Gastrosoph in süßen Gefilden

Hanns-Josef Ortheil bereist „Die Insel der Dolci“ niemals ohne Notration

Nie soll die­se Ver­sor­gung en­den, das Sü­ße ist in al­len For­ma­ten und For­ma­tio­nen prä­sent, es ist da­für ge­sorgt, dass es ei­nen den gan­zen Tag be­glei­tet und je­der­zeit zur Hand ist. (…)
Gu­te Si­zi­lia­ner ha­ben, wenn sie un­ter­wegs sind, im­mer so ei­ne Do­se bei sich (…)
Ver­sorgt man sich mit die­sen De­li­ka­tes­sen, kann man sich je­weils vor Ort ei­ne ei­ge­ne Dol­ci-Ver­pfle­gung zu­sam­men­stel­len. Man braucht da­zu nur et­was tro­cke­nes und gut halt­ba­res Ge­bäck, das sich dann leicht mit den Kon­fi­tü­ren, Mar­me­la­den und Ge­lees ver­bin­den lässt. (…)
So wird der Dol­ci-Es­ser zu sei­nem ei­ge­nen Kom­po­si­teur und Ar­ran­geur, der sich sei­ne Dol­ci aus vor­han­den Grund­sub­stan­zen (tro­cke­nes, ein­fa­ches Gebäck/ kon­zen­trier­te Frucht­zu­ta­ten) im ei­ge­nen Dol­ci-La­bo­ra­to­rio in ganz un­ter­schied­li­chen Ge­schmacks­va­len­zen selbst zu­sam­men­stellt.“

Wä­re Hanns-Jo­sef Ortheil ei­ne Fi­gur in Eck­hart Ni­ckels Ro­man „Hys­te­ria“, so hät­te er sein Ku­li­na­ris­tik-Stu­di­um mit Sum­ma ab­sol­viert. Es feh­le das cum lau­de, mag man­cher ein­wen­den, und auf Ortheils zahl­rei­che Ver­öf­fent­li­chun­gen auf die­sem Ge­biet ver­wei­sen, dar­un­ter nicht nur die Rei­se­bü­cher „Pa­ris, links der Sei­ne“ oder „Rom, ei­ne Ek­sta­se“. Es­sen und Trin­ken, oder bes­ser das im Ortheil’schen Sin­ne stil­vol­le Ge­nie­ßen ge­hört zu fast al­len sei­nen Bü­chern, auch zu den fik­ti­ven.

So nimmt es nicht Wun­der, daß die si­zi­lia­ni­schen Sü­ßig­kei­ten nicht nur in die­sem Rei­se­be­richt im Vor­der­grund ste­hen, sie bil­den auch den Dreh- und An­gel­punkt in Ortheils Si­zi­li­en­ro­man „Das Kind, das nicht frag­te“. Wäh­rend die­ser „Gastro­soph in sü­ßen Ge­fil­den“ wei­ter­le­sen

Auf zu den Erbseninseln

Doris Brockmann entdeckt das kleinste Archipel Europas, die Erbseninseln

erbseninseln

 

Die In­sel Græs­holm macht ih­rem Na­men we­nig Eh­re. Wo einst sat­tes Gras­grün leuch­te­te, be­lei­digt nun ge­sät­tig­tes Creme­weiß den Blick des Na­tur­freun­des. Schuld sind die Vö­gel! Die ge­fie­der­ten Nichts­nut­ze! Ei­gent­lich könn­ten sie von Nut­zen sein. Aus ih­ren sä­mi­gen Ex­kre­men­ten lie­ße sich 1‑a-Gua­no ge­win­nen, zur Freu­de der Land­wir­te und der Spreng­stoff­her­stel­ler. Die ei­nen hät­ten pri­ma Dün­ger, die an­de­ren pri­ma Sal­pe­ter zum Bom­ben­bau­en. Aber nein. Die Vö­gel wol­len un­ter sich blei­ben,…“

 

 

Wol­len wir den nächs­ten Ur­laub nicht mal auf ei­ner In­sel ver­brin­gen?

Wenn sie für ei­nen Spa­zier­gang groß ge­nug ist, wenn sie Kü­che und Kul­tur hat, war­um nicht? Wo liegt sie denn?

In Dä­ne­mark.

Oh je, da wa­ren wir doch oft ge­nug. Den Wein muss man ein­schmug­geln und die „Auf zu den Erb­sen­in­seln“ wei­ter­le­sen

Reisehandbuch für Nichtreisende

Pierre Bayard verteidigt den fernen Blick

Bayard, OrteWie man über Bü­cher spricht, die man nicht ge­le­sen hat“, die­ses Es­say des Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­lers und Psy­cho­ana­ly­ti­kers Pierre Ba­y­ard hat mich vor kur­zem sehr be­ein­druckt. Be­geis­tert von sei­nen Theo­rien zum Le­sen er­war­te­te ich neue geist­rei­che Aus­füh­run­gen zum The­ma „Wie man über Or­te spricht, an de­nen man nicht ge­we­sen ist“.

Nicht nur äu­ßer­lich gleicht das im Kunst­mann-Ver­lag er­schie­ne­ne neue Buch sei­nem Vor­gän­ger. Das schlich­te beige Co­ver ziert ein gal­li­scher Hahn, der dies­mal nicht auf ei­nem Sta­pel Bü­cher son­dern auf ei­nem Glo­bus Po­si­ti­on be­zo­gen hat. Auch der Auf­bau des Es­says wur­de über­nom­men. Von Ar­ten des Nicht­le­sen über Ge­sprächs­si­tua­tio­nen bis zu Emp­foh­le­nen Hal­tun­gen äu­ßert sich Ba­y­ard zu Or­ten, die man nicht kennt (UB), die man über­flo­gen hat (ÜO), die man vom Hö­ren­sa­gen kennt (EO) und die man ver­ges­sen hat (VO). Dar­aus er­ge­ben sich ent­spre­chen­de Ka­te­go­rien, die man ähn­lich aus dem Vor­gän­ger­buch kennt. Die Fol­ge­ka­pi­tel tra­gen den glei­chen Ti­tel wie im ers­ten Es­say, tei­len sich aber dem Su­jet ent­spre­chend in ver­schie­de­ne Un­ter­punk­te. Die Wahl „Rei­se­hand­buch für Nicht­rei­sen­de“ wei­ter­le­sen

Vom Ende der Welt nach Arkadien

In „Wohin mit mir“ erinnert Sigrid Damm an ihre Entdeckung des Südens

dammIm ho­hen Nor­den füh­le ich mich so­fort auf mein gan­zes Le­ben be­ru­higt, bin mit­ten im Le­ben, mit­ten in die­ser Un­end­lich­keit, hier aber, in Rom, emp­fin­de ich mich am äu­ßers­ten Rand ei­ner be­gra­be­nen Zeit.“

Wo­hin mit mir“, die­ser Ti­tel er­in­nert an frau­en­be­weg­te Selbst­fin­dungs­li­te­ra­tur der Acht­zi­ger Jah­re, der­ar­ti­ges klingt in die­sem rö­mi­schen Rei­se­buch durch­aus an. Die aus der DDR stam­men­de Au­torin Sig­rid Damm wur­de mit Bü­chern über his­to­ri­sche Per­sön­lich­kei­ten der deut­schen Li­te­ra­tur be­kannt, vor al­lem mit ih­rem 1998 er­schie­nen Ti­tel „Chris­tia­ne und Goe­the“.

Die Fer­tig­stel­lung die­ses Wer­kes liegt 1999 ge­ra­de ein Jahr hin­ter ihr und sie plant be­reits ein neu­es Pro­jekt. In ih­rer neu­en Wahl­hei­mat Nord­schwe­den will sie zu­sam­men mit ih­ren bei­den Söh­nen ein Buch über Lapp­land schrei­ben, da er­hält sie ein Sti­pen­di­um der Ca­sa di Goe­the.

Ein hal­bes Jahr in Rom, grö­ßer könn­te der Ge­gen­satz zu ih­ren jet­zi­gen Le­bens­um­stän­den nicht sein. Er of­fen­bart sich auch in ih­ren Er­war­tun­gen und in den ers­ten „Vom En­de der Welt nach Ar­ka­di­en“ wei­ter­le­sen

Von Einem, der auszog das Pilgern zu fürchten

Fluch und Trost der Gospa erfährt Thomas Glavinic in „Unterwegs im Namen des Herrn“ 

Wer nach Med­jug­or­je fährt und auf kei­nen der Ber­ge geht, der STOLPERT IM LEBEN- UND FALLT.“ (S. 77)

Be­geis­tert vom Selbst­be­spie­ge­lungs­sar­kas­mus auf den Li­te­ra­tur­be­trieb, den Gla­vi­nic in sei­nem 2007 er­schie­ne­nen Ro­man „Das bin doch ich“ bot, griff ich zu sei­nem neu­en Buch. Schon der Ti­tel „Un­ter­wegs im Na­men des Herrn“ ver­spricht ei­ne ähn­lich amü­san­te An­nä­he­rung ans Pil­ger­mi­lieu. Denn, um es ehr­lich zu sa­gen, die­ses post­mo­der­ne Pil­gern, das mit dem Hape-Hype sei­nen Hö­he­punkt aber lei­der nicht End­punkt er­reicht hat, ist fad. Die Pil­ger­bü­cher sind Le­gi­on, wir brau­chen ein An­ti­dot, wie Jean-Do­mi­ni­que Bau­bys Schil­de­run­gen des Sou­ve­nir­wahns in Lour­des oder den Film der ös­ter­rei­chi­schen Re­gis­seu­rin Jes­si­ca Haus­ner.

Gla­vi­nic fin­det Lour­des zu teu­er, wes­halb er sich be­glei­tet von Freund und Fo­to­graf In­go nach Med­jug­or­je auf­macht. Die Bei­den pil­gern nicht per pe­des, son­dern wer­den in ei­ner from­men Bus­la­dung nach Bos­ni­en-Her­ze­go­wi­na ver­frach­tet. Ein Bus vol­ler Pil­ger, die sich die vier­zehn­stün­di­ge Fahrt mit Be­ten und Fas­ten, mit Hei­li­gen­le­gen­den und Er­we­ckungs­ge­schich­ten zu ver­kür­zen su­chen, kann zur Tor­tur wer­den. Beim un­gläu­bi­gen Tho­mas und dem um nichts fröm­me­ren In­go löst sie ei­ne un­still­ba­re Sehn­sucht nach Schlaf, nach Auf­putsch- und Be­täu­bungs­mit­teln aus. Und doch, schon im ers­ten Ab­schnitt der Rei­se fällt die­ser Be­richt nicht ganz so bis­sig bö­se aus, wie es die Le­se­rin er­war­tet. Spä­tes­tens nach der An­kunft in Med­jug­or­je wird klar, daß es nicht nur dar­um ge­hen wird, die Ab­sur­di­tä­ten des Pil­ger­pa­ra­die­ses auf­zu­de­cken. Gla­vi­nic, der auf­ge­klär­te Athe­ist, schei­tert an den Ver­teu­fe­lun­gen der An­na­l­in­da An­ti­lo­pa, Non­ne. Dar­auf hät­te er ge­fasst sein kön­nen. Er re­agiert mit Ab­scheu und An­gi­na, er­liegt fast ei­ner An­na­l­in­da Hy­po­chon­dria. Oder war es gar ein Fluch? Uns Le­ser bringt er so um wei­te­re Ein­bli­cke in ört­li­che Kul­te und Ri­tua­le. Den­noch schil­dert der Ge­plag­te flott und un­ter­halt­sam sei­ne Er­fah­run­gen. Gla­vi­nic gibt Tipps wie man in Pil­ger­her­ber­gen ge­gen die nächt­li­che Aus­gangs­sper­re re­vol­tiert und glänzt mit ei­ner ge­hö­ri­gen Por­ti­on Apo­the­ker­wis­sen. Et­li­che Xa­nor und an­de­re Pil­len wei­ter, mit Nied­rig- und Hoch­pro­zen­ti­gem run­ter­ge­spült, ist es dann mit der halb­her­zi­gen Pil­ge­rei vor­bei. Schrift­stel­ler und Fo­to­graf ver­las­sen den Ort des gläu­bi­gen Irr­sinns, um sich vom ver­rück­ten Va­ter zum nächs­ten Flug brin­gen zu las­sen.

Nur ein Nacht­quar­tier fehlt und die­ses fin­den sie schließ­lich bei ei­nem Mann, des­sen Art und An­we­sen nach du­bio­sen Ge­schäf­ten riecht. Es folgt ei­ne durch­ge­knall­te Nacht, an­stren­gend für den kran­ken Au­tor wie für die Le­se­rin. Aber­wit­zi­gen Trost spen­den ein­zig die Zet­tel­bot­schaf­ten aus Med­jug­or­je. Sind Krank­heit und Cha­os tat­säch­lich der Fluch der Gos­pa, den der Kap­pen­mann den un­gläu­bi­gen Pil­gern pro­phe­zei­te?

Schließ­lich bringt ein tur­bu­len­ter Rück­flug die bei­den Blues Bro­thers zum Aus­gangs­punkt ih­rer Mis­si­on und an das En­de ei­nes eben­so tur­bu­len­ten Fastan­ti­pil­ger­bu­ches. Der Gos­pa­se­gen ist auf­ge­braucht und ei­ner Sa­che kön­nen wir ganz si­cher sein. Bei Gla­vi­nic klin­gelt kein Glöck­chen, nir­gends.

Ei­ne Le­se­pro­be und zwei Vi­de­os fin­den sich beim Han­ser-Ver­lag.

Wenn der Vater mit dem Sohne

Eine gelungene Moselreise des jungen Hanns-Josef Ortheil

Wä­re es be­reits Früh­ling, wür­de ich am liebs­ten so­fort zu ei­ner klei­nen Mo­sel­wan­de­rung auf­bre­chen. Es wä­re ei­ne Nost­al­gie­fahrt, denn in Trier auf­ge­wach­sen und in ei­nem Mo­sel­städt­chen ge­bo­ren ver­brach­te ich vie­le Jah­re zwi­schen Rö­mern, Wein­ber­gen und Bur­gen.

Im vor­lie­gen­den Buch mit dem schnör­kel­lo­sen Ti­tel „Die Mo­sel­rei­se“ han­delt es sich um ein Rei­se­ta­ge­buch, wel­ches der jun­ge Hanns-Jo­sef Ortheil im Jahr 1963 ver­fasst hat. Der Text ent­stand aus Be­schrei­bun­gen, Auf­zeich­nun­gen und Ge­sprächs­no­ti­zen, die der Elf­jäh­ri­gen am En­de der Rei­se zu­sam­men­füg­te. Ortheil be­schreibt die Ge­ne­se des Tex­tes, der auch als Er­gän­zung sei­nes au­to­bio­gra­phi­schen Ro­mans „Die Er­fin­dung des Le­bens“ ge­le­sen wer­den kann, aus­führ­lich im Vor- und Nach­wort.

Die Rei­se be­ginnt mit ei­ner Bahn­fahrt nach Ko­blenz. Sei­ne ver­trau­te Hei­mat­stadt Köln mit dem präch­ti­gen Dom und der ge­lieb­ten Mut­ter lässt der Jun­ge zu­rück und tauscht sie ge­gen „Wenn der Va­ter mit dem Soh­ne“ wei­ter­le­sen