Banater Elegie

Reiseimpressionen einer Landschaft -Esther Kinskys neuer Roman „Banatsko

„Dabei gibt es hier nichts zu gewinnen. Nichts als die Leere, das Warten. Alle hier warten auf irgendetwas, seit Jahrhunderten. Auf die Liebe, auf den Tod, auf einander, auf den Krieg, auf das nächste Hochwasser, auf die Fähre. Hier ist ein Warteland.“ (S. 190)

Die 1956 in Bad Honnef geborene, heute in Berlin und Battonya lebende Autorin Esther Kinsky erhielt 2006 das Grenzgänger-Stipendium der Robert-Bosch-Stiftung. Eine Poetin bereiste das Banat, die von Krieg und Verlust geprägte Grenzregion zwischen Rumänien, Serbien und Ungarn. Ein Ergebnis dieser Recherche ist ihr für den Deutschen Buchpreis nominierter Roman „Banatsko“. Sie beschreibt darin ihre Reiseindrücke, dies sind vor allem ihre Begegnungen mit der Landschaft, für deren Zustand und deren Wandel sie poetisch schöne Sätze erschafft. Auch Menschen trifft sie. Eine arme, spröde und zurückgelassene Landbevölkerung, die sonst nichts mehr hat außer der Landschaft und dem Werden und Vergehen der Jahreszeiten.

Kinsky evoziert bei aller Schönheit ihrer Naturbilder keine Idylle. Im ersten Teil ihrer aus unverständlichen Gründen als Roman betitelten Impressionen weisen stets präsente Grenzen und zerfallende Bahnhöfe auf schwer überwindbare Tristesse. Spätestens ab dem phantasievoll morbiden Kapitel „Der Apfelbaum“ wird der Tod zum Protagonisten. Er scheint allgegenwärtig. Auf jeder Seite begegnet er dem Leser in anderer Gestalt, überfahrene Hunde, Katzen, verstorbene Familienangehörige, verfaulende Fische, schwarze Krähen. Einige Binnenerzählungen widmet Kinsky vollkommen diesem Thema. Da ist der alte Mann, der sich zum Sterben in seinen Apfelbaum zurückzieht. Sein Körper verwittert im Winterwetter bis im Frühjahr nur noch die Stoffstreifen in den Ästen hängen. Oder der große Fisch, der wie vom Himmel gefallen auf der Straße stirbt und dessen schön schillernde Schuppen binnen Minuten ihren Glanz verlieren. Die Natur entsorgt den Rest des Kadavers. Kinsky schildert dies minutiös in einer Art poetischem Zeitraffer. Übrig bleibt von dem einst schönen Tier nur der zerzauste Fischschwanz im Straßengraben.

Was von den Menschen dieses Landstriches übriggeblieben ist, findet sich auf den Friedhöfen, jeder Ort hat einen und fast auch jedes Kapitel des Romans, Straßenfriedhöfe mit verblassten Porträts der Toten auf den Metallkreuzen. Die, die noch leben, tun dies in zerzausten Umständen, morsch und mit letzter Kraft, sich der Sterblichkeit bewusst.

Das Aussterben einer Landschaft und ihrer Bewohnern formt die Dichterin zu einem einzigen Memento Mori, tote Tiere in Straßengräben, Friedhöfe, unzugänglich umzäunt, Grabschmuck aus Plastik, alte Menschen, die sich mit der Kartoffelernte abmühen, junge Menschen ohne Perspektive. Die einzige Erlösung bieten das Akkordeonspiel und der Alkohol. Arrangiert haben sich nur die Roma, „die Zigeuner“, die Müllfürsten, die mit ihren pferdebespannten Sargwägen die Überreste einsammeln. Wie mögen sich wohl die Bewohner der bereisten Orte fühlen, wenn sie je diese Darstellung ihrer Heimat und ihres Lebens lesen?

Kinskys morbide Elegie beschreibt ein Umherschweifen. Sie reist mal hier mal dorthin, kehrt immer wieder nach Battonya zurück. Kaum gibt es Interaktion zwischen den Menschen, dann doch ein Kapitel, in dem gesprochen wird. Weil mir die poetische Sprache so gut gefallen hat, habe ich das Buch gerne gelesen. Aber die Melancholie breitet sich auch über den Leser aus. Ein Heft voller phantastischer Sätze, Wortschöpfungen voller Poesie, aber auch Friedhofsliteratur, die ich nur in kleinen Dosen genießen kann.

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2 Responses to Banater Elegie

  1. Atalante sagt:

    Und ich bin gespannt, wie es Dir gefallen wird und welche Eindrücke Du mitbringen wirst.

  2. Danke für diesen Tipp. Da wir planen nach Rumänien zu fahren, passt dieses Buch hervorragend, deshalb habe ich es mir gleich einmal bestellt. Ich bin sehr gespannt, was mich in diesem Roman erwartet.

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