Saftige Lesefrucht

Stephen Fry legt mit „Helden“ den zweiten Band seiner Trilogie antiker Mythen vor

Die Götter in den griechischen Mythen stehen für menschliche Motive und Antriebe, die uns immer noch rätselhaft vorkommen.“

Als Kind bin ich mit Gustav Schwab in die Welt der antiken Mythen eingetaucht. Sie haben mich seitdem nicht mehr losgelassen, wie sich unschwer am Titel meines Blogs erkennen lässt. Atalante, die arkadische Jägerin, fehlt auch nicht bei Fry, doch dazu später mehr.

Die literarischen, aber auch die bildlichen Darstellungen antiker Mythen, bieten immer wieder Anlass, sich mit ihnen zu beschäftigen. Seien es die Spielszene zwischen Ajax und Achill auf der schwarzfigurigen Exekias-Amphore, der Sarkophag aus Perge mit den Taten des Herakles oder auch Tizians berühmtes Gemälde „Bacchus und Ariadne“. Wer die Geschichten kennt, die eine Vielzahl von Bildwerken erzählen, ist „Saftige Lesefrucht“ weiterlesen

Von Vätern und Söhnen

Daniel Mendelsohn verbindet in „Eine Odyssee. Mein Vater, ein Epos und ich” die sensible Suche nach dem Vater mit einer unterhaltsamen Einführung in das berühmte Epos

Die Odyssee selbst bewegt sich durch die Zeit in der gleichen gewundenen Weise, wie sich Odysseus durch den Raum bewegt.“

Wie die beiden zuvor besprochenen Bücher handelt es sich auch bei „Eine Odyssee“ von Daniel Mendelsohn um ein Vaterbuch. „Mein Vater, ein Epos und ich“, so der Untertitel, wurde jedoch nicht von mir gewählt, sondern von unserem Literaturkreis. Bereut habe ich es nicht, was ich nicht von jeder unserer Lektüren behaupten kann. Nicht nur mir, auch den anderen Teilnehmern, zumindest den Anwesenden, hat Mendelsohns „Odyssee“ sehr gut gefallen.

Vordergründig erzählt der Altphilologe und Uni-Dozent Daniel Mendelsohn von einem Odyssee-Seminar und dem Wunsch seines Vaters Jay daran teilzunehmen. Im Laufe der Geschichte wird das Seminar für Vater und Sohn zum Anlass und Vehikel über Gemeinsames nachzudenken. Mit dem Epos als Schatzkarte gräbt Mendelsohn in der Vergangenheit und bringt Geschichten zu Tage, die er mit den Ereignissen der Odyssee in Verbindung bringt.

Schon beim Aufbau seines Buchs dient ihm das Epos als Vorbild. Wie in diesem und anderen Epen der Antike steht zu Beginn das Proömium, welches die wichtigsten „Von Vätern und Söhnen“ weiterlesen

Identität und Schicksal

Erri de Lucas antike Tragödie „Il giorno prima della felicità”

I vecchi palazzi contenevano botole murate, passaggi segreti, delitti e amori. I vecchi palazzi erano nidi di fantasmi. (…) Mi figuravo da bambino di essere un pezzo di questo palazzo, mio padre era l’edificio, mia madre il cortile.“

In einem alten Palazzo voller Geheimnisse lebt der Ich-Erzähler aus Erri de Lucas Roman „Il giorno prima della felicità/ Der Tag vor dem Glück. Das Wohnhaus steht in einer Gasse Neapels, der Stadt am Vesuv, die 700 v. Chr. während der Griechischen Kolonisation gegründet wurde. Relikte ihrer altgriechischen Wurzeln lassen sich in archäologischen Funden fassen und ebenso in der Sprache der Stadt, dem Napoletano.

Der aus Neapel stammenden Autor Erri de Luca tradiert dieses Erbe. Napoletano prägt die Dialoge seines Roman, der in Inhalt und Form einem antiken Stoff gleicht. Wie im Mythos trifft ein Held auf seinen Gegenspieler, beschützt von einer Figur mit übernatürlichen Fähigkeiten. Die Begleitumstände werden wie im antiken Drama als Nebengeschichten kommentiert. Im „Identität und Schicksal“ weiterlesen