Mütter in Missouri

Gregor Hens sinniert in seinem Roman „Missouri“ über unterschiedliche Wahrnehmungen von Liebe

Zwi­schen den Zei­len im­mer die Fra­ge: Was der Mensch wahr­nimmt und was nicht. Wo ver­lau­fen die Gren­zen un­se­rer Welt? Dei­ner Um­welt, mei­ner Um­welt. Die Son­ne ist ein Him­mels­licht, las ich. Und der Him­mel ist ein Er­zeug­nis des Au­ges.“

Gre­gor Hens neu­er Ro­man „Mis­sou­ri“ kann auf vie­le Ar­ten ge­le­sen wer­den. Sein Ich-Er­zäh­ler, der 23-jäh­ri­ge Karl un­ter­rich­tet, wie Hens einst selbst, Deutsch an ei­ner ame­ri­ka­ni­sche Uni­ver­si­tät. In Ame­ri­ka er­hofft er sich ein „lich­tes Le­ben“, nach dem Auf­wach­sen im von Schuld und Dun­kel­heit ge­präg­tem Deutsch­land. Wir ver­fol­gen al­so die Ge­schich­te ei­nes Ein­wan­de­rers, die zu­gleich vom Er­wach­sen­wer­den er­zählt. Der Hand­lungs­ort macht den Ro­man zum Cam­pus­ro­man mit Stu­den­ten und Uni­que­re­len, gleich­zei­tig zu ei­nen Ame­rika­ro­man, der vom Ge­gen­satz zu deut­schen Ver­hält­nis­sen be­rich­tet.

Sein vor­der­grün­di­ges The­ma je­doch ist das Schick­sal, was pa­the­tisch klingt. Pa­thos be­sitzt die ge­schil­der­te Lie­bes­ge­schich­te durch­aus, Gre­gor Hens er­zählt sie al­ler­dings oh­ne je­den Kitsch. Schon im ers­ten Satz er­fah­ren wir, daß die­se Lie­be nicht glück­lich en­det. Der mitt­ler­wei­le fünf­zig­jäh­ri­ge, wie­der in Köln le­ben­de Karl blickt zu­rück und lässt uns an die­sem „schlicht un­aus­weich­li­chen“ „Müt­ter in Mis­sou­ri“ wei­ter­le­sen

Windhunde

Michael Ondaatje erzählt in „Kriegslicht“ eine spannend verschlungene Identitätssuche

Ich wuss­te nicht ge­nü­gend über Agnes Ver­gan­gen­heit, aber wie ge­sagt, nie hat­te ich als Kind ei­nen Hund ge­habt, und nun hiel­ten wir die Tie­re in den gro­ßen, halb­dunk­len Räu­men die­ses ge­borg­ten Hau­ses in Schach, und ih­re lan­gen Schnau­zen stie­ßen warm an un­se­re Her­zen. (…)

Und als sie sich zum Schla­fen zu­sam­men­roll­ten, leg­ten wir uns ne­ben sie auf den Bo­den, es war, als be­deu­te­ten die­se Tie­re um uns her das Le­ben, wo­nach wir uns sehn­ten, die Ge­sell­schaft, die wir uns wünsch­ten, ein wil­der, un­nö­ti­ger, we­sent­li­cher und un­ver­ges­se­ner mensch­li­cher Au­gen­blick im Lon­don je­ner Jah­re.“

Das Lon­don je­ner Jah­re hat­te ge­ra­de den Zwei­ten Welt­krieg über­stan­den, mit schwe­ren Schä­den, aber als Sie­ger. Doch die Stadt und ih­re Be­woh­ner be­weg­ten sich noch im Kriegs­licht. Zwi­schen zer­bomb­ten Häu­sern, dem Halb­dun­kel der Stra­ßen und dem Ne­bel über dem Fluss war vie­les schwer zu ent­rät­seln.

Die­se Ver­las­sen­heit, in der sich Ge­heim­nis­se gut ver­ber­gen las­sen, be­kom­men auch der 14- jäh­ri­ge Na­tha­ni­el und sei­ne Schwes­ter Ra­chel zu spü­ren. Ih­re El­tern hat­ten ver­kün­det, das Land zu ver­las­sen und die Ge­schwis­ter wäh­rend die­ses Jah­res in der Ob­hut ei­nes Freun­des zu las­sen. Na­tha­ni­els und Ra­chels Ver­trau­en ist er­schüt­tert und wird spä­ter durch ei­nen über­ra­schen­den Fund fast „Wind­hun­de“ wei­ter­le­sen

Mein Ich ist ein Anderer

Seinen neuen Roman „Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt“ weiht Peter Stamm der Macht des Erzählens

Wie­viel mei­ner Ge­schich­te mit mir zu tun hat, gab ich nie zu.“

Pe­ter Stamm be­vor­zugt in sei­nem Schrei­ben das Spiel mit den Ebe­nen. Sei­ne Fi­gu­ren chan­gie­ren in ih­ren Funk­tio­nen, be­wusst oder un­be­wusst. Der Prot­ago­nist wird zum Er­zäh­ler, der Er­zäh­ler zur Fi­gur, zu­wei­len so­gar mit den Zü­gen des Au­tors. So ent­steht ei­ne Mi­schung aus Fik­ti­on und Me­ta­fik­ti­on, die Li­te­ra­tur­lieb­ha­bern Le­se­freu­de be­rei­tet, und mit der sich seit ge­rau­mer Zeit auch vie­le Schü­ler und de­ren Leh­rer aus­ein­an­der­set­zen müs­sen. Nach­dem Agnes zu­min­dest in den Schu­len hier im Länd­le tur­nus­be­dingt als Abi-Stoff aus­sor­tiert wur­de, bie­tet sich Stamms neu­er Ro­man als Nach­fol­ger an, denn „Die sanf­te Gleich­gül­tig­keit der Welt“ nimmt deut­lich Be­zug auf Stamms be­rühm­tes De­büt. Hier wie dort ver­schie­ben sich Er­zähl­ebe­nen und Fi­gu­ren in par­al­le­len Wel­ten. Hier wie dort steht ein Schrift­stel­ler im Mit­tel­punkt, der sei­ne Lie­be zum Ge­gen­stand sei­ner Fik­ti­on macht.

Stamm stellt wie so oft in sei­nen Ro­ma­nen die Fra­ge nach der Au­then­ti­zi­tät von Er­in­ne­rung. Kön­nen wir ihr und da­mit uns selbst ver­trau­en? Oder for­men wir, in­dem wir uns er­in­nern, nicht stän­dig al­les um? Wel­che Rol­le spielt da­bei die Li­te­ra­tur?

In sei­ner Re­de zum So­lo­thur­ner Li­te­ra­tur­preis, bie­tet Pe­ter Stamm ei­nen Schlüs­sel „Mein Ich ist ein An­de­rer“ wei­ter­le­sen

Pathos mit Klischee

Karine Tuil erzählt in „Die Zeit der Ruhelosen“ über Herkunft und Schicksal

In un­se­rer Ge­sell­schaft ist et­was sehr Un­ge­sun­des im Gan­ge, al­les wird durch den Blick­win­kel der Iden­ti­tät be­trach­tet. Je­der wird auf sei­ne Her­kunft fest­ge­legt, egal, was er tut.“

Mei­ne ein­zi­ge Iden­ti­tät ist ei­ne po­li­ti­sche“, lau­tet das Be­kennt­nis ei­ner Fi­gur im neu­en Ro­man der fran­zö­si­schen Schrift­stel­le­rin Ka­ri­ne Tuil. Be­kannt ge­wor­den durch ih­ren Er­folg Die Gie­ri­gen ist sie nun mit dem bei Ull­stein er­schie­ne­nen und von Ma­ja Ue­ber­le-Pfaff ins Deut­sche über­tra­ge­nen ak­tu­el­len Ro­man Die Zeit der Ru­he­lo­sen ent­spre­chen­den Er­war­tun­gen aus­ge­setzt. Dies mag ei­ner der Grün­de sein, wes­halb er beim „Li­te­ra­tur­club“ des Schwei­zer Fern­se­hens und beim „Li­te­ra­ri­schen Quar­tett“ des Süd­west­funks auf dem Pro­gramm stand.

Im Mit­tel­punkt der Hand­lung ste­hen drei Män­ner, Fran­çois, Ro­main und Os­man, de­ren Er­le­ben Tuil in al­ter­nie­ren­den Ka­pi­teln er­zählt, so­wie Ma­ri­on, die zwi­schen zwei­en die­ser Män­ner steht.

Fran­çois Vé­ly lei­tet ei­nen Kon­zern der fran­zö­si­schen Mo­bil­funk­bran­che und ist ei­ner der reichs­ten Män­ner des Lan­des. Der Va­ter drei­er Kin­der aus ers­ter Ehe ist zum zwei­ten Mal mit „Pa­thos mit Kli­schee“ wei­ter­le­sen

Identität und Schicksal

Erri de Lucas antike Tragödie „Il giorno prima della felicità”

I vec­chi pa­laz­zi con­ten­eva­no bo­to­le mu­ra­te, pas­s­ag­gi se­gre­ti, de­lit­ti e amo­ri. I vec­chi pa­laz­zi era­no ni­di di fan­tas­mi. (…) Mi fi­gu­ra­vo da bam­bi­no di es­se­re un pez­zo di ques­to pa­laz­zo, mio pad­re era l’edificio, mia madre il cor­ti­le.“

In ei­nem al­ten Pa­laz­zo vol­ler Ge­heim­nis­se lebt der Ich-Er­zäh­ler aus Er­ri de Lu­cas Ro­man „Il gior­no pri­ma del­la felicità/ Der Tag vor dem Glück. Das Wohn­haus steht in ei­ner Gas­se Nea­pels, der Stadt am Ve­suv, die 700 v. Chr. wäh­rend der Grie­chi­schen Ko­lo­ni­sa­ti­on ge­grün­det wur­de. Re­lik­te ih­rer alt­grie­chi­schen Wur­zeln las­sen sich in ar­chäo­lo­gi­schen Fun­den fas­sen und eben­so in der Spra­che der Stadt, dem Na­po­le­ta­no.

Der aus Nea­pel stam­men­den Au­tor Er­ri de Lu­ca tra­diert die­ses Er­be. Na­po­le­ta­no prägt die Dia­lo­ge sei­nes Ro­man, der in In­halt und Form ei­nem an­ti­ken Stoff gleicht. Wie im My­thos trifft ein Held auf sei­nen Ge­gen­spie­ler, be­schützt von ei­ner Fi­gur mit über­na­tür­li­chen Fä­hig­kei­ten. Die Be­gleit­um­stän­de wer­den wie im an­ti­ken Dra­ma als Ne­ben­ge­schich­ten kom­men­tiert. Im „Iden­ti­tät und Schick­sal“ wei­ter­le­sen

Barbarische Zivilisierung

François Garde erinnert in seinem ersten Roman „Was mit dem weißen Wilden geschah” an einen außergewöhnlichen historischen Fall

GardeIch schaue Nar­cis­se an, der das Meer an­schaut. Seit nun­mehr vier Mo­na­ten ver­brin­gen wir ge­mein­sam un­se­re Ta­ge. Aus dem einst stum­men wei­ßen Wil­den, der Furcht ein­flöß­te und zu­gleich ver­ängs­tigt war, ist ein freund­li­cher und dis­kre­ter Rei­se­ge­fähr­te ge­wor­den, der kei­ner­lei Auf­merk­sam­keit er­regt.

Und was ist mit mir? Hat mich die­ses Aben­teu­er ver­än­dert? Mei­ne Be­ob­ach­tun­gen ha­ben ei­ni­ge mei­ner Ge­wiss­hei­ten er­schüt­tert. Was ist ein Wil­der? Und falls Nar­cis­se wirk­lich durch und durch ein Wil­der ge­wor­den war, an wel­chem Tag, zu wel­cher Stun­de wird er wie­der ein Mit­glied un­se­re Zi­vi­li­sa­ti­on sein? Was lehrt uns sei­ne Lehr­zeit über das Ler­nen? Und wer von uns bei­den ist der Lehr­ling?

Ich ha­be kei­ne Ant­wort auf die­se Fra­gen. Ich weiß nur, dass die Ge­schich­te von Nar­cis­se kei­ne schlich­te An­ek­do­te ist.“

Ein wei­ßer Wil­der muss in der Mit­te des 19. Jahr­hun­derts, zur Hand­lungs­zeit des vor­lie­gen­den Ro­mans, wie ein Pa­ra­do­xon ge­klun­gen ha­ben. Wil­de gal­ten bes­ten­falls als edel und schön. Vie­le der so be­zeich­ne­ten Men­schen fer­ner Re­gio­nen wur­den wie skur­ri­le Sou­ve­nirs ih­ren Ur­sprungs­län­dern ent­ris­sen und „Bar­ba­ri­sche Zi­vi­li­sie­rung“ wei­ter­le­sen

Was Kunst vermag

Peter Stamm über Kunst in Nacht ist der Tag

Stamm, Nacht ist der TagNie wird es mir ge­lin­gen, in ein Por­trät die gan­ze Kraft zu le­gen, die in ei­nem Kopf ist.
Al­ber­to Gia­co­met­ti

Der neue Ro­man von Pe­ter Stamm be­steht aus drei Tei­len, de­nen je­weils ein Zi­tat vor­an steht. Wäh­rend Shake­speare den Be­ginn und der Phi­lo­soph Ernst Bloch den Schluss ein­lei­ten, fin­det sich in der Mit­te der Schwei­zer Künst­ler Al­ber­to Gia­co­met­ti mit ei­ner Aus­sa­ge, die wie ein Schlüs­sel zur vor­lie­gen­den Ge­schich­te er­scheint.

Ober­fläch­lich be­trach­tet er­zählt Nacht ist der Tag die Ge­schich­te ei­ner Frau, die durch ei­nen Un­fall ihr Ge­sicht ver­liert und in den Be­mü­hun­gen dies wie­der­her­zu­stel­len zu ei­ner neu­en Iden­ti­tät fin­det. Doch hin­ter die­ser Fas­sa­de steckt viel mehr, vor al­lem die Fra­ge, was Kunst ver­mag.

Der ers­te und mit 126 Sei­ten um­fang­reichs­te Teil des Ro­mans, dem Shake­speare die Dis­kre­panz zwi­schen Rea­li­tät und Ima­gi­na­ti­on vor­gibt, schil­dert die Aus­gangs­si­tua­ti­on. Gil­li­an, ei­ne „Was Kunst ver­mag“ wei­ter­le­sen

Metamorphosen im Moor

Gunther Geltinger transformiert in Moor die Griechische Tragödie

Du sinkst au­gen­blick­lich ein. Spürst un­ter dir die trä­ge Last der me­ter­di­cken Torf­schwäm­me, den schwe­ren, fet­ten Leib, der dich um­armt. Ich schlie­ße dich ein, in Was­ser, in Er­de oder ein Ge­men­ge aus bei­dem: feuch­te Kru­me, zä­her Wur­zel­filz, ver­zweig­te Adern über halb­ver­rot­te­ten Äs­ten wie Kno­chen, dar­un­ter das Herz der Tie­fe, brei­ig, kalt pul­sie­rend, noch vor zwei­hun­dert Jah­ren fürch­te­ten mich die Fenn­dor­fer als schwar­zes, schlei­mi­ges Tier, das un­ter den Häu­sern lebt und ih­re Kin­der ver­schlingt.“

Mit dem Moor ver­bin­den wir Ge­heim­nis und Ge­fahr. Die Ge­dan­ken an Moor­lei­chen, Zeu­gen längst ver­gan­ge­ner Ri­tua­le, ma­chen ei­ne Wan­de­rung über den Knüp­pel­damm zu ei­nem un­heim­li­chen Aben­teu­er. Was, wenn man vom Weg ab­kommt und ver­sinkt? Muss man ver­mo­dern, wenn man sich nicht am ei­ge­nen Schopf wie­der her­aus zie­hen kann? Doch das Moor birgt nicht nur Un­heim­li­ches, es bie­tet Schutz, be­son­ders den Le­be­we­sen, die in der Zi­vi­li­sa­ti­on kei­nen Platz fin­den.

In die­sem Bio­top le­ben die Li­bel­len, die Be­glei­ter Di­ons, des 13-jäh­ri­gen stot­tern­den Prot­ago­nis­ten in Gun­ther Gel­tin­gers neu­em Ro­man Moor. Das Moor ist nicht nur Di­ons Hei­mat, es ist „Me­ta­mor­pho­sen im Moor“ wei­ter­le­sen