Zauberlehrling?

Nelio Biedermanns Familien-Saga „Lázár“ lebt durch gute Konstruktion auf den Schultern von Riesen

Am meis­ten lieb­te er es zu schrei­ben. Wo­bei „lie­ben“ ei­gent­lich das fal­sche Wort war, denn er schrieb nicht aus Lie­be, son­dern aus ei­nem sich völ­lig na­tür­lich an­füh­len­den Zwang her­aus, ei­nem Zwang, der sich wohl am ehes­ten mit je­nem, at­men zu müs­sen, ver­glei­chen lässt. Es war dem Jun­gen, als müs­se er al­les Wich­ti­ge auf­schrei­ben, als wür­den ihm die Din­ge sonst ent­glei­ten, als wür­den sie erst durch die von ihm voll­führ­te Ma­te­ria­li­sie­rung ih­re Gül­tig­keit erhalten.“

Ein gro­ßes Echo hat Ne­lio Bie­der­mann mit sei­nem Ro­man „Lá­zár“ er­zeugt. Über­schwäng­lich wur­de er von Li­te­ra­tur­kri­ti­kern und Schrift­stel­ler­kol­le­gen ge­lobt, die ihn schwär­me­risch in höchs­te Sphä­ren ho­ben. Dies er­zeugt Er­war­tun­gen, de­nen es stand­zu­hal­ten gilt.

Ich hät­te von der Lek­tü­re des Ro­mans Ab­stand ge­nom­men, wä­re da nicht mein Li­te­ra­tur­kreis ge­we­sen, der „Lá­zár“ aufs Pro­gramm setz­te. An­ge­sichts der Me­di­en­prä­senz des Bu­ches si­cher ganz zu Recht. Um es vor­weg­zu­neh­men, nicht al­le in un­se­rer Run­de wa­ren ent­täuscht: „Lá­zár“ ha­be ei­nen gro­ßen Un­ter­hal­tungs­wert, wur­de kri­ti­schen Stim­men ent­ge­gen­ge­setzt. Män­gel, wie un­ein­deu­ti­ge Be­zü­gen in Satz­gir­lan­den oder un­aus­ge­führ­te Mo­ti­ve sei­en dem Al­ter des Au­tors ge­schul­det. Die­ser wir­ke im Üb­ri­gen grund­sym­pa­thisch. Doch das stellt eben­so we­nig ein li­te­ra­ri­sches Kri­te­ri­um dar, wie, ba­nal ge­sagt, die Fri­sur ei­nes Schrift­stel­lers oder, was schon schwer­wie­gen­der wä­re, des­sen po­li­ti­sche Einstellung.

Der Er­folg von „Lá­zár“, im­mer­hin wur­den die Rech­te am Ro­man vor Er­schei­nen an über 20 fremd­spra­chi­ge Ver­la­ge ver­kauft, ba­siert zum nicht un­er­heb­li­chen Teil auf sei­ner Kon­struk­ti­on. Bie­der­manns Schreib­kunst er­zeugt ei­nen schnel­len Le­se­fluss. So hat­te ich das Buch trotz an­fäng­li­cher Ver­zweif­lung bald be­en­det, sei­nes pa­the­ti­schen Tons, vor­her­seh­ba­rer Ab­läu­fe und al­ber­ner Sex- „Zau­ber­lehr­ling?“ weiterlesen

Gabinetto Segreto der Literatur

Im Dienst der Literatur erforscht Rainer Moritz „Wer hat den schlechtesten Sex“

9783421046444_CoverIm Nea­p­ler Mu­seo Na­zio­na­le fin­det sich ne­ben Mo­sai­ken und Ma­le­rei­en aus den vom Ve­suv zer­stör­ten Städ­ten ein spe­zi­el­ler Aus­stel­lungs­raum. Die­ses Ga­binet­to Se­gre­to war zum Schutz emp­find­sa­mer See­len lan­ge nur mit Son­der­er­laub­nis zu be­tre­ten. Wer die­se je­doch er­hielt, konn­te sich an ero­ti­schen bis derb se­xu­el­len an­ti­ken Ar­te­fak­ten er­göt­zen. Ein der­ar­ti­ges ero­ti­sches Ge­heim­ka­bi­nett im li­te­ra­ri­schen Sin­ne hat Rai­ner Mo­ritz zu­sam­men­ge­tra­gen. Der Ti­tel „Wer hat den schlech­tes­ten Sex? weist auf die spe­zi­fi­sche Aus­rich­tung sei­nes Sammelgebiets.

Rai­ner Mo­ritz, Kri­ti­ker und Lei­ter des Li­te­ra­tur­hau­ses Ham­burg, wur­de nicht erst in sei­nem Stu­di­um der Li­te­ra­tur­wis­sen­schaf­ten mit li­te­ra­ri­schen Feucht­ge­bie­ten kon­fron­tiert. Wie vie­le lei­den­schaft­li­che Le­ser such­te und fand er schon in jun­gen Jah­ren die bes­ten Stel­len in hei­mi­schen Bü­cher­ber­gen. Sei­ne In­itia­ti­on er­folg­te beim eher sof­ten Sex in „Nar­ziß und Gold­mund, deut­li­che­re Fin­ger­zei­ge hin­ge­gen lie­fer­te ihm Da­ni­el De­foe. Ich ge­hö­re zur glei­chen Ge­ne­ra­ti­on wie Mo­ritz und er­in­ne­re mich an ähn­li­che Er­fah­run­gen. Je­doch stieß ich „Ga­binet­to Se­gre­to der Li­te­ra­tur“ weiterlesen