Spirit und Spirituosen

Leicht und eindrucksvoll erzählt Joachim Meyerhoff in „Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ vom Ankommen und Abschiednehmen

9783462048285Während der gesamten nächsten drei Jahre wohnte ich bei ihnen und die Zeit mit meinen Großeltern war vielleicht sogar intensiver und prägender für mich als die Ausbildung selbst. Drei Jahre lang sollten diese beiden komplett verschiedenen Welten meine Leben bestimmten.“

Bevor ich mit der Besprechung des Romans beginne, muss ich beim Autor Abbitte leisten. 2013 als der damals an der Wiener Burg engagierte Schauspieler beim Bachmann-Wettbewerb aus dem vorliegenden Roman las, hat mir dies ganz und gar nicht gefallen. Es lag zum einen an der Szene, die mir als pubertäre Ladendiebfarce erschien und die ich auch jetzt nach der Lektüre des kompletten Romans noch als schwach erachte. Doch noch viel mehr störte mich die Präsenz von Meyerhoffs Vortrag, der geradezu unanständig gut zwischen den Bemühungen seiner Mitbewerber hervorstach. Diese Professionalität hat für mich den Text stark überlagert. Ich war also nicht auf seiner Seite. Nie hätte ich gedacht, dass der Roman zu diesem Stück mich so beeindrucken würde.

Kennengelernt hatte ich den Autor bereits einige Jahre zuvor. Damals empfahl mir eine Freundin den ersten, 2011 erschienenen Roman „Amerika“. Da lag er und ich las und „Spirit und Spirituosen“ weiterlesen

Longlist-Kostproben 2016

Beziehungen, Bedrohungen, Selbsterkundungen

haendlerErnst-Wilhelm Händler konstatiert im Kurzporträt „Der Mensch ist ein in Geld eingewickeltes Stück Fleisch“. Ein schöne, wenn auch grausame Metapher, die jene Kälte vorwegnimmt, die in „München“ herrscht.

Im surrealen Ambiente eines neomodernen Architektenhauses folgen wir Thaddea, Ärztin für Psychosomatik, die im schicken Studio den ersten Klienten empfängt und daran scheitert. Er verkörpert mit seinem versehrten Gesicht genau die Leiden, deren Behandlung sie mit ihrer Spezialisierung meidet. Vielleicht will sie nicht an ihren eigenen Makel, das Humpeln, erinnert werden? Was offensichtlich wird, da ihre Freundin Kata, die Architektin ihres Stadthauses in Schwabing und des Greenhouse in Grünwald, viele Treppen einbauen ließ. Sprachlich überzeugt mich der Ausschnitt, aber ich habe keine Ahnung, wohin der Roman will. „Longlist-Kostproben 2016“ weiterlesen

Leseproben-Probelesen

Auch heute Hunde!

SU_Platzgumer_2.inddAls große Lebensbeichte wird Hans Platzgumers „Am Rand“ angekündigt. Schon der erste Satz führt uns zur kleinsten Form des Randzonengebiets, den Gipfel. Dort stehe, liege oder sitze schließlich jeder irgendwann einmal. Auf dem Gipfel liegen scheint mir allerdings nicht sonderlich bequem. Platzgumers Gipfel ist konkret, soviel ist klar. Er lässt seinen Erzähler dort sitzen und lässt ihm nur zehn Stunden für seinen Bericht. Ein Countdown, das klingt spannend. Dem Appetithäppchen folgt leider eine Auslassung, und der wiederum eine detaillierte Aufzeichnung vom Aufbruch eines Wanderers. Eine Rückkehr plant er nicht. Ordnung muss trotzdem sein, vielleicht betritt noch jemand seine Wohnung. Seine Leser fordert er ausdrücklich dazu auf. Der Aufmerksame merkt hingegen bald, daß dazu wohl kaum eine Chance besteht. Weltuntergangsstimmung verbreiten schon zweieinhalb des 208 Seiten fassenden Romans. Eine nicht geschwätzige Zivilisationflucht in die Berge. Mich erinnert es an die beeindruckende Dystopie Erwin Uhrmanns„Leseproben-Probelesen“ weiterlesen

Longlist-Lektüre: fortgesetzt

Vierpfotige Freunde

stadlerDie nächsten vier Romane sind haustierlastig. Allerdings macht die in vielerlei Hinsicht als Nummer eins zu betrachtende Stadler’sche Rauschzeit eine Ausnahme.

Denn richtige Tiere treten in der Textprobe nicht in Erscheinung, aber ein Professor Pfotenhauer und verwirrenderweise eine doppelte Portion Mausi. Die eine Mausi ist um die 40, weibliche Hauptfigur und Gefährtin von Alain, dem Ich-Erzähler. Das erste Kapitel gilt ihr, auch wenn sie nicht selbst zu Wort kommt. Diese Mausi hatte eine Tante Mausi. Das verwirrt ein wenig. Beide sind und waren Liebes und Glücks zugewandt, im Leben wie in der Oper.

Alain hingegen fühlt mit Jean Paul „Ich war immer zu spät glücklich, nie zur rechten Zeit“. Wenn er nicht gerade von Mausi getrennt ist, wie im Moment, er fuhr nach Köln, sie blieb in Berlin, haben sie ein komfortables Miteinanderleben, gesichert durch eine Binnentür, die ihre Wohnungen verbindet.

„Longlist-Lektüre: fortgesetzt“ weiterlesen

Deutscher Buchpreis 2016 — Die Longlist

Bewährtes, Überraschendes und ein Bestseller

Logo_dbp_16_RGBImmerhin sieben Titel meiner Tipps tauchen auf der heute Morgen veröffentlichten offiziellen Longlist auf: „Drehtür” von Katja Lange-Müller, die bereits 2007 mit „Böse Schafe” auf der Shortlist stand.  Außerdem die Österreicherin Eva Schmidt mit  „Ein langes Jahr”, der Dante-Roman der Büchnerpreisträgerin Sibylle Lewitscharoff, Arnold Stadtlers „Rauschzeit” ‑auch dieser Autor ist ein häufiger dpb-Kandidat‑, Peter Stamms kunstvolle Meta-Eskapade „Weit über das Land”, und Anna Weidenholzer mit dem bizarren Titel „Weshalb die Herren Seesterne tragen”. Leider wurde die von mir favorisierte Anna Katharina Hahn nicht nominiert.

Während beim S. Fischer Verlag die sechs Listentitel von Händler, Kaiser-Mühlecker, Stadtler, Stamm und Steinaecker sicher die Korken zum Knallen bringen, wird man sich auch bei „Deutscher Buchpreis 2016 — Die Longlist“ weiterlesen

Buchpreiskandidaten 2016

Die Betonung liegt auf der Unabhängigkeit — 12 Jahre Deutscher Buchpreis

Logo_dbp_16_RGBIm zwölften Jahr des Deutschen Buchpreises wäre es müßig sich mit den Regularien dieser Auszeichnung aufzuhalten. Neu ist lediglich die Zusammensetzung der Jury, zu der auch im Jahr 2016 Literaturarbeiter aller Couleur zählen.

Thomas Andre, Lena Bopp, Berthold Franke, Susanne Jäggi, Christoph Schröder, Sabine Vogel und Najem Wali stellen aus 156 eingesandten Titeln eine Longlist zusammen, die sie am kommenden Dienstagmorgen um 10 Uhr präsentieren.

Wie die Buchpreis-Organisatoren nicht müde werden zu betonen, legen sie Wert auf Autarkie und versprechen „eine garantiert unabhängige und kompetente Preisträgerermittlung“. Dies sichert der jährliche Wechsel der Jury, die ihrerseits von einem nicht jährlich wechselnden Gremium, der Akademie, gewählt wird.

Ziel dieser Akademie und damit des Buchpreises ist in erster Linie ein „Buchpreiskandidaten 2016“ weiterlesen