Worüber wir reden, wenn wir über Bücher reden

Pierre Bayard plädiert in Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat für einen neuen Umgang mit Literatur

Pierre Bayard„Noch bevor ein gebildeter, neugieriger Mensch ein Buch aufgeschlagen hat, kann schon sein Titel oder ein kurzer Blick auf den Umschlag eine Reihe von Bildern und Eindrücken bei ihm hervorrufen, die nur darauf warten, in eine erste Meinung verwandelt zu werden.“

Mit einer meiner Freundinnen rede ich gerne über Literatur, auch wenn die Schnittmenge unserer gelesenen Bücher relativ klein ist. Sie greift zwischendurch gerne mal zum aktuellen Schwedenthriller oder zum angesagten Jugendroman, um an ihrer Schule mit Kollegen und  Klientel mitreden zu können, während mein Lesefutter manchmal in ihren Pflichtbereich fällt. Doch wir beschränken unsere Diskussionen nicht auf diese tatsächlich gemeinsam gelesenen Bücher. Es bleibt auch nicht bei einem gegenseitigen Informationsaustausch an Lesetipps und Warnungen. Jede hat ihre eigene Meinung zu dem jeweiligen Buch, ob gelesen oder nicht. Nicht selten geraten wir sogar in eine lebhafte Debatte.

Ist dies nun statthaft? Darf man über Dinge reden, die man nicht mit eigenen Augen gesehen hat? Sind wir durch unsere offenen Augen und Ohren nicht tatsächlich so informiert, daß ein Darüberreden auch als Nichtleser durchaus vertretbar ist?

Antworten auf diese Fragen gibt der französische Literaturwissenschaftler Pierre Bayard. Sein Essay Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat öffnet die Augen für den Umgang mit Literatur. Bayard bezeichnet sich darin selbst als Nichtleser, als Literaturprofessor ist er ein solcher qua professione. Seine Grundthese besagt, daß unmittelbar nach dem Lesen das Vergessen einsetzt. Demzufolge sortiert er Bücher in folgende Kategorien: unbekannte Bücher, quergelesene Bücher, Bücher, die man vom Hörensagen kennt und Bücher, deren Inhalt wir wieder vergessen haben.

Seiner Argumentation dienen zahlreiche Autoren und ihre Werke. Seine Beziehung zu diesen zeigt ein Kürzelsystem nach seinen Kriterien:

UB      unbekanntes Buch

QB      quergelesenes Buch

EB       erwähntes Buch

VB      vergessenes Buch

++       sehr positive Einschätzung

+         positive Einschätzung

–          negative Einschätzung

—         sehr negative Einschätzung

Folglich änderte auch ich den Status des vorliegenden Buchs, als ich seinem Herumlungern in meinem Regal ein Ende machte, aus einem UB+ wurde ein QB++.

Ich las das Buch Seite um Seite, Wort für Wort, wie jedes, welches ich hier präsentiere. Da das Schreiben jedoch nach dem Lesen erfolgt, habe ich nicht mehr alle Details im Kopf, so daß nach Bayard aus diesem, wie aus jedem anderen, kein Gelesenes sondern ein Quergelesenes werden muss. Sein Autor wäre sogar einverstanden, wenn ich sein Werk kommentieren würde ohne jeden Buchstaben gelesen zu haben. Als Literaturwissenschaftler und Dozent findet er dies statthaft und in den meisten Fällen sogar unvermeidlich.

Vor der Lektüre dieses Leseratgebers verteidigte ich meine Meinung über ein nichtgelesenes Buch, besonders wenn sie negativ ausfiel, gerne mit dem Hinweis, daß man auch die Bildzeitung nicht lesen müsse, um die Qualität des dort Publizierten beurteilen zu können.

Unsere Lesezeit ist begrenzt. Sollten wir also nur noch Klassiker lesen? Für deren Qualität spricht immerhin, daß sie im Sieb der Zeit und des Vergessen hängen geblieben sind. Um aus den vielen, täglichen Neuerscheinungen auszuwählen, orientieren wir uns bisweilen am Urteil anderer. Allerdings, wer weiß, ob so mancher Literaturkritiker all’ diese Werke insbesondere die der Bestsellerlisten tatsächlich Monat für Monat liest, bevor er von ihnen abrät? Selbst, wenn er es nicht täte, sei dies, so Bayard, erlaubt, schließlich verfüge ein Kritiker über ein jahrelanges Literaturleben, da dürfe er schon mal über ein nichtgelesenes Buch urteilen. Zu Recht, denke auch ich, denn um den neuen Coelho (UB–) einzuschätzen, reicht meine bisherige Leseerfahrung.

Was versteht man überhaupt unter Lesen? Zwischen dem vollständigen Erfassen, einem nie erreichbaren Ideal, und dem Nichtlesen gibt es, laut Bayard, vielerlei Zwischenformen. Wir kennen sie alle, sie reichen von der aktiven Auseinandersetzung, dem schon erwähnten Querlesen bis zum Überfliegen eines Inhaltsverzeichnisses oder alleiniger Lektüre von Vor- und Nachwort. Weitere Informationen schnappen wir in Gesprächen auf oder durch Kontakt mit den Medien.

Pierre Bayard, der auch als Psychoanalytiker arbeitet, gibt Rat, wie man mit der Zeit und von Buch zu Buch zum erfahrenen Nichtleser wird. Besonderes Augenmerk legt er auf die Vorzüge des Nichtlesens. Es befreit von Zwängen. Kein von wem auch immer ersonnener Kanon muss abgearbeitet werden, um zu den Belesenen zu zählen. Es ist nicht notwendig, -das gilt besonders für uns Blogger-, alle Aktualitäten zu besprechen, zumal sie durch gutgeölte Marketingmaschinen bereits allgegenwärtig scheinen.

Manches kann einfach nur quergelesen werden, sei es aus Zeit- oder anderen Gründen. Bayard bekennt sich zu Proust, mein Proust ist Dostojewski. Trotzdem dürfen wir darüber reden. Wie der Nichtleser dies in verschiedenen Situationen meistert, erläutert Bayard im zweiten Teil seines Essays. Ihm zur Seite stehen neben anderen Der dritte Mann (EG+) und Hamlet (QG+). Letzterer bot dem westafrikanischen Volk der Tiv in aller gegenseitiger Unkenntnis mehrere unterhaltsame Abende.

Doch wie verhält man sich bei der plötzlichen Begegnung mit dem Schriftsteller, dessen neusten Titel man nicht gelesen hat? Keine Sorge, vielleicht ergeht es diesem wie Montaigne und er erinnert sich selbst kaum an sein Geschriebenes.Wenn doch, empfiehlt Bayard vieldeutiges Lob. Vielleicht ergibt sich sogar eine Diskussion? Schließlich liest jeder sein eigenes Buch. Der Psychoanalytiker Bayard nennt dies Deckbuch, es ist wie das Phantombuch, welches zwar ungelesen, aber mit einer dezidierten Vorstellung ausgestattet ist, (um einen Titel zu nennen, bei mir wäre dies Fifty Shades of Grey EB–) Bestandteil der Kollektiven Bibliothek. Also all’ derjenigen Bücher, von denen wir gehört und gelesen, über die wir gesprochen und gestritten haben, in Feuilletons, im Fernsehen, in Blogs, inklusive der Exemplare, die wir tatsächlich gelesen und meist wieder vergessen haben.

Wie wir diese Kollektive Bibliothek für uns sortieren und im Dschungel der unendlichen Bücherstapel Contenance bewahren, davon sprechen Pierre Bayards Erfahrungen aus seinem langen Leben als Nichtleser.

 

Seine Literaturzeugen in alphabetischer Reihenfolge:

Honoré de Balzac, Verlorene Illusionen.

Sigmund Freud, Über Träume und Traumdeutung.

Graham Greene, Der dritte Mann.

Umberto Eco, Der Name der Rose.

David Lodge, Schnitzeljagd.

id., Ortswechsel.

Michel de Montaigne, Essais.

Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften.

Marcel Proust, Die wiedergefundene Zeit.

Natsume Sôseki, Ich der Kater.

Paul Valéry, Zur Literatur.

Oscar Wilde, Kritik als Kunst

 

Erniedrigungsspiel:

Um das schamfreie Bekennen seiner Lesebildungslücken zu üben schlägt Bayard ein von David Lodge erfundenes Gesellschaftsspiel vor. Man nennt eine Buch, welches man nicht gelesen hat, was aber gleichwohl sehr bekannt ist. Für jeden Mitspieler, der diesen Titel gelesen hat, erhält man einen Punkt. Die Figuren in Lodges „Ortswechsel“ machen mit der Nennung von „Steppenwolf“ und „Oliver Twist“ viele Punkte. Den Vogel schießt natürlich derjenige ab, der „Hamlet“ wählt.

Ich hatte noch nicht die Gelegenheit, dieses neue Spiel in einer größeren Runde auszuprobieren, rechne mir aber mit „Der Herr der Ringe“ ganz gute Chancen aus. Und ihr?

Pierre Bayard, Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat, Kunstmann, 1. Aufl. 2007
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9 Responses to Worüber wir reden, wenn wir über Bücher reden

  1. Liebe Atalante
    Ich bin auch schon öfters um dieses Buch herumgeschlichen und habe mir überlegt, ob ich es wohl auch einmal zur Hand nehmen sollte. Ich danke dir, für die ausführliche Besprechung hier. „Quergelesenes Buch“, nachdem man ein Buch gelesen hat, finde ich eine sehr interessante Kategorie. Es kann wohl kaum jemand behaupten, dass er sich an den gesamten Inhalt erinnert, wenn er die letzte Seite eines Buches gelesen hat, das würde mich echt erstaunen.

    Dass man über Bücher diskutieren kann, ohne sie gelesen zu haben, ist, wie du sagst, manchmal sehr einfach, wenn man schon viele Kritiken gelesen hat oder zumindest die Inhaltsangabe kennt. Ausserdem kann auch ein Bekannter einen Titel gelesen haben, erzählt vom Gelesenen und schon kann man wunderbar diskutieren. Natürlich nur, was das Thema im Allgemeinen betrifft, sicher nicht über Stil und dergleichen.

    Und sonst gibt es noch Anderes zu diskutieren, nicht nur Literatur.

    LG buechermaniac

    • Atalante sagt:

      Ich sehe, Dir geht es ähnlich, liebe buechermaniac. Bayards Essay ist wirklich lesenswert, man erfährt vieles über Bücher, die noch unbedingt quer gelesen werden müssen, wenn auch nicht im Haas’schen Sinne.

      Eine Frage habe ich noch an Dich. Hätte ich im Buchtitelspiel bei Dir einen Punkt gemacht? Ich möchte seinen unguten Namen, s.o., lieber vermeiden. 😉 Hast Du „Der Herr der Ringe“ gelesen? Welchen bekannten Titel, den Du nie gelesen hast, würdest Du nennen, um möglichst viele Punkte zu sammeln?

  2. Welch nette Koinzidenz: Heute entdecke ich hier den schönen Beitrag über Bayards „Wie man über Bücher spricht, die man nicht gele­sen hat“ und am Anfang der Woche machte mich eine F.A.Z -Rezension auf Bayards „Wie man über Orte spricht, an denen man nie gewesen ist“ neugierig. Die Rezension war nicht euphorisch, dennoch war ich vom beschriebenen Buchinhalt sofort angetan (außerdem auch angeregt zu einer Kurzgeschichte) und schwanke seither zwischen den zwei Optionen: Soll ich das Buch kaufen und lesen? Oder soll ich mich mit dem Rezensionswissen begnügen und (angereichert mit ein paar kollektivbibliothekarischen Gedanken) angenehm über dieses Phantombuch plaudern?

    • Atalante sagt:

      Genau dieses neue Buch von Bayard (EB+), hat mich an dazu gebracht seinen Vorgänger aus dem Regal zu ziehen.
      Der Titel klingt schon reizvoll und erinnert mich sofort an sämtliche Reisebücher Mark Twains (QB++) und an ein kleines Büchlein von Dietmar Bittrich, 1000 Orte, die man knicken kann (QB+). Das ist stilistisch nicht ganz auf der Höhe der zuvor Genannten, polemisch und keinesfalls pc, aber trotzdem amüsant.
      Deine Plauderei(UB+), ob mit oder ohne Quellenstudium, erwarte ich gespannt.

  3. Liebe Atalante

    Entschuldige, dass ich mich erst jetzt wieder melde. Also: „Herr der Ringe“ habe ich nicht gelesen, werde es wohl auch nie. Ich persönlich würde wahrscheinlich Graham Greene „Der dritte Mann“ wählen, den habe ich auch nie gelesen aber mehr als einmal den Film mit Orson Welles. Also, gäbe es da doch schon wunderbare Diskussionen 🙂

    LG buechermaniac

  4. Atalante sagt:

    Ha, und es geht unentschieden aus zwischen uns beiden. Zero points. 😉
    Ob noch jemand mitspielt?

  5. flattersatz sagt:

    ha, einen punkt! denn den 3. mann habe ich gelesen (und besprochen)… dagegen bin ich beim oben erwähnten steppenwolf noch nie über die ersten seiten hinaus gekommen. den herrn der ringe habe ich übrigens auch gelesen. vor vielen jahren!

    • Atalante sagt:

      Ha, in der Tat einen Punkt! Allerdings für buechermaniac, die „Der dritte Mann“ genannt hat, und für mich wegen „Der Herr der Ringe“.

      Wenn Du mitspielen willst, musst Du einen Titel nennen, der so bekannt sein sollte, daß alle außer Dir ihn wahrscheinlich gelesen haben. Für jeden Mitspieler, der das Buch gelesen hat, erhältst Du einen Punkt.

  6. Pingback: Reisehandbuch für Nichtreisende » Atalantes Historien

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