Konstrukt Weltliteratur

Worüber wir sprechen, wenn wir über Bücher sprechen“ — Tim Parks über Literatur

Es ist eine Weile her, da habe ich unter dem Titel „Worüber wir reden, wenn wir über Bücher reden“ ein Buch besprochen, welches nicht nur wie das vorliegende im Kunstmann Verlag erscheint, sondern dessen Autor, Pierre Bayard wie Tim Parks auch wissenschaftlich der Literatur zugewandt ist. Während Bayard zur Lücke anleitet unter dem originalgetreu übersetzten Titel „Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat“, erläutert Parks in „Where I’m Reading from“ seine Sicht aufs Lesen. Seine Essays zu fast allen Aspekten des Lesens und Schreibens liegen nun in der Übersetzung von Ulrike Becker und Ruth Keen als „Worüber wir sprechen, wenn wir über Bücher sprechen“ vor. Ein wirklich schöner Titel.

Parks Buch ist nur unwesentlich länger als die charmante Schummelfibel seines französischen Kollegen. Gut 230 Seiten, portioniert in vier Teile mit 33 Kapiteln, widmen sich dem Buch und der Welt. Wie ist ein Roman gemacht? Wieso wird er ein Erfolg? Was macht uns auf ihn so aufmerksam, daß wir ihn lesen und über ihn reden wollen? Parks Kernthema wird bald klar. In der globalisierten Welt drohe eine „Konstrukt Weltliteratur“ weiterlesen

Sushi Murakami — Resümee

Die Lesereise der verblüfften Frau Atalante

Murakami wählt für seinen Roman „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“ ein tragisches Thema. Die Verbannung aus dem Freundeskreis verursacht durch eine Verleumdung. Ein derartiges Ereignis kann man ohne weiteres als Mobbing bezeichnen, ein universelles Problem also, was keinesfalls nur auf Japan beschränkt ist. Jeder hat solches in der ein oder anderen hoffentlich schwächeren Form schon erlebt, deshalb spricht der Roman viele an. Zudem wird von solchen Skandale gerne gelesen. Mord und Totschlag bedienen den Voyeurismus und das schöne Gefühl, daß es schlimmere Schicksale als das eigene gibt.

Bei den Pilgerjahren handelt es sich um einen Anschlag auf die Psyche. (Ich meine jetzt natürlich das Erlebnis des Herrn Tazaki.) Eine unerklärliche Zurückweisung zu erleben ist eine traumatische Erfahrung. Leser wie Opfer rätseln in diesem Buch über die Ursache und dies von Anfang an. Diese „Sushi Murakami — Resümee“ weiterlesen

Schuldlos schuldig

Alice Munro erweckt die Moiren in ihren Erzählungen „Entscheidung“, „Bald“ und „Schweigen“

MunroDie alten Griechen sahen ihr Leben als von den Göttern vorherbestimmt. Welcher Art und wie groß das Glück oder Unglück eines Einzelnen war galt ihnen als unverrückbar. Am Schicksalsfaden der Moiren hingen alle Beziehungen im Lebensverlauf. Wie eine antike Schicksalsgöttin spinnt auch Alice Munro am Faden ihrer Protagonistin Juliet in den drei inhaltlich und formal aufeinanderfolgenden Erzählungen Chance, Soon und Silence. Sie sind Teil des 2004 erschienen Sammlung Tricks. Literarische Tricks beherrscht die Autorin in meisterhafter Weise, wie ihr zuletzt das Nobelpreiskomitee bestätigte. Bemerkenswert ist Munros Talent, auf wenigen Seiten die unvorhergesehenen Wendungen eines ganzen Lebens darzustellen.

Im ersten Teil, der in der deutschen Übersetzung von Heidi Zerning den Titel „Entscheidung“ trägt, begegnen wir Juliet, einer erfolgreichen Studentin der Altphilologin. Nicht nur ihr Studienfach widerspricht dem Rollenmodel einer jungen Frau, ‑die Handlung spielt im Jahr 1965‑, auch Juliet selbst verhält sich unangepasst. Ihre Professoren raten ihr aus diesem Grund trotz ihres vielversprechenden Talents eine Stelle als „Schuldlos schuldig“ weiterlesen

Grammatik der Liebe

Iwan Bunins Kunst über die Liebe zu schreiben

Grammatik der LiebeIm Westen war der Himmel reingefegt, Gold lugte aus dieser Richtung hinter schönen, ins Violett spielenden Wolken hervor und überglänzte seltsam das ärmliche Liebesasyl, dieses Asyl einer unbegreiflichen Liebe, die ein ganzes menschliches Leben in ein ekstatisches Einsiedlerdasein verwandelt hatte, ein Leben, das möglicherweise völlig alltäglich hätte verlaufen sollen, wäre nicht diese in ihrem Zauber so rätselhafte Luschka aufgetaucht.”

Dass die Liebe eines der Lieblingsthemen der schönen Literatur sei, ist eine Binsenweisheit. Bibliotheken voller Lyrik und Prosa um das Glück oder eher um das Unglück, das dieses Gefühl auszulösen vermag, bestätigen dies. Auch Ratgeber wachsen stets aufs Neue nach. Können sie sich doch ihrer Käufer und Leser gewiss sein, denn die Liebe scheint auf alle Zeit ein undurchdringliches Phänomen zu bleiben. Ein Regelwerk, das zum klaren Handeln anleitet, vor Verstößen warnt und somit Fehler zu vermeiden hilft, existiert bisher meines Wissens nicht. Oder doch?

Der russische Literaturnobelpreisträger Iwan Bunin berichtet in seiner 1915 erschienenen gleichnamigen Erzählung von einer „Grammatik der Liebe“. Ihr Entdecker ist ein gewisser „Grammatik der Liebe“ weiterlesen

Schwindelnde Höhen der Literatur

In ihrem neuen Roman „Schwindlerinnen“ spielt Kerstin Ekman mit den Lügen der Schriftsteller

Ekman, SchwindlerinnenVom Schwindel befallen weiß man nicht wo oben und unten. Ob links oder rechts, alles dreht sich, die Orientierung ist verwirrt, manchmal ganz und gar verloren. Als Schwindel werden auch Lügen bezeichnet, harmlose, lässliche. Sie offenbaren nicht jedem alles, bergen mindestens ein Geheimnis, sei es auch nur ein kleiner Trick. Aber wer kann schon ohne diese kleinen Tricks leben?  Sie dienen der Lebensbewältigung und nicht selten sind sie ein wichtiger Bestandteil des Metiers. Auch Schriftsteller bedienen sich als Illusionskünstler kreativer Schwindeleien, die nicht nur ihr Werk sondern auch ihre Person betreffen. Wenn auch der Großteil der Schreibkünstler inzwischen ihr öffentliches Ego als Bestandteil der Erfolgsstrategie begreift, so gibt es immer noch Autoren, die ihre Anonymität zu wahren wissen. Das Geheimnis um ihre Person scheint der Selbstschutz, ohne den keine Kunst entstehen kann.

So ergeht es auch Babro Andersson, kurz Babba, der Schriftstellerin in Kerstin Ekmans „Schwindlerinnen“. Von unattraktivem Äußeren bewegt sich die in einer Arbeiterfamilie großgewordene Babba unsicher zwischen Menschen. Als studierte Philologin bevorzugt sie die Gegenwart der Bücher. Sie arbeitet als Bibliothekarin in der Stadtbücherei, auf deren Karteikarten sie ihre Schreibideen notiert. Als sie eines Tages aus diesen Einfällen eine Geschichte spinnt, schickt ihr Freund diese ohne ihr Wissen an eine Zeitschrift. Das Ablehnungsschreiben offenbart ihr nicht nur den Verrat, sondern ebenso die Erkenntnis, daß sie, Babba Andersson, so wie sie wirklich ist, niemals als Schriftstellerin zu Ruhm gelangen könne. Dazu sei sie nun mal einfach weder flott noch attraktiv genug. „Leute, die schriftstellernde Frauen rühmten, liebten dieses Wort. Frauen sollten flott schreiben. Und rank und schlank sein.“

Hier kommt die andere Hauptfigur des Romans ins Spiel, Lillemor Troj. Sie erfüllt die aufgestellten Kriterien, weshalb Babba sie zur Stellvertreterin wählt. Sie wird ihr öffentliches Alias, unter ihrem Namen und mit ihrem Gesicht erscheint Babbas Literatur. Lillemor ist nicht nur äußerst vorzeigbar. Als Tochter aus gutem Haus weiß sie sich auf öffentlichem Parkett zu bewegen. Perfekt in Mode wie Manieren bewältigt sie den schriftstellerischen Smalltalk. Zudem tippt und redigiert sie, was Babba auf die Seiten des Spiralblocks schreibt. Lillemor achtet auf Logik und Struktur und spätestens, wenn beide Frauen die Ferienwochen in einer entlegenen Kate im Wald verbringen, wird Lillemor zu Babbas Co-Autorin.

Allerdings erfordert ihre gemeinsame Autorschaft immer stärkere Geheimhaltung. Nicht nur die Männer der beiden erweisen sich als Gefahr, auch ihre eigenen Mütter. Immer verdeckt vordergründig die Wahrheitsliebe die eigentlichen egoistischen Antriebe der Neugierigen. Dennoch gelingt es Beiden die Preisgabe ihres Tricks zu verhindern bis sie selbst zu Verrätern werden. In ihrem neuesten Romanentwurf enthüllt Babba die wahre Geschichte und sendet sie unter ihrem eigenen Namen an einen Verlag. Dieser vermutet Lillemor Troj hätte unter Pseudonym ihre Biographie verfasst und vermittelt den Text an deren Verlag, der wiederrum die vermeintliche Autorin damit konfrontiert.

Hier setzt „Schwindlerinnen“ ein. Wir lesen mit Lillemor Kapitel um Kapitel der ungeheuerlichen Wahrheit, die Babba Anderson in der Ich-Perspektive erzählt. Dazwischen erfahren wir, was Lillemor darüber denkt. Ihre Version schildert der allwissende Erzähler. Die Gegenüberstellung dieser beiden Wahrheiten erzeugt nicht nur den großen Reiz der Konstruktion, sondern auch eine Spannung, die durch den immerhin an die 500 Seiten starken Roman trägt. Kerstin Ekman, die in diesem Jahr achtzig Jahre alt wird, und deren vollständiger Name Kerstin Lillemor Hjorth Ekman aus Gründen der Wahrheit nicht unerwähnt bleiben soll, hat einen umfangreichen Roman geschrieben. Immerhin schildert sie über sechzig Jahre eines erfolgreichen Autorinnenlebens oder besser dreier erfolgreicher Autorinnenleben, Babbas, Lillemors, wie ihr eigenes, welches in Facetten in denen ihrer Stellvertreterinnen aufscheint. Wie Lillemor wurde auch Ekman zum Mitglied der Schwedischen Akademie erkoren, besitzt also ausreichende Information um diesen Aspekt in ihrer Literaturbetriebssatire subtil auszuleuchten. Sie zeigt, wie nicht nur in diesem Gremium Preise vergeben und anhand welcher Kriterien Preisträger gemacht werden. In diesem letztendlich politischen Geschäft zählt mehr Schein als Sein. Dies ist wahrlich keine neue Erkenntnis, wird aber in diesem Roman sehr schön in Szene gesetzt. Gleichzeitig gelingt Ekman ein Gesellschaftspanorama, in dem sie ihre Heldinnen von den restriktiven Fünfzigern über die Alternativkultur der nachfolgenden Jahrzehnte bis in die heutige Zeit begleitet. In eine Zeit, in der das Lesen eines richtigen Buches zu einem subversiven Akt werden kann, vor dessen Folgen Babba Anderson warnt:

Literatur schädigt das Gehirn und vermindert die Fruchtbarkeit.“

Kerstin Ekman, Schwindlerinnen, übers. v. Hedwig Binder, Piper Verlag, 1. Aufl. 2012