Gastrosoph in süßen Gefilden

Hanns-Josef Ortheil bereist „Die Insel der Dolci“ niemals ohne Notration

Nie soll diese Versorgung enden, das Süße ist in allen Formaten und Formationen präsent, es ist dafür gesorgt, dass es einen den ganzen Tag begleitet und jederzeit zur Hand ist. (…)
Gute Sizilianer haben, wenn sie unterwegs sind, immer so eine Dose bei sich (…)
Versorgt man sich mit diesen Delikatessen, kann man sich jeweils vor Ort eine eigene Dolci-Verpflegung zusammenstellen. Man braucht dazu nur etwas trockenes und gut haltbares Gebäck, das sich dann leicht mit den Konfitüren, Marmeladen und Gelees verbinden lässt. (…)
So wird der Dolci-Esser zu seinem eigenen Kompositeur und Arrangeur, der sich seine Dolci aus vorhanden Grundsubstanzen (trockenes, einfaches Gebäck/ konzentrierte Fruchtzutaten) im eigenen Dolci-Laboratorio in ganz unterschiedlichen Geschmacksvalenzen selbst zusammenstellt.“

Wäre Hanns-Josef Ortheil eine Figur in Eckhart Nickels Roman „Hysteria“, so hätte er sein Kulinaristik-Studium mit Summa absolviert. Es fehle das cum laude, mag mancher einwenden, und auf Ortheils zahlreiche Veröffentlichungen auf diesem Gebiet verweisen, darunter nicht nur die Reisebücher „Paris, links der Seine“ oder „Rom, eine Ekstase“. Essen und Trinken, oder besser das im Ortheil’schen Sinne stilvolle Genießen gehört zu fast allen seinen Büchern, auch zu den fiktiven.

So nimmt es nicht Wunder, daß die sizilianischen Süßigkeiten nicht nur in diesem Reisebericht im Vordergrund stehen, sie bilden auch den Dreh- und Angelpunkt in Ortheils Sizilienroman „Das Kind, das nicht fragte“. Während dieser „Gastrosoph in süßen Gefilden“ weiterlesen

Für Genießer und Nostalgiker

Ein Kochbuch?!

Rom - Das Kochbuch von Katie Parla
Rom — Das Kochbuch von Katie Parla

Einem Rom-Kochbuch kann ich einfach nicht widerstehen. Vorallem nicht diesem Exemplar, das nicht nur kulinarische Sehnsüchte stillen will, sondern auch jene Nostalgia, die einen in der Ferne befällt.

Verfasst wurde es von Katie Parla und Kristina Gill. Die Journalistin Parla lebt seit einigen Jahren in Rom und studiert als Kulturhistorikerin die Esskultur der Stadt. Sie berichtet darüber auf ihrem Blog katieparla.com . Kristina Gill arbeitet als Redakteurin kulinarischer Themen und als Food-Fotografin. Beide recherchierten in römischen Küchen, um den einzigartigen Geschmack der Metropole aufzuspüren.

Derartige Ankündigungen wecken in mir die Erwartung, neben Rezepten und Insidertipps auch Kulturelles in Wort und Bild vorzufinden. Ansprüche, die nicht einfach zu erfüllen sind, schließlich füllen Bücher über die Ewige Stadt nicht nur viele Regalmeter, sondern ganze Bibliotheken.

Der Aufbau überrascht angenehm. Anstatt sich an der klassischen Speisefolge zu orientieren, betten die Autorinnen diese in Kapitel wie Jüdische Küche, Quinto Quarto und „Für Genießer und Nostalgiker“ weiterlesen

Proust – Standesschranken

Ein Abend mit Robert de Saint-Loup, Bd. 3, 555–580

GuermantesDie seltenen mit ihm zu zweit verbrachten Stunden, besonders aber diese, sind mir seither unvergesslich geblieben. Für ihn wie für mich war dies ein Abend der Freundschaft. Und doch brachte ich ihm wohl (aus diesem Grund auch von Gewissensbissen geplagt) in jenem Augenblick kaum, so fürchte ich, eine Freundschaft von der Art entgegen, wie er sie mir am liebsten eingeflößt haben würde.“

Saint-Loup ist auf Fronturlaub, seinen einzigen Abend in Paris will er mit Marcel verbringen. Er bittet, ihn in ein Restaurant zu begleiten. In diesem Gasthaus trifft sich Robert sehr oft mit seinen adligen Freunden, Marcel hingegen war noch nie dort. Als die Kutsche vor dem Eingang dieses Lokals, einer neumodischen Revolvertür, hält, fordert Robert den Freund auf schon einzutreten, während er den Kutscher bezahlt. Es ist sehr kalt an diesem Abend und Marcel sehr empfindlich.

Obgleich das Restaurant nur einen einzigen Gastraum besitzt, beherbergt es zwei „Proust – Standesschranken“ weiterlesen