Vom Ende der Welt nach Arkadien

In „Wohin mit mir“ erinnert Sigrid Damm an ihre Entdeckung des Südens

damm„Im hohen Norden fühle ich mich sofort auf mein ganzes Leben beruhigt, bin mitten im Leben, mitten in dieser Unendlichkeit, hier aber, in Rom, empfinde ich mich am äußersten Rand einer begrabenen Zeit.“

Wohin mit mir“, dieser Titel erinnert an frauenbewegte Selbstfindungsliteratur der Achtziger Jahre, derartiges klingt in diesem römischen Reisebuch durchaus an. Die aus der DDR stammende Autorin Sigrid Damm wurde mit Büchern über historische Persönlichkeiten der deutschen Literatur bekannt, vor allem mit ihrem 1998 erschienen Titel „Christiane und Goethe“.

Die Fertigstellung dieses Werkes liegt 1999 gerade ein Jahr hinter ihr und sie plant bereits ein neues Projekt. In ihrer neuen Wahlheimat Nordschweden will sie zusammen mit ihren beiden Söhnen ein Buch über Lappland schreiben, da erhält sie ein Stipendium der Casa di Goethe.

Ein halbes Jahr in Rom, größer könnte der Gegensatz zu ihren jetzigen Lebensumständen nicht sein. Er offenbart sich auch in ihren Erwartungen und in den ersten Erfahrungen mit der Ewigen Stadt. Aus der Stille und Natur Nordschwedens kommt sie in die italienische Hauptstadt voller Geräusche und Kultur. Wenige Wochen nach ihrer Ankunft trifft sie auf junge Schweden, die diesen Gegensatz positiv erlebt haben. Sie berichten ihr, in wenigen Tagen so viel Kultur gesehen zu haben wie nie zuvor in ihrem schwedischen Leben. Doch Sigrid Damm verspürt keinen Kulturhunger. Dieses Arkadien aller Bildungsbürger ist nicht ihr Sehnsuchtsort. Sie läuft nicht wie andere sofort zum Forum Romanum oder in den Petersdom. Ahnungslos nähert sie sich der dargebotenen Fülle, vorsichtig erkundet sie die nächste Umgebung und wird schließlich doch verführt. Oft genug von den Kunstwerken selbst. So faszinieren sie die Caravaggio-Gemälde in Santa Maria del Popolo. Sie wird ganz naiv beeindruckt, ohne zu wissen, wem sie hier zum ersten Mal begegnet. Bald begegnet sie aber auch leibhaftigen Menschen, die ihr die Stadt und die Kunst nahe bringen, der Buchhändlerin der deutschen Buchhandlung Herder an der Piazza di Montecitorio, einem alten römischen Ehepaar auf dem Pincio, Baschal dem afrikanischen Klosterpförtner oder einem Kunsthistoriker und Raffaelspezialisten.

Diese römischen Erfahrungen schildert sie in einem Text, der zuweilen unverstellt tagebuchartig bleibt. Davon zeugen vor allem die ersten Seiten. Doch neben unspezifischen Notizen zum Alltag, wie dem technischen Zustand des Reisefahrzeugs oder der Zusammensetzung eines Frühstücks, lässt Damm ihre Leser spätestens nach der Ankunft in Rom an tieferen Empfindungen teilhaben. Es gelingen ihr atmosphärische Beschreibungen, die vom Trubel auf der Via del Corso bis zum Faltenwurf einer kopflosen Gewandstatue zwischen den Bäumen der Villa Borghese reichen. In poetischen Eindrücken nähert sie sich der Stadt als eine private Entdeckerin.

Zugleich öffnet die Autorin ihr Wissen und ihre Erinnerungen an berühmte deutsche Romdichter. Wir lesen natürlich von Goethe, aber auch von Ingeborg Bachmann, der sie wieder begegnet, als sie auf einer Veranstaltung Bachmanns Freund Hans Werner Henze antrifft. Damm denkt an ihre staatlich beschränkten früheren italienischen Reisen und frischt diese nun in aller Freiheit auf.

Eine Einladung zu Siegfried Unselds Geburtstag erlaubt ihr die Bekanntschaft mit Venedig und mit literarischen Persönlichkeiten, unter ihnen Inge Feltrinelli, die in ihr wiederrum Reminiszenzen an ihre Hochzeitsreise nach Kuba weckt. Durch diesen Romaufenthalt entsteht gleichzeitig ein Netz von Erinnerungen, die Sigrid Damm mit den neuen Reiseeindrücken sehr anschaulich verbindet. Zwischen ihren Abstechern nach Sperlonga, wo sie das antike Figurenensemble in der Grotte des Tiberius erkundet, nach Mailand, wo sie völlig unerwartet ein Biglietto für Leonardos Abendmahl erhält, nach Sizilien und zum Lago Maggiore, berichtet sie auch über eine kurzen Besuch bei den Söhnen. Sie offenbart auf diskrete Weise viel Privates in diesem Reisebuch, nicht nur über ihre Familie, auch über ihre Art zu schreiben und sich die Welt anzueignen.

Sigrid Damm, Wohin mit mir, Insel Verlag, 3. Aufl. 2012
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