Proust — Herzflimmern in Balbec

Arrhythmien des Herzens an der Küste von Gomorrha, Bd. IV, 219–367

Ich erinnerte mich an die letzte Zeit im Leben meiner Großmutter und an alles, was mit ihr zusammenhing, an die Treppenhaustür, die offen geblieben war, als wir zu ihrem letzten Spaziergang hinausgingen. Im Vergleich dazu erschien der Rest der Welt kaum wirklich, und mein Leiden vergiftete ihn gänzlich. Schließlich drängte meine Mutter mich, hinauszugehen. Doch bei jedem Schritt hinderte mich wie ein Wind, gegen den man nicht ankommen kann, irgendein vergessener Aspekt des Kasinos oder der Straße, in der ich sie am ersten Abend erwartet hatte und auf der ich bis zum Denkmal für Duguay-Trouin gegangen war, am Weitergehen; ich senkte die Augen, um nicht zu sehen.“

Beim zweiten Aufenthalt in Balbec ist für Marcel vieles ähnlich und doch alles anders. Als Stammgast von Rang holt ihn der Direktor des Grand-Hôtel persönlich am Bahnhof ab. Ort und Gepflogenheiten sind Marcel vertraut, er bezieht sogar dasselbe Zimmer wie beim Aufenthalt mit seiner Großmutter. Nur ihr beruhigendes Klopfen vom Nachbarraum wird er nicht mehr hören können. Die vom Ort ausgelöste, lebhafte Erinnerung an die Verstorbene macht ihm bewusst, „dass sie niemals wieder in meiner Nähe sein würde, (…) dass ich sie für immer verloren hatte.“ Die Trauer lähmt ihn.

Dabei ist er mit großen Erwartungen in die Normandie gereist. Einen Abend bei den Verdurins hat er sich vorgenommen. Nicht weil ihn „Proust — Herzflimmern in Balbec“ weiterlesen

Weltliteratur lebendig umgesetzt

Sodom und Gomorrha“ als Hörspiel-Inszenierung

Auf das Hörspiel „Sodom und Gomorrha“, einer Gemeinschaftsproduktion von SWR, Dradio Kultur und Der Hörverlag, bin ich während meiner Lektüre des vierten Bands von Marcel Proust „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ gestoßen. Dieser Klassiker beschäftigt mich schon seit einiger Zeit, genau genommen war er sogar der Anlass mein Blog ins Leben zu rufen, wodurch wiederrum andere Bücher in mein Leseleben traten. So schreitet meine Proust-Lektüre gemächlich voran, mittlerweile bin ich im vierten Band gelandet, aber nicht gestrandet.

Das Hörspiel mit seinen 318 Minuten auf 5 CDs holt mich also da ab, wo ich bin. Es basiert auf der bei Reclam erschienenen Neuübersetzung von Bernd-Jürgen Fischer, die Manfred Hess für die Produktion bearbeitete. Unter der Regie von Iris Drögekamp sprechen neben anderen Michael Rotschopf (Marcel), Lilith Stangenberg (Albertine), Gerd Wameling (Charlus), Stefan Konarske (Morel) und Matthias Habich (Swann). Das Ensemble Modern stimmt musikalisch in die Atmosphäre der Belle Époque ein.

Der vierte Band der Recherche mit dem Titel „Sodom und Gomorrha“ spielt auf Formen gleichgeschlechtlicher Liebe an. Er lässt seine Leserin auf gut 700 Seiten Neues entdecken, bezieht sich aber ebenso mit vielen Motiven, Personen und Orten auf die vorausgegangenen Bände.

Wir begegnen Baron de Charlus und verfolgen, wie Marcel entdeckt, was „Weltliteratur lebendig umgesetzt“ weiterlesen

Augenstern

In „Königsallee“ erweist Hans Pleschinski einem grossen Schriftsteller und einem grossen Gefühl Reverenz

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Und was ist Treue? Sie ist Liebe, ohne zu sehen, der Sieg über ein verhaßtes Vergessen. Wir begegnen einem Angesicht, das wir lieben, und wir werden wieder davon getrennt. Das Vergessen ist sicher, aller Trennungsschmerz ist nur Schmerz über sicheres Vergessen. Unsere Einbildungskraft, unser Erinnerungsvermögen sind schwächer, als wir glauben möchten. Wir werden nicht mehr sehen und aufhören zu lieben. Was bleibt, ist die Gewißheit, daß jedes neue Zusammentreffen unserer Natur mit dieser Lebenserscheinung mit Sicherheit unser Gefühl erneuern, uns wieder, oder eigentlich noch immer, sie lieben lassen wird.“

1927 verbrachten die Manns ihre Sommerfrische auf Sylt. Während sich Frau Katia in der Strandgesellschaft langweilte, fand Thomas Mann dort seinen Augenstern. In vorsichtigen Gesprächen näherte er sich dem jungen Klaus Heuser, es folgte eine Einladung in die Münchner Familienvilla. Schließlich machte ein Kuss den Jungen zu einer unvergessenen Begegnung.

Diese unerfüllte Liebe verwandelte Thomas Mann in Literatur und erschuf manche seiner Figuren nach dem Vorbild jenes Knaben. Hans Pleschinski seinerseits formt aus der realen Liebe und aus „Augenstern“ weiterlesen

Proust — Die Pandorabüchse des Grandhotels

Kurgesellschaft

Unser Held, der jugendliche Marcel, verbringt zum ersten Mal seine Zeit in einem Grandhotel und beschert uns mit seinen Beobachtungen eine amüsante Analyse der Freuden und Nöte des dortigen gesellschaftlichen Gerangels. Nichts scheint schwieriger als in der vermeintlich vereinheitlichenden Atmosphäre einer gemeinsamen Badekur die gesellschaftlichen Schranken aufrechtzuerhalten.

Dieser Schwierigkeit, allen comme il faut gerecht zu werden, sieht sich auch der Direktor des Grand-Hôtel de la Plage in Balbec ausgesetzt. Das Äußere dieses Herrn erinnert an eine lebensgegerbte Pagode im Smoking, aber sein psychologisches Gespür täuscht ihn manchmal. Nicht immer erkennt er, wer die ausreichende Finanzstärke eines würdigen Gastes ausstrahlt. Meist sind das Auftreten, ein exklusives Äußeres, aber auch die „gewählten, aber falsch angebrachten“ Redewendungen deutliche Indizien. Doch ob Bourgeois „Proust — Die Pandorabüchse des Grandhotels“ weiterlesen