Vom Auswildern einer Familie

Andrea Hejlskov schildert in „Wir hier draussen“ die Bekämpfung einer Existenzkrise mit natürlichen Mitteln

Als wir weggegangen waren, hatten wir das nicht getan, um vor den Problemen oder Konflikten wegzulaufen. Es war ein Kamikazeangriff gewesen, der mitten ins Herz der Familie gezielt hatte, ins Private, direkt in die Probleme – wir hatten die Probleme an der Gurgel packen wollen, sie auf den Kopf stellen und sie schütteln, bis sie zittern und verschwinden würden. Uns war klar gewesen, dass es hart werden würde, dass es schrecklich werden würde, das hatten wir gewusst, aber das war es uns wert gewesen.“

Raus aus der Zivilisation, zurück zur Natur, zum Ursprünglichen, die eigenen Ressourcen entdecken, wieder Gemeinschaft erleben. Diese Motive haben vor der dänischen Autorin Andrea Hejlskov und ihrer Familie schon andere bewegt. Zu Beginn des vorletzten Jahrhunderts waren es Naturjünger, die auf Südseeinseln oder im Tessin ihr Lebensglück suchten. Ihnen folgten andere, die sich vom Aufgezwungenen abkehrten um sich selbst zu finden. Henry David Thoreau bezog eine abseits gelegenen Hütte und schlug aus dieser Erfahrung auch literarisch Kapital. Sein „Walden“ wurde zum Kultbuch. Ähnliche Abenteuer, aus denen ein Buch hervorging, gibt es noch in heutiger Zeit. Sie reichen von der Reportage des Journalisten Jürgen König, der gut vorbereitet ein Jahr auf einer Schweizer Hochalm verbringt, bis zum amerikanischen Jungautor und seinem Versuch einsam die Adoleszenz auszusitzen. Sprachmächtiger sind „Vom Auswildern einer Familie“ weiterlesen

Pippi Pomperipossa – Die Widerstandskämpferin Astrid Lindgren

Jens Andersen zeigt in seiner Biographie, wie Astrid Lindgren mit den Waffen der Sprache streitet

Lindgren1Die beinahe achtzigjährige Astrid Lindgren wurde gefragt, was sie wohl getan hätte, wenn sie seinerzeit nicht Schriftstellerin geworden wäre. Ihre Antwort lautete: „Ich wäre eine kleine aktive Widerstandskämpferin in der ersten Zeit der Arbeiterbewegung geworden. (…) Eine kleine Vorkämpferin für die Menschen der damaligen Zeit.“

Die Biographien über Astrid Lindgren, darunter die autorisierte von Margareta Strömstedt, werden nun durch eine weitere ergänzt, die erstmals die zahlreichen handschriftlichen Aufzeichnungen der Autorin berücksichtigt. Ihr Verfasser, Jens Andersen, Nordist und Literaturkritiker, könnte als Dänischer Nationalbiograph bezeichnet werden. 2005 legte er die Lebensgeschichte des Märchendichters Hans Christian Andersen vor, die international beachtet wurde. Seine Biographie über Königin Margrethe II. im Jahr 2012 sorgte vor allem im königstreuen Dänemark für Furore.

Mit Astrid Lindgren widmet er sich einer Autorin, der nicht nur ihre Figur Pippi Langstrumpf weltweite Beachtung brachte. Gerade deswegen stellt sich die Frage, ob es über die berühmte „Pippi Pomperipossa – Die Widerstandskämpferin Astrid Lindgren“ weiterlesen

Schwindelnde Höhen der Literatur

In ihrem neuen Roman „Schwindlerinnen“ spielt Kerstin Ekman mit den Lügen der Schriftsteller

Ekman, SchwindlerinnenVom Schwindel befallen weiß man nicht wo oben und unten. Ob links oder rechts, alles dreht sich, die Orientierung ist verwirrt, manchmal ganz und gar verloren. Als Schwindel werden auch Lügen bezeichnet, harmlose, lässliche. Sie offenbaren nicht jedem alles, bergen mindestens ein Geheimnis, sei es auch nur ein kleiner Trick. Aber wer kann schon ohne diese kleinen Tricks leben?  Sie dienen der Lebensbewältigung und nicht selten sind sie ein wichtiger Bestandteil des Metiers. Auch Schriftsteller bedienen sich als Illusionskünstler kreativer Schwindeleien, die nicht nur ihr Werk sondern auch ihre Person betreffen. Wenn auch der Großteil der Schreibkünstler inzwischen ihr öffentliches Ego als Bestandteil der Erfolgsstrategie begreift, so gibt es immer noch Autoren, die ihre Anonymität zu wahren wissen. Das Geheimnis um ihre Person scheint der Selbstschutz, ohne den keine Kunst entstehen kann.

So ergeht es auch Babro Andersson, kurz Babba, der Schriftstellerin in Kerstin Ekmans „Schwindlerinnen“. Von unattraktivem Äußeren bewegt sich die in einer Arbeiterfamilie großgewordene Babba unsicher zwischen Menschen. Als studierte Philologin bevorzugt sie die Gegenwart der Bücher. Sie arbeitet als Bibliothekarin in der Stadtbücherei, auf deren Karteikarten sie ihre Schreibideen notiert. Als sie eines Tages aus diesen Einfällen eine Geschichte spinnt, schickt ihr Freund diese ohne ihr Wissen an eine Zeitschrift. Das Ablehnungsschreiben offenbart ihr nicht nur den Verrat, sondern ebenso die Erkenntnis, daß sie, Babba Andersson, so wie sie wirklich ist, niemals als Schriftstellerin zu Ruhm gelangen könne. Dazu sei sie nun mal einfach weder flott noch attraktiv genug. „Leute, die schriftstellernde Frauen rühmten, liebten dieses Wort. Frauen sollten flott schreiben. Und rank und schlank sein.“

Hier kommt die andere Hauptfigur des Romans ins Spiel, Lillemor Troj. Sie erfüllt die aufgestellten Kriterien, weshalb Babba sie zur Stellvertreterin wählt. Sie wird ihr öffentliches Alias, unter ihrem Namen und mit ihrem Gesicht erscheint Babbas Literatur. Lillemor ist nicht nur äußerst vorzeigbar. Als Tochter aus gutem Haus weiß sie sich auf öffentlichem Parkett zu bewegen. Perfekt in Mode wie Manieren bewältigt sie den schriftstellerischen Smalltalk. Zudem tippt und redigiert sie, was Babba auf die Seiten des Spiralblocks schreibt. Lillemor achtet auf Logik und Struktur und spätestens, wenn beide Frauen die Ferienwochen in einer entlegenen Kate im Wald verbringen, wird Lillemor zu Babbas Co-Autorin.

Allerdings erfordert ihre gemeinsame Autorschaft immer stärkere Geheimhaltung. Nicht nur die Männer der beiden erweisen sich als Gefahr, auch ihre eigenen Mütter. Immer verdeckt vordergründig die Wahrheitsliebe die eigentlichen egoistischen Antriebe der Neugierigen. Dennoch gelingt es Beiden die Preisgabe ihres Tricks zu verhindern bis sie selbst zu Verrätern werden. In ihrem neuesten Romanentwurf enthüllt Babba die wahre Geschichte und sendet sie unter ihrem eigenen Namen an einen Verlag. Dieser vermutet Lillemor Troj hätte unter Pseudonym ihre Biographie verfasst und vermittelt den Text an deren Verlag, der wiederrum die vermeintliche Autorin damit konfrontiert.

Hier setzt „Schwindlerinnen“ ein. Wir lesen mit Lillemor Kapitel um Kapitel der ungeheuerlichen Wahrheit, die Babba Anderson in der Ich-Perspektive erzählt. Dazwischen erfahren wir, was Lillemor darüber denkt. Ihre Version schildert der allwissende Erzähler. Die Gegenüberstellung dieser beiden Wahrheiten erzeugt nicht nur den großen Reiz der Konstruktion, sondern auch eine Spannung, die durch den immerhin an die 500 Seiten starken Roman trägt. Kerstin Ekman, die in diesem Jahr achtzig Jahre alt wird, und deren vollständiger Name Kerstin Lillemor Hjorth Ekman aus Gründen der Wahrheit nicht unerwähnt bleiben soll, hat einen umfangreichen Roman geschrieben. Immerhin schildert sie über sechzig Jahre eines erfolgreichen Autorinnenlebens oder besser dreier erfolgreicher Autorinnenleben, Babbas, Lillemors, wie ihr eigenes, welches in Facetten in denen ihrer Stellvertreterinnen aufscheint. Wie Lillemor wurde auch Ekman zum Mitglied der Schwedischen Akademie erkoren, besitzt also ausreichende Information um diesen Aspekt in ihrer Literaturbetriebssatire subtil auszuleuchten. Sie zeigt, wie nicht nur in diesem Gremium Preise vergeben und anhand welcher Kriterien Preisträger gemacht werden. In diesem letztendlich politischen Geschäft zählt mehr Schein als Sein. Dies ist wahrlich keine neue Erkenntnis, wird aber in diesem Roman sehr schön in Szene gesetzt. Gleichzeitig gelingt Ekman ein Gesellschaftspanorama, in dem sie ihre Heldinnen von den restriktiven Fünfzigern über die Alternativkultur der nachfolgenden Jahrzehnte bis in die heutige Zeit begleitet. In eine Zeit, in der das Lesen eines richtigen Buches zu einem subversiven Akt werden kann, vor dessen Folgen Babba Anderson warnt:

Literatur schädigt das Gehirn und vermindert die Fruchtbarkeit.“

Kerstin Ekman, Schwindlerinnen, übers. v. Hedwig Binder, Piper Verlag, 1. Aufl. 2012

Damenroman

Was übrig bleibt” — Sigrid Combüchen erzählt von Frauen und Damen damals und heute

Was zum Teufel soll ein Damenroman sein und möchte man etwas Derartiges überhaupt lesen?

Die in Schweden aufgewachsene deutschstämmige Sigrid Combüchen lässt diese Bezeichnung von ihrer Erzählerin folgendermaßen erklären.

Ein Damenroman handelt natürlich von Kleidern und Schmuck und Aussehen und Illusionen über die Liebe und „jedes Mädchen soll für einen Tag im Leben eine Prinzessin sein dürfen“.

Eine Seite zuvor wird der dänische Literat Georg Brandes (1842–1927) angeführt, der mit diesen Spottbegriff gewisse Frauenromane belegte. Wir mögen an Rosamunde Pilcher denken, Herr Brandes dachte an Victoria Benedictsson (1850–1888). Doch zu diesem klischeereichen traditionellkonservativen Schicksalsschilderungen zählt Combüchens Roman keineswegs.

In „Was übrig bleibt“ schildert sie die Entwicklung der jungen Hedda, die für sich, im ländlich-bürgerlichen Milieu der Dreißigerjahre schwierig genug, eine Ausbildung in Stockholm durchsetzt. Sie nimmt allerdings kein Studium auf, was „Damenroman“ weiterlesen