Mythos Kilimandscharo

Koloniales Wettklettern

Mit ih­rem im Wa­gen­bach-Ver­lag er­schie­ne­nen Buch „Ki­li­man­dscha­ro“ le­gen die bei­den Au­to­ren, der Ger­ma­nist und His­to­ri­ker Chris­tof Ha­mann und der Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­ler Alex­an­der Ho­nold die „deut­sche Ge­schich­te ei­nes afri­ka­ni­schen Ber­ges“ vor.

In zehn Ka­pi­teln stel­len sie die ver­schie­de­nen As­pek­te der Fas­zi­na­ti­on her­aus, die die­ser Berg von der An­ti­ke bis in die heu­ti­ge Zeit aus­übt. Wie der Berg als Mi­kro­kos­mos ver­schie­dens­te Be­dürf­nis­se ver­eint, Na­tur- und Selbst­er­fah­rung, die Sehn­sucht nach dem Ide­al und die Ab­kehr von der Zi­vi­li­sa­ti­on zeigt das An­fangs­ka­pi­tel. Der sym­bo­li­sche Ge­halt my­thi­scher Berg­phan­ta­si­en, sei es nun der Olymp oder der Par­nass, der ei­ne Sitz der Göt­ter, der an­de­re Hain der Mu­sen, wer­den eben­so wie Dan­tes Läu­te­rungs­berg be­rück­sich­tigt. Die im 18. Jahr­hun­dert sich aus­bil­den­de Sti­li­sie­rung der Al­pen zum „Hoch­ge­bir­ge der Emp­find­sam­keit“ zei­gen die Au­to­ren an­hand der Spu­ren von Al­brecht von Hal­ler und Jean-Jac­ques Rous­seau. Als wei­te­re Pio­nie­re der Ent­de­cker­lust blei­ben selbst­ver­ständ­lich auch Fran­ces­co Pe­trar­ca und Alex­an­der von Hum­boldt nicht un­ge­nannt.

Das zwei­te Ka­pi­tel führt in die Vor­ge­schich­te des „Schnee­ber­ges“ ein. My­then, aber auch geo­gra­phi­sche Be­ob­ach­tun­gen, die in der an­ti­ken Über­lie­fe­rung von He­ro­dot bis Pto­le­mai­os von Alex­an­dria fass­bar sind, wer­den ein­an­der ge­gen­über­ge­stellt und durch an­ek­do­ten­haft an­mu­ten­de Be­rich­te an­ti­ker Ex­pe­di­ti­ons­trupps er­gänzt.

Wel­che Rol­le das Pres­ti­ge ei­nes Erst­ent­de­ckers ge­ra­de wäh­rend des „Run of Af­ri­ca“ ein­nimmt zeigt das drit­te Ka­pi­tel. Geo­gra­phie wur­de zwar we­ni­ger als Wis­sen­schaft denn als Feuil­le­ton­the­ma wahr­ge­nom­men, den­noch war das In­ter­es­se ge­ra­de am un­ent­deck­ten afri­ka­ni­schen Kon­ti­nent enorm. Mit Span­nung ver­folg­te das deut­sche Le­se­pu­bli­kum in zahl­rei­chen Pu­bli­ka­tio­nen wie „Die Gar­ten­lau­be“ und  „Westermann’s Mo­nats­hef­te“ den Wett­lauf zu den Quel­len des Ni­gers. Be­lieb­te Lek­tü­re wa­ren auch die Be­rich­te deut­scher und eng­li­scher Mis­sio­na­re, die auf ih­ren We­gen zu den „Un­gläu­bi­gen“ bis in un­be­kann­te Re­gio­nen vor­dran­gen. So be­rich­te­ten die Mis­sio­na­re Jo­han­nes Reb­mann und sein Kol­le­ge Jo­hann Lud­wig Krapf über ih­re Un­ter­neh­mun­gen im Church Mis­sio­na­ry In­tel­li­gen­zer. Sie be­schrie­ben als ers­te neu­zeit­li­che Eu­ro­pä­er ei­nen Schnee­gip­fel in Äqua­tor­nä­he. Doch das trug den Mis­sio­na­ren mehr Spott als An­er­ken­nung ein. Der eng­li­sche Ge­lehr­te Wil­liam De­bo­rough Coo­ley wirft ih­nen über­bor­den­de Phan­ta­sie und Un­pro­fes­sio­na­li­tät vor und ver­wies hä­misch auf die Kurz­sich­tig­keit der bei­den Bril­len­trä­ger.

Dass nicht nur geo­gra­phi­sche Neu­gier und re­li­giö­ses Sen­dungs­be­wußt­sein, son­dern auch ko­lo­ni­al­po­li­ti­scher Ehr­geiz bei der wei­te­ren Er­for­schung Afri­kas und ins­be­son­de­re des Ki­li­man­dscha­ros ei­ne Rol­le spiel­ten, schil­dern die Au­to­ren im Fol­gen­den. „Die Be­stei­gung des Schnee­ber­ges bleibt ein wich­ti­ges wis­sen­schaft­li­ches und po­li­ti­sches Ziel“ (S. 66). Als sei die Erst­be­stei­gung des Kilimandscharo–Gipfels Ki­bo ei­ne Un­ter­dis­zi­plin im „Wett­lauf um Afri­ka“. Ne­ben den Deut­schen Carl Claus von der De­cken, Edu­ard Vo­gel und Gus­tav Adolf Fi­scher tra­ten die Bri­ten Jo­seph Thom­son und Har­ry Johnston an. Al­le schei­ter­ten. Erst Hans Mey­er und Lud­wig Purt­schel­ler er­reich­ten 1889 im drit­ten An­lauf den Gip­fel und mach­ten ihn mit Deut­scher Flag­ge und ei­nem drei­fa­chen Hur­ra zur Kai­ser-Wil­helm-Spit­ze und da­mit zum höchs­ten Berg Deutsch­lands. In Mey­ers Dar­stel­lun­gen zeigt sich die gro­ße Fas­zi­na­ti­on, die der Ki­li­man­dscha­ro aus­üb­te, das schnee­be­deck­te Hoch­ge­bir­ge in Äqua­tor­nä­he, sei­ne sin­gu­lä­re Er­he­bung in der Land­schaft, der wol­ken­ver­han­ge­ne Gip­fel und sei­ne un­ter­schied­li­chen Kli­ma­te und Ve­ge­ta­ti­ons­zo­nen. Wie die ge­schick­te me­dia­le Prä­sen­ta­ti­on den Berg im fer­nen Afri­ka zu ei­nem Sym­bol deut­schen Na­tio­nal­stol­zes wer­den lässt, zei­gen die Au­to­ren in den nach­fol­gen­den Ka­pi­teln. Sei­en es nun die um­fas­sen­de li­te­ra­ri­sche Re­zep­ti­on, un­ter de­nen Ju­les Ver­nes Fünf Wo­chen im Bal­lon das po­pu­lärs­te Bei­spiel dar­stel­len mag, oder die Aus­wir­kun­gen auf die Wer­ke der Bil­den­den Küns­te. Be­son­ders deut­sche Künst­ler tru­gen da­zu bei, daß ko­lo­ni­al­ro­man­ti­sche Sehn­süch­te noch lan­ge nach En­de der kur­zen deut­schen Ko­lo­ni­al­pha­se wei­ter­leb­ten. Und das bis heu­te, wie Fern­seh­dra­mo­letts vor der Ku­lis­se des Ki­li­man­dscha­ro be­wei­sen.

Die bei­den Wis­sen­schaft­ler, die sich selbst als Flach­land­au­to­ren be­zeich­nen, und doch mit­un­ter bei ge­mein­sa­men Berg­wan­de­run­gen die Kon­zep­ti­on ih­res Bu­ches dis­ku­tier­ten, bie­ten viel­fäl­ti­ge As­pek­te des be­rühm­tes­ten Ber­ges Ost­afri­kas. Sie ana­ly­sie­ren die ko­lo­nia­le Ge­schich­te des Gip­fels und wer­fen zu­dem ei­nem Blick auf die kul­tu­rel­le Be­deu­tung des Berg­stei­gens und die Mo­ti­ve der Ak­teu­re. Dem Le­ser öff­net sich so die his­to­ri­sche aber auch die li­te­ra­ri­sche Per­spek­ti­ve.

Zahl­rei­che Ab­bil­dun­gen und ein eben­so nütz­lich wie aus­führ­li­cher An­mer­kungs­ap­pa­rat er­gän­zen die­sen Band aus der schön ge­stal­te­ten kul­tur­ge­schicht­li­chen Rei­he des Wa­gen­bach-Ver­la­ges.

Zur Rol­le Reb­manns und Krapfs als ers­te eu­ro­päi­sche Schnee­gip­fel-Bo­ten sei fol­gen­de Be­ge­ben­heit er­gän­zend er­zählt. Es war nicht nur der Bri­te Be­ke, wie Ha­mann und Ho­nold be­rich­ten, der die Aus­sa­gen von Reb­mann und Krapf ernst nahm. Die in den neu­ge­grün­de­ten geo­gra­phi­schen Zeit­schrif­ten „Pe­ter­manns Mit­tei­lun­gen“, Glo­bus“, „Zeit­schrift für all­ge­mei­ne Erd­kun­de“ heiß dis­ku­tier­ten Schnee­ber­ge setz­ten die bei­den der­art in den Fo­kus, daß ih­nen zu Be­ginn des Jah­res 1851, wie Jo­chen Eber in sei­ner Bio­gra­phie über Krapf be­rich­tet, ei­ne Au­di­enz bei Fried­rich-Wil­helm IV. ge­währt wur­de. Dort schil­der­ten sie ih­re Ent­de­ckun­gen den preu­ßi­schen Ge­lehr­ten Carl Rit­ter und Alex­an­der von Hum­boldt, wor­auf sich letz­te­rer „wie ein klei­nes Kind über ein neu­es Spiel­zeug“ ge­freut ha­ben soll (Eber, S. 148).

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