Longlist-Kostproben 2016

Beziehungen, Bedrohungen, Selbsterkundungen

haendlerErnst-Wilhelm Händler konstatiert im Kurzporträt „Der Mensch ist ein in Geld eingewickeltes Stück Fleisch“. Ein schöne, wenn auch grausame Metapher, die jene Kälte vorwegnimmt, die in „München“ herrscht.

Im surrealen Ambiente eines neomodernen Architektenhauses folgen wir Thaddea, Ärztin für Psychosomatik, die im schicken Studio den ersten Klienten empfängt und daran scheitert. Er verkörpert mit seinem versehrten Gesicht genau die Leiden, deren Behandlung sie mit ihrer Spezialisierung meidet. Vielleicht will sie nicht an ihren eigenen Makel, das Humpeln, erinnert werden? Was offensichtlich wird, da ihre Freundin Kata, die Architektin ihres Stadthauses in Schwabing und des Greenhouse in Grünwald, viele Treppen einbauen ließ. Sprachlich überzeugt mich der Ausschnitt, aber ich habe keine Ahnung, wohin der Roman will. „Longlist-Kostproben 2016“ weiterlesen

Leseproben-Probelesen

Auch heute Hunde!

SU_Platzgumer_2.inddAls große Lebensbeichte wird Hans Platzgumers „Am Rand“ angekündigt. Schon der erste Satz führt uns zur kleinsten Form des Randzonengebiets, den Gipfel. Dort stehe, liege oder sitze schließlich jeder irgendwann einmal. Auf dem Gipfel liegen scheint mir allerdings nicht sonderlich bequem. Platzgumers Gipfel ist konkret, soviel ist klar. Er lässt seinen Erzähler dort sitzen und lässt ihm nur zehn Stunden für seinen Bericht. Ein Countdown, das klingt spannend. Dem Appetithäppchen folgt leider eine Auslassung, und der wiederum eine detaillierte Aufzeichnung vom Aufbruch eines Wanderers. Eine Rückkehr plant er nicht. Ordnung muss trotzdem sein, vielleicht betritt noch jemand seine Wohnung. Seine Leser fordert er ausdrücklich dazu auf. Der Aufmerksame merkt hingegen bald, daß dazu wohl kaum eine Chance besteht. Weltuntergangsstimmung verbreiten schon zweieinhalb des 208 Seiten fassenden Romans. Eine nicht geschwätzige Zivilisationflucht in die Berge. Mich erinnert es an die beeindruckende Dystopie Erwin Uhrmanns„Leseproben-Probelesen“ weiterlesen

Longlist-Lektüre: fortgesetzt

Vierpfotige Freunde

stadlerDie nächsten vier Romane sind haustierlastig. Allerdings macht die in vielerlei Hinsicht als Nummer eins zu betrachtende Stadler’sche Rauschzeit eine Ausnahme.

Denn richtige Tiere treten in der Textprobe nicht in Erscheinung, aber ein Professor Pfotenhauer und verwirrenderweise eine doppelte Portion Mausi. Die eine Mausi ist um die 40, weibliche Hauptfigur und Gefährtin von Alain, dem Ich-Erzähler. Das erste Kapitel gilt ihr, auch wenn sie nicht selbst zu Wort kommt. Diese Mausi hatte eine Tante Mausi. Das verwirrt ein wenig. Beide sind und waren Liebes und Glücks zugewandt, im Leben wie in der Oper.

Alain hingegen fühlt mit Jean Paul „Ich war immer zu spät glücklich, nie zur rechten Zeit“. Wenn er nicht gerade von Mausi getrennt ist, wie im Moment, er fuhr nach Köln, sie blieb in Berlin, haben sie ein komfortables Miteinanderleben, gesichert durch eine Binnentür, die ihre Wohnungen verbindet.

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Longlist-Leseproben

Bitte ein Buchpreisheft!

20160908_120701_resizedOh, hatte ich doch vor zwei Wochen noch frohlockt, daß es heuer viel einfacher sei an die Longlist-Leseproben zu kommen als dereinst. Pustekuchen! Dabei hatte ich mich präpariert und mit dem Link zur Lagerstätte bereits die richtige Buchhandlung in einer sehr nördlichen Stadt Deutschlands geortet. Auf der Fahrt dorthin vernahm ich die frohe Kunde, daß die Broschüren in einem Berliner Buchgeschäft bereit liegen. Also bin ich gleich samstags in die Fußgängerzone gestürmt, doch auf dem Holm gab es nicht nur keinen Genazino und keinen Käsebier, sondern auch kein einziges Longlistheft. Schlimmer, man wunderte sich dort, ob und daß es schon gedruckt wäre, versprach mir jedoch eines bei Abholung meiner Bestellung. Genaues Zuhören ergab, zu spät geordert und alle schon reserviert.

Skeptisch machte ich mich am folgenden Montag auf den Weg, der von der mitreisenden Mischpoke durch einen Abstecher in die nördlichste Filiale einer  „Longlist-Leseproben“ weiterlesen

Deutscher Buchpreis 2016 — Die Longlist

Bewährtes, Überraschendes und ein Bestseller

Logo_dbp_16_RGBImmerhin sieben Titel meiner Tipps tauchen auf der heute Morgen veröffentlichten offiziellen Longlist auf: „Drehtür” von Katja Lange-Müller, die bereits 2007 mit „Böse Schafe” auf der Shortlist stand.  Außerdem die Österreicherin Eva Schmidt mit  „Ein langes Jahr”, der Dante-Roman der Büchnerpreisträgerin Sibylle Lewitscharoff, Arnold Stadtlers „Rauschzeit” ‑auch dieser Autor ist ein häufiger dpb-Kandidat‑, Peter Stamms kunstvolle Meta-Eskapade „Weit über das Land”, und Anna Weidenholzer mit dem bizarren Titel „Weshalb die Herren Seesterne tragen”. Leider wurde die von mir favorisierte Anna Katharina Hahn nicht nominiert.

Während beim S. Fischer Verlag die sechs Listentitel von Händler, Kaiser-Mühlecker, Stadtler, Stamm und Steinaecker sicher die Korken zum Knallen bringen, wird man sich auch bei „Deutscher Buchpreis 2016 — Die Longlist“ weiterlesen

Buchpreiskandidaten 2016

Die Betonung liegt auf der Unabhängigkeit — 12 Jahre Deutscher Buchpreis

Logo_dbp_16_RGBIm zwölften Jahr des Deutschen Buchpreises wäre es müßig sich mit den Regularien dieser Auszeichnung aufzuhalten. Neu ist lediglich die Zusammensetzung der Jury, zu der auch im Jahr 2016 Literaturarbeiter aller Couleur zählen.

Thomas Andre, Lena Bopp, Berthold Franke, Susanne Jäggi, Christoph Schröder, Sabine Vogel und Najem Wali stellen aus 156 eingesandten Titeln eine Longlist zusammen, die sie am kommenden Dienstagmorgen um 10 Uhr präsentieren.

Wie die Buchpreis-Organisatoren nicht müde werden zu betonen, legen sie Wert auf Autarkie und versprechen „eine garantiert unabhängige und kompetente Preisträgerermittlung“. Dies sichert der jährliche Wechsel der Jury, die ihrerseits von einem nicht jährlich wechselnden Gremium, der Akademie, gewählt wird.

Ziel dieser Akademie und damit des Buchpreises ist in erster Linie ein „Buchpreiskandidaten 2016“ weiterlesen

Wenig Überraschung bei der Longlist des Deutschen Buchpreises 2015

Alte Bekannte und zwei Neuentdeckungen

Logo_dbp_15_CMYKDas aktuellste Thema der Longlist, welche die diesjährigen Buchpreis-Jury aus den knapp 200 Titeln zusammengestellt hat, behandelt Jenny Erpenbeck in ihrem Roman „Gehen, ging, gegangen“ (Knaus). Im Aufeinandertreffen von jungen Migranten und einem Professor in Kreuzberg zeigt sie einen möglichen Umgang mit Flüchtlingen.

Wie Erpenbeck sind auch die übrigen nominierten Namen wohlbekannt in der deutschen Literaturlandschaft. Es ist also kaum verwunderlich, daß ich in meiner kleinen Longlist-Lotterie einige Treffer verzeichnen kann. Die 5 aus 20 sind der in Heidelberg lebende Ralph Dutli, der in „Die Liebenden von Mantua“ (Wallstein) aus der Liebe „Wenig Überraschung bei der Longlist des Deutschen Buchpreises 2015“ weiterlesen

Deutscher Buchpreis 2015

Juroren, Blogger und eine Longlist

Als der Deutsche Buchpreis 2005 ins Leben gerufen wurde, war er zunächst im Buchhandel kaum bekannt. Eine Suche nach dem Leseprobenheft der Longlist geriet selbst in Universitätsstädten zu einer Jagd. In der virtuellen Welt war das Interesse größer. In den Foren von Buchticket und Die Leselust fand ich Gleichgesinnte, die über die Romane der Longlist diskutieren wollten.

Seitdem hat sich manches verändert. Das Leseprobenheft liegt in den Buchhandlungen bereit, oft neben den Stapeln der nominierten Romane. Die Diskussionen verlagerten sich von den Foren in die Blogs, seit 2013 wird dieser Preis sogar offiziell von Literaturbloggern begleitet. In diesem Jahr dürfen wir gespannt sein auf die Meinungen von Buchrevier,  Buzzaldrins Bücher, Kaffeehaussitzer, Klappentexterin, Lustauflesen,  masuko13 und Sätze&Schätze.

Gleich geblieben sind die Usancen der Preisvergabe. Verlage können aus den von Oktober des Vorjahres bis September publizierten deutschsprachigen Romanen maximal zwei Titel einreichen. Daraus wählt die siebenköpfige Jury zunächst eine Liste mit 20 Romanen, aus der die Shortlist mit sechs Titeln hervorgeht. Der Gewinner wird pünktlich zur Eröffnung der Frankfurter Buchmesse verkündet.

Die Zusammensetzung der Jury obliegt der Akademie Deutscher Buchpreis und ändert sich jährlich. Schon vor ein paar Jahren fragte ich mich, wann das Reservoir juryfähiger deutscher Literaturkritiker erschöpft sein werde. Zwar gibt es Literaturwissenschaftler, Lektoren, Übersetzer und nicht zuletzt Autoren, die für dieses Amt geeignet wären. Doch wer setzt sich schon gerne zwischen alle Stühle? Zumal sich auch von Autorenseite immer wieder Protest gegen diese Vermarktung der Kultur regt. So hat Ralf Rothmann bereits frühzeitig die Einreichung seines hochgelobten Romans Im Frühling sterben verhindert. Dadurch ist er konsequenter als kritische Schriftstellerkollegen wie Wilhelm Genazino oder Michael Ziegelwagner. Dieser rief im letzten Jahr gar zu einem Picknickprotest der Kandidaten auf.

Der Buchpreis wird wohl bleiben, der schriftstellerischen Schaffensfülle sei’s gedankt. Kreativ ist auch die Akademie, sie wählte in die diesjährige Jury neben den Literaturkritikern Claudia Kramatschek, Ulrike Sárkány, Christopher Schmitt und Bettina Schulte, die beiden Buchhändler Ursula Kloke und Rolf Keussen sowie den Musiker Markus Hinterhäuser.

Wie sie die diesjährige Longlist füllen, erfahren wir am 19. August. Knapp einen Monat später, am 11. September, werden die Shortlistkandidaten bekanntgegeben. Von diesen wird ein einziger am 12 .Oktober den mit 25000 dotierten Deutschen Buchpreis erringen. Die Übrigen werden mit einem pekuniären Trostpflaster und gemischten Gefühlen nach Hause gehen.

Damit die Zeit bis zur Longlist nicht zu lange wird, habe ich eine Mischung aus Lektüre, Vorliebe und Kalkül zusammengestellt, natürlich ohne alle Vorgaben einzuhalten.

 

Atalantes Longlist:

Anna Baar, Die Farbe des Granatapfels, Wallstein

Christine Bilkau, Die Glücklichen, Luchterhand

Nora Bossong, 36,9°, Hanser

Ralph Dutli, Die Liebenden von Mantua, Wallstein

Ludwig Fels, Die Hottentottenwerft, Jung&Jung

Valerie Fritsch, Winters Garten, Suhrkamp

Stefan Gärtner, Putins Weiber, Rowohlt

Dana Grigorcea, Das primäre Gefühl der Schuldlosigkeit, Dörlemann

Heinz Helle, Eigentlich müssten wir tanzen, Suhrkamp

Gila Lustiger, Die Schuld der anderen, Berlin Verlag

Matthias Nawrat, Die vielen Tode unseres Opas Jurek, Rowohlt

Karl-Heinz Ott, Die Auferstehung, Hanser

Angelika Overath, Sie dreht sich um, Luchterhand

Irene Ruttmann, Adèle, Zsolnay

Norbert Scheuer, Die Sprache der Vögel, C. H. Beck

Clemens J. Setz, Die Stunde zwischen Frau und Gitarre, Suhrkamp

Ruth Schweikert, Wie wir älter werden, S. Fischer

Philipp Tingler, Schöne Seelen, Kein&Aber

Anne Weber, Ahnen, S. Fischer

Feridun Zaimoglu, Siebentürmeviertel, Kiepenheuer&Witsch

 

Hier geht’s zur offiziellen Longlist.

Ein letzter Zipfel Monarchie

Michael Ziegelwagner sinniert in „Der aufblasbare Kaiser“ über den Moment

roBerlin_Ziegelwagner_128x209_LT.inddBücher fallen mitunter schon durch ihr Äußeres ins Auge. So verspricht der neue Roman Der aufblasbare Kaiser durch seinen Titel, das Porträt eines Dandys mit Pornobrille und das Foto des Autors mit Nickelbrille geballte Skurrilität. Als Österreicher, Satiriker und Mitglied der Titanic-Crew kommentiert Michael Ziegelwagner unsere „vollumfängliche Daseinsunsicherheit“. Unter dieser leidet, ähnlich den Figuren Wilhelm Genazinos, Ziegelwagners Protagonistin, die 26-jährige Vera Beacher. Sie notiert:

Annahme 1. Das Leben ist nichts wert, wenn es uns nicht gelingt hin und wieder einen Moment herauszulösen. 
Annahme 2. Was wir herauslösen, soll außergewöhnlich sein. 
Annahme 3. Unsere wichtigsten Erfahrungen sollten wir am Anfang unseres Lebens machen. Wir werden sie noch haben, wenn die meisten Menschen, die sie geteilt haben, weggestorben sind. Sie gehören uns dann exklusiv.
Annahme 3a. Darum sollte möglichst etwas Absterbendes in unser Leben gerettet werden, das uns möglichst früh exklusiv gehört.“ 

Auch diese Angestellte langweilt sich im Amt dem Ruhestand entgegen, unter Aufsicht ihres faden „Ein letzter Zipfel Monarchie“ weiterlesen

Deutscher Buchpreis 2014 — Die Longlist

Neues und Altbewährtes

Vorschlag_Böv_11Der Deutsche Buchpreis beruht auf Konstanten. Aus deutschsprachigen Romanen, die zwischen Oktober des Vorjahres und September erscheinen, wählt eine stets neue Jury 20 Titel für eine Longlist. Diese wird Mitte August bekannt gegeben und im September auf sechs Shortlistkandidaten eingedampft. Alle Autoren dieser Werke erhalten zwar zum Auftakt der Frankfurter Buchmesse im Kaisersaal des Römer ein Preisgeld, doch fiebert jeder der höchsten Auszeichnung entgegen. Für manchen Schriftsteller ist dies nichts Neues.

Auch auf der heute veröffentlichten Liste finden sich elf alte Buchpreishasen, die „Deutscher Buchpreis 2014 — Die Longlist“ weiterlesen