Wenn du träumst, du träumst, dann träumst du nur, du träumst

In seinem neuen Erzählungsband „Wenn es dunkel wird“ dreht Peter Stamm seine Figuren „nur um eine Seltsamkeit mehr“ ins Surreale

Es fühlt sich an wie jener Moment, wenn man auf der Schaukel nach oben geschwungen ist und für einen Moment lang schwerelos ist und glaubt, davonfliegen zu können, bevor die Schwerkraft wieder überhandnimmt und einen zurückzieht ins Leben.“

Wenn ein Träumender sich bewusst wird, daß er sich in einem Traum und nicht in der Realität befindet, nennt man dies luzide. Wenn die Figur einer erfundenen Geschichte durch die ihr zugeschriebene Fantasie in eine weitere Fiktion rutscht, wurde sie höchstwahrscheinlich von Peter Stamm erschaffen. Spätestens seit seinem zur Schullektüre erkorenem Roman „Agnes“ ist der Schweizer Schriftsteller ein ausgewiesener Spezialist für das Spiel mit den Ebenen. Realität und Fantasie, Fiktion und Metafiktion, zahlreich sind die Volten, denen die Figuren seiner Werke ausgesetzt sind. Auf der Suche nach sich selbst manövrieren sie durch das Dickicht ihrer Beziehungen und finden nicht selten keinen Ausgang, nicht nur, „Wenn es dunkel wird“ .

Schon die erste der elf Erzählungen mit dem vermeintlich orthographisch auffälligen Titel „Nahtigall“ hat es in sich. Der junge David fühlt „Wenn du träumst, du träumst, dann träumst du nur, du träumst“ weiterlesen

Mütter in Missouri

Gregor Hens sinniert in seinem Roman „Missouri“ über unterschiedliche Wahrnehmungen von Liebe

Zwischen den Zeilen immer die Frage: Was der Mensch wahrnimmt und was nicht. Wo verlaufen die Grenzen unserer Welt? Deiner Umwelt, meiner Umwelt. Die Sonne ist ein Himmelslicht, las ich. Und der Himmel ist ein Erzeugnis des Auges.“

Gregor Hens neuer Roman „Missouri“ kann auf viele Arten gelesen werden. Sein Ich-Erzähler, der 23-jährige Karl unterrichtet, wie Hens einst selbst, Deutsch an einer amerikanische Universität. In Amerika erhofft er sich ein „lichtes Leben“, nach dem Aufwachsen im von Schuld und Dunkelheit geprägtem Deutschland. Wir verfolgen also die Geschichte eines Einwanderers, die zugleich vom Erwachsenwerden erzählt. Der Handlungsort macht den Roman zum Campusroman mit Studenten und Uniquerelen, gleichzeitig zu einen Amerikaroman, der vom Gegensatz zu deutschen Verhältnissen berichtet.

Sein vordergründiges Thema jedoch ist das Schicksal, was pathetisch klingt. Pathos besitzt die geschilderte Liebesgeschichte durchaus, Gregor Hens erzählt sie allerdings ohne jeden Kitsch. Schon im ersten Satz erfahren wir, daß diese Liebe nicht glücklich endet. Der mittlerweile fünfzigjährige, wieder in Köln lebende Karl blickt zurück und lässt uns an diesem „schlicht unausweichlichen“ „Mütter in Missouri“ weiterlesen

Windhunde

Michael Ondaatje erzählt in „Kriegslicht“ eine spannend verschlungene Identitätssuche

Ich wusste nicht genügend über Agnes Vergangenheit, aber wie gesagt, nie hatte ich als Kind einen Hund gehabt, und nun hielten wir die Tiere in den großen, halbdunklen Räumen dieses geborgten Hauses in Schach, und ihre langen Schnauzen stießen warm an unsere Herzen. (…)

Und als sie sich zum Schlafen zusammenrollten, legten wir uns neben sie auf den Boden, es war, als bedeuteten diese Tiere um uns her das Leben, wonach wir uns sehnten, die Gesellschaft, die wir uns wünschten, ein wilder, unnötiger, wesentlicher und unvergessener menschlicher Augenblick im London jener Jahre.“

Das London jener Jahre hatte gerade den Zweiten Weltkrieg überstanden, mit schweren Schäden, aber als Sieger. Doch die Stadt und ihre Bewohner bewegten sich noch im Kriegslicht. Zwischen zerbombten Häusern, dem Halbdunkel der Straßen und dem Nebel über dem Fluss war vieles schwer zu enträtseln.

Diese Verlassenheit, in der sich Geheimnisse gut verbergen lassen, bekommen auch der 14- jährige Nathaniel und seine Schwester Rachel zu spüren. Ihre Eltern hatten verkündet, das Land zu verlassen und die Geschwister während dieses Jahres in der Obhut eines Freundes zu lassen. Nathaniels und Rachels Vertrauen ist erschüttert und wird später durch einen überraschenden Fund fast „Windhunde“ weiterlesen

Mein Ich ist ein Anderer

Seinen neuen Roman „Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt“ weiht Peter Stamm der Macht des Erzählens

Wieviel meiner Geschichte mit mir zu tun hat, gab ich nie zu.“

Peter Stamm bevorzugt in seinem Schreiben das Spiel mit den Ebenen. Seine Figuren changieren in ihren Funktionen, bewusst oder unbewusst. Der Protagonist wird zum Erzähler, der Erzähler zur Figur, zuweilen sogar mit den Zügen des Autors. So entsteht eine Mischung aus Fiktion und Metafiktion, die Literaturliebhabern Lesefreude bereitet, und mit der sich seit geraumer Zeit auch viele Schüler und deren Lehrer auseinandersetzen müssen. Nachdem Agnes zumindest in den Schulen hier im Ländle turnusbedingt als Abi-Stoff aussortiert wurde, bietet sich Stamms neuer Roman als Nachfolger an, denn „Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt“ nimmt deutlich Bezug auf Stamms berühmtes Debüt. Hier wie dort verschieben sich Erzählebenen und Figuren in parallelen Welten. Hier wie dort steht ein Schriftsteller im Mittelpunkt, der seine Liebe zum Gegenstand seiner Fiktion macht.

Stamm stellt wie so oft in seinen Romanen die Frage nach der Authentizität von Erinnerung. Können wir ihr und damit uns selbst vertrauen? Oder formen wir, indem wir uns erinnern, nicht ständig alles um? Welche Rolle spielt dabei die Literatur?

In seiner Rede zum Solothurner Literaturpreis, bietet Peter Stamm einen Schlüssel „Mein Ich ist ein Anderer“ weiterlesen

Pathos mit Klischee

Karine Tuil erzählt in „Die Zeit der Ruhelosen“ über Herkunft und Schicksal

In unserer Gesellschaft ist etwas sehr Ungesundes im Gange, alles wird durch den Blickwinkel der Identität betrachtet. Jeder wird auf seine Herkunft festgelegt, egal, was er tut.“

Meine einzige Identität ist eine politische“, lautet das Bekenntnis einer Figur im neuen Roman der französischen Schriftstellerin Karine Tuil. Bekannt geworden durch ihren Erfolg Die Gierigen ist sie nun mit dem bei Ullstein erschienenen und von Maja Ueberle-Pfaff ins Deutsche übertragenen aktuellen Roman Die Zeit der Ruhelosen entsprechenden Erwartungen ausgesetzt. Dies mag einer der Gründe sein, weshalb er beim „Literaturclub“ des Schweizer Fernsehens und beim „Literarischen Quartett“ des Südwestfunks auf dem Programm stand.

Im Mittelpunkt der Handlung stehen drei Männer, François, Romain und Osman, deren Erleben Tuil in alternierenden Kapiteln erzählt, sowie Marion, die zwischen zweien dieser Männer steht.

François Vély leitet einen Konzern der französischen Mobilfunkbranche und ist einer der reichsten Männer des Landes. Der Vater dreier Kinder aus erster Ehe ist zum zweiten Mal mit „Pathos mit Klischee“ weiterlesen

Identität und Schicksal

Erri de Lucas antike Tragödie „Il giorno prima della felicità”

I vecchi palazzi contenevano botole murate, passaggi segreti, delitti e amori. I vecchi palazzi erano nidi di fantasmi. (…) Mi figuravo da bambino di essere un pezzo di questo palazzo, mio padre era l’edificio, mia madre il cortile.“

In einem alten Palazzo voller Geheimnisse lebt der Ich-Erzähler aus Erri de Lucas Roman „Il giorno prima della felicità/ Der Tag vor dem Glück. Das Wohnhaus steht in einer Gasse Neapels, der Stadt am Vesuv, die 700 v. Chr. während der Griechischen Kolonisation gegründet wurde. Relikte ihrer altgriechischen Wurzeln lassen sich in archäologischen Funden fassen und ebenso in der Sprache der Stadt, dem Napoletano.

Der aus Neapel stammenden Autor Erri de Luca tradiert dieses Erbe. Napoletano prägt die Dialoge seines Roman, der in Inhalt und Form einem antiken Stoff gleicht. Wie im Mythos trifft ein Held auf seinen Gegenspieler, beschützt von einer Figur mit übernatürlichen Fähigkeiten. Die Begleitumstände werden wie im antiken Drama als Nebengeschichten kommentiert. Im „Identität und Schicksal“ weiterlesen

Barbarische Zivilisierung

François Garde erinnert in seinem ersten Roman „Was mit dem weißen Wilden geschah” an einen außergewöhnlichen historischen Fall

GardeIch schaue Narcisse an, der das Meer anschaut. Seit nunmehr vier Monaten verbringen wir gemeinsam unsere Tage. Aus dem einst stummen weißen Wilden, der Furcht einflößte und zugleich verängstigt war, ist ein freundlicher und diskreter Reisegefährte geworden, der keinerlei Aufmerksamkeit erregt.

Und was ist mit mir? Hat mich dieses Abenteuer verändert? Meine Beobachtungen haben einige meiner Gewissheiten erschüttert. Was ist ein Wilder? Und falls Narcisse wirklich durch und durch ein Wilder geworden war, an welchem Tag, zu welcher Stunde wird er wieder ein Mitglied unsere Zivilisation sein? Was lehrt uns seine Lehrzeit über das Lernen? Und wer von uns beiden ist der Lehrling?

Ich habe keine Antwort auf diese Fragen. Ich weiß nur, dass die Geschichte von Narcisse keine schlichte Anekdote ist.“

Ein weißer Wilder muss in der Mitte des 19. Jahrhunderts, zur Handlungszeit des vorliegenden Romans, wie ein Paradoxon geklungen haben. Wilde galten bestenfalls als edel und schön. Viele der so bezeichneten Menschen ferner Regionen wurden wie skurrile Souvenirs ihren Ursprungsländern entrissen und „Barbarische Zivilisierung“ weiterlesen

Was Kunst vermag

Peter Stamm über Kunst in Nacht ist der Tag

Stamm, Nacht ist der TagNie wird es mir gelingen, in ein Porträt die ganze Kraft zu legen, die in einem Kopf ist.
Alberto Giacometti

Der neue Roman von Peter Stamm besteht aus drei Teilen, denen jeweils ein Zitat voran steht. Während Shakespeare den Beginn und der Philosoph Ernst Bloch den Schluss einleiten, findet sich in der Mitte der Schweizer Künstler Alberto Giacometti mit einer Aussage, die wie ein Schlüssel zur vorliegenden Geschichte erscheint.

Oberflächlich betrachtet erzählt Nacht ist der Tag die Geschichte einer Frau, die durch einen Unfall ihr Gesicht verliert und in den Bemühungen dies wiederherzustellen zu einer neuen Identität findet. Doch hinter dieser Fassade steckt viel mehr, vor allem die Frage, was Kunst vermag.

Der erste und mit 126 Seiten umfangreichste Teil des Romans, dem Shakespeare die Diskrepanz zwischen Realität und Imagination vorgibt, schildert die Ausgangssituation. Gillian, eine „Was Kunst vermag“ weiterlesen

Metamorphosen im Moor

Gunther Geltinger transformiert in Moor die Griechische Tragödie

Du sinkst augenblicklich ein. Spürst unter dir die träge Last der meterdicken Torfschwämme, den schweren, fetten Leib, der dich umarmt. Ich schließe dich ein, in Wasser, in Erde oder ein Gemenge aus beidem: feuchte Krume, zäher Wurzelfilz, verzweigte Adern über halbverrotteten Ästen wie Knochen, darunter das Herz der Tiefe, breiig, kalt pulsierend, noch vor zweihundert Jahren fürchteten mich die Fenndorfer als schwarzes, schleimiges Tier, das unter den Häusern lebt und ihre Kinder verschlingt.“

Mit dem Moor verbinden wir Geheimnis und Gefahr. Die Gedanken an Moorleichen, Zeugen längst vergangener Rituale, machen eine Wanderung über den Knüppeldamm zu einem unheimlichen Abenteuer. Was, wenn man vom Weg abkommt und versinkt? Muss man vermodern, wenn man sich nicht am eigenen Schopf wieder heraus ziehen kann? Doch das Moor birgt nicht nur Unheimliches, es bietet Schutz, besonders den Lebewesen, die in der Zivilisation keinen Platz finden.

In diesem Biotop leben die Libellen, die Begleiter Dions, des 13-jährigen stotternden Protagonisten in Gunther Geltingers neuem Roman Moor. Das Moor ist nicht nur Dions Heimat, es ist „Metamorphosen im Moor“ weiterlesen