Nina Schenk Gräfin von Stauffenberg — Eine Frau des Widerstands?

Konstanze von Schulthess” persönliches Porträt ihrer Mutter Nina Schenk Gräfin von Stauffenberg

Es gibt vie­le Ar­ten ein Buch zu le­sen. Ei­ne da­von ist un­vor­ein­ge­nom­men den Text auf sich wir­ken zu las­sen un­ge­ach­tet des Ver­fas­sers und des­sen In­ten­ti­on. Die­se an­schei­nend ob­jek­ti­ve, ei­gent­lich aber nai­ve Vor­ge­hens­wei­se ist bei fik­tio­na­ler Li­te­ra­tur hin­nehm­bar, sie ver­bie­tet sich je­doch bei Wer­ken mit his­to­ri­schem Be­zug. Ein sol­ches ist die vor­lie­gen­de Bio­gra­phie über Ni­na Schenk Grä­fin von Stauf­fen­berg. Sie muss sich folg­lich den Fra­gen der his­to­ri­schen Text­kri­tik stel­len. Wer hat den Text ver­fasst, was sagt er aus, auf wel­che Quel­len be­ruft er sich, was möch­te er bewirken.

Kon­stan­ze von Schult­hess ist die jüngs­te Toch­ter Ni­na von Stauf­fen­bergs. Sie wur­de am 27. Ja­nu­ar 1945 ge­bo­ren. Ihr Va­ter Claus von Stauf­fen­berg war zu die­sem Zeit­punkt be­reits tot, hin­ge­rich­tet we­gen des At­ten­tats auf Hit­ler am 20. Ju­li 1944. Schult­hess kennt ih­ren Va­ter und die Ge­scheh­nis­se, die zu sei­nem Tod führ­ten, aus Er­zäh­lun­gen und Be­rich­ten an­de­rer. Ih­re wich­tigs­ten Quel­len wa­ren ne­ben den Er­zäh­lun­gen der Mut­ter de­ren schrift­li­che Erinnerungen.

Es ist schwie­rig die­ses Buch ei­ner Toch­ter über ih­re Mut­ter zu be­wer­ten. Um so mehr, als je­ne Ni­na von Stauf­fen­berg die Ehe­frau Claus von Stauf­fen­bergs war und die Au­torin des­sen jüngs­te Toch­ter. Die­se Kon­stel­la­ti­on er­for­dert Re­spekt vor den Ge­füh­len und Re­spekt vor dem his­to­ri­schen wie mu­ti­gen Akt des Widerstandes.

Al­ler­dings stellt Kon­stan­ze von Schult­hess in die­sem Por­trät ih­rer Mut­ter er­neut die Fra­ge zur Dis­kus­si­on, die sie ei­gent­lich aus der Welt schaf­fen möch­te. In wie weit war Ni­na von Stauf­fen­berg in die Wi­der­stands­plä­ne ein­ge­weiht und an den Vor­be­rei­tun­gen beteiligt?

Das Buch setzt mit ih­rer Re­ak­ti­on auf die Hin­rich­tung Stauf­fen­bergs ein. Als ihr die Nach­richt am Vor­mit­tag des 25. Ju­lis über­bracht wur­de brach sie we­der zu­sam­men noch dach­te sie an Flucht. Sie ent­schied sich für die Rol­le der Ah­nungs­lo­sen und prä­pa­rier­te die Kin­der auf even­tu­el­le Ver­hö­re, in­dem sie ih­nen Sät­ze der Ah­nungs­lo­sig­keit eingab.

Die Au­torin skiz­ziert Stauf­fen­bergs Weg zum Wi­der­stand be­vor sie die Aus­wir­kun­gen des At­ten­tats auf das Le­ben ih­rer Mut­ter schil­dert. Über die Fa­mi­li­en al­ler an der Tat be­tei­lig­ten Män­ner ver­häng­te das Na­zi­re­gime Sip­pen­haft. Für Ni­na von Stauf­fen­berg und ih­re Kin­der be­deu­te­te dies die Tren­nung. Die Kin­der ka­men in ein Heim im thü­rin­gi­schen Bad Sach­sa. Ni­na von Stauf­fen­berg wur­de zu­nächst in das Ge­fäng­nis von Rott­weil ge­bracht, dann drei Wo­chen im Un­ter­su­chungs­ge­fäng­nis des Ber­li­ner Po­li­zei­prä­si­di­ums von der Ge­sta­po ver­hört. An­schlie­ßend folg­te ei­ne fünf­mo­na­ti­ge Ein­zel­haft im Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Ravensbrück.

Schult­hess er­zählt ver­ständ­li­cher­wei­se mit größ­ter Em­pa­thie, aber auch an­schau­lich und span­nend. His­to­ri­sche Er­eig­nis­se ver­knüpft sie mit per­sön­li­chen Emp­fin­dun­gen und Sze­nen, wel­che die star­ke Per­sön­lich­keit Ni­na von Stauf­fen­bergs be­to­nen. So hat die­se sich von den be­drü­cken­den Ge­füh­len wäh­rend der Haft mit dem Me­mo­rie­ren von Mu­sik und Li­te­ra­tur oder selbst­ge­fer­tig­ten Pa­ti­ence­kar­ten ab­ge­lenkt. Sol­che Schil­de­run­gen sol­len of­fen­sicht­lich ei­ne Hel­din zei­gen, die mit Cha­rak­ter­stär­ke und Bil­dung die Um­stän­de be­siegt. Dass sie den­noch wäh­rend der Haft ein Tes­ta­ment ver­fass­te, spricht für ih­re Klar­sicht, als Frau ei­nes Ver­schwö­rers muss­te sie mit dem Tod rech­nen. Es lässt aber auch Ver­zweif­lung ahnen.

Im Fol­gen­den schil­dert Schult­hess die Ju­gend ih­rer Mut­ter und das Ken­nen­ler­nen der El­tern. Be­reits als jun­ges Mäd­chen ha­be Ni­na von Stauf­fen­berg „Die drei Mus­ke­tie­re“ al­len Mäd­chen­bü­chern vor­ge­zo­gen. Die Toch­ter schließt dar­aus auf ei­ne frü­hes Fai­ble für Hel­den. Nach der 1933 er­folg­ten Hei­rat, wur­de die jun­ge Ehe­frau in­ner­halb we­ni­ger Jah­re zur mehr­fa­chen Mut­ter, 1934 wur­de Bert­hold ge­bo­ren, Hei­me­ran 1936, Franz Lud­wig 1938 und Va­le­rie im Jahr 1940. Da ihr Mann sei­ne mi­li­tä­ri­sche Kar­rie­re ver­folg­te, or­ga­ni­sier­te sie das Le­ben der Fa­mi­lie in ei­ge­ner Ver­ant­wor­tung. Kin­der­mäd­chen und Haus­an­ge­stell­te stan­den ihr als Hil­fen zur Ver­fü­gung. Wenn Claus von Stauf­fen­berg zu Be­such kam, war er „ein  hin­rei­ßen­der Va­ter“, „lag … mit sei­nen Kin­dern auf dem Fuß­bo­den und spiel­te stun­den­lang“. Ih­re Mut­ter hin­ge­gen, so be­tont Schult­hess, sei kei­ne die­ser „Glu­cken­müt­ter“ ge­we­sen. Sie ha­be sich un­kon­ven­tio­nell ver­hal­ten, in­dem sie viel rauch­te, Lip­pen­stift auf­trug und sich ge­gen al­les Klein­bür­ger­li­che wehr­te. Ih­re Ehe führ­ten die Stauf­fen­bergs als Fern­be­zie­hung, den­noch dis­ku­tier­ten die Part­ner über Po­li­tik. Dies wird je­doch nicht oft er­folgt sein, als Brief­in­halt ver­bot sich je­de Aus­ein­an­der­set­zung über Un­zu­frie­den­heit mit dem Regime.

Nach die­sen Pri­va­tis­si­ma ge­langt die Au­torin zur Aus­gangs­fra­ge. Sie legt dar, daß Ni­na von Stauf­fen­berg be­reits 1939 die Wi­der­stands­ge­dan­ken ih­res Man­nes er­kannt ha­be. Zu­dem sei sie bei­spiel­wei­se durch Ver­nich­tung kon­spi­ra­ti­ver Un­ter­la­gen ak­tiv an den Vor­be­rei­tun­gen be­tei­ligt ge­we­sen. Den­noch er­klärt Ni­na von Stauf­fen­berg in ih­rer Fa­mi­li­en­chro­nik, daß sie we­der den Zeit­punkt des At­ten­tats kann­te noch wuss­te, wer die­ses aus­füh­ren sollte.

Es fol­gen Ka­pi­tel zu den Um­stän­den von Kon­stan­zes Ge­burt, zur Rol­le Me­lit­ta von Stauf­fen­bergs, zum Tod der Groß­mutter im Straf­la­ger Matz­kau. An­ge­rei­chert mit Fa­mi­li­en­an­ek­do­ten er­zählt Schult­hess von der Her­kunft des müt­ter­li­chen Fa­mi­li­en­zweigs. Auch in die­sen Ab­schnit­ten be­to­nen vie­le Sze­nen Ni­na von Stauf­fen­bergs Cha­rak­ter mit Wor­ten wie „ih­re Un­er­schüt­ter­lich­keit, auch ihr Wa­ge­mut hat­ten tie­fe Wur­zeln“.

Man­che Schil­de­run­gen wir­ken wi­der­sprüch­lich, man­che selt­sam na­iv. So schien das Ein­tref­fen der SS zwei Ta­ge nach dem At­ten­tats­ver­such der­art un­er­war­tet, daß Ni­na von Stauf­fen­berg nicht ein­mal ei­ne Ta­sche ge­packt hat­te. Auch die tes­ta­men­ta­ri­sche Sor­ge um die Ver­ga­be des Fa­mi­li­en­schmucks über­rascht. Skur­ril und we­nig sym­pa­thisch er­schei­nen die Be­mü­hun­gen um die Re­qui­si­ti­on von Leuch­tern, Ge­schirr und Familiensilber.

Die schrift­li­chen Quel­len der Au­torin be­stehen aus drei Schrift­stü­cken aus der Hand Ni­na von Stauf­fen­bergs: aus ih­rem in der Haft ver­fass­ten Tes­ta­ment, dem Ge­dicht „Un­ser Pa­pi“ und der un­ver­öf­fent­lich­ten Fa­mi­li­en­chro­nik „Das Hals­band der An­na Iwa­now­na“ aus dem Jahr 1966. Er­gänzt wer­den die­se von dem Be­richt Ka­ro­li­ne von Stauf­fen­bergs, der Mut­ter von Claus von Stauf­fen­berg, „Über die Zeit zwi­schen Ju­li 1944 bis Kriegs­en­de“, der im Buch kom­plett wie­der­ge­ge­ben wird. Die Fa­mi­li­en­chro­nik ist je­doch nur in Zi­ta­ten fassbar.

Als Ni­na von Stauf­fen­berg die­se in den sech­zi­ger Jah­ren ver­fass­te war sie 53 Jah­re alt, die Er­eig­nis­se des 20. Ju­li 1944 la­gen 22 Jah­re zu­rück. Da das au­to­bio­gra­phi­sche Ge­dächt­nis sich im Lau­fe der Jah­re im­mer wie­der neu de­fi­niert, kön­nen die­se Auf­zeich­nun­gen das Er­leb­te kaum au­then­tisch ab­bil­den. Es han­delt sich um ge­form­te Er­in­ne­run­gen. Was Ni­na von Stau­fen­berg wirk­lich er­lebt hat und was durch spä­te­re Ge­sprä­che und Lek­tü­ren un­be­wusst er­gänzt wur­de, lässt sich nicht ein­deu­tig klä­ren. Die­se Schwie­rig­kei­ten spricht Schult­hess selbst ge­gen En­de des Buchs an, „Doch es kam der Mo­ment, als sie (Ni­na v. St., kp) sich nicht mehr wirk­lich si­cher war, was sie selbst er­lebt und was sie ge­le­sen oder ge­hört hat­te. Er­in­ne­run­gen und Dar­stel­lun­gen ver­wisch­ten und über­la­ger­ten sich zu­neh­mend.

Hin­zu kommt, daß die­se Text­quel­le, durch die Zi­tat­aus­wahl und ‑set­zung der Toch­ter, ei­ne wei­te­re In­ter­pre­ta­ti­ons­ebe­ne durch­läuft. Die­se un­ter­liegt ganz klar der In­ten­ti­on, Ni­na von Stauf­fen­berg als ei­ne Hel­din des Wi­der­stands darzustellen.

Kon­stan­ze von Stauf­fen­berg hät­te nicht nur der his­to­ri­schen For­schung, son­dern vor al­lem dem An­denken ih­rer Mut­ter ei­nen grö­ße­ren Dienst er­wie­sen, wenn sie die­ses Do­ku­ment mit ei­nem Nach­wort ver­se­hen, aber an­sons­ten un­be­ar­bei­tet ver­öf­fent­licht hätte.

Zu Stauf­fen­berg und der Be­we­gung des 20. Ju­li sind zahl­rei­che his­to­ri­sche Ab­hand­lun­gen und po­pu­lär­wis­sen­schaft­li­che Do­ku­men­ta­tio­nen er­schie­nen, dar­un­ter die bei­den fol­gen­den Bio­gra­phien der His­to­ri­ker Ue­ber­schär und Hoffmann.

Gerd R. Ue­ber­schär, Stauf­fen­berg und das At­ten­tat vom 20. Ju­li 1944: Dar­stel­lung, Bio­gra­phien, Dokumente

Pe­ter Hoff­mann, Claus Schenk Graf von Stauf­fen­berg: Die Biographie


So­wie ein wei­te­res per­sön­li­ches Buch aus der Fa­mi­lie Stauffenberg.

Bert­hold von Stauf­fen­berg, Auf ein­mal ein Verräterkind

Kon­stan­ze von Schult­hess, Ni­na Schenk Grä­fin von Stauf­fen­berg, Pi­per, 3. Aufl. 2009

In cervisia amicitia

Männer-WG mit Trinkzwang” — Bier bringt Burschen zum Singen

Wel­ches Buch wä­re ge­eig­ne­ter bei ei­nem Ur­laub mit Amici und Mo­ret­ti am Fu­ße des Sas­so di Si­mo­ne ge­le­sen zu wer­den als das ei­nes Geo­lo­gen über Freund­schaft und Bier?  “Män­ner-WG mit Trink­zwang”, der neu er­schie­ne­ne Ro­man des von Ge­steins­for­ma­tio­nen in Soft­ware­sphä­ren ge­wech­sel­te und als Poe­try Slam­mer be­kannt ge­wor­de­nen Kars­ten Ho­ha­ge ist dies al­le Mal.

Stellt euch al­so schon mal ei­ne Kis­te Bier kalt, die­se Lek­tü­re macht durs­tig. Nicht weil sie so tro­cken wä­re, son­dern weil sie Ap­pe­tit macht, Bier­ap­pe­tit. Ka­pi­tel um Ka­pi­tel lässt sich ei­ne Fla­sche lee­ren, auf Ex ver­steht sich. Wer auch zwi­schen­durch Durst ver­spürt, grei­fe ru­hig zu. Das Buch hat 45 kurz­wei­lig ver­fass­te Ka­pi­tel, die in au­then­ti­schem Set­ting ge­nos­sen wer­den wollen.

Au­ßer Un­men­gen an Bier, dem wir in Form des Ge­mäß be­geg­nen, tref­fen wir auf Müt­zen, Schär­pen, Fah­nen und Chor­da­men. Ge­nau, wir be­fin­den uns in der Welt der Stu­den­ten­ver­bin­dun­gen. Be­wusst und durch die Lek­tü­re be­lehrt wäh­le ich nicht den Be­griff Bur­schen­schaft. Ho­ha­ge war Mit­glied ei­ner Sän­ger­schaft und schreibt als sol­cher ge­gen die im­mer­wäh­ren­de Ver­wechs­lung an. Dies un­ter­nimmt er in ei­ner Art fik­tio­na­li­sier­ten Bio­gra­phie. Der Ich-Er­zäh­ler trägt zwar den glei­chen Na­men wie der Au­tor, der Na­me der Sän­ger­schaft wur­de je­doch ver­klau­su­liert und der Stu­di­en­ort ver­birgt sich hin­ter der lie­be­vol­len Be­zeich­nung “schnu­cke­li­ge Uni­ver­si­täts­stadt”. Wir er­fah­ren von den ers­ten Stu­di­en­jah­ren ei­nes Ver­bin­dungs­stu­den­ten, der ei­gent­lich nur ein Zim­mer such­te und “auf dem Haus” doch viel mehr fand. Ei­nen Freund­schafts­bund, den er nach et­li­chen Mut­pro­ben und Räu­schen, eth­no­lo­gisch be­trach­tet ger­ma­nisch-ro­man­ti­sier­ten In­itia­ti­ons­ri­ten des frü­hen 18. Jahr­hun­derts, nicht mehr mis­sen möchte.

Die­ses Kon­glo­me­rat aus Ent­wick­lungs­ro­man und In­si­der­be­richt ist ei­ne durch­aus un­ter­halt­sa­me Lek­tü­re, ei­ne Er­in­ne­rung an die Stu­den­ten­zeit als vie­le Pro­ble­me noch so ge­ring wa­ren, daß sie in ei­ner hin­rei­chen­den Men­ge Bier er­tränkt wer­den konn­ten. Grö­ße­re Schwie­rig­kei­ten hin­ge­gen be­wäl­tig­te man ge­mein­sam. Der Ro­man er­zählt Out­si­dern, al­so Frau­en und an­der­wei­tig Eman­zi­pier­ten, wie es so zu­geht auf dem Haus. Ver­spür­te man nicht die sym­pa­thisch wir­ken­de Nost­al­gie für den durch Gers­ten­saft ge­ne­rier­ten Grup­pen­zu­sam­men­halt, so könn­te man lei­se lä­chelnd den­ken, daß man es sich schon im­mer so ge­dacht ha­be. Oder hat­te man es sich nicht viel schlim­mer vor­ge­stellt? Das Kli­schee der na­tio­na­lis­tisch kon­ser­va­ti­ven Ver­bin­dungs­ty­pen be­stä­tigt Ho­ha­ges Ro­man nicht. Er wi­der­spricht ihm ve­he­ment, vor al­lem was die ge­schil­der­te Sän­ger­schaft be­trifft. Ho­ha­ge er­wähnt al­ler­dings, daß es durch­aus an­de­re Fäl­le gibt.

Sein Plä­doy­er für ein ver­al­te­tes WG-Mo­dell, das zwar mit­un­ter pu­ber­tär wirkt, aber auf Freund­schaft und Ver­trau­en ba­siert, ist ein neu­es, et­was an­de­res Cam­pus­buch über ein al­tes Phänomen.

Nunc est bibendum!

Auf der vom Au­tor ein­ge­rich­te­ten Sei­te zum Buch lässt sich die Re­zep­ti­on bei Pres­se, Buch­han­del und Be­trof­fe­nen verfolgen.

Kars­ten Ho­ha­ge, Män­ner-WG mit Trink­zwang: Wie ich in ei­ner Ver­bin­dung lan­de­te und war­um das gar nicht so schlimm war, rororo, 1. Aufl. 2012

Ehen eines Empfindsamen

Aufschlussreiche Beziehungsbiographie — „Hesses Frauen“ von Bärbel Reetz

Für den Künst­ler, über­haupt für den be­gab­ten Phan­ta­sie­men­schen, ist die Ehe bei­na­he im­mer ei­ne Ent­täu­schung. Im bes­ten Fall ist es ei­ne lang­sa­me, er­träg­li­che, mit der man sich halt ab­fin­det, aber es stirbt da­bei, oh­ne viel Schmer­zen, ein Stück See­le und Le­bens­kraft ab, und wir sind nach­her är­mer, wäh­rend wir nach dem Er­le­ben ei­nes ech­ten gro­ßen Schmer­zes eher rei­cher sind.“ Her­mann Hes­se, nach Reetz, S. 288.

Ei­ne Ju­gend oh­ne Her­mann Hes­se ist denk­bar aber un­wahr­schein­lich. Auch ich kann mich an die Lek­tü­re von „Nar­ziß und Gold­mund“ er­in­nern und ver­bin­de da­mit ge­gen­sei­ti­ges Vor­le­sen in ei­ner ei­gen­tüm­lich schwär­me­ri­schen Stim­mung, die mich seit­dem kaum noch be­fal­len hat. Vie­le Jah­re spä­ter be­geg­ne­te mir der Au­tor in sei­nem pie­tis­ti­schen Mi­lieu, das mich aus his­to­ri­schen Grün­den in­ter­es­sier­te. Zu die­ser Zeit las ich ei­ni­ge bio­gra­phi­sche Wer­ke und wun­der­te mich oft über die Dar­stel­lung von Hes­ses ers­ter Ehe­frau Mia. Dass die psy­chisch Kran­ke eher un­ter ih­rer Ehe als un­ter Neu­ro­sen oder Psy­cho­sen litt, schien sehr wahrscheinlich.

Bär­bel Reetz lie­fert nun die Fak­ten. In gründ­li­cher Re­cher­che und Quel­len­ar­beit hat sie Her­mann Hes­ses Be­zie­hun­gen zu sei­nen Frau­en durch­leuch­tet und legt mit „Hes­ses Frau­en“ ei­ne span­nend ge­schil­der­te Be­zie­hungs­bio­gra­phie vor. Der chro­no­lo­gi­sche Auf­bau folgt Hes­ses Ehen, 1904 mit Ma­ria Ber­noul­li, 1924 mit Ruth Wen­ger und 1931 mit Ni­n­on Dol­bin. Auch die nicht of­fi­zi­ell An­ge­trau­ten, den­noch kaum als Ge­lieb­te zu be­zeich­nen­den, fin­den Er­wäh­nung, Eli­se, Ju­lie Hell­mann, Eli­sa­beth La Ro­che, Eli­sa­beth Rupp.

Frü­he Bio­gra­phen spa­ren Hes­ses Frau­en­be­zie­hun­gen aus oder las­sen le­dig­lich Maria/Mia, sei­ne ers­te Frau und Mut­ter der drei ge­mein­sa­men Söh­ne, in wenn auch frag­li­chem Licht er­schei­nen. Um vie­les prä­zi­ser ana­ly­siert Reetz ge­ra­de die­se ers­te Ehe Hes­ses. Ist man zu Be­ginn scho­ckiert über die an­schei­nen­de Ge­fühls­käl­te Hes­ses ge­gen­über sei­ner Frau und fast noch mehr ge­gen­über den von ihm als stö­rend oder zu­min­dest gleich­gül­tig emp­fun­den Kin­dern, so er­lebt man am En­de des Bu­ches, wie Hes­se sich im Al­ter um so stär­ker Mia und sei­nen Söh­nen zu­wen­det. Es war al­so wohl we­ni­ger ei­ne Ge­fühls­käl­te als ei­ne Ge­fühls­un­ter­drü­ckung. Letzt­lich mag sie dem pie­tis­ti­schen Mi­lieu sei­ner Kind­heit und Ju­gend ge­schul­det sein, das ihn nach­hal­tig prägte.

Die­se Schluss­fol­ge­rung klingt auch in Reetz’ Über­le­gun­gen zum Ver­hal­ten Her­mann Hes­ses an. Be­zie­hun­gen zu Frau­en un­ter­hielt er lie­ber aus der Di­stanz, zu viel Nä­he emp­fand er als stö­rend, von Ero­tik kaum ei­ne Spur. Ein as­ke­ti­sches, fast ein­sied­le­ri­sches Künst­ler­le­ben, in dem es durch­aus re­gen Aus­tausch mit Freun­den und Ge­sel­lig­keit gab. Aber im­mer wie­der auch Rück­zug und Flucht. Zu­viel Nä­he, auch ero­ti­sche, muss er als be­droh­lich emp­fun­den ha­ben. Um­so mehr er­staunt es, daß sich Frau­en von ihm an­ge­zo­gen fühl­ten. Viel­leicht wird dies ver­ständ­lich, wenn wir uns dar­an er­in­nern, daß Hes­ses Schrif­ten vor al­lem im ori­en­tie­rungs­su­chen­den Al­ter der Pu­ber­tät als Or­te des Ver­ste­hens emp­fun­den wer­den. Hes­se als Men­schen­ver­ste­her, der die­sen dann doch nicht all­zu na­he kom­men möchte?

Bär­bel Reetz schil­dert wie er sich von sei­nen bei­den spä­te­ren Frau­en Ruth und Ni­n­on, bei­de we­sent­lich jün­ger als er, ge­ra­de­zu ein­ge­fan­gen fühl­te. Ein ge­fan­ge­ner Vo­gel, der sich ei­nem Kä­fig der Zwei­sam­keit ver­wei­gert, um das un­ab­hän­gi­ge Le­ben ei­nes Ein­zel­nen zu füh­ren. Wor­auf auch beim Be­woh­nen ei­nes ge­mein­sa­men Hau­ses ge­ach­tet wird. War­um er sich trotz­dem hei­ra­ten ließ, lässt sich aus den viel­fäl­ti­gen An­ga­ben, die die Au­torin har­mo­nisch und schlüs­sig zu die­ser Be­zie­hungs­bio­gra­phie kom­po­niert, er­ah­nen. Al­len drei Frau­en war ge­mein­sam, daß sie, je­de auf ih­re Wei­se, dem Dich­ter den schnö­den All­tag und des­sen ba­na­le Sor­gen vom Leib hielten.

Be­reits Mia macht sehr vie­le, zu vie­le Zu­ge­ständ­nis­se. Ih­re Be­dürf­nis­se und die der Kin­der soll­ten sei­ner künst­le­ri­schen Krea­ti­vi­tät nicht im We­ge ste­hen. Der an Me­nin­gi­tis er­krank­te Mar­tin wird kur­zer­hand in Pfle­ge ge­ge­ben, da­mit er nicht die Dich­ter­ru­he stö­re. Dass Hes­se da­durch er­heb­lich die Ge­füh­le Mi­as und sei­nes Soh­nes ver­letzt, scheint ihn nicht zu hem­men. Dies em­pört be­son­ders, da er die meis­te Zeit un­ter­wegs ist. Er ent­zieht sich, lässt Mia al­lei­ne mit Ar­beit und Sor­gen und be­schreibt ihr auf Post­kar­ten, wie schön er es doch an sei­nen Rei­se­zie­len ha­be. Dass sei­ne Frau schließ­lich nach lang­jäh­ri­gem Er­tra­gen die­ser Zu­stän­de de­pres­si­ve Zu­sam­men­brü­che er­lei­det, ver­wun­dert nicht.

Ge­fan­ge­ner Vo­gel, be­mut­ter­tes Kind, emp­find­li­cher Hy­po­chon­der, ins­ge­samt ist der Dich­ter kein ein­fa­cher Mensch. Sucht er in sei­nen Ehe­frau­en sei­ne Mut­ter Ma­rie Hes­se? Die Toch­ter des Sprach­for­schers und Mis­sio­nars Her­mann Gun­dert und der von Cal­vi­nis­ten ab­stam­men­den Ju­lie Du­bo­is be­schreibt Hu­go Ball, der ers­ter Bio­graph Hes­ses, als stren­ge kon­trol­lier­te Pie­tis­tin, die ihr Ge­fühls­le­ben und ih­re Per­sön­lich­keit der Ver­brei­tung des Evan­ge­li­ums un­ter­ord­ne­te. Der schma­le Weg führt ins Him­mel­reich, Ge­nuss und Selbst­ver­wirk­li­chung lie­gen nicht an sei­ner Sei­te. Hes­se ver­sucht sich von die­sem pie­tis­ti­schen Ein­fluss zu be­frei­en, wir le­sen dies in sei­nen Ro­ma­nen. Un­ter­stüt­zung sucht er bei sei­nen The­ra­peu­ten Fra­en­kel, Lang und Nohl. Als sei­ne Frau eben­falls die Hil­fe Nohls in An­spruch nimmt, zeigt er we­nig Ver­ständ­nis. Sie, die zur Be­wäl­ti­gung ih­rer Pro­ble­me ei­gent­lich sei­ne Un­ter­stüt­zung be­nö­tigt hät­te, be­zeich­net er auch Jah­re spä­ter als Wahn­sin­ni­ge, die durch ih­re Zu­stän­de die Ehe zer­stört habe.

Ruth Wen­ger, ei­ne rei­che Bür­gers­toch­ter wird Hes­ses zwei­te Frau. Sie schwärmt für ihn seit dem Ken­nen­ler­nen in Mon­ta­gno­la. Er ver­sucht im­mer wie­der sich ihr zu ent­zie­hen, bleibt aber schließ­lich in ih­ren Fän­gen haf­ten. Nur zäh­men lässt er sich kei­nes­wegs. Er wehrt sich ve­he­ment ge­gen al­le Bür­ger­lich­keit, ver­wei­gert sich aber­mals dem Fa­mi­li­en- und Zu­sam­men­le­ben. Ih­ren un­er­füll­ten Kin­der­wunsch kom­pen­siert Ruth mit ei­ner Me­na­ge­rie. Sie be­klagt sich, weil Hes­se sich wei­gert ein ge­mein­sa­mes Le­ben zu füh­ren, ei­ne rich­ti­ge Ehe. Und kon­sta­tiert, die idea­le Part­ne­rin müs­se sehr stark oder hün­disch sein.

Was Hes­se von der Fer­ne liebt, mei­det er in der Nä­he. Ver­wand­te oder Ehe­leu­te emp­fin­det er als stö­rend, zu Freun­den pflegt er bes­se­re Be­zie­hun­gen. Er sei „ein schlech­ter und un­ge­eig­ne­ter Ver­wand­ter, da­ge­gen ein gu­ter und treu­er Freund“. HH, nach Reetz, S. 234.

Ni­n­on Aus­län­der sen­det als jun­ges Mäd­chen nach der Lek­tü­re von „Pe­ter Ca­menzind“ dem Au­tor ei­nen be­geis­ter­ten Brief. Hes­se lässt den Brief­kon­takt zu, ein Tref­fen lehnt er je­doch ab. Nach Hei­rat mit Do­b­lin und lan­gen Jah­ren War­te­zeit wird auch Ni­n­on Frau Hes­se. Sie hat ihr Idol er­obert, doch sei­ne Lau­nen und Wut­aus­brü­che wird auch sie er­tra­gen ler­nen. Sie woh­nen in den ers­ten Jah­ren ge­mein­sam in der Ca­sa Ca­muz­zi, aber in un­ter­schied­li­chen Zim­mern auf un­ter­schied­li­chen Stock­wer­ken in un­ter­schied­li­chen Flü­geln. Zet­tel­bot­schaf­ten re­geln die spär­li­che Zwei­sam­keit. Ein Ehe­le­ben lässt sich das kaum nen­nen. Auch Ni­n­on ent­zieht sich, folgt ih­ren kunst­his­to­ri­schen und ar­chäo­lo­gi­schen In­ter­es­sen auf Rei­sen rund ums Mit­tel­meer. Im­mer­hin liest sie je­den Abend vor, bis zu sei­nem Tod aus 1447 Büchern.

Hes­ses Frau­en­be­zie­hun­gen bil­den den Schwer­punkt des Bu­ches, aber man er­fährt bei der Lek­tü­re vie­les mehr. Reetz ver­knüpft die bio­gra­phi­schen De­tails mit Schlüs­sel­sze­nen und –fi­gu­ren aus Hes­ses Ro­ma­nen und er­in­nert an sei­nen lo­cke­ren Um­gang mit Per­sön­lich­keits­rech­ten. Den Mensch Hes­se er­le­ben wir in sei­nen Selbst­zwei­feln und sei­nen Pro­ble­men. Im­mer wie­der bre­chen sei­ne jä­hen Ge­füh­le aus, de­nen die je­wei­li­gen Be­glei­te­rin­nen als Blitz­ab­lei­ter die­nen müs­sen. Ih­re un­ter­stüt­zen­de Wirk­sam­keit weiß er al­ler­dings oft nicht zu würdigen.

Und doch ist er ei­nem auch wie­der sym­pa­thisch, der ein­sa­me Dich­ter, der sich fremd fühlt, ge­ra­de dann, wenn er un­ter Men­schen ist, auf Le­se­rei­sen aus sei­nen Wer­ken vor­liest, um da­nach mit an­se­hen zu müs­sen „wie sie Schnit­zel und Blut­wurst fres­sen und sitzt so fremd und ent­behr­lich da­zwi­schen, daß ei­nem das in­ners­te Herz friert“, HH, nach Reetz, S. 286.

Mit „Hes­ses Frau­en“ hat Bär­bel Reetz ei­ne auf­schluß­rei­che Er­gän­zung zur Hes­se-Bio­gra­phie vor­ge­legt, die in Hes­ses 50. To­des­jahrs dar­an er­in­nert, daß auch no­bel­preis­tra­gen­de Dich­ter nur Men­schen sind.

Er­schie­nen ist der Ti­tel als In­sel Ta­schen­buch in be­son­de­rer Auf­ma­chung. Ori­gi­nal­zi­ta­te er­gän­zen als „Stim­men“ die Ka­pi­tel. Fo­tos, auch aus Pri­vat­ar­chi­ven der Hes­se Nach­fah­ren il­lus­trie­ren den Text­teil. Im An­hang bie­ten ne­ben ei­ner aus­führ­li­chen Zeit­ta­fel, Personen‑, Literatur‑, Quel­len- und In­halts­ver­zeich­nis, wei­te­re Er­läu­te­run­gen Ein­bli­cke in die Re­cher­che­ar­beit der Autorin.

Bär­bel Reetz, Hes­ses Frau­en, In­sel Ver­lag, 1. Aufl. 2012
 

Hin­ge­wie­sen sei noch auf ei­nen Auf­tritt der Au­torin Bär­bel Reetz in „Li­te­ra­tur im Foy­er”. Dort dis­ku­tiert sie un­ter der Lei­tung von Fe­li­ci­tas von Lo­ven­berg mit Jo Bai­er, Pe­ter Härt­ling und Hei­mo Schwilk über Her­mann Hesse.