37. Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt – TDDL 2013 — Boehning, Meyerhoff, Kegele, Güntner, Mueller

Bachmann-Beschreibung, Teil 1

Pünkt­lich um 10:15 Uhr be­gann für mich der Bach­mann-Flow. Bis zur Preis­ver­lei­hung am Sonn­tag fei­ern wir drei­ein­halb Ta­ge die deutsch­spra­chi­ge Li­te­ra­tur in Kla­gen­furt. Viel­leicht zum letz­ten Mal mit Live­über­tra­gung, so droht der ORF. Wie das wer­den wür­de, konn­te man bei der letz­ten Ju­ry-Dis­kus­si­on des Nach­mit­tags er­ah­nen. Der Sen­der 3sat kapp­te die Über­tra­gung gna­den­los zum Ab­lauf der Sen­de­zeit, um uns ver­dutz­te Bach­mann­jün­ger nach Mont­mart­re zu schi­cken. Haupt­sa­che, das Pro­gramm wird ein­ge­hal­ten.

In den bis­he­ri­gen Jah­ren ha­be ich ver­sucht, Le­sun­gen und Dis­kus­sio­nen pro­to­kol­l­ar­tig wie­der zu ge­ben. Dies­mal ha­be ich an den re­gen Dis­kus­sio­nen bei Twit­ter teil­ge­nom­men, die Kon­zen­tra­ti­on auf das We­sent­li­che un­ter­lag folg­lich kon­text­ab­hän­gi­gen Schwan­kun­gen. Aus­sa­ge­kräf­ti­ge Tweets sol­len des­halb nicht un­er­wähnt blei­ben.

Auf dem Pro­gramm des ers­ten Le­se­vor­mit­tags stan­den La­ris­sa Boeh­ning auf Vor­schlag von Mei­ke Feß­mann, Joa­chim Mey­er­hoff, no­mi­niert von Hil­de­gard E. Kel­ler und Na­di­ne Ke­ge­le, die von Burk­hard Spin­nen nach Kla­gen­furt ein­ge­la­den wur­de.

Zur Ju­ry zäh­len au­ßer den be­reits ge­nann­ten Li­te­ra­tur­kri­ti­kern Da­nie­la Strigl, Paul Jandl und Hu­bert Win­kels. Der Schwei­zer Kunst­his­to­ri­ker Ju­ri Stei­ner, be­kannt aus dem Li­te­ra­tur­club des SF, ist neu in der Run­de, er nimmt den Platz von Co­rin­na Ca­duff ein.

La­ris­sa Boeh­ning prä­sen­tier­te sich im Vi­deo­por­trät. Sie folg­te ei­nem Schnitt­mus­ter, zu­nächst mit dem Räd­chen, dann kam die Ma­schi­ne zum Ein­satz. In de­ren oh­ren­be­täu­ben­den Lärm floss ein Ge­dan­ken­strom, ei­ne un­end­li­che To-Do und Be­reits-Ge­tan-Lis­te der jun­gen Mut­ter. Das klang nach Stress und hat auch Stress ver­ur­sacht. Ich bin im­mer noch nicht vom Sinn die­ser Film­chen über­zeugt.

Ihr Text, ein Aus­zug aus dem Ro­man „Zu­cker“,  geht schon zu Be­ginn an­deu­tungs­reich in die Vol­len. Ei­ne Kalbs­zun­ge, die wie ein Rie­sen­pe­nis aus­sieht, Blut­sup­pe und wei­te­re Le­cke­rei­en tischt die Prot­ago­nis­tin auf. Ei­ne al­tern­de Frau, die krank und al­lei­ne in ei­ner Art Mu­se­um für bay­ri­sche Wirts­haus­kul­tur in Ham­burgs ers­ter La­ge wohnt. Das Haus soll ver­kauft wer­den. Als Ver­mitt­ler macht sich ein ge­wis­ser Mat­thi­as an­hei­schig, dem Na­men nach ein Got­tes­ge­schenk, des­sen Ge­schäfts­ge­ba­ren Boeh­ning wie ein Ge­bet her­un­ter schnurrt. Er lässt sich mit al­lem füt­tern, was die Wit­we auf La­ger hat. Zwi­schen­durch frönt er bei Mc­Do­nalds der Völ­le­rei. Ein biss­chen viel für den mor­gend­li­chen Ma­gen der Zu­hö­re­rin.

Freud freut sich trotz­dem. Auf­recht­ste­hen­des wird ge­kocht, zer­hackt oder pü­riert. Ödi­pus kommt zum Zug. Al­les sehr pe­ne­trant und va­ria­ti­ons­reich. Mit sind das zu vie­le Vor- und An­deu­tun­gen. Schließ­lich en­det auch der Pe­nis kom­plett auf­ge­schnit­ten, im­mer­hin in Ka­pern.

Hu­bert Win­kels grün­de­te gleich zu Be­ginn den Ju­ry-Be­griff des Ta­ges „well ma­de“. Von den Au­to­ren-Be­grif­fen des Ta­ges wird noch zu spre­chen sein. Er fand den Stil prä­zi­se, klar und deut­lich, ei­ne gut ge­mach­te Sa­ti­re. Da­nie­la Strigl ver­wen­de­te die Cha­rak­te­ri­sie­rung „Erb­schlei­cher­kam­mer­spiel“. Es sei ei­ne ge­lun­ge­ne ödi­pa­le In­sze­nie­rung. Mei­ke Feß­mann lob­te die Dop­pel­bö­dig­keit des Tex­tes. Man wis­se nicht, wor­auf es hin­aus lau­fe. Der Ekel stell­te sich auch bei ihr ein, aber nicht der vor Milz­sup­pe und But­ter­creme­tor­ten. Sie sieht ihn im Sex zwi­schen ei­ner Frau und ei­nem zehn Jah­re jün­ge­ren Mann. Hil­de­gard Eli­sa­beth Kel­ler um­schrieb das Ge­hör­te mit dem sehr schö­nen Be­griff der „gas­tro­no­mi­schen Krebs­the­ra­pie“. Auch sie sah die Asym­me­trie zwi­schen An­ne­ma­rie und Mat­thi­as, aber die Per­so­nen tra­ten nicht zu ihr, wäh­rend Paul Jandl die­ses Paar als „Kleinst­fa­mi­lie des Grau­ens“ ti­tu­lier­te. Der Text sei sehr am­bi­va­lent, sei­ne Stär­ke sei die mo­ti­vi­sche Auf­la­dung, sei­ne Schwä­che, das Zu­viel an Er­klä­run­gen. Feß­mann merk­te an, es sei nicht ein­deu­tig, wer wen ma­ni­pu­lie­re. Ju­ri Stei­ner be­gann, wie ver­mu­tet, sehr vor­sich­tig. An „Ar­sen und Spit­zen­häub­chen“ er­in­ne­re ihn der Text, der auch als Kurz­ge­schich­te sei­ne Gel­tung ha­be. An­ne­ma­rie sei ei­ne He­xe und Mat­thi­as der Narr aus dem Nar­ren­schiff. Spin­nen emp­fand al­les schön und er­re­gend und sich selbst als Wa­ckel­da­ckel, da er jed­we­des Ar­gu­ment sei­ner Vor­red­ner be­nickt ha­be. Er be­schwor die Ab­grün­dig­keit der Kon­struk­ti­on, äu­ßer­te Be­den­ken be­züg­lich der Spra­che und kam schließ­lich auf die päd­ago­gi­sche Ader des Tex­tes zu spre­chen und schweif­te ab. Das Schluss­wort er­griff Jandl, dem „enorm klu­gen Text“ feh­le das Gas­tro-In­tes­ti­na­le.

Dem sind noch Tweets hin­zu zu fü­gen:

@DorisBrockmann : Haus­manns­kost und Kno­chen­krebs

@literaturcafe : Al­so ich sa­ge mal: Wir hö­ren ge­ra­de ei­nen Text, der kei­nen der Prei­se ge­win­nen wird.

@FrauZiefle : zu vie­le Schluss­sät­ze kön­nen schwer­wie­gen­de dra­ma­tur­gi­sche Kon­flik­te er­zeu­gen.

@HansHuett : Lei­der gibt der Vor­trag dem Kitsch zu viel Raum

Es ging wei­ter mit Joa­chim Mey­er­hoff. Ei­nem Kan­di­da­ten, über den ich mich nicht nur des­we­gen wun­de­re, weil ich be­reits ei­nes sei­ner Bü­cher ken­ne, son­dern vor al­lem, weil er als Best­sel­ler-Au­tor in Kla­gen­furt auf­taucht. Ich dach­te, der Bach­mann-Wett­be­werb sei ein Fo­rum für neue Au­to­ren, aber nun ja, war­um nicht. Im­mer­hin wird er als Burg­schau­spie­ler uns nicht mit ei­nem stüm­per­haf­ten Vor­trag quä­len. So hoff­te ich. Der Vor­trag war auch ganz und gar nicht schlecht, er war zu gut. Die Büh­nen­er­fah­rung mach­te sich be­merk­bar. Mit Si­cher­heit hät­te Mey­er­hoff den Text frei vor­tra­gen kön­nen, am bes­ten in frei­er Be­we­gung auf der Büh­ne. Dann wä­re es ein Poe­try-Slam, ei­ne Per­for­mance, ei­ne One-Man-Show ge­wor­den. So wirk­te das De­kla­mie­ren, das mir am An­fang sehr gut ge­fiel, zu­neh­mend laut und an­stren­gend, was mich auf Dau­er er­mü­de­te. Auch der In­halt wä­re gut für ei­nen Poe­try-Slam-Wett­be­werb ge­we­sen, beim Pu­bli­kum kam er sehr gut an. Der Ti­tel lau­tet an­ge­sichts des e-book-Dä­mons und der Bach­mann-Bla­ma­ge des ORF „Ich brau­che das Buch“. Die Bot­schaft kann kaum über­bo­ten wer­den.

Der Kan­di­dat von Hil­de­gard Eli­sa­beth Kel­ler zeig­te sich im Vi­deo­por­trät zwi­schen Vi­tri­nen voll aus­ge­stopf­ter Vie­cher im Na­tur­his­to­ri­schen Mu­se­um Wien. Das ge­fiel der Ata­l­an­te sehr gut, liegt ge­gen­über doch das Kunst­his­to­ri­sche Mu­se­um. Er er­klär­te das Schrei­ben zu sei­nem bio­gra­phi­schen Rück­halt, zum Wunsch sich ge­nau zu er­in­nern. Das auf Tem­po ge­schrie­be­ne Stück schil­dert die Er­leb­nis­se ei­nes 22-jäh­ri­gen Bü­cher­diebs.

Mei­ke Feß­mann lob­te die Pro­fes­sio­na­li­tät von Vor­trag und Text. Sie ver­glich Mey­er­hoff mit Ge­n­azi­no und Kaf­ka. Ihr Kol­le­ge Win­kels emp­fand den Text als un­ter­halt­sam und ge­ra­de­zu fil­misch. Al­ler­dings drif­te er ge­gen En­de in ei­ne Er­bau­ungs­ge­schich­te ab. Paul Jandl hör­te ei­ne über Jah­re wie­der­holt er­zähl­te und aus­ge­schmück­te An­ek­do­te, die phi­lo­so­phisch ali­men­tiert und mit Su­per­la­ti­ven auf­ge­la­den sei. Der ge­schil­der­te Wahn­sinn pas­se je­doch nicht zur re­la­tiv be­lang­lo­sen Tat des Bü­cher­klaus. Er se­he es eher als Ent­jung­fe­rungs­vor­gang in Sa­chen Bi­blio­phi­lie. Hil­de­gard Kel­ler er­klär­te dem Pu­bli­kum zu­nächst, was ein Fo­to­band sei, und dann, was der Prot­ago­nist wol­le: Sich im Le­ben be­schmut­zen. Die Ci­ce­ro-Sen­tenz ma­che die Ge­schich­te nicht er­bau­lich, hielt Strigl Jandl ent­ge­gen, son­dern sie stel­le sich ge­gen die Er­fah­rung der Fi­gur. Mey­er­hoff ha­be ein Schel­men­stück ge­schaf­fen, das sie nicht an Ex­pres­sio­nis­mus, son­dern an Co­mics er­in­ne­re, es de­mon­tie­re Grö­ßen­phan­ta­si­en. Sie stellt al­ler­dings in Fra­ge, ob das Schwarz­fahr­erleb­nis im Hin­blick auf die Er­zählöko­no­mie klug sei. Ins­ge­samt ha­be sie sich, trotz we­ni­ger ele­gan­ter Stel­len, amü­siert. Kel­ler ver­such­te die Not­wen­dig­keit der Schwarz­fah­rer­an­ek­do­te dar­zu­le­gen. Ju­ri Stei­ner hin­ge­gen hat­te den Text ganz schwarz, und nicht iro­nisch ge­le­sen. Er er­kann­te im Prot­ago­nis­ten die Hyä­ne im Schafs­pelz, de­ren In­stinkt er­wacht um ei­nen gro­ßen Se­xu­al­akt zu er­le­ben. Strigl be­stä­tig­te, daß sich zwar im „Buch un­ter der Gür­tel­li­nie“ ge­nü­gend Se­xua­li­tät zei­ge, aber sie glaub­te, daß Stei­ners Hyä­nen­in­ter­pre­ta­ti­on zu hoch ge­grif­fen sei. Spin­nen zoll­te dem Vor­trag Re­spekt, be­kann­te sich zum Neid und sah ei­ne Nä­he zu Kleist.

Erst­mals er­griff ein Au­tor nach der Ju­ry-Run­de das Wort, was ihm laut Re­gle­ment er­laubt ist. Mey­er­hoff wies die Ver­glei­che mit Kaf­ka und Kleist von sich. Er ha­be al­lei­ne den phy­si­schen Vor­gang be­schrei­ben wol­len, denn in der Phy­sis, in der Er­regt­heit gin­gen die Sin­ne auf.

Ein sol­ches Nach­wort wün­sche ich mir im­mer. Das wür­de den Op­fer­lamm-Sta­tus end­lich auf­he­ben.

Was sag­ten die Tweets?

@DorisBrockmann : Ich seh ei­ne Mi­schung aus Gründ­gens und Jan­nings, aber ge­fällt, der Herr Mey­er­hoff

@HansHuett : Thea­tra­lisch Hand­gas ge­ben bei Tri­va­li­tä­ten Mey­er­hoff

@literaturcafe : An­stren­gen­der atem­lo­ser Vor­trags­stil. Fast Fuß­ball­mo­de­ra­tor­ar­tig.

@zeilenkino : Die span­nen­de Fra­ge der nächs­ten Ta­ge: Ist Mey­er­hoff beim Pu­bli­kums­preis zu schla­gen?

@DorisBrockmann : An Kaf­ka und Ge­n­azi­no ha­be ich über­haupt nicht ge­dacht, eher an Mark Twain.

Als drit­te Au­to­rin des Vor­mit­tags las Na­di­ne Ke­ge­le. Zum Vi­deo­por­trait kann ich nichts sa­gen. Zum Text, ei­nem Ro­man­aus­zug mit dem Ti­tel „Scher­ben schlu­cken“ fin­de ich nur noch fol­gen­de No­ti­zen: No­ra, An­ton, Schwan­ger. Das muss rei­chen. Ei­ne Be­zie­hungs­ge­schich­te eben, mit ver­mu­te­tem Miss­brauchs­hin­ter­grund. Sie ist Kan­di­da­tin von Burk­hard Spin­nen.

Mei­ke Feß­mann frag­te, was der Text sol­le. Mit der Her­kunfts­ge­schich­te und der Schwan­ger­schaft der Prot­ago­nis­tin ha­be sie Mit­leid, aber er sei li­te­ra­risch nicht ge­glückt. Strigl at­tes­tier­te der Fi­gur No­ra den Zwang ih­rem Op­fer­sein zu ent­kom­men. Sie er­kann­te als Ein­zi­ge der Ju­ro­ren den Miss­brauch. (Die­se Sze­ne ist mei­ner Mei­nung nach ein­deu­tig, auch oh­ne den Vor­gang di­rekt zu be­schrei­ben.) Der Text ver­fü­ge in sei­ner epi­so­di­schen Er­zähl­wei­se über ei­ne in­ne­re Schwe­re. Da­nie­la Strigl kür­te den ers­ten Tag des Bach­mann­prei­se zum „Tag des Scham­haa­res“. Win­kels dank­te Strigl für die „Sinn­ge­bung des Sinn­lo­sen“, er per­sön­lich wis­se je­doch we­nig nach der Lek­tü­re des Tex­tes. Das Ge­heim­nis­vol­le des Tex­tes, so Jandl, wer­de von ver­un­klar­ten In­hal­ten und ge­such­ten Bil­dern ver­ur­sacht. Der Text han­de­le vom Un­glück, sei aber auch selbst in man­chem ver­un­glückt. Ju­ri Stei­ner ging ana­ly­tisch vor. Der Text ver­ei­ne Nar­ra­ti­on und As­so­zia­ti­on, sein Reiz lie­ge in der Spra­che nicht in der Sto­ry. Ein­ge­la­den wur­de Ke­ge­le von Spin­nen, der in sei­nen State­ment zu­gab, daß ihn die ers­ten Lek­tü­ren des Tex­tes ver­stört hät­te, er ha­be sich dann aber in den Text ver­liebt, wenn auch un­glück­lich. An ih­re Gren­zen stieß Kel­ler, ihr ge­lin­ge es nicht die Stü­cke des Tex­tes zu­sam­men zu set­zen. Wor­auf Strigl ve­he­ment ih­ren Vor­red­nern ent­ge­gen­hielt, sie fin­de ihn gar nicht so schwie­rig zu ver­ste­hen. Die Dis­kus­sio­nen en­det mit ei­ner Rat­lo­sig­keits­be­kun­dung, von der sich nur Strigl aus­schloß.

Die Tweets hin­ge­gen wa­ren nicht rat­los.

@DorisBrockmann : Für mich tönt das Gan­ze wie Frau­en­li­te­ra­tur der 80er Jah­re

@Zeilenkino : Ha­be den Text als Miss­brauchs­ge­schich­te und ei­ner trau­ma­ri­sier­ten Prot­ago­nis­tin ge­le­sen — „der Mann, der nicht der Va­ter war”.

@GregorKeuschnig : Er­in­nert mich an die Be­lang­lo­sig­keits­pro­sa der Bub­b­le-Tee-Ver­käu­fe­rin von letz­tem Jahr.

@HansHuett : Au Ba­cke, die Kin­der­lo­sig­keit der Ge­gen­wart. Wir ster­ben aus. Spin­nen.

Mit­tags­pau­se, die Ge­rich­te der Wahl: Kalbs­zun­ge und But­ter­creme­tor­te.

Der Nach­mit­tag be­gann mit der Le­sung von Ve­re­na Günt­ner. Nein, mit dem Vi­deo­por­trät. Gün­ter springt ins nas­se Was­ser, be­klei­det. Al­le Ach­tung! Es folg­te „Es brin­gen“, ein Aus­zug aus ei­nem Ro­man und ein gu­ter Text in schö­ner Spra­che, gut vor­ge­tra­gen von ei­ner hüb­schen Frau, die Burk­hard Spin­nen als Kan­di­da­tin vor­ge­schla­gen hat. Aber, lei­der ist das The­ma nichts für mich, Pu­ber­tät ei­nes 16-Jäh­ri­gen der ge­le­gent­lich auf sein Le­ben als 12-Jäh­ri­ger zu­rück­blickt. Das in­ter­es­siert mich bis­wei­len, aber meist nicht. Lou­is lebt bei sei­ner al­lein er­zie­hen­den Mut­ter, ist von de­ren Lo­ver ge­nervt, ent­wi­ckelt ei­nen Kon­troll­zwang, steht kurz vor dem Rit­zen. Ich ver­mu­te, es steckt wie­der ein Miss­brauch da­hin­ter, aber das deckt der Aus­schnitt nicht auf.

Hu­bert Win­kels sprach von gut ge­trof­fe­ner Rol­len­pro­sa, vom in­ne­ren Ado­les­zens­kon­flikt der klas­si­schen Art. Er ver­nahm ei­nen pseu­do­ver­wahr­los­ten Ton. Kel­lers Mi­kro­fon spiel­te nicht mit, was ih­rer Mei­nung nach kei­ne Rol­le spie­le. Feß­mann ge­fiel ne­ben dem schö­nen Ton der schö­ne Stil und die Dar­stel­lung der Mut­ter als läs­si­ge Per­son. Stei­ner fühl­te sich an „Der Fän­ger im Rog­gen“ er­in­nert und emp­fand Günt­ners Stim­me sehr au­then­tisch für ei­nen 16-Jäh­ri­gen vor dem Stimm­bruch. Dies sei ein Ver­such, die Welt zu er­kun­den, so Strigl. Jandl be­schrieb den Text als Dar­stel­lung des Punk­tes zwi­schen Kind­heit und Er­wach­sen­sein. Spin­nen re­kru­tier­te auf „well ma­de“, auch wenn er der­ar­ti­ges schon hun­dert Mal ge­le­sen ha­be. Der Ton­fall sei zu süf­fig, aber okay. Aber wo fah­ren wir hin, mit die­sem Text, frag­te er sich. „Da geht’s durch die Welt“, lau­te­te Jandls Re­plik. Kel­ler sah das gro­ße Gan­ze und er­in­ner­te an die Be­deu­tung des Hand­werk­li­chen in der Mensch­heits­ge­schich­te der Kunst. Ei­ne Ant­wort auf Spin­nens well­ma­de-Ein­wand. Als Ein­zi­ge sprach sie die Kon­troll­sucht des Jun­gen an. Strigl er­in­ner­te an die „Er­lö­sung in den feucht­war­men Fett­wuls­ten des ro­sa Mäd­chens“. Feß­mann be­ton­te, es sei al­les gut ge­macht, aber die in­ne­re Stim­me der Au­to­rin ha­be sie nicht ge­hört. Wie auch, frag­te Jandl, es sei Rol­len­pro­sa.

Gro­ße Be­geis­te­rung bei den Ju­ro­ren. Ein Bach­mann­preis­text? Ich weiß nicht, an­de­rer­seits ist es ein Ro­man, der wahr­schein­lich noch viel mehr bie­ten kann.

Get­wit­tert:

@Zeilenkino : Gu­ter Text, gut vor­ge­le­sen, fühl­te mich aber zu sehr an Hern­dorf, Woodrell und an­de­re er­in­nert.

@literaturcafe : Aus den Stim­men der Ju­ry hö­re ich leich­te Bach­mann­preis­re­so­nan­zen her­aus. Kann mich aber auch ver­hö­ren.

@quadererer : Für ei­nen fän­ger im rog­gen ver­gleich schei­nen ado­les­zen­te er­zäh­ler zu rei­chen.

Den Ab­schluss bil­de­te Anousch Mu­el­ler, Twit­ter­kö­ni­gin und Kan­di­da­tin von Mei­ke Feß­mann. Sie schil­dert in ih­rem Text „Fal­un­rot“ ei­ne Post­psych­ia­trie­pa­ti­en­tin mit Her­pes oder noch schlim­mer Wund­ro­se in Skan­di­na­vi­en. Und als wä­ren es der Schre­cken noch nicht ge­nug, plant und plagt sie das En­de ih­rer Be­zie­hung. Für mich ein kli­schee­haft und kit­schi­ger Text, von dem ich nicht mehr le­sen möch­te.

Die Ju­ry-Dis­kus­si­on be­gann hol­pernd. Win­kels woll­te nicht, da er kei­nen gu­ten Weg hin­ein for­mu­lie­ren kön­ne. Ihm war die Ge­schich­te zu ein­fach ge­strickt, die weib­li­che Op­fer­po­si­ti­on sei eben­so klar wie der Hass ge­gen den Mann. Jandl frag­te, ob die Krank­hei­ten me­ta­pho­risch oder me­di­zi­nisch ge­meint sei­en in die­ser Tren­nungs­ge­schich­te aus ganz üb­li­chen Grün­den. Feß­mann schritt ein und klär­te auf. Die Prot­ago­nis­tin lei­de un­ter pa­tho­lo­gi­scher Pa­nik. Sie sei die Un­ter­le­ge­ne, wäh­rend der Mann äl­ter und ar­ri­vier­ter, aber nicht von vor­ne her­ein ver­ur­teilt sei. Ihr im­po­nie­re, daß die Ich-Er­zäh­le­rin in er­leb­ter Re­de er­zäh­le, und auch für den Mann den Ori­gi­nal­ton tref­fe. „Mann, Mann, Mann, jetzt iss doch erst mal was.“ Ihr ge­fiel auch der gro­ße Hu­mor. Spin­nen ver­stand nicht, wie­so ei­ner Frau, der es sehr schlecht ge­he, die­ser sou­ve­rä­ne Ton ge­lin­ge. Er zwei­fel­te an der Au­then­ti­zi­tät. Feß­mann räum­te ein, daß man­che Vo­ka­beln poe­tisch über­tourt sei­en. Kel­ler gab sich ver­ständ­nis­voll, ei­ne Tren­nung kön­ne schwer sein, sie be­merk­te ei­nen ho­hen, aber kei­nen sou­ve­rä­nen Ton. Da­zu fän­den sich zu vie­le fehl­ge­schla­ge­ne Ver­su­che poe­ti­scher Be­schrei­bun­gen. Jandl kon­sta­tier­te sprach­li­che Män­gel.

Da die Über­tra­gung ab­brach, kann ich im fol­gen­den nur aus Twit­ter zi­tie­ren. Strigl frag­te sich, war­um die Prot­ago­nis­tin mit nach Schwe­den fah­re, wenn es in Nor­we­gen schon schlimm war, und Stei­ner sah sich au­ßer­stan­de zu be­ur­tei­len, wie ge­lun­gen der Text sei.

Mei­ne Twit­ter­aus­le­se er­gab:

@DorisBrockmann : Gott war noch ganz jung.

@HansHuett : Ich fin­de die Spra­che er­staun­lich abs­trakt, wie ei­nen Wi­der­stand, die kör­per­li­chen Zu­stän­de tat­säch­lich zur Spra­che zu brin­gen

@HansHuett : tech­nisch der schlech­tes­te Text, wirkt wie über­haupt nicht lek­to­riert ‪#tddl Kein Wun­der, dass Frau Feß­mann sie ein­ge­la­den hat.

@literaturner : …ich kann Leo ja verstehen.…mir sind auch zu vie­le Weh­weh­chen im Text…

@FrauZiefle : Ehr­li­cher­wei­se mag ich Leo doch um ei­ni­ges mehr. Auch wenn ich die Psy­cho­lo­gie der Beziehung/Geschichte nicht ver­ste­he.

@HansHuett : Der Hu­mor Frau Feß­manns ist mir böh­mi­sches Dorf. Kann sie la­chen? WORÜBER?

@bangpowwww : „Der Text ist klü­ger als die Au­to­rin” ist mit Ab­stand das Dümms­te was ich in letz­ter Zeit ge­hört ha­be.

@literaturcafe : Strigl: »War­um fährt die mit ihm nach Schwe­den, wo es in Nor­we­gen schon so schreck­lich war.«

@literaturcafe : Stei­ner: »Wie ge­lun­gen das ist, kann ich nicht be­ur­tei­len.« Hä? Ist der nicht des­halb hier?

Die voll­stän­di­ge Tweet­lis­te fin­det sich beim Li­te­ra­tur­ca­fe.

Be­b­loggt wird der Be­werb von je­de­wo­cheeinLi­te­ra­tur­ge­flüs­ter, li­te­ra­tur­und­feuil­le­tonsam­mel­map­pe, The Dai­ly Frown, Thomass71walk-the-li­nes und zei­len­ki­no.

Tex­te und In­fos wie im­mer auf der Sei­te Bach­mann­preis.

Bit­te hin­ter­lasst ei­nen Kom­men­tar, wenn ich je­man­den ver­ges­sen ha­be.

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3 Responses to 37. Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt – TDDL 2013 — Boehning, Meyerhoff, Kegele, Güntner, Mueller

  1. Ei­ne sehr schö­ne Idee, die Tweets ein­zu­bin­den. Und das sa­ge ich nicht nur, weil ich er­wähnt wer­de. 😉

    Der Ab­bruch von 3sat hat mich ges­tern auch sehr ge­är­gert, das wür­den sie we­der bei ei­ner Fuß­ball­über­tra­gung noch ir­gend­wel­cher „Un­ter­hal­tungs­shows” ma­chen. Glück­li­cher­wei­se hat­te ich das Note­book eh vor mir ste­hen, so dass ich schnell auf den Live­stream aus­wei­chen konn­te.

  2. Georg sagt:

    Pro­jekt In­ge­borg http://pingeb.org
    Wir ver­tei­len die Tex­te in Zu­sam­men­ar­beit mit dem ORF auch im öf­fent­li­chen Raum. Wür­de mich freu­en, wenn ich Li­te­ra­tur-Blog­gern vor Ort un­ser Sys­tem vor­stel­len kann. Ist Non-Pro­fit und oh­ne je­de Kul­tur­sub­ven­ti­on. Die Soft­ware zum Nach­ma­chen (Wor­d­Press-Plug­in) ist oben­drein Open­Sour­ce.

    Bin abends im Lend­ha­fen @georgholzer auf Twit­ter.

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