Ehen eines Empfindsamen

Aufschlussreiche Beziehungsbiographie – „Hesses Frauen“ von Bärbel Reetz

„Für den Künstler, überhaupt für den begabten Phantasiemenschen, ist die Ehe beinahe immer eine Enttäuschung. Im besten Fall ist es eine langsame, erträgliche, mit der man sich halt abfindet, aber es stirbt dabei, ohne viel Schmerzen, ein Stück Seele und Lebenskraft ab, und wir sind nachher ärmer, während wir nach dem Erleben eines echten großen Schmerzes eher reicher sind.“ Hermann Hesse, nach Reetz, S. 288.

Eine Jugend ohne Hermann Hesse ist denkbar aber unwahrscheinlich. Auch ich kann mich an die Lektüre von „Narziß und Goldmund“ erinnern und verbinde damit gegenseitiges Vorlesen in einer eigentümlich schwärmerischen Stimmung, die mich seitdem kaum noch befallen hat. Viele Jahre später begegnete mir der Autor in seinem pietistischen Milieu, das mich aus historischen Gründen interessierte. Zu dieser Zeit las ich einige biographische Werke und wunderte mich oft über die Darstellung von Hesses erster Ehefrau Mia. Dass die psychisch Kranke eher unter ihrer Ehe als unter Neurosen oder Psychosen litt, schien sehr wahrscheinlich.

Bärbel Reetz liefert nun die Fakten. In gründlicher Recherche und Quellenarbeit hat sie Hermann Hesses Beziehungen zu seinen Frauen durchleuchtet und legt mit „Hesses Frauen“ eine spannend geschilderte Beziehungsbiographie vor. Der chronologische Aufbau folgt Hesses Ehen, 1904 mit Maria Bernoulli, 1924 mit Ruth Wenger und 1931 mit Ninon Dolbin. Auch die nicht offiziell Angetrauten, dennoch kaum als Geliebte zu bezeichnenden, finden Erwähnung, Elise, Julie Hellmann, Elisabeth La Roche, Elisabeth Rupp.

Frühe Biographen sparen Hesses Frauenbeziehungen aus oder lassen lediglich Maria/Mia, seine erste Frau und Mutter der drei gemeinsamen Söhne, in wenn auch fraglichem Licht erscheinen. Um vieles präziser analysiert Reetz gerade diese erste Ehe Hesses. Ist man zu Beginn schockiert über die anscheinende Gefühlskälte Hesses gegenüber seiner Frau und fast noch mehr gegenüber den von ihm als störend oder zumindest gleichgültig empfunden Kindern, so erlebt man am Ende des Buches, wie Hesse sich im Alter um so stärker Mia und seinen Söhnen zuwendet. Es war also wohl weniger eine Gefühlskälte als eine Gefühlsunterdrückung. Letztlich mag sie dem pietistischen Milieu seiner Kindheit und Jugend geschuldet sein, das ihn nachhaltig prägte.

Diese Schlussfolgerung klingt auch in Reetz’ Überlegungen zum Verhalten Hermann Hesses an. Beziehungen zu Frauen unterhielt er lieber aus der Distanz, zu viel Nähe empfand er als störend, von Erotik kaum eine Spur. Ein asketisches, fast einsiedlerisches Künstlerleben, in dem es durchaus regen Austausch mit Freunden und Geselligkeit gab. Aber immer wieder auch Rückzug und Flucht. Zuviel Nähe, auch erotische, muss er als bedrohlich empfunden haben. Umso mehr erstaunt es, daß sich Frauen von ihm angezogen fühlten. Vielleicht wird dies verständlich, wenn wir uns daran erinnern, daß Hesses Schriften vor allem im orientierungssuchenden Alter der Pubertät als Orte des Verstehens empfunden werden. Hesse als Menschenversteher, der diesen dann doch nicht allzu nahe kommen möchte?

Bärbel Reetz schildert wie er sich von seinen beiden späteren Frauen Ruth und Ninon, beide wesentlich jünger als er, geradezu eingefangen fühlte. Ein gefangener Vogel, der sich einem Käfig der Zweisamkeit verweigert, um das unabhängige Leben eines Einzelnen zu führen. Worauf auch beim Bewohnen eines gemeinsamen Hauses geachtet wird. Warum er sich trotzdem heiraten ließ, lässt sich aus den vielfältigen Angaben, die die Autorin harmonisch und schlüssig zu dieser Beziehungsbiographie komponiert, erahnen. Allen drei Frauen war gemeinsam, daß sie, jede auf ihre Weise, dem Dichter den schnöden Alltag und dessen banale Sorgen vom Leib hielten.

Bereits Mia macht sehr viele, zu viele Zugeständnisse. Ihre Bedürfnisse und die der Kinder sollten seiner künstlerischen Kreativität nicht im Wege stehen. Der an Meningitis erkrankte Martin wird kurzerhand in Pflege gegeben, damit er nicht die Dichterruhe störe. Dass Hesse dadurch erheblich die Gefühle Mias und seines Sohnes verletzt, scheint ihn nicht zu hemmen. Dies empört besonders, da er die meiste Zeit unterwegs ist. Er entzieht sich, lässt Mia alleine mit Arbeit und Sorgen und beschreibt ihr auf Postkarten, wie schön er es doch an seinen Reisezielen habe. Dass seine Frau schließlich nach langjährigem Ertragen dieser Zustände depressive Zusammenbrüche erleidet, verwundert nicht.

Gefangener Vogel, bemuttertes Kind, empfindlicher Hypochonder, insgesamt ist der Dichter kein einfacher Mensch. Sucht er in seinen Ehefrauen seine Mutter Marie Hesse? Die Tochter des Sprachforschers und Missionars Hermann Gundert und der von Calvinisten abstammenden Julie Dubois beschreibt Hugo Ball, der erster Biograph Hesses, als strenge kontrollierte Pietistin, die ihr Gefühlsleben und ihre Persönlichkeit der Verbreitung des Evangeliums unterordnete. Der schmale Weg führt ins Himmelreich, Genuss und Selbstverwirklichung liegen nicht an seiner Seite. Hesse versucht sich von diesem pietistischen Einfluss zu befreien, wir lesen dies in seinen Romanen. Unterstützung sucht er bei seinen Therapeuten Fraenkel, Lang und Nohl. Als seine Frau ebenfalls die Hilfe Nohls in Anspruch nimmt, zeigt er wenig Verständnis. Sie, die zur Bewältigung ihrer Probleme eigentlich seine Unterstützung benötigt hätte, bezeichnet er auch Jahre später als Wahnsinnige, die durch ihre Zustände die Ehe zerstört habe.

Ruth Wenger, eine reiche Bürgerstochter wird Hesses zweite Frau. Sie schwärmt für ihn seit dem Kennenlernen in Montagnola. Er versucht immer wieder sich ihr zu entziehen, bleibt aber schließlich in ihren Fängen haften. Nur zähmen lässt er sich keineswegs. Er wehrt sich vehement gegen alle Bürgerlichkeit, verweigert sich abermals dem Familien- und Zusammenleben. Ihren unerfüllten Kinderwunsch kompensiert Ruth mit einer Menagerie. Sie beklagt sich, weil Hesse sich weigert ein gemeinsames Leben zu führen, eine richtige Ehe. Und konstatiert, die ideale Partnerin müsse sehr stark oder hündisch sein.

Was Hesse von der Ferne liebt, meidet er in der Nähe. Verwandte oder Eheleute empfindet er als störend, zu Freunden pflegt er bessere Beziehungen. Er sei „ein schlechter und ungeeigneter Verwandter, dagegen ein guter und treuer Freund“. HH, nach Reetz, S. 234.

Ninon Ausländer sendet als junges Mädchen nach der Lektüre von „Peter Camenzind“ dem Autor einen begeisterten Brief. Hesse lässt den Briefkontakt zu, ein Treffen lehnt er jedoch ab. Nach Heirat mit Doblin und langen Jahren Wartezeit wird auch Ninon Frau Hesse. Sie hat ihr Idol erobert, doch seine Launen und Wutausbrüche wird auch sie ertragen lernen. Sie wohnen in den ersten Jahren gemeinsam in der Casa Camuzzi, aber in unterschiedlichen Zimmern auf unterschiedlichen Stockwerken in unterschiedlichen Flügeln. Zettelbotschaften regeln die spärliche Zweisamkeit. Ein Eheleben lässt sich das kaum nennen. Auch Ninon entzieht sich, folgt ihren kunsthistorischen und archäologischen Interessen auf Reisen rund ums Mittelmeer. Immerhin liest sie jeden Abend vor, bis zu seinem Tod aus 1447 Büchern.

Hesses Frauenbeziehungen bilden den Schwerpunkt des Buches, aber man erfährt bei der Lektüre vieles mehr. Reetz verknüpft die biographischen Details mit Schlüsselszenen und –figuren aus Hesses Romanen und erinnert an seinen lockeren Umgang mit Persönlichkeitsrechten. Den Mensch Hesse erleben wir in seinen Selbstzweifeln und seinen Problemen. Immer wieder brechen seine jähen Gefühle aus, denen die jeweiligen Begleiterinnen als Blitzableiter dienen müssen. Ihre unterstützende Wirksamkeit weiß er allerdings oft nicht zu würdigen.

Und doch ist er einem auch wieder sympathisch, der einsame Dichter, der sich fremd fühlt, gerade dann, wenn er unter Menschen ist, auf Lesereisen aus seinen Werken vorliest, um danach mit ansehen zu müssen „wie sie Schnitzel und Blutwurst fressen und sitzt so fremd und entbehrlich dazwischen, daß einem das innerste Herz friert“, HH, nach Reetz, S. 286.

Mit „Hesses Frauen“ hat Bärbel Reetz eine aufschlußreiche Ergänzung zur Hesse-Biographie vorgelegt, die in Hesses 50. Todesjahrs daran erinnert, daß auch nobelpreistragende Dichter nur Menschen sind.

Erschienen ist der Titel als Insel Taschenbuch in besonderer Aufmachung. Originalzitate ergänzen als „Stimmen“ die Kapitel. Fotos, auch aus Privatarchiven der Hesse Nachfahren illustrieren den Textteil. Im Anhang bieten neben einer ausführlichen Zeittafel, Personen-, Literatur-, Quellen- und Inhaltsverzeichnis, weitere Erläuterungen Einblicke in die Recherchearbeit der Autorin.

Bärbel Reetz, Hesses Frauen, Insel Verlag, 1. Aufl. 2012
 

Hingewiesen sei noch auf einen Auftritt der Autorin Bärbel Reetz in „Literatur im Foyer“. Dort diskutiert sie unter der Leitung von Felicitas von Lovenberg mit Jo Baier, Peter Härtling und Heimo Schwilk über Hermann Hesse.

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7 Responses to Ehen eines Empfindsamen

  1. Ganz wunderbar ist deine Rezension, liebe atalante, und ergänzt so gut, was ich in den letzten beiden Wochen über Hesse gesehen und gelesen habe. Gerade lese ich die Erzählung „Die Heimkehr“ von Hesse, nachdem ich letzte Woche den Film in der ARD gesehen habe. In der Kunstausstellung sind auch Bilder zu sehen, die er einem seiner Söhne widmete. Hesse war vielleicht nicht für die Menschen gemacht, sondern für die Natur und die Pflanzen, die er über alles liebte. Seine Malereien vermitteln ein so ganz anderes Bild von ihm, als die Beziehungen zu seinen Frauen. Schön bringst du es auf den Punkt, dass „nobelpreistragende Dichter auch nur Menschen sind“.

    Eine schöne Woche wünscht dir
    buechermaniac

    • Atalante sagt:

      Danke für Deinen Kommentar, Buechermaniac. Deine schönen Fotos von der Ausstellung habe ich bereits bewundert, dazu muss ich noch etwas schreiben. Ich bin sehr interessiert daran, was Du zu „Die Heimkehr“ sagen wirst. Ich kenne es nicht, habe mich aber während dieses Fernsehfilmes ständig gefragt, ob Hesse so etwas geschrieben hat. Du hörst, meine Begeisterung hielt sich in Grenzen. Das kann aber an der Umsetzung gelegen haben. Dass anschließend noch Köche, Barden und Ballkünstler zu Hesse Interpreten wurden, hat mich nur noch durch einen Nebel erreicht. 😉 (Ja, ich weiß, es waren auch Verleger, Schriftsteller und Literaturkritiker unter den Befragten.)

  2. Über die Erzählung werde ich bestimmt noch berichten, wenn nicht in meinem Blog, werde ich dir hier darauf antworten. Was ist denn nach dem Film noch ausgestrahlt worden? Ich habe nur den Film geschaut und nichts anderes.

    LG buechermaniac

  3. Nun weiss ich mehr und habe mir die Dokumentation angeschaut. Gut kann man die Doku vorspulen, denn Lindenberg mit seiner Nuschelei ertrage ich nicht. Sein Filmsong mag ja schön sein, aber meiner Ansicht nach hätte es dann ein deutsches Lied sein dürfen. Den Artikel in der Zeitung habe ich, unabhängig von deinem Tipp, bereits gelesen. Der ist ziemlich vernichtend. Ich werde jetzt aber doch noch etwas zur Verfilmung schreiben. Die Erzählung habe ich gestern beendet.

    Einen schönen Tag wünscht dir
    buechermaniac

  4. Atalante sagt:

    Deinen Doku-Eindrücken ist nichts mehr hinzuzufügen, außer daß der Sänger auch malt, mit Likör allerdings nicht mit Wasser. Ich werde Deine Beiträge zu Film und Buch gerne lesen. Vielleicht verführst Du mich ja zur Originalheimkehr?

  5. Atalante sagt:

    Zur Diskrepanz von Literaturverfilmung am Beispiel „Die Heimkehr“ hat Buechermaniac doch noch Lesenswertes geschrieben.

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