Band ge­lan­det, aber nicht gestrandet.

Das Hör­spiel mit sei­nen 318 Mi­nu­ten auf 5 CDs holt mich al­so da ab, wo ich bin. Es ba­siert auf der bei Re­clam er­schie­ne­nen Neu­über­set­zung von Bernd-Jür­gen Fi­scher, die Man­fred Hess für die Pro­duk­ti­on be­ar­bei­te­te. Un­ter der Re­gie von Iris Drö­ge­kamp spre­chen ne­ben an­de­ren Mi­cha­el Rot­schopf (Mar­cel), Li­lith Stan­gen­berg (Al­ber­ti­ne), Gerd Wa­me­ling (Char­lus), Ste­fan Ko­nars­ke (Mo­rel) und Mat­thi­as Ha­bich (Swann). Das En­sem­ble Mo­dern stimmt mu­si­ka­lisch in die At­mo­sphä­re der Bel­le Épo­que ein.

Der vier­te Band der Re­cher­che mit dem Ti­tel „So­dom und Go­mor­rha“ spielt auf For­men gleich­ge­schlecht­li­cher Lie­be an. Er lässt sei­ne Le­se­rin auf gut 700 Sei­ten Neu­es ent­de­cken, be­zieht sich aber eben­so mit vie­len Mo­ti­ven, Per­so­nen und Or­ten auf die vor­aus­ge­gan­ge­nen Bände.

Wir be­geg­nen Ba­ron de Char­lus und ver­fol­gen, wie Mar­cel ent­deckt, was „Welt­li­te­ra­tur le­ben­dig um­ge­setzt“ wei­ter­le­sen

Proust – Sodom und Israel

Die Soiree der Prinzessin von Guermantes, Bd. 4, II. 1

Die An­ge­hö­ri­gen der Ge­sell­schaft stel­len sich Bü­cher gern als ei­ne Art Ku­bus vor, des­sen ei­ne Sei­te ent­fernt ist, so dass der Au­tor nichts Ei­li­ge­res zu tun hat, als die Per­so­nen, de­nen er be­geg­net, hineinzustecken.“

An die­sem Abend er­füllt sich ein lang ge­heg­ter Wunsch des jun­gen Mar­cel. Er ist Gast bei der Soi­ree der Prin­zes­sin von Guer­man­tes, auch wenn er sich nicht si­cher ist, tat­säch­lich ein­ge­la­den zu sein zu die­sem höchst an­ge­se­hen Sa­lon. Hö­her geht es kaum im Rang der Pa­ri­ser Er­eig­nis­se. Das abend­li­che Tref­fen beim Prin­zen und der Prin­zes­sin von Guer­man­tes wird nur durch die an­schlie­ßen­de Teil­nah­me am Sou­per über­trof­fen. Auch dies wird Mar­cel an­ge­bo­ten, doch er schlägt es aus Ge­fühls­grün­den aus.

Wäh­rend der Soi­ree trifft er vie­le Be­kann­te, al­len vor­an Ba­ron de Char­lus. Er führt län­ge­re Ge­sprä­che mit Swann, Saint-Loup und Bloch. Ne­ben den Be­geg­nun­gen amü­siert er sich beim Be­ob­ach­ten der an­de­ren Gäs­te, folgt ih­ren Ge­sprä­chen und ih­rem Ver­hal­ten. Be­son­ders das der ver­steckt Ho­mo­se­xu­el­len er­scheint ihm nun „Proust – So­dom und Is­ra­el“ wei­ter­le­sen

Auf der Suche nach dem Unerfüllbaren

André Aciman öffnet in „Fünf Lieben lang“ ein Kaleidoskop des Begehrens

Wir lie­ben nur ein­mal im Le­ben, hat­te mei­ne Va­ter ge­sagt, manch­mal zu spät, manch­mal zu früh; die an­de­ren Ma­le ist die Lie­be im­mer ein biss­chen herbeigezwungen.“

Der in den USA le­ben­de Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­ler An­dré Aci­man wur­de in Alex­an­dria ge­bo­ren. Dort fand sei­ne aus Ita­li­en stam­men­de Fa­mi­lie se­phar­di­scher Ju­den zu Be­ginn des letz­ten Jahr­hun­derts ein Exil bis sie Mit­te der sech­zi­ger Jah­re wie­der nach Ita­li­en zu­rück­kehr­te. We­nig spä­ter zog der mehr­spra­chig auf­ge­wach­se­ne An­dré in die Ver­ei­nig­ten Staa­ten, wo er Ro­ma­nis­tik und Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft stu­dier­te. Ei­nes sei­ner For­schungs­ge­bie­te ist die Fran­zö­si­sche Li­te­ra­tur, dar­un­ter die Me­moi­ren­li­te­ra­tur der Neu­zeit und, wie könn­te es an­ders sein, Proust.

Dies merkt man dem in der Über­set­zung von Chris­tia­ne Buch­ner und Mat­thi­as Tei­t­ing vor­lie­gen­dem Buch „Fünf Lie­ben lang“ an. Aus­ge­schrie­ben ist die Neu­erschei­nung als Ro­man, durch die Ich-Per­spek­ti­ve und durch das am Er­in­nern kon­stru­ier­te Er­zäh­len gleicht sie eher ei­nem Me­moir. Dar­aus soll na­tür­lich nicht ge­fol­gert wer­den, daß der Au­tor mit dem „Auf der Su­che nach dem Un­er­füll­ba­ren“ wei­ter­le­sen

Hummel und Orchidee

Jähe Enthüllung der wahren Natur des Monsieur de Charlus“ — Proust 4. Band, I.

Zu­dem be­griff ich jetzt, wie­so ich vor­hin, als ich Mon­sieur de Char­lus von Ma­dame de Vil­le­pa­ri­sis hat­te her­aus­kom­men se­hen, fin­den konn­te, er se­he aus wie ei­ne Frau: Er war ei­ne! Er ge­hör­te zu der Ras­se je­ner Men­schen (sie sind we­ni­ger wi­der­spruchs­voll, als es den An­schein hat), de­ren Ide­al männ­lich ist, ge­ra­de weil sie von weib­li­chem Tem­pe­ra­ment sind, und sie im Le­ben nur schein­bar den an­de­ren Män­nern glei­chen; (…) ei­ne Ras­se auf der ein Fluch liegt und die in Lü­ge und Mein­eid le­ben muß, da sie weiß, daß ihr Ver­lan­gen, das, was für je­des Ge­schöpf die höchs­te Be­see­li­gung im Da­sein aus­macht, für sträf­lich und schmach­voll, für ganz un­ein­ge­steh­bar gilt.“ (Kel­ler 4, 26f., Suhrkamp)

Wer hät­te ge­dacht, daß Proust die­se Ent­hül­lung, ‑für die end­gü­li­ge Aus­ga­be ver­warf er den obi­gen Ti­tel des Ka­pi­tels, das auf den Es­says „Über die Päd­eras­tie“ zurückgeht‑, mit der be­kann­ten Me­ta­pher von Blü­te und Bi­en­chen be­bil­dern wür­de? Bei­des spe­zi­fi­ziert er, aus der Blü­te wird ei­ne Or­chi­dee, wenn nicht gar ein Kna­ben­kraut, und aus der Bie­ne ei­ne Hum­mel. Es ist klar, wor­um es geht. Um die Be­fruch­tung, oder um wie­der vom Spe­zi­fi­schen ins All­ge­mei­ne zu kom­men, um die Se­xua­li­tät. Wür­den wir uns hier über die fran­zö­si­sche Ori­gi­nal­aus­ga­be un­ter­hal­ten, wüss­ten wir, daß Proust ‑aber das wis­sen wir so­wie­so- auch im All­ge­mei­nen das Be­son­de­re sieht. So müs­sen die Kom­men­ta­re, den vier­ten Band der Re­cher­che le­se ich in der Re­clam- und in der Suhr­kamp-Aus­ga­be, helfen.

Mar­cel steht am Trep­pen­haus­fens­ter des Pa­lais, weil er die her­zög­li­che An­kunft ab­pas­sen will. Wir er­in­nern uns, er möch­te die Ein­la­dung bei der Fürs­tin son­die­ren. Wäh­rend er war­tet, schweift sein Blick im Hof um­her und fällt auf ei­ne Or­chi­dee, die ih­rer­seits auf ei­ne Hum­mel war­tet. Die­se Boudon, das Wort be­zeich­net im Fran­zö­si­schen auch Pe­nis, er­scheint zu­nächst nicht, um ih­ren Rüs­sel in die Blü­ten­öff­nung zu ste­cken. Da­für taucht Ba­ron de Char­lus auf, des­sen hin­te­re Par­tie hum­mel­ar­tig aus­ragt. Mar­cel duckt sich, er möch­te auf kei­nen Fall von Char­lus auf­ge­spürt wer­den, hat­te der sich doch ihm ge­gen­über in der Ver­gan­gen­heit mehr­fach selt­sam ver­hal­ten. Wie er­in­nern uns an sei­nen schon et­was län­ger zu­rück­lie­gen­den abend­li­chen Be­such in Mar­cels Zim­mer im Grand-Ho­tel so­wie an den kürz­lich er­folg­ten Be­such Mar­cels bei Char­lus.

Mar­cel späht er­neut durchs Fens­ter und sieht, daß sei­ne Vor­sicht gar nicht von Nö­ten ge­we­sen wä­re. Char­lus’ Auf­merk­sam­keit ist voll­kom­men von an­de­rem ge­fan­gen. Es ist Ju­pien, der auf dem Weg ins Bü­ro, vom Blick auf den Ba­ron in ei­nen bal­zähn­li­chen Zu­stand ver­setzt wur­de. Die bei­den, könn­te man sa­gen, „Hum­mel und Or­chi­dee“ wei­ter­le­sen

Große Männer – Kleine Stadt

Hans Dieter Zimmermann erinnert in „Französische Hauptstadt, deutsche Provinz“ wie Proust einst seine Heimat besuchte

BadezeitungWer sich mit der Ge­schich­te Kreuz­nachs be­schäf­tigt, in­ter­es­siert sich nicht für Proust, wer sich mit Proust be­fasst, dem ist die­se Kur­stadt nicht wichtig.“

Die­ses eher als Lü­cke denn als Miss­stand zu be­zeich­nen­de Ku­rio­sum der Stadt­ge­schich­te ent­hüllt Hans Die­ter Zim­mer­mann mit sei­ner im Rim­baud-Ver­lag vor­lie­gen­den Mo­no­gra­phie. Ihr Un­ter­ti­tel „Mar­cel Proust und der gro­ße Krieg – Bad Kreuz­nach und das kai­ser­li­che Haupt­quar­tier“ weist auf die bei­den his­to­ri­schen Er­eig­nis­se, die der Au­tor in sei­nem zwei­ge­teil­ten Werk zum Ge­gen­stand macht.

Im Spät­som­mer 1897 be­glei­te­ten der 26jährige Mar­cel Proust und sein Bru­der Ro­bert ih­re Mut­ter zu ei­nem Kur­auf­ent­halt nach Kreuz­nach. Sie lo­gier­ten im Ho­tel Ora­ni­en­hof, das 20 Jah­re spä­ter der „Gro­ße Män­ner – Klei­ne Stadt“ wei­ter­le­sen

Coincidenza inverosimile – Die Proust-Sammlung des Jacques Guérin

In  „Il cappotto di Proust“ schildert Lorenza Foschini die Sammelleidenschaft eines Liebhabers

Manch­mal bringt uns der Zu­fall in den Be­sitz ei­nes ein­zig­ar­ti­gen Ge­gen­stands und manch­mal weckt er nicht nur In­ter­es­se, son­dern Lei­den­schaft, die bis­wei­len Spu­ren in Mu­se­en hinterlässt.

So prä­sen­tiert noch heu­te das Pa­ri­ser Mu­sée Car­na­va­let Mo­bi­li­ar aus dem Be­sitz von Mar­cel Proust. Schreib­tisch, Ses­sel und Mes­sing­bett sind dort in ei­nem se­pa­ra­ten Raum aus­ge­stellt. Ein wei­te­res Be­sitz­tum, der dunk­le Woll­man­tel mit Bi­ber­pelz­fut­ter, liegt hin­ge­gen we­gen sei­nes schlech­ten Er­hal­tungs­zu­stands im Ma­ga­zin. Jac­ques Gué­rin, Par­fu­m­eur und Samm­ler, ver­mach­te die­se Prous­tia­na kurz vor sei­nem Tod dem Museum.

Wie er vom Proust­ver­eh­rer durch zu­fäl­li­ge Be­ge­ben­hei­ten zum Samm­ler wur­de, er­zählt die ita­lie­ni­sche Jour­na­lis­tin Lo­ren­za Fo­schi­ni in ih­rer klei­nen Mo­no­gra­phie „Prousts Man­tel“. Auch ihr In­ter­es­se ent­stand eher ne­ben­bei. In ei­nem In­ter­view mit Pie­ro Tos­si, dem Kos­tüm­bild­ner von Lu­chi­no Vis­con­ti, „Co­in­ci­den­za in­vero­si­mi­le – Die Proust-Samm­lung des Jac­ques Gué­rin“ wei­ter­le­sen

Prousts Hyperästhesie

Von der Macht der Geräusche — Bd. 3,1

Der in Ma­dame de Guer­man­tes ver­lieb­te jun­ge Er­zäh­ler er­in­nert sich an Saint-Loups freund­schaft­li­che Zu­nei­gung. Als ihr Nef­fe könn­te er ihm das Tor zu ih­rer Welt öff­nen. Mar­cel be­schließt Saint-Loup in sei­ner Gar­ni­son zu be­su­chen. Die­se liegt in Don­ciè­res, ei­nem Fes­tungs­städt­chen nicht all­zu­weit von Pa­ris ent­fernt. Es wä­re dem Er­zäh­ler leicht mög­lich, am Abend wie­der nach Hau­se zu­rück zu keh­ren, um nicht in ei­nem frem­den Bett schla­fen zu müs­sen. Trotz­dem plant er ei­nen Ho­tel­auf­ent­halt und be­schwört so sein in Com­bray ge­präg­tes Gu­te-Nacht-Dra­ma herauf.

Ro­bert de Saint-Loup ist freu­dig über­rascht, als Mar­cel ihn in der Ka­val­le­rie­ka­ser­ne auf­sucht. Sein Dienst er­laubt es ihm je­doch nicht, Mar­cel bei sei­nem ers­ten Abend im Ho­tel Ge­sell­schaft zu leis­ten wie die­ser es sich er­hofft hat. Dem em­pa­thi­schen Saint-Loup ist der Zu­stand sei­nes Freun­des be­wusst. Es reicht nicht des­sen „Ge­hörshy­per­äs­the­sie“ durch ein stil­les Ho­tel mit ge­die­ge­ner Ein­rich­tung zu be­ru­hi­gen, auch die Emp­feh­lung ei­ner fes­seln­den Lek­tü­re wür­de die Nach­t­ängs­te nicht bän­di­gen. Doch so wie Saint-Loup ei­nen sich auf­bäu­men­den Gaul durch be­herz­tes Ein­grei­fen zu be­ru­hi­gen weiß, fin­det er auch ei­ne Lö­sung für den von Ver­las­sen­heits­ängs­ten ge­quäl­ten Freund. Er mö­ge ein­fach bei ihm in der Ka­ser­ne blei­ben. Dem Er­zäh­ler wird Ro­berts gro­ße Freund­schaft be­wusst und er schämt sich sei­ner ei­gen­nüt­zi­gen Motive.

Da Saint-Loup noch ei­ne Un­ter­re­dung mit dem Ritt­meis­ter füh­ren muss, bit­tet er den Freund schon ein­mal auf die Stu­be zu ge­hen. Dort war­tet Mar­cel ei­ne Wei­le und über­lässt sich den Sin­nes­rei­zen des Rau­mes. Noch vor dem Ein­tre­ten gau­kelt das Ka­min­feu­er die An­we­sen­heit ei­ner Per­son vor, es gibt „wie un­er­zo­ge­ne Leu­te un­auf­hör­lich ir­gend­wel­che Ge­räu­sche von sich“. Die ge­schmack­vol­le Stoff­be­span­nung der Wän­de be­wahrt den Raum vor dem Ka­ser­nen­mief, ei­nem „gä­ri­gen Ge­ruch wie von Grau­brot“. Bü­cher sug­ge­rie­ren die Ge­gen­wart Saint-Loups und ei­ne Pho­to­gra­fie von Ma­dame de Guer­man­tes ver­treibt das letz­te Un­wohl­sein. Selbst das Feu­er wird zahm und hat sich „wie ein Tier in bren­nen­der, schwei­gen­der und treu­er Er­war­tung hin­ge­kau­ert“. Ge­narrt durch das Ti­cken ei­ner Uhr, die er nach ei­ner Wei­le im Raum ent­deckt, schließt der Er­zäh­ler, daß erst das Zu­sam­men­spiel von Se­hen und Hö­ren dem Ge­räusch ei­nen be­stimm­ten Ort zu­weist. Es fol­gen Be­trach­tun­gen über die Aus­wir­kung von künst­li­cher und ech­ter Taub­heit auf die Wahr­neh­mung der an­de­ren Sinne.

Prousts star­ke Ge­räusch­emp­find­lich­keit, sei­ne „Ge­hörshy­per­äs­the­sie“, fließt in die­se spä­ter ein­ge­füg­te Text­pas­sa­ge ein. Nach Um­zug in die Rue Lau­rent-Pi­chet litt der Schrift­stel­ler un­ter dem Lärm der Nach­barn und er­wog ver­schie­de­ne Ge­gen­maß­nah­men von der Iso­la­ti­on der Wän­de mit Kork bis zum Ver­stop­fen des Ge­hör­gangs mit El­fen­bein­kü­gel­chen, den Boules Quiès. Er ap­pel­lier­te nicht an die Ge­räusch­ver­ur­sa­cher, son­dern han­del­te de­fen­siv, in­dem er sei­nen Kör­per schützte.

Sol­cher­art die Auf­merk­sam­kei­ten auf sich zu rich­ten, sei auch för­der­lich in der Lie­be, „in­dem man ih­nen als zu be­zwin­gen­des Ob­jekt nicht das äu­ße­re We­sen, das man liebt, zu­weist, son­dern die ei­ge­ne Fä­hig­keit, durch die­ses We­sen zu lei­den“. Es fol­gen ei­ni­ge Tipps wie die künst­li­che Ru­he her­bei­ge­führt wer­den kann. So an­ge­nehm ei­ne künst­lich in­sze­nier­te Taub­heit sein kön­ne, zwin­ge je­doch die ech­te Taub­heit zu Ver­hal­tens­än­de­run­gen, die den Grad die­ser Be­hin­de­rung auf­zei­gen. Proust führt die Funk­ti­on ei­nes Milch­ko­chers zur Ver­deut­li­chung sei­nes Ge­dan­kens an und schafft so ei­ne der wohl schöns­ten Be­schrei­bun­gen von über­ko­chen­der Milch.

Wer völ­lig taub ge­wor­den ist, kann nicht ein­mal ne­ben sich Milch in ei­nem Ko­cher er­hit­zen, oh­ne mit den Au­gen, bei ge­öff­ne­tem De­ckel, dem wei­ßen, hy­per­bo­rei­schen, schnee­sturm­ähn­li­chen Re­flex auf­zu­lau­ern, je­nem Warn­si­gnal, dem man klüg­lich da­durch Rech­nung trägt, daß man ‑wie der Herr der Wo­gen ge­bie­tet-den Ste­cker her­aus­zieht; denn das auf­stei­gen­de spas­ti­sche Ei der ko­chen­den Milch ist schon da­bei, mit­tels ei­ni­ger stei­ler Wöl­bun­gen sei­nen Höchst­stand zu er­rei­chen, schwillt an, bläht ein paar halb ge­ken­ter­te Se­gel, die der Rahm fal­tig auf­ge­wor­fen hat­te, ent­sen­det in den Sturm noch ei­nes aus Perl­mutt, das der Strom­un­ter­bruch zu­sam­men mit al­len an­de­ren, wenn das elek­tri­sche Un­wet­ter recht­zei­tig be­schwört wird, um sich selbst krei­sen und, in lo­se Ma­gno­li­en­blü­ten ver­wan­delt, end­gül­tig ab­drif­ten las­sen wird.“ (Bd. 3,1,102)

In die Zeich­nung sei­ner Fi­gur Saint-Loup ließ Proust Zü­ge von Comte Bert­rand de Sa­lignac-Fé­ne­lon (1878–1914) ein­flie­ßen. In die­sen blon­den, blau­äu­gi­gen, jun­gen Mann, der schon mal über die Ti­sche ei­nes Re­stau­rants steigt um Prousts Man­tel zu ho­len, ver­lieb­te sich Proust 1901. (Ro­nald Hay­man)

Literarisches Kuriositätenkabinett

Von „A.“ bis „Zylinder“ — Rainer Schmitz über Wissenswertes und Skurriles der literarischen Welt

So kann es ge­hen, man hört von ei­ner Neu­erschei­nung und wird da­durch auf ein längst er­schie­ne­nes Werk des­sel­ben Au­tors auf­merk­sam. Man hofft, die­ses sei ge­eig­net ei­ni­ge der un­zäh­li­gen Wis­sens­lü­cken zu stop­fen, be­sorgt es sich um­ge­hend und kommt dann nicht mehr los davon.

So ein Buch ist das Li­te­ra­tur­kom­pen­di­um von Rai­ner Schmitz „Was ge­schah mit Schil­lers Schä­del?“. Ein sol­cher Ti­tel pro­phe­zeit, daß man nach dem Le­sen nicht nur gut un­ter­hal­ten son­dern auch schlau­er sein wird. Der Un­ter­ti­tel „Al­les, was Sie über Li­te­ra­tur nicht wis­sen“ er­zwingt die so­for­ti­ge Probe.

Und tat­säch­lich, dach­te die ver­blüff­te Le­se­rin doch bis­her, daß der Sand­ku­chen we­gen sei­ner un­aus­weich­lich stau­bi­gen Kon­sis­tenz die­sen Na­men zu Recht tra­ge, so weiß sie nun, wel­che Schrift­stel­le­rin dem Tee­ge­bäck ih­ren Na­men lieh. Dass es sich bei die­sem ei­gent­lich um ein Pseud­onym han­delt, war auch der li­te­ra­risch hin­läng­lich Ge­bil­de­ten be­kannt. Wie die­se Ge­org ei­gent­lich hieß, er­fährt sie un­ter dem gleich­lau­ten­den Eintrag.

Über 1200 Stich­wör­ter hat der Jour­na­list und Au­tor Rai­ner Schmitz un­ter Mit­wir­kung von Ni­c­las De­witz und Wolf­gang Ho­er­ner ge­sam­melt. Sie fül­len 1828 Ko­lum­nen, gut hun­dert da­von um­fasst al­lei­ne das um­fang­rei­che Re­gis­ter al­ler er­wähn­ten Autoren.

Un­wei­ger­lich ha­be ich mich fest­ge­le­sen. Mei­ne Neu­gier­de schwang sich von Stich­wort zu Ver­weis und blieb beim Blät­tern un­wei­ger­lich an Ku­rio­sem hän­gen. So könn­te ich nun ei­ni­ges er­zäh­len, über die er­dich­te­te Bi­li­tis, über ab­ge­lehn­te Best­sel­ler und sol­che, die nie­mand mehr kennt. Es fin­det sich Merk­wür­di­ges wie „Hun­de­fut­ter“ und Nach­denk­li­ches wie „Grab­in­schrif­ten“.

Am bes­ten macht man sich aber mit dem Buch be­kannt, in­dem man ei­nen Schrift­stel­ler her­aus­pickt und des­sen Ein­trä­ge ver­folgt. Mei­ne Wahl fiel auf Mar­cel Proust, für ihn weist das Re­gis­ter 33 Fund­stel­len aus. Sie rei­chen von „Ab­ge­lehnt“ bis „längs­ter Zeit­raum“. Un­ter „Ab­ge­lehnt“ er­fah­ren wir, daß nicht nur die „Re­cher­che“ von Ver­la­gen ei­ne Ab­fuhr be­kam, son­dern auch Ke­rou­acs „On the Road“, Süs­kinds „Das Par­fum“ und Row­lings „Har­ry Pot­ter“.

Nicht nur Proust dien­te das „Bett“ als li­te­ra­ri­sche Wirk­stät­te, auch Mark Twain zog sich ger­ne an die­sen Ort der In­spi­ra­ti­on zu­rück, meist mit ei­ner Zi­gar­re. Wir le­sen von ge­leb­tem und li­te­ra­ri­schem „Dan­dy­is­mus“ und wun­dern uns nur we­nig, daß die­ser in Deutsch­land sel­ten an­zu­tref­fen war. In­ter­es­siert ver­folgt man den poe­ti­schen Ein­fluss des „Darms“ bei Proust, Mann und Schil­ler, wäh­rend He­ming­way auch dies sei­nem Ruf ge­mäß lös­te. Un­ter „Du­ell­ver­wei­ge­rung“ le­sen wir von Prousts Är­ger mit ei­nem Pap­pa­raz­zo, des­sen Ver­däch­ti­gung un­ter „Schwul in 14 Ko­lum­nen er­läu­tert wird.

Na­tür­lich fin­det Mar­cel Proust mit sei­nem Werk Ein­gang in den  „Ka­non“, bei­spiels­wei­se in den der Pa­ri­ser Aka­de­mie Gon­court und in die ZEIT-Bi­blio­thek der 100 Bü­cher. Wie sei­ne Ka­n­on­kol­le­gen Kaf­ka, Joy­ce und Ke­rou­ac, fin­det sich auch ei­nes sei­ner Ma­nu­skrip­te, ge­nau­er die Kor­rek­tur­fah­nen des ers­ten Teils der Re­cher­che, un­ter den „teu­ers­ten Ma­nu­skrip­ten“ der Welt. Mit Kaf­ka teilt er au­ßer­dem noch den Ein­trag „Lun­ge“, wei­te­re be­rühm­te Lei­dens­ge­nos­sen sind Fjo­dor Dos­to­jew­ski und Tho­mas Bernhard.

Das Stich­wort „Lin­den­blü­ten­tee“ be­legt er ganz al­lei­ne, aber die ei­gent­lich un­be­dingt zu­ge­hö­ri­ge Ma­de­lei­ne fehlt un­ver­ständ­li­cher­wei­se. Dar­über mag die Be­kannt­schaft mit dem Verb „prou­sti­fier“ hin­weg trös­ten, un­ter „Prousta­ta“ er­fah­ren wir vom chir­ur­gi­schen Ge­schick sei­nes Bruders.

Zwei­mal macht der ver­ehr­te Dich­ter den zwei­ten Platz, beim „längs­ten Ro­man“ und beim „längs­tens Satz“, die­ser ist je­doch in Ge­gen­satz zum Sie­ger voll­stän­dig ab­ge­druckt, na­tür­lich über zwei Ko­lum­nen. Mü­ßig zu sa­gen, daß Mar­cel Proust in ei­ner Le­ser­be­fra­gung von fünf gro­ßen eu­ro­päi­schen Zeit­schrif­ten an sieb­ter Stel­le stand. Wer sich für die üb­ri­gen Ge­nann­ten in­ter­es­siert, der schla­ge selbst nach.

Die­ses li­te­ra­ri­sche Ku­rio­si­tä­ten­ka­bi­nett sei je­dem Li­te­ra­tur­lieb­ha­ber emp­foh­len, es ist lehr­reich, amü­sant, span­nend und skurril.

Rai­ner Schmitz, Was ge­schah mit Schil­lers Schä­del?, Hey­ne Ver­lag, 12/2008