Flitzschwebend occupiert

In Lincoln im Bardo schlüpft Saunders innovative Erzähltechnik in die sensible, selbstkritische Seele des Präsidenten

Bleibt, beschwor ich. Er ist nicht unerreichbar für Eure Hilfe. Ganz und gar nicht. Ihr könnt noch viel Gutes für ihn tun. Ihr könnt jetzt sogar hilfreicher für ihn sein als jemals an jenem vormaligen Ort.

Denn seine Ewigkeit hängt in der Schwebe, Sir. Wenn er bleibt, ist das Elend, das ihn überwältigen wird, jenseits Eurer Vorstellungskraft.“

Einfach betrachtet handelt es sich bei George Saunders Roman um ein hochemotionales Buch. Es umschreibt die Trauer eines Vaters, der seinen Sohn gerade zu Grabe getragen hat. 11 Jahre war dieser alt, als er der Diphterie erlag. Es ist das Jahr 1862, der Tote heißt William, sein Vater Abraham Lincoln. Mitten im Amerikanischen Bürgerkrieg verliert Lincoln seinen Lieblingssohn. Er bestattet ihn in einer der Gruft in Georgetown, doch Ruhe finden sie beide nicht, denn Geister umschwirren sie. Diese verkennen ihren Zustand und hängen im Bardo fest, einem Schwebezustand zwischen tot und ganz tot oder zwischen Nirwana und Wiedergeburt, wenn man bei dem von Saunders gewählten Begriff aus der tibetanischen Mythologie bleibt.

Die Gestalten tummeln sich um Willie, sie sind dem Knaben zugewandt, dessen Geist ratlos und verlassen auf seiner „Krankenkiste“ sitzt. Der Vater kehrt in der Nacht nach der Beerdigung zum Friedhof zurück, auch er kann Willies Zustand nicht akzeptieren. Er befreit den Körper seines Sohnes aus „Flitzschwebend occupiert“ weiterlesen

Zähne im Rachen der Empörung“

William Faulkners grandioser Roman „Absalom, Absalom!“ in der Neuübersetzung von Nikolaus Stingl

U1_978-3-498-02134-4.inddVielleicht ist Geschehen nichts Einmaliges, sondern gleicht dem Gekräusel auf Wasser, nachdem der Kiesel versunken ist, und das Gekräusel geht weiter, breitet sich aus, der Teich ist durch eine schmale Wasser-Nabelschnur mit dem nächsten Teich verbunden, (…)“

Ein neues Leseprojekt, obwohl immer noch vier Bände Proust vor mir liegen? Gewagt. Aber man muss Gelegenheiten ergreifen, wo sie sich bieten. Diese geht auf Birgit zurück. Bei einem unserer letzten Literaturtreffen sprach sie davon William Faulkners „Absalom, Absalom!“ lesen zu wollen. Auch sie hatte erst kürzlich im Schweizer Literaturclub die Diskussion über Nikolaus Stingls Neuübersetzung verfolgt. Nach kurzer Überlegung entschloss ich mich, ihr ein gemeinsames Lesen vorzuschlagen. Schließlich waren wir zu dritt und bildeten eine Extraausgabe unserer Runde, sozusagen einen Literaturkreis im Literaturkreis. Wir portionierten die schwere Kost und trafen uns insgesamt dreimal.

Schon der erste Abend war für mich nicht nur erhellend, sondern auch absolut notwendig, denn mit den ersten beiden Kapiteln habe ich ganz schön gehadert. Unverdaulich wie „Ulysses“, mit dem ich es vor Jahrzehnten viel zu jung versucht habe, erschien mir Faulkners Meisterwerk. 1936 erstmals erschienen, erzählt der Roman die Geschichte einer Familie aus dem amerikanischen Süden während des Bürgerkriegs. „Absalom, Absalom!“ gilt heute als einer der bedeutendsten Literaturwerke des 20. Jahrhunderts und verhalf 1950 Wilhelm Faulkner zum Literaturnobelpreis. Einmalig ist nicht nur Zähne im Rachen der Empörung““ weiterlesen