Sushi Murakami — Resümee

Die Lesereise der verblüfften Frau Atalante

Mu­ra­ka­mi wählt für sei­nen Ro­man „Die Pil­ger­jah­re des farb­lo­sen Herrn Ta­za­ki“ ein tra­gi­sches The­ma. Die Ver­ban­nung aus dem Freun­des­kreis ver­ur­sacht durch ei­ne Ver­leum­dung. Ein der­ar­ti­ges Er­eig­nis kann man oh­ne wei­te­res als Mob­bing be­zeich­nen, ein uni­ver­sel­les Pro­blem al­so, was kei­nes­falls nur auf Ja­pan be­schränkt ist. Je­der hat sol­ches in der ein oder an­de­ren hof­fent­lich schwä­che­ren Form schon er­lebt, des­halb spricht der Ro­man vie­le an. Zu­dem wird von sol­chen Skan­da­le ger­ne ge­le­sen. Mord und Tot­schlag be­die­nen den Voy­eu­ris­mus und das schö­ne Ge­fühl, daß es schlim­me­re Schick­sa­le als das ei­ge­ne gibt.

Bei den Pil­ger­jah­ren han­delt es sich um ei­nen An­schlag auf die Psy­che. (Ich mei­ne jetzt na­tür­lich das Er­leb­nis des Herrn Ta­za­ki.) Ei­ne un­er­klär­li­che Zu­rück­wei­sung zu er­le­ben ist ei­ne trau­ma­ti­sche Er­fah­rung. Le­ser wie Op­fer rät­seln in die­sem Buch über die Ur­sa­che und dies von An­fang an. Die­se span­nungs­ge­la­de­ne Kon­struk­ti­on ge­lingt Mu­ra­ka­mi zu­nächst meis­ter­lich. Die Le­ser ver­fol­gen fieb­rig die mit sechs­zehn­jäh­ri­ger Ver­spä­tung an­ge­gan­ge­ne Auf­ar­bei­tung, die noch da­zu an die Er­fül­lung ei­ner Lie­bes­ge­schich­te ge­knüpft ist. Love and Crime, was will man mehr?

Der Ro­man könn­te ei­ne leich­te Strand­lek­tü­re sein, für den, der so et­was mag, aber sehr schnell stellt sich ei­ne ge­wis­se Zä­hig­keit ein. Zum ei­nen stö­ren die Kli­schees, die Mu­ra­ka­mi zum Bei­spiel in der Cha­rak­te­ri­sie­rung der Freun­de ver­wen­det, der ge­ris­se­ne Schlau­kopf, der tumb-treue Sport­ler, die zart­be­sai­te­te Zart­glied­ri­ge und die pa­ten­te Kum­peline. Die­se Freun­de tra­gen Far­ben in ih­ren Na­men, Rot, Blau, Schwarz und Weiß. Ein­zig Tsuku­ru, „der Ma­cher“, bleibt der Farb­lo­se. Dass dar­aus bei Schü­lern Spitz­na­men ent­ste­hen ist klar, wenn dar­auf je­doch im­mer wie­der in ei­nem Ro­man her­um­ge­rit­ten wird, ist dies we­nig sub­til.

Der Plot, das Trau­ma, wird in den ers­ten Ka­pi­teln oft und we­nig va­ri­an­ten­reich wie­der­holt, so wie der Le­ser auch dem „Le mal du pays“aus Liszst „An­nées de pè­le­ri­na­ge“ nur in zwei In­ter­pre­ta­tio­nen be­geg­net. Die­ses Stück und sei­ne Wir­kung wer­den in ei­ner Sze­ne zwar ana­ly­siert, sonst taucht der Ti­tel ein­fach in fast je­dem Ka­pi­tel auf. Ich bin al­ler­dings sehr glück­lich dar­über, daß Mu­ra­ka­mi in die­sem ein­zi­gen Fall, sei­ne In­ten­ti­on nicht dar­ge­legt hat. Nein, die vier oder sind es fünf ein­zel­nen Tö­ne, die die fünf Freun­de in ih­rer ein­sa­men Me­lan­cho­lie ver­sinn­bild­li­chen sol­len, hat ein an­de­rer ge- oder er­fun­den.

Lei­der neigt der Au­tor da­zu, dem Le­ser al­les zu er­klä­ren. Man fühlt sich so nicht nur un­ter­for­dert, son­dern nicht für voll ge­nom­men, was ei­ne leich­te Ver­stim­mung aus­löst. Wenn man sich zu­dem we­gen häu­fi­ger Red­un­dan­zen lang­weilt, bleibt nichts an­de­res als die Lek­tü­re sinn­voll zu nut­zen. Ganz pas­sa­bel eig­nen sich die Pil­ger­jah­re zum Pflü­cken von Sen­ten­zen. Ich ga­ran­tie­re, daß man am En­de des Ro­mans min­des­tens drei eso­te­ri­sche Jah­res­ka­len­der oder ei­ne Pa­ckung Well­ness-Tee­beu­tel da­mit be­stü­cken kann.

Im rich­ti­gen Le­ben kann man auch nicht im­mer ge­win­nen.“

Manch­mal ge­winnt man, manch­mal ver­liert man.“

Je­der Mensch hat sei­ne ei­ge­ne Far­be.“

Nicht se­hen, was du se­hen willst, son­dern se­hen, was du se­hen musst.“

Ge­dan­ken sind wie Bart­haa­re, sie sprie­ßen erst, wenn man er­wach­sen wird.“

Der Koch hasst den Kell­ner und bei­de has­sen die Gäs­te.“

Die wich­tigs­ten Din­ge im Le­ben ha­ben im­mer zwei Sei­ten.“

Spä­ter ist es manch­mal zu spät.“

Aber auch das be­frie­digt nicht, wenn man nie­man­den kennt, den ei­ne sol­che Bas­te­lei be­glü­cken wür­de. So brach­te mich Mu­ra­ka­mi mit der Zeit zu der Fra­ge, war­um er Ho­mo­se­xua­li­tät im­mer so selt­sam ver­schlun­gen an­spricht. We­nig sub­til ist al­lei­ne Tsuku­rus Traum, der al­ler­dings we­der por­no­gra­phisch und schon gar nicht ero­tisch wirkt, son­dern ei­ne At­mo­sphä­re zwi­schen Fort­pflan­zungs­la­bor und Back­stu­be er­zeugt. War­um scheut sich der Held da­vor schwul oder bi­se­xu­ell zu sein? Und war­um lässt er die­se di­rek­te Fra­ge plötz­lich fal­len, aber sub­ti­le Zei­chen in Auf­zü­gen und Schwimm­bä­dern er­schei­nen? Ich bin über­fragt, Zei­chen und Wun­der sind ein­fach nicht mein Me­tier.

Kein Wun­der al­so, daß die Ge­schich­te um den selt­sa­men Pia­nis­ten Mi­dori­ga­wa mich rat­los zu­rück lässt, selbst wenn ich weiß, was er im hüb­schen Stoff­beu­tel­chen mit sich trägt. Die sechs Fin­ger zeigt schließ­lich in Tsuku­rus letz­tem Traum das Par­ti­tur­mäd­chen.

Eso­te­risch ver­wirrt folg­te ich den Etap­pen die­ser Pil­ger­fahrt, die mich vor­bei an Schwimm­bä­dern und Bahn­hö­fen auf ja­pa­ni­sche Hö­hen bis nach Finn­land führ­ten. Dort macht sich der Held, man be­ach­te den Hu­mor, über die Sinn­sprü­che der Fin­nen lus­tig. Ge­gen En­de des Bu­ches, wenn Mu­ra­ka­mi die Mas­sen von Ar­beitspend­ler be­schreibt, die wie fern­ge­steu­ert durch den Bahn­hof drän­gen, spürt man sei­ne Kri­tik an die­ser Ge­sell­schaft. Da­von hät­te ich ger­ne mehr ge­hört, nicht von Kitsch und Dra­ma, wo­von die­ser Ro­man ein­deu­tig zu viel hat.

Die­ser wur­de in der deut­schen Li­te­ra­tur­kri­tik mit über­schwäng­li­cher Be­geis­te­rung auf­ge­nom­men, was mich wun­dert. Ob der Ge­dan­ke da­hin­ter steckt, viel­leicht, falls Mu­ra­ka­mi den No­bel­preis doch ei­nes Ta­ges er­hal­ten soll­te, ei­nes der sel­te­nen In­ter­views mit die­sem scheu­en Au­tor füh­ren zu dür­fen?

Po­si­ti­ve Re­zen­sio­nen fin­den sich so­wohl im Hoch-Feuil­le­ton wie auf zahl­rei­chen Blogs, auch De­nis Scheck hat in sei­ner Sen­dung „Druck­frisch“ vom 23.2.2014 den Ro­man vor­be­halt­los an­ge­prie­sen.

Kri­ti­sche Stim­men wa­ren al­ler­dings auch zu ver­neh­men. So spricht Karl Mar­kus Gauss in der NZZ vom 25.2.2014 von „phi­lo­so­phi­schen Plat­ti­tü­den“, die sich fürs „Poe­sie­al­bum“ eig­nen. Frank Schä­fer ver­spürt in der taz vom 3.2.2014 ei­ne „Ten­denz zum gra­vi­tä­ti­schen Pi­pi­fax“. Im Li­te­ra­tur­club des Schwei­zer Fern­se­hens vom 28.1.2014 fiel der Ro­man eben­falls durch. Selbst El­ke Hei­den­reich, die das „Trost­buch“ we­gen sei­ner Po­pu­la­ri­tät in die Sen­dung brach­te, kon­sta­tier­te deut­li­che Schwä­chen. Die Ja­pa­no­lo­gin Ir­me­la Hi­jiya-Kir­sch­ne­r­eit, die Frank Mey­er am 9.1.2014 für Deutsch­land­ra­dio Kul­tur in­ter­view­te, sieht eher das Glo­ba­le als das Ja­pa­ni­sche in Mu­ra­ka­mis Ro­man, der in sei­nem Hei­mat­land als „seich­te Selbst­fin­dungs­po­pu­lär­li­te­ra­tur“ kri­ti­siert wird.

 

Su­shi-Fol­ge mei­ner Le­se­rei­se:

19. Ka­pi­tel — Zug­ver­spä­tung

18. Ka­pi­tel — Die Le­bens­par­ti­tur

17. Ka­pi­tel — Ab­so­lu­ti­on

16. Ka­pi­tel — Das Feu­er für das eis­kal­te Meer in ihm

15. Ka­pi­tel — Fin­ni­sche Wäl­der (hät­te Kuro doch ei­nen Nor­we­ger ge­hei­ra­tet)

14. Ka­pi­tel — Hel­le Näch­te in Hel­sin­ki

13. Ka­pi­tel — Wor­an er denkt, wenn er beim Schwim­men denkt

12. Ka­pi­tel — Scha­ma­nen­däm­me­rung

11. Ka­pi­tel — Bey­ond

10. Ka­pi­tel — Lu­xus bei Le­xus

9. Ka­pi­tel — Der Mann, der den Zü­gen nach­sah

8. Ka­pi­tel — Ori­en­tie­rungs­lauf

7. Ka­pi­tel — fLeck­Frei

6. Ka­pi­tel — Die Ly­sis­tra­t­a­stra­te­gie

5. Ka­pi­tel — Der Teu­fels­pakt

4. Ka­pi­tel — Vor­na­me als Schick­sal

3. Ka­pi­tel — Das glit­schig-feuch­te Ge­fühl

2. Ka­pi­tel — Das in­ne­re We­sen

1. Ka­pi­tel — Das ma­gi­sche Au­ge

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4 Responses to Sushi Murakami — Resümee

  1. Claudia sagt:

    Lie­be Kers­tin
    ich ha­be die Pil­ger­jah­res schon seit Mo­na­ten im Re­gal ste­hen und in­so­fern die Lek­tü­re noch vor mir. Aus dem Grund ha­be ich nun auch nur Dein ab­schlie­ßen­des Fa­zit ge­le­sen. Nun bin ich schon ge­spannt, ob ich mich nach dem Le­sen mehr auf die Sei­te des Lo­bes oder des Ta­dels stel­le.

    Vie­le Grü­ße, Clau­dia

    • Atalante sagt:

      Lie­be Clau­dia, ich bin eben­so ge­spannt. Ganz egal wie Dein Ur­teil aus­fällt, Du be­fin­dest Dich auf je­den Fall in gu­ter Ge­sell­schaft.
      Viel­leicht kannst Du mir dann ei­ni­ge Fra­gen be­ant­wor­ten?

  2. Katja sagt:

    Lie­be Kers­tin,

    ich glau­be wir ha­ben das Buch par­al­lel ge­le­sen und ich war sehr er­freut, dass je­mand in­mit­ten des vie­len Lobs für das Buch, sich auch mal kri­tisch äu­ßert. Ich fin­de, Sie ha­ben in ei­ner sehr an­ge­neh­me und wit­zi­ge Art auf die Schwach­stel­len des Bu­ches hin­ge­wie­sen, oh­ne das Buch zu zer­rei­ßen.

    Ich stand am En­de des Bu­ches auch mit mehr Fra­gen als Ant­wor­ten.

    Vie­le Grü­ße und dan­ke für die tol­le Le­se­rei­se
    Kat­ja

    • Atalante sagt:

      Lie­be Kat­ja,
      herz­lich will­kom­men auf mei­ner Sei­te. Ich ha­be mich über die­se Rück­mel­dung sehr ge­freut.
      Was mich in der Dis­kus­si­on um die­ses Buch im­mer wie­der am stärks­ten er­staunt ist die Aus­sa­ge, es sei nun mal al­les so ja­pa­nisch und des­we­gen eben auf kei­nen Fall Kitsch. Da fra­ge ich mich doch, war­um man Co­el­ho bei­spiels­wei­se die­ses Ar­gu­ment nicht auch zu­kom­men lässt? Kitsch bleibt Kitsch, egal wel­che So­ße man drü­ber gießt.

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