Wie fiktiv alles ist!“

Gaito Gasdanows überkonstruierter Roman „Das Phantom des Alexander Wolf“

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Wie fiktiv alles ist!“, sagte Wolf. „Sie waren überzeugt, dass Sie mich getötet hatten, ich war mir sicher, dass Sie letztlich durch meine Schuld umgekommen waren, und wir hatten beide nicht recht. (…)“

Gasdanow beginnt seinen Roman Das Phantom des Alexander Wolf mit der Schlüsselszene. In einem Sommer gegen Ende des Russischen Bürgerkriegs treffen zwei feindliche Kämpfer aufeinander. Das Pferd des einen wird von einem Schuss niedergestreckt. Als sein Reiter unverletzt aufsteht, sieht er wie der Schütze erneut das Gewehr anlegt. Er zückt seine Pistole zur Gegenwehr und trifft den anderen zuerst. Tödlich, wie ihm ein Blick versichert. Wenige Augenblicke später hört er Weitere herannahen und flieht auf dem Schimmel des Getöteten.

 

Zu der Zeit, als das geschah, war ich 16 Jahre –somit war dieser Mord der Beginn meines selbständigen Lebens, und ich bin mir nicht sicher, ob er nicht unwillkürlich alles geprägt hat, was zu erfahren und zu erblicken mir später beschieden war.

Jahre später, er lebt inzwischen in Paris und schreibt für die Zeitung, stößt der Erzähler auf eine Geschichte, die detailliert die Schussszene wiedergibt. Autors des Bandes ist ein gewisser Alexander Wolf, Wie fiktiv alles ist!““ weiterlesen

Eine vielköpfige, wunderliche Familie“

Tilmann Lahmes Biographie über die Manns schenkt neue Einblicke und ein großes Lesevergnügen

 

MannsAlle glücklichen Familien ähneln einander, jede unglückliche aber ist auf ihre eigene Art unglücklich.“

Dieser erste Satz in Tolstois Anna Karenina gilt auch für die Manns, die bekannteste Schriftstellerfamilie Deutschlands. Literatur über sie lässt sich in Regalmetern messen, nicht nur wegen der weltweit berühmten Werke ihres Oberhaupts, sondern weil sie alle zur Feder griffen.

Der Historiker und Germanist Tilmann Lahme, der 2009 mit einer Biographie über Golo Mann hervortrat, gewährt nun mit Die Manns: Geschichte einer Familie neue Einblicke. Bisher unbekannte Familienbriefe bilden die Grundlage seiner Analyse. Sie setzt im Frühjahr 1922 ein, als das Ehepaar Mann die Pubertätsprobleme ihrer Ältesten, Erika und Klaus, kurzerhand mit der Internatsverschickung löst. Sie endet im Jahr 2002 mit dem Tod der Tochter Elisabeth. Auf den gut 400 Seiten dazwischen erzählt Lahme von den Mitgliedern der Kernfamilie Mann mit gelegentlichen Seitenblicken auf die Schwiegereltern, den Bruder Heinrich und die Enkel.

Seine Hauptpersonen sind die acht Manns, Thomas, Katia, Erika, Klaus, Golo, Monika, Elisabeth und Michael. Im Familienjargon, Pielein, Mielein, Eri, Eissi, Moni, Medi, Bibi und das Eine vielköpfige, wunderliche Familie““ weiterlesen