Das Leben ein Glück?

Anna Katharina Hahn schildert in „Am Schwarzen Berg“ gegensätzliche Lebenserwartungen

„Warum kann man nicht einfach nur dasein? Bücher lesen? Vögel beobachten und rumspazieren?“(Peter)

„…sie haßte diese Typen, ihren Gestank, aus dem sie all die Schrecklichkeiten anwehten, die passieren konnten, wenn man sich nicht zusammen riß, die schmutzigen Arten von Armut und Versagertum.“ (Mia)

Wie schon ihr vorheriger Roman „Kürzere Tage“ spielt Anna Katharina Hahns neues Buch in Stuttgart. Zeitgemäß spielt er zwischen guten und schlechteren Wohngegenden, zwischen Baumschützern und Bibliotheksbenutzern. Das besondere Augenmerk gilt drei Paaren, Mia und Peter, Emil und Veronika, Clara und Hajo. Sie sind durch den aus der Bahn geworfenen Peter aneinander gebunden und bleiben trotzdem auf sich allein gestellte Einzelwesen. Jeder muss auf seine Weise mit dem Leben zurecht kommen.

Die Eingangsszene zeigt Peter, die Kernperson des Geschehens, als gebrochenen Mann. Von Frau und Kindern verlassen, macht ihn die Depression erneut zum Kind, das folgerichtig ins elterliche Haus zurück geholt wird. Der Nachbar und einstige Ziehvater Emil Bub beobachtet dies und fühlt sich ebenso hilflos wie Peter. Auf diesen besaß er einst großen Einfluss. Emil prägte Peters romantische Liebe zur Natur und führte ihn an sein Idol Mörike heran, dem Hahn in vielfältiger Weise in ihrem Roman Reverenz erweist. Auch Emil sieht trotz Lehrerkarriere und Paarbeziehung seine Erwartungen an das Leben nicht erfüllt. Darauf deutet seine Abhängigkeit vom Alkohol, der auch von Veronika geschätzt wird. Die unkonventionelle, kinderlos gebliebene Bibliothekarin, kann so leicht nichts beeindrucken, lediglich damals das Kind Peter und heute die gebildeten Penner, die sich winters in der Bibliothek zwischen und an den Büchern wärmen.

Neben diesem eigenwilligen Paar wohnen die Raus, Peters Eltern. Carla, die fürsorgliche Übermutter und der vielbeschäftigte Arzt Hajo, welcher sich klischeegemäß mehr anderen Menschen als der eigene Familie widmet. Als Peter selbst Vater wird beschließt er, es anders zu machen. Ganz das Gegenbild seines Vaters verzichtet er zugunsten seiner kleinen Söhne auf Karriere. Bei seiner Freundin Mia, die ein großes finanzielles Sicherheitsbedürfnis verspürt, erzeugt dies jedoch Ängste. In Armut aufgewachsen, wünscht sie sich von Peter, dem Arztsohn, geregelte finanzielle Verhältnisse für die Familie. Peter kannte keine materiellen Nöte, von vier Erwachsenen verwöhnt, auch mit Liebe und Geborgenheit, scheint er nun die Chancen, die sich ihm bieten, nicht ergreifen zu wollen. Mia hingegen wuchs ohne den türkischen Vater alleine bei ihrer deutschen Mutter auf, die mit Putzen das Nötigste verdiente.

Wie diese verschiedenen Ursprungswelten unterschiedliche Entwürfen und Interpretationen des Lebens bedingen, führt Hahn in ihrem Roman eindrücklich aus. Sie stellt Fragen nach Schuld und Verantwortung und lässt sie realistisch unbeantwortbar. Zugleich zeigt sie aber auch an kleinen Beispielen die unüberbrückbaren Verständnisschwierigkeiten. So ist die Zweitnutzung einer Eisverpackung als Brotdose für Mia eine Erinnerung an die armen Verhältnisse der Mutter, für Peter hingegen umweltbewusstes Verhalten. Er, der mit Ragout fin aufgewachsen ist, legt keinen Wert auf Materielles, während Mia, deren Ragout fin aus Wurstgulasch bestand, von bescheidenem Wohlstand träumt.

Hahn schildert in ihrem Roman verschiedene Bewältigungsstrategien verschiedener Menschen. Jeder ihrer Protagonisten, die sie als Einzelpersonen mit jeweils unterschiedlichem Glücksanspruch charakterisiert, wird im Laufe der Geschichte einmal zur Hauptfigur. „Am schwarzen Berg“ zeigt vielschichtige Probleme und dies äußerst kurzweilig und bisweilen trotz der Thematik auch amüsant. Nicht zuletzt dann, wenn sich dieser Stuttgartroman in die Cafeterien bekannter Bibliotheken oder in die Zeltstädte der S21-Baumschützer wagt.

Eduard Mörike taucht nicht nur als romantisches Dichteridol von Emil Bub und dessen Zögling Peter auf. Er ist auch mit seinen Gedichten in diesem Roman gegenwärtig. Den Biographen Carl Fridolin Weinsteiger wird man vergeblich suchen, von Hermann Lenz lassen sich jedoch einige Werke finden, die sich auf Mörike beziehen.

Die größte Ehrerbietung an diesen Dichter der Romantik hat Hahn jedoch durch die Figur der Maria Mia Müller geschaffen. In Biographie und Erscheinungsbild ist sie ein Zitat der Maria Mayer, einer dunkelhaarigen Schönheit mit braunen Augen und einem Hang zum Stehlen, der Mörike in seiner Jugend verfallen war und die er in seinen Peregrina Gedichten verewigte.

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